'Salome' , Premiere 01.03.2020

  • Für mich haben Koskys Arbeiten auch etwas von Langeweile. Ich habe sicher einige schöne Details bemerkt in der PersonenRegie, aber den ganzen Abend auf leere Bühne gejagt von Lichtkegeln gucken. Eher zum Abhaken.

    Wieder einmal muss ich der Mehrheit trotzen: Ambur Braid in der Titelrolle wurde gefeiert. Ich frage mich nur, wofür? Für ihre dünne Soubrettenstimme, mit der sie in grisselig greinendem Ton ständig zu tief sang? Dabei völlig undifferenziert ohne Ausdruck bei totaler Textunverständlichkeit! Ich fasse es nicht!

    Dünne Soubrettenstimme? Naja... da würde sie als Christel von der Post aber wie eine Hochdramatische wirken.


    Da bleibe ich nach dem gestrigen Abend doch ausnahmsweise mal bei der Mehrheit. Gesanglich und darstellerisch waren alle Protagonisten hervorragend (ich habe auch in sämtlichen mir verfügbaren Kritiken nicht ansatzweise etwas gefunden, was Discmans vernichtende Kritik bestätigen würde).

    Was mich an Kosky fasziniert ist, dass er für jedes Werk eine neue Idee findet. Man würde kaum glauben, dass seine Bayreuther Meistersinger mit dem opulenten 1. Akt und diese Leere-Bühne-Salome vom selben Regisseur stammen. Bei mir kam in beiden Inszenierungen niemals Langeweile auf.

  • Ambur Braid war gestern nicht ganz überzeugend . Keine Soubrettenstimme, klar , aber zu wenig dramatisch. Und Textunverständlichkeit ist wirklich sehr störend. Nach fulminanten Drei Kurzopern von Ernst Křenek ich habe viel mehr von Frau Braid erwartet.

  • Dünne Soubrettenstimme? Naja... da würde sie als Christel von der Post aber wie eine Hochdramatische wirken.


    Da bleibe ich nach dem gestrigen Abend doch ausnahmsweise mal bei der Mehrheit. Gesanglich und darstellerisch waren alle Protagonisten hervorragend (ich habe auch in sämtlichen mir verfügbaren Kritiken nicht ansatzweise etwas gefunden, was Discmans vernichtende Kritik bestätigen würde).

    Was mich an Kosky fasziniert ist, dass er für jedes Werk eine neue Idee findet. Man würde kaum glauben, dass seine Bayreuther Meistersinger mit dem opulenten 1. Akt und diese Leere-Bühne-Salome vom selben Regisseur stammen. Bei mir kam in beiden Inszenierungen niemals Langeweile auf.

    demnächst wird an der KOB Pelleas und Mellisande in der Premierenbesetzung wieder aufgenommen. Eine der minimalistisch Inszenierungen von Kosky. Da treten die Mitwirkenden nicht auf, sondern werden auf Drehscheiben hereingefahren, wie Willenlose ihrem Schicksal von fremder Hand zugeführt werden. Alles in Grau bei der schillernden Musik von Debussy. Ich fand das hoch spannend!

  • demnächst wird an der KOB Pelleas und Mellisande in der Premierenbesetzung wieder aufgenommen. Eine der minimalistisch Inszenierungen von Kosky. Da treten die Mitwirkenden nicht auf, sondern werden auf Drehscheiben hereingefahren, wie Willenlose ihrem Schicksal von fremder Hand zugeführt werden. Alles in Grau bei der schillernden Musik von Debussy. Ich fand das hoch spannend!

    Gerade den Trailer gesehen. Sieht wirklich vielversprechend aus. 😊

  • Was war das denn? Vollmond, Weltfrauentag … und Salome. Ob sich da einer was bei gedacht hat?

