Richard Strauss "Eine Alpensinfonie"- Ein Werk mit Fragezeichen

  • „Eine Alpensinfonie“- Ein Werk mit Fragezeichen?




    Das etwas unfreiwillige Sozialexperiment der „Corona-Krise“ gibt uns Gelegenheit, Liegengebliebenes aufzuarbeiten, aus Zeitgründen wenig gehörte Musik-Konserven herauszukramen und auch ältere Konzerterlebnisse noch einmal zu überdenken.

    Zu Letzterem gehört für mich das Konzert der Staatskapelle Dresden zum 100. Jahrestag der Uraufführung von „Eine Alpensinfonie“ von Richard Strauss unter der Leitung von Christian Thielemann vom 21. Oktober 2015.


    Ein Zitat, aus einem Beitrag „Alpenidylle oder Antichrist“ einer Orchester-Flötistin , die unter „emmelygreen“ zur Entstehung der Komposition schrieb: “Doch jetzt mal realistisch: als vielgefragter und –beschäftigter Komponist verschwendet man doch nicht vier Jahre seines Lebens, um einen Ausflug in die Alpen zu beschreiben- Da steckt doch mehr dahinter“, hatte mich nachdenklich gemacht.

    Da ich das Unbehagen teilte, ergab sich damals im inzwischen liquidierten „Forum Festspiele“ ein Gedankenaustausch mit dem Professor Gerhard Widmann, ohne dass wir zu einer gemeinsamen Meinung gekommen wären. Auch ein nunmehriges Anhören der hervorragenden Einspielung Christian Thielemanns der Alpensinfonie von 2001 mit den Wiener Philharmonikern bringt mich nicht weiter. Ist doch bekannt geworden, dass Strauss die Künstlertragödie des aus der Schweiz stammenden Porträtmalers Karl Stauffer (1857-1891) offenbar beschäftigt hatte und er bereits um 1900 zum Gegenstand einer Komposition machen wollte. Zwischen 1909 und 1911 waren bereits vier Skizzen entstanden, die aber lediglich die Begeisterung Stauffers für das Bergwandern thematisierten.


    Karl Stauffer, genannt Stauffer-Bern, machte sich in einem Berliner Atelier einen Namen als erfolgreicher Porträtmaler, Radierer und Kupferstecher. Dabei war er sich aber bewusst, dass er nicht wirklich ein großer Maler war und begann 1886 sich mit der Bildhauerei zu beschäftigen.

    Auch unterstützte er seinen Schulfreund Friedrich Emil Welti (1825-1899) und dessen Frau Lydia Welti-Escher (1858-1891) beim Aufbau einer Sammlung moderner Kunstwerke. Lydia war nämlich die Alleinerbin des einflussreichen Schweizer Politikers und Eisenbahnpioniers Alfred Escher und damit zu dieser Zeit die reichste Frau des Landes.

    Dank der finanziellen Unterstützung durch das Ehepaar Welti-Escher konnte Stauffer 1887 nach Florenz und Rom gehen, um unter anderem auch bei Paul Klinger die Bildhauerei zu erlernen.

    Im Oktober 1889 übersiedelten auch die Welti-Eschers nach Florenz. Das kunstsinnige Paar wirkte als Mäzen des Malers und wollte ihm eine breite künstlerische Arbeit in Italien ermöglichen.

    Aus geschäftlichen Gründen reiste Herr Welti bereits nach kurzer Zeit in die Schweiz zurück und ließ seine ohnehin etwas vernachlässigte Gattin in der Obhut Stauffers zurück.

    Karl Stauffer war damals 32 Jahre alt, während Lydia das 31 Lebensjahr erreicht hatte. Die Begeisterung für Stauffer und seine künstlerischen Projekte rissen Lydia regelrecht aus dem tristen Ehealltag. Beide wurden ein Paar. Frau Welti-Escher wollte sich scheiden lassen und Stauffer heiraten.

    Das Paar floh nach Rom. Nun ließ der mächtige Bundesrat Emil Welti und Vater des noch Ehemanns seine Beziehungen zugunsten des Sohnes spielen und sicherte sich die Hilfe der Schweizer Gesandtschaft in Rom.

    Lydia Welti-Escher wurde mit der Diagnose des „systematisierten Wahnsinns“ in einem römischen Irrenhaus interniert. Karl Staufferwurde verhaftet, zunächst der Entführung und des Diebstahls, später noch der Vergewaltigung einer Irrsinnigen beschuldigt.

    Nach Entlassung auf Kaution, wieder Einkerkerung und Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt, unternahm Stauffer im Juni 1890 einen Selbstmordversuch.

    Lydia Welti- Escher wurde nach einem viermonatigen Aufenthalt im Irrenhaus vom „Ehegatten“ nach Zürich gebracht, wo sie als Preis einer Scheidung der Entschädigungszahlung an Welti in Höhe von1, 2 Mio. Franken zustimmte. Von der Züricher Gesellschaft geächtet, bezog Lydia in die Nähe von Genf und nutzte ihr noch immer beträchtliches Vermögen dem Aufbau der „Gottfried-Keller-Stiftung“, die „der Selbstständigmachen des weiblichen Geschlechts-wenigstens auf dem Gebiet des Kunstgewerbes dienen sollte“.

    Am 28. Januar 1891 gelang dann Karl Stauffer der Suizid. Er starb an einer Schlafmittel-Überdosis. Lydia Escher beendete am 12. Dezember 1891 ihr Leben durch einen Suizid.

    Über die Gründe, warum die Beiden nicht wieder zueinandergefunden haben und stattdessen den Freitod wählten, gibt es nur Vermutungen.


    Bereits im Jahre 1900, dem Todesjahr Nietzsches plante Richard Strauss eine sinfonische Dichtung über das Schicksal Karl Stauffers. Nun wäre es doch unwahrscheinlich gewesen, wenn der Komponist die tragische Liebe Stauffers zu Lydia Escher dabei unbeachtet gelassen hätte. Möglicherweise hatte er auch in der Zeit um 1902 bereits Aspekte des Beziehungsdramas skizziert.

    Ichkönnte ich mir vorstellen, dass Strauss aber zu der Erkenntnis kam, dass die Tragödie Lydia- Karl wohl eher ein Opernstoff wäre, und dann mehr für Komponisten vom Schlage Puccinis oder dAlberts, um einige zu nennen.

    Folglich wurde nur noch von „Einer Künstlertragödie“ gesprochen und die Komposition an der Bergwanderbegeisterung von Karl Stauