• Ich bin noch nicht wirklich alt, aber älter als vor zehn Jahren. (Logisch.) Vielleicht liegt es daran, dass man irgendwann gelassener, entspannter wird – auch bei Operninszenierungen. „Don Giovanni“, die „Oper aller Opern“ (E.T.A Hoffmann) hatte bei mir in den letzten Jahren allerdings mehrfach für Enttäuschung gesorgt – die Mannheimer Produktion war so ambitioniert wie infantil, die Heidelberger wiederum einfach nur so unfassbar scheiße, dass ich bereit war, meine generelle Ablehnung von Berufsverboten zu überdenken.


    In Karlsruhe hatte man eine Produktion aus dem Jahre 2006 im Repertoire, um sie jetzt also jetzt, dem Fest der Liebe, zu Weihnachten durch Floris Visser ersetzen zu lassen. Was soll man sagen? Fangen wir mit dem Positiven an: wer die Oper nicht kennt, wird keinerlei Probleme haben, ihr zu folgen, die Personenregie ist im Großen und Ganzen plausibel und präzise. (Das liest sich als banale Selbstverständlichkeit, war an diesem Haus aber weiß Gott nicht immer erwartbar). Durch den gelungenen Einsatz der Drehbühne werden die Räume des Hotels immer wieder gewechselt und gleichzeitig verkleinert – die Handlung verliert sich also nie im allzugroßen Raum. So weit, so gut.


    Kleinere und mittelgroße Kritikpunkte sind aber dennoch vorzubringen – und damit meine ich nicht einmal das Setting, das die Ständeunterschiede der hier nahezu nivellierten Hotelgesellschaft (also auch Zerlina und Masetto) unter den Teppich kehrt. Nein, auch nicht, dass dieses Setting nichts wirklich Neues ist (Keith Warner oder Sven-Erich Bechtolf haben das in Wien oder Salzburg auch schon gemacht – da aber weit amüsanter beziehungsweise politischer). Visser zeigt gleich schon zur Ouvertüre einen sich geißelnden, koksenden Giovanni, der nach dem Tod des immer wieder auftauchenden Komturs immer mehr von Wahnvorstellungen geplagt wird und sich dann die Kugel gibt. Ein – gar vor sich selbst – einknickender Don Giovanni? Das erscheint mir wenig plausibel, auch da weder Musik noch Libretto hierzu Anhaltspunkte geben. Dass die sprechende Statue (hier: aufgebahrte Leiche) eine Intrige der Opfer ist – Masetto singt ihn mit Megaphon – wirkt angesichts seiner begrenzten kognitiven Fähigkeiten ebenfalls wenig überzeugend. Schade ist auch, dass Visser ganz große Momente des Humors verschenkt oder ignoriert. Als partes pro toto seien die Registerarie und die Szene direkt vor der Serenade im zweiten Akt genannt:


    Hier muss ein Leporello eigentlich alle Register ziehen – hier kann er es nicht, weil er den zweiten Teil der Arie alleine auf dem Bett liegend singt, während Elvira – mehr pikiert als entsetzt – das Weite gesucht hat und im Hotelzimmer direkt nebenan ebenfalls im Bett ihrer Trauer nachgeht. Alle Frivolität, alles Anzügliche ist hier wie ausradiert. Vor dem „deh, vieni“ müsste Elvira eigentlich von ihrem Balkon den als Don Giovanni verkleideten Leporello in ihr Gemach hochholen – aber auch hier wird diese grausam-humoristische Pointe verschenkt, denn Giovanni singt einfach an die Wand zu Elviras Zimmer angelehnt, Leporello spielt keine Rolle.