    Jedenfalls war's eine fulminante Vorstellung – optisch etwas anstrengend ob der tiefschwarzen Bühne, aber inszenatorisch aufregend und musikalisch beeindruckend. Barrie Kosky recycelt geschickt einige gute Ideen aus seiner 'Carmen': die sehr leere Bühne und die Kostümschlacht, in die er seine Protagonistin schickt, kommen mir doch sehr bekannt vor, und auch die jeweilige Intention scheint mir ähnlich. Genial und tatsächlich neu allerdings die Idee mit dem Mondlicht als einziger Lichtquelle. Der über die Bühne huschende Verfolger lenkt den Blick des Zuschauers, erlaubt kein Wegsehen und ist zudem psychologisch sehr raffiniert: Salome ist der leuchtende Mittelpunkt; um sie herum sind im Dunkeln gesichtslose Gestalten und gestaltlose Stimmen, die sie aber sehr wohl wahrnimmt und bei Bedarf zu nutzen weiß (siehe Narraboth). Denn Salome ist nicht nur wunderschön, sondern auch manipulativ begabt, außerdem neugierig und vermutlich ziemlich intelligent, wenn auch zumeist unterfordert. Wir erinnern uns, mit welcher kindlichen und zugleich spöttischen Begeisterung sie sich in das religiöse Diskussionsgetümmel stürzt.

    Dieses Zauberwesen, das niemanden in seiner Umgebung kalt lässt, wird von Ambur Braid verkörpert. Ihr in jedem Moment überzeugendes Spiel beweist, dass sie den Text, den sie – mit großer Bandbreite an Emotionen und meistens schönstimmig – singt, sehr genau versteht... leider schafft sie es nicht, ihn entsprechend zu artikulieren, was speziell in Opern wie dieser dem Vergnügen doch Abbruch tut. Darüber, ob es ihrem Ausdruck an Dramatik mangelt, kann man vermutlich streiten; ich finde das nicht, denn auf diese Rolle trifft zu, was Strauß auch über die Orchestrierung geschrieben hat: man muss sie wie Elfenmusik spielen... Das klappt natürlich nicht immer, aber Joana Mallwitz hat die 'elfischen' Passagen sehr schön herausgearbeitet und begleitet auch sonst die Sänger auf sehr freundliche Art.

    Überzeugend wie immer ist dabei Christopher Maltman als Jochanaan; er singt den vom Komponisten als Philister angelegten Propheten mit warmer und kraftvoller, jugendlich klingender und wenig salbungsvoller Stimme, wenn ihm auch manche Töne leicht ins Wabern geraten. Das habe ich bei ihm bisher nicht wahrgenommen – aber ich glaube, den meisten ist es gar nicht weiter aufgefallen. Außerdem macht seine darstellerische Klasse eh jedes kleinere stimmliche Manko wett: dieser möglicherweise autistisch veranlagte Jochanaan rührt bis zu einem gewissen Grad tatsächlich an in seinem Hin- und Hergerissensein zwischen seiner Verachtung des sündigen Treibens am Hofe des Herodes und dem unerwarteten Genuss, den ihm die Berührungen Salomes bereiten.

    Gegen diese beiden kommen die übrigen Figuren des Stücks nicht an, sind aber dennoch sehr präsent: AJ Glueckert als überraschend schön und kraftvoll klingender Herodes wirkt nicht so ganz am Rande des Wahnsinns wie sonst; was er nun wirklich von Salome will, bleibt angenehm unbestimmt. Claudia Mahnke gibt, souverän wie üblich, seine bodenständige, eher unschrille Gemahlin Herodias. Auf den ersten Blick könnte man die beiden nebst (Stief-)Töchterchen für eine fast normale Familie halten; die Musik freilich zeugt von dem unter der Oberfläche brodelnden Irrsinn familiärer Verwerfungen...

    Dem ist der arme Narraboth sowieso in keiner Weise gewachsen; in dieser Inszenierung bleibt sein Schicksal zudem buchstäblich im Dunkeln, aus dem heraus Gerard Schneider seiner Verliebtheit und seiner zunehmenden Verzweiflung eindrucksvolle Töne verleiht.


    Es wird viel diskutiert, ob Salome aus eigenem Antrieb handelt oder ob sie eher die willenlose Projektionsfläche der Wünsche und Sehnsüchte anderer ist. Kosky verneint diese zweite Annahme, aber er jagt seine Heldin (ebenso wie seinerzeit 'Carmen') von einem auffallenden Kostüm in das andere – hier sind es sechs Kleider innerhalb von 105 Minuten; jedes Kleid (wunderschön entworfen von Lea Tag) passt perfekt zu der jeweiligen Szene, legt aber doch den Gedanken von der Projektionsfläche nahe. Denn was immer Salome für den Betrachter sein mag: ein verwöhntes Görlie, das alle zwanzig Minuten einen neuen Auftritt braucht, ist sie eher nicht.


    Was ich tatsächlich nicht verstanden habe, ist die stumme Szene zu Beginn: Salome in einem weißen Abendkleid und mit einem gewaltigen Federputz auf dem Kopf (aus irgendeinem Grunde assoziiere ich damit immer noch irgendetwas Afrikanisches...), erschrocken auf durch den Raum vagabundierende Geräusche lauschend, die wohl aufflatternde Vögel darstellen sollen, aber eher klingen wie mit Karacho heruntergelassene Außenjalousien... Weiß jemand mehr darüber? Die rauschenden Schwingen des Todesengels, die Herodes so ängstigen, können es nicht sein – Rauschen geht anders.


    In diesem Sinne – es waren ja gestern Weltfrauentag und Salome: „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“




    "Interessante Selbstgespräche setzen einen klugen Gesprächspartner voraus." (H.G. Wells)

  • Liebe Asteria, vielen Dank für den ausführlichen Bericht und Ihre persönlichen Eindrücke. Die häufigen Kostümwechsel der weiblichen Hauptdarstellerinnen sind mir auch bei Koskys Melisande aufgefallen. Bei der Frankfurter Carmen fragte ich mich, ob die Hauptdarstellerin und Namensträgerin der Oper „lediglich“ Repräsentantin für Frauen als „Pars pro tota“ sein sollen, und keine Einzelschicksale gezeigt werden sollen. Ich erinnere an den Beginn der Carmen mit der Rezitation der Romanpassage des Originals, welche Dinge eine Frau haben sollte. Sehr subtil! Das ließe sich auch auf Salome übertragen, es geht nicht um eine konkrete Person, sondern um eine junge Frau schlechthin und ihre Phantasiewelt. Irgendwie schafft es Kosky immer, dass man nach Besuch seiner Inszenierungen heftig nachdenkt. Aber nie enttäuscht die Oper verlässt. Und sich vor allem nicht über das Geld ärgert, das man für das Ticket ausgegeben hat.

  • L´ amour est un oiseau rebelle, que nul ne peut apprivoiser..... schon vergessen? Vielleicht ein Querverweis auf seine Interpretation der Carmen? Vielleicht versteht er besser, was in anderen im Inneren vorgeht, oder kann es einfach gut umsetzen. Deshalb auch die Gesichtslosen und der schwarze (innere) Raum? Fragen über Fragen und eine echte Alternative zu Salome mit Teddybär im Kinderzimmer!

  • Im Regelfall bin ich mir schnell nach einer Aufführung darüber im Klaren, was ich von ihr halte. Dass ich mir auch drei Tage nach der Frankfurter "Salome" unschlüssig bin, zeigt auf jeden Fall, dass der Regisseur etwas richtig gemacht hat....


