"Don Carlo", WA 2019

  • Eine sehr schöne Vorstellung war am 22.12. zu erleben. Sofern man sich nicht durch die wahrhaft prachtvollen Kostüme ablenken lässt, sind in David McVicars Inszenierung ein paar Fixpunkte erkennbar, die sich seit der Premiere (2007) tatsächlich erhalten haben und um die herum die jeweiligen Sänger ihre Rollenauffassung bestens entfalten können.
    In der Titelrolle ist Alfred Kim zurück und hat mir sehr gut gefallen. Die Stimme ist zwar immer noch nicht wirklich schön, aber nach wie vor absolut höhensicher und ausdrucksstark. Auch darstellerisch hat er diese Rolle beeindruckend weiterentwickelt. Dieser Carlo ist mal (fast) auf Augenhöhe mit seinem Vater.
    Seine Kurzzeitverlobte und spätere Stiefmutter Elisabeth ist Tamara Wilson; sie singt mit klarer und ungemein nuancenreicher Stimme und überzeugt als spontanverliebtes junges Mädchen ebenso wie als würdevoll leidende Königin – eine großartige Leistung. Namentlich die Szenen „Io vengo a domandar grazia alla mia regina“ und „Giustizia! Giustizia! Sire!“ waren – nun ja – große Oper.
    Den düsteren König Philipp gibt erneut Andreas Bauer Kanabas; das ist eine Bass-Sternstunde! Er verleiht dieser Figur alle nur erdenklichen Facetten und bringt sie darstellerisch schlüssig und ungemein schönstimmig auf die Bühne. Nicht nur das „Ella giammai m'amò“ kann kaum besser ausfallen.
    Als der Marquis von Posa auftrat, war ich kurzfristig verwirrt: ich hatte Audun Iversen optisch wie auch stimmlich anders in Erinnerung. Kein Wunder: die Rolle war bereits von Bogdan Baciu übernommen worden – wer lesen kann, ist eben doch im Vorteil... Ich muss gestehen, dass mich zu Beginn ein gewisser Mangel an Italianità störte; die Stimme klang seltsam schwer für einen so jungen Sänger. Aber der Eindruck verflog schnell, und zutage trat einer der besten Posas, an die ich mich erinnere... vor allem einer der jugendlichsten.
    Ein weiterer Gast ist Carmen Topciu in der Rolle der Prinzessin Eboli – noch eine stimmliche Entdeckung an diesem Abend. Sie gab die intrigante Prinzessin mit wunderschön rundem Mezzo und großer Spielfreude. Erfreulicherweise ist laut Homepage der frankfurter Oper ihre Rückkehr bereits geplant.
    Nina Tarandek ist Tebaldo – ein zierliches Äffchen von einem Pagen, der sich durch die Partie zwitschert.
    Als Großinquisitor sprang am 22. Anthony Robin Schneider (für Magnùs Baldvinsson) ein und brachte im Verein mit Andreas Bauer Kanabas ein wahrhaft furchteinflößendes Duett zweier böser alter Männer auf die Bühne.
    Diese Umbesetzung hatte zur Folge, dass der Mönch statt von A.R. Schneider von Pilgoo Kang aus den Opernstudio gesungen wurde. Der junge Mann verfügt zweifelsohne über eine schöne Bassstimme, der es aber (noch) an Durchschlagkraft fehlt. (Aber dafür sind Opernstudios ja da...)
    Die Stimme von oben (Florina Ilie) macht neugierig auf ihren nächsten, ungleich größeren Auftritt als Gilda.
    Geleitet wurde das Ganze sängerfreundlich und klanglich schön ausbalanciert von Stefan Soltesz.