    Und somit erhalten die Charaktere je nach Besetzung eine ganz unterschiedliche Bedeutung – unterm Strich hat mich die B-Premiere (20.12.) mehr überzeugt als die eigentliche A-Premiere (14.12.):


    Kontantin Gorny (A) ist ein verlebter,etwas behäbiger Bass-Giovanni (nein, Frau von Sternburg, kein Bariton), der aber eine gefährliche Erotik ausstrahlt. Ganz im Gegensatz zum deutlich jüngeren, schlanken Bariton des Armin Kolarczyk (B), der raubtierkatzenhaft die Frauen attackiert. Wo Gorny auf der verzweifelten Suche nach dem letzten thrill nichts mehr heilig ist und eigentlich sein Ende herbeisehnt (Emilia Marty lässt grüßen), ist Kolarczyk (Bayreuth-Besucher kennen ihn als Kothner der Kosky-“Meistersinger) der verwöhnte Bullingdon-Schnösel, dessen sexuelle Übergriffigkeit in reinster „ich kann es mir leisten“-Attitüde verwurzelt ist. Kolarczyk kommt allerdings mit der wieselflinken Champagner-Arie besser zurecht als Gorny.


    Nicholas Brownlee (A) hat sich am Haus längt zum Liebling gemausert, sein jugendliches Äußeres und seine virile Tongebung lassen Bassbariton als echten Gegensatz zu Gornys Giovanni wirken. Renatus Meszar (B) wirkt da gesetzter, bräsiger, bärbeißiger – und hat aber mehr komisches Gespür.


    Ina Schlingensiepen sang an beiden Abenden die Donna Anna – der Sopran der Kammersängerin hat mittlerweile doch einige Schärfen, aber immer noch die Fähigkeit zu einigen schönen Verzierungen, insbesondere in ihrer ersten Arie. (Große Sängerinnen an großen Häusern bieten da oft weniger).


    Cameron Becker (A) und Eleazar Rodriguez (B) bieten beide schöne Darbietungen der ersten Ottavio-Arie, beim „il mio tesoro“ liegt Rodriguez aber deutlich vor Becker, dem mehrfach der ganz lange Atem fehlt – im Gegensatz zum Donizetti-gestählten Mexikaner.


    In der Regel präferiere ich für die Donna Elvira einen Mezzo wie in der Premiere – Jennifer Feinstein (A) war eine furiose Rachesuchende. Und dennoch hat mich Barbara Dobrzanska (B), Haus- und Hofsopran im späten Verdi- und Puccini-Fach und vor fünf Jahren noch als Donna Anna gesetzt, mehr berührt. Das liegt wohl daran, dass Dobrzanska ihre Donna Elvira ganz anders anlegt als Feinstein – sie ist weit weniger auf Vergeltung als auf Versöhnung(ssex) aus. So ergibt die hier zu sehende scena ultima auch weit mehr Sinnn, als sie vor dem toten Don Giovanni trauert und Masetto mit dem selben Revolver bedroht......


    Die Unterschiede zwischen dem etwas kräftigeren Masetto von Yang Xu (A) oder dem von Baris Yazus (B) oder dem voluminöseren, aber wiederum pauschalen Komtur des Vazgen Gazaryanund dem etwas schlanken Klang und „zittrigen“ Timbre von Nathanel Tavernier fallen nicht wirklich ins Gewicht. Weit mehr hingegen die Zerlina – die in der Premiere vom federleichten Koloratursopran (Sophia Theodorides), in der B-Premiere hingen deutlich schwereren Mezzo der Dilara Bastar gesungen wurde. Auch hier hat mich die B-Besetzung insgesamt mehr angesprochen, weil ich ganz persönlich eine allzu flatterhaft-leichtgewichtige Zerlina erst recht nicht ausstehen kann. (Auch sonst nervt mich diese Partie immer ein wenig.)


    Johannes Willig am Pult dirigierte an beiden Abenden solide, ohne wirklich Eindruck zu machen. Gerade Gorny oder Dobrzanska hätten dann und wann vielleicht etwas langsamere Tempi benötigt, die Rezitative in jedem Fall wiederum mehr Tempo und Pfeffer. An beiden Abenden gab es ein, zwei Momente, wo einzelne Instrumentengruppen dem Dirigenten vorauseilten. Man merkt dem Haus die fehlende musikalische Führung allmählich an.