    Barrie Kosky hat bereits mit der "Carmen" an gleicher Stelle einen neuen Blick auf eine vermeintlich bekannte femme fatale geworfen, indem er die Revuehaftigkeit des Werks betonte. Erneut ist die Bühne pechschwarz, nun fehlt sogar die Showtreppe. Die Beleuchter haben viel zu tun - und sie tun es hervorragend: großes Lob! - da gerade einmal ein Leuchtkegel das Geschehen auf der Bühne zeigt. In den meisten Fällen sehen wir Salome, nur gelegentlich sehen wir andere Charaktere. Somit macht Kosky uns zu Co-Voyeuren von Narraboth (Gerard Schneider mit schönem Tenor) und Herodes - eine geniale Idee, wie ich finde. Weitere Assoziationen wie die Motten, die das Licht suchen um dann letztlich in ihm umzukommen, werden evoziert. Von dekadenter Nahostdekadenz aus biblischen Tagen findet man dankenswerterweise nichts. Die einzige Farben sind in Salomes mehrfach wechselnden und teilweise verschwenderisch schön anzusehenden Kostümen zu finden. Auch Beim Schleiertanz sehen wir keine schwüle Bauchtanzgymnasik, sondern eine auf der Bühne sitzende Salome, die zehn Minuten lang einen nie enden wollenden Haarschopf unter ihrem Rock herauszieht, gleichwohl immer im Rhythmus der Musik. Blutig ist dann das Ende, als Jochanaans Kopf an einem Fleischerhaken wie in einem Splatterfilm à la "Saw" hervorgehoben wird. Der war bereits zu Lebzeiten ein eher ein konfuser, verlorener Mann in Boxershorts - kein radikalisierter Inhaftierter. Da passte es ganz gut, dass Christopher Maltman ihn warm, weich und mit eher hellem Bariton fernab jeglicher religiöser Geiferei sang.


    Was mir persönlich dann doch fehlte, war die Gefährlichkeit, das Psychopathologische von Salomes (Stief-)Eltern. Ebenfalls ganz in Grau spielen beide eher das Publikum als Salome selbst an, so als seien sie das, was sie im Original von Oscar Wilde noch viel eher waren: humoristische Sidekicks. Ja, das kann man machen, aber das hat für mich nicht ganz funktioniert und hat Salomes Aufbegehren gegen die höfische Phallokratie dann doch etwas zu sehr an den Rand gedrängt. AJ Glueckert hätte allerdings auch so die schneidende Strenge, das Irre für eine eher traditionelle Sicht auf den Herodes gefehlt. Und Claudia Mahnke als Herodias empfand ich hier als verschenkt: in diesem Kontext ist das einfach nicht ihre Rolle.


    Über Ambur Braid in der Titelpartie lässt sich freilich trefflich streiten. Wie bei einer Norma gibt es an diese Partie gänzlich unterschiedliche Herangehensweisen, und von den persönlichen Präferenzen dürfte abhängen, wie man Braids Leistung bewertet. Da gibt es zum ersten die Hochdramatischen (Herlitzius zum Beispiel, aber die hat die Rolle schnell wieder abgelegt), die eher Lyrischen mit dem typischen Strauss'schen Silberklang (Denoke oder Schwanewilms fallen mir ein, aber auch erstere die hat die Salome gerade mal sechs Jahre im Repertoire gehabt und letztgenannte hat sie meines Wissens nie gesungen) oder eben - gerade an eher kleineren Häusern - dramatische Koloratursoprane. Braid zählt ganz klar zur dritten Kategorie: die Stimme ist klar fokussiert, kommt auch im dritten Rang gut an. Allerdings ist sie nicht wirklich groß und - typisch für den Loebe-Sopran in Frankfurt - ohne individuelles Timbre. Braid spielt atemberaubend intensiv und kann damit viele Defizite wett machen - an ihrer Aussprache darf sie aber trotzdem noch arbeiten. Der persönliche Triumph sei ihr gegönnt, aber außerhalb Frankfurts wird diese Herangehensweise erstmal nicht wirklich funktionieren.


    Denn "die erste Dame" des Abends steht nämlich im Orchestergraben. Ich habe mich gefreut, Joanna Mallwitz nach ihren Heidelberger Tagen wieder einmal zu sehen und freue mich über die steile Karriere, die hingelegt hat - und das vollkommen zurecht. Sie profiliert sich zu keinem Zeitpunkt auf Kosten der Sänger, was nicht nur Braid, sondern auch Maltman und Glueckert zugute kommt. Die Exotismen der Partitur reduziert sie auf ein Minimum - was Mallwitz hingegen betont, ist die emotional-romantische Seite, was bestens zum Ansatz Koskys passt. Da ist nichts Vordergründiges, kein Effektheischen, sondern ein genaues Hineinhören in die Seelenlandschaft der Charaktere.


    So. Und auch jetzt weiß ich nicht, ob's mir gefallen hat.

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