Andrea Chenier DOB

  • Die DOB schien fast ausverkauft zu sein bei der Vorstellung am 11. Januar 2020 von "Andrea Chenier". Erfreulicherweise war es ein sehr diszipliniertes Publikum: Wenig Huster und Nieser, kein Handyklingeln und auch kein Bonbonpapierrascheln.

    Die Inszenierung ist kein großer Wurf, zumindest meinem Empfinden nach. Im 1. Bild sind die Kostüme furchtbar "bonbonfarben" und völlig übertrieben. Das Dekante des Adels und die Arroganz dem Volk gegenüber ist mir persönlich zu sehr überzogen und schon so plakativ, daß einen die Diskrepanz zwischen Adel und Proletariat kaum berührt. Die feine Gesellschaft befand sich relativ weit hinten im Bühnenraum auf einer rechteckigen Plattform, die Stimmen kamen nicht immer gut rüber, auch weil das Orchester unter der Leitung von Roberto Rizzi Brignoli teilweise zu laut war. Andererseits: Schön zu merken, daß hier nicht mit Microport gearbeitet wird.

    Die Story kennt jeder, dazu will ich nichts schreiben.

    Es gab in den drei Hauptpartien keine Umbesetzung: Anja Harteros, Martin Mühle und Roman Burdenko . Harteros hat natürlich alle Facetten, von feinstem Piano bis hin zum Forte, von der Tiefe zur Höhe, und sie wußte auch vom Spiel her zu berühren. Im ersten Teil der Oper baut sich leider wenig wenig Mitgefühl mit ihrer Maddalena di Coigny und Andrea Chenier auf, das ineinander verlieben geht recht schnell - Verdi hat sich für die Tragik solcher Paare mehr Zeit gelassen... Martin Mühle sang den Chenier durchweg erstklassig. Es gab keinen Ton, der danebenging, die Höhen war stabil und strahlend und es war eine Freude ihm zuzuhören, natürlich vor allem in seinen beiden Arien.

    Roman Burdenko als Carlo Gérard hat zu Beginn des 3. Bildes seine große Arie. Das Haus tobte danach! Da entstand ein ungeheures Mitgefühl mit ihm und seiner aussichtlosen Liebe. Ein Bariton, der mit großartiger Stimmführung begeistert, mit Leidschaft in der Stimme und perfekt genommenen Höhen,

    Das 3. und 4. Bild waren genaugenommen das, was man große Oper nennt. Man kann auch sagen es war eine kleine Sternstunde, diese drei Sänger zu hören. (Auf Mühles Hermann bin ich schon jetzt gespannt.)

    Unbedingt erwähnenswert ist der kleine Auftritt von Ronnita Miller als Madelon. Miller hat einen satten, volltönenden Alt und eine perfekte Technik, allein auf Grund ihrer Erscheinung bleibt sie einem Erinnerung. Wie Madelon, selbst sterbenskrank, den Jungen an die Revolutionäre weitergab, ihn zweimal an sich drückte, das war sehr ergreifend! Miller ist übrigens immer eine "sichere" Bank und kommt äußerst sympathisch rüber.

    In der gesamten Besetzung gab es keinen einzigen "Knackpunkt", es wurde durchweg auf hohem Niveau gesungen. Stellvertretend für alle Solisten möchte ich Burkhard Ulrich nennen, der den Incroyable mit dem ihm eigenen Charaktertenor sang.

    Alles in allem ein Abend, der zu Beifallsstürmen hinriß und in Erinnerung bleiben wird.

    Und alles, was ich hier vergessen habe, wird demnächst hoffentlich Kapellmeister Storch ergänzen.:)

  • Die Inszenierung ist von John Dew?

    Von ihm habe ich noch eine großartige Inszenierung von "Faust" in Erinnerung, auch an der DOB. Ist aber schon ein paar Jährchen her;-)

    Ja John Dew, der faust war eindeutig die bessere Inszenierung, ist aber leider schon vor Jahren von der "neuen" Intendanz durch eine Übernahme aus Basel ersetzt worden.

  • Und alles, was ich hier vergessen habe, wird demnächst hoffentlich Kapellmeister Storch ergänzen.:)

    Zunächst einmal etwas zum Thread: es gibt bereits einen Chéner-Thread, in dem mehrere Serien zu finden sind (Seite 5). Es wäre schön, wenn dieser Thread dort angehängt werden könnte, damit es nicht zu unübersichtlich wird.


    Zur Aufführung: obwohl die Vorstellung insgesamt auf einem hohem Niveau war, fand ich die Serie Ende 2018 stärker. Die Unterschiede liegen in erster Linie bei der Maddalena und beim Dirigenten. Obwohl Anja Harteros sicher die bessere Sängerin ist und ohnehin zu meinen Lieblingen gehört, hat Siri mehr Dramatik und Leidenschaft transportiert. Harteros hat sehr verhalten begonnen und wirkte in der Höhe nicht frisch. Im zweiten Teil hat sie allerdings aus der Rolle ein wahres Kunstwerk gemacht. Sie hat sehr anrührend und mädchenhaft gesungen. Roberto Rizzi Brignoli hat zwar insgesamt ein gutes Dirigat abgeliefert, mir persönlich war das allerdings stellenweise zu breit. Davon haben ein paar Stellen profitiert, aber ich hätte mir mehr Drang nach vorne gewünscht. Martin Muehle hat wieder mit offenem Visier alles gegeben. Um Töne musste man sich keine Sorgen machen, ganz sauber war das freilich nicht immer. Egal, er ist ein hervorragender Live-Tenor, der die Leidenschaft transportiert, die Oper ausmacht, noch dazu mit einer schönen Stimme. Roman Burdenko fand ich nicht so herausragend wie in der letzten Serie. Keine Frage, er ist ein guter, interessanter Bariton mit einer Stimme, die in allen Lagen gut anspricht, aber irgendwie klang die Stimme nicht so frisch wie damals. Aufgefallen ist mir noch Pedraic Rowan als Roucher.

  • Sieben Fragen an ... Anja Harteros

    Anja Harteros singt in ANDREA CHENIER die junge Adlige Maddalena di Coigny, die sich in einen Revolutionär verliebt – und mit ihm in den Tod geht. Hier erzählt die Sopranistin von der Opferrolle der Frau – und von Maddalenas Facetten und Traumata

    https://www.deutscheoperberlin…E/fragen-an-anja-harteros


    Karten für Andrea Chenier gibt es noch genug

    https://deutscheoperberlin.eve…cket/seatmap?eventId=7783

  • Nach der letzten Vorstellung der Serie hier noch mal ein paar Eindrücke: Anja Harteros startete wirklich sehr zögerlich, brachte dann aber im zweiten Teil eine Leistung (besonders im Zusammenwirken mit Mühle), die Gänsehautfeeling hervorbrachte. Ich mag beide Interpretationen, die von Siri und ihr, sehr. Bei Mühle hat mir das Unangestrengte, nicht Forcierte, sehr gut gefallen. Der Rest, wie geschildert.


    Zur Inszenierung: ich kenne sie seit den 1990er Jahren, war über die Aussagen von Eduard19 etwas erstaunt. Es stimmt, szenisch scheint sie doch etwas "ausgeleiert" zu sein, Das Bunte kommt recht plakativ daher, der Dewsche Witz nicht mehr ganz so gut rüber. in den 1990ern habe ich die Idee des Ankippens der Bühne, um die Revolution zu schildern, fantastisch gefunden. Jetzt plätschert das alles nur so vor sich her, auch das Volk, das unter der Bühne hervorgekrochen kommt....Als am Ende die "Guillotine" am Vorhangschlitz runterkam, hat die komplette Reihe hinter mir laut gelacht - zu Beginn fand ich dieses Bild doch sehr beeindruckend.


    Alles in allem ein großartiger Abend an der Deutschen Oper Berlin, in den Social Media werden erneut Gerüchte gestreut, daß es aus ist mit dieser Inszenierung...

  • Alles in allem ein großartiger Abend an der Deutschen Oper Berlin

    ... wenn nur das Orchester, vor allem auch, weil inszenierungsbedingt doch viel hinten auf der Bühen gesungen wird (kein Wunder. das Harteros da auch etwas verhaltener klingt) ein bisschen leiser gespielt hätte. Da wäre es mehr Rücksicht von Rizzi Brignoli auf die Sänger doch mehr gewesen.

  • ... wenn nur das Orchester, vor allem auch, weil inszenierungsbedingt doch viel hinten auf der Bühen gesungen wird (kein Wunder. das Harteros da auch etwas verhaltener klingt) ein bisschen leiser gespielt hätte. Da wäre es mehr Rücksicht von Rizzi Brignoli auf die Sänger doch mehr gewesen.

    Ist ganz interessant: im Parkett hinten, wo der Rang schon darüber ragt, klang es nicht ganz so laut. Ist mir schon mehrmals aufgefallen...

  • Mir hat die Vorstellung gestern besser gefallen als die am 11. Januar. Rizzi Brignoli schien mir etwas flotter unterwegs gewesen zu sein. Vielleicht hatte ich mich aber auch an seine Tempi gewöhnt. Zu laut fand ich es nicht. Burdenko fand ich diesmal wieder hervorragend, auch wenn es sicher schönere Stimmen gibt. Muehle klang etwas matter als gewohnt. Nichtsdestotrotz eine herausragende Aufführung. Das Jahr hat mit Chénier, Jenufa und Tosca mit drei Kanonenschlägen begonnen.

  • Ist ganz interessant: im Parkett hinten, wo der Rang schon darüber ragt, klang es nicht ganz so laut. Ist mir schon mehrmals aufgefallen...

    Der Orchesterklang breitet sich wie eine Wolke aus, davon kommt unter dem Rang nicht alles an.

    Die Sänger singen ja meistens nach vorn, das dürfte auch unter dem Rang gut ankommen.

    Wer mehr Sänger und weniger Orchester haben möchte, ist da gut aufgehoben.

    So richtig geht es allerdings an den lauten Stellen da nicht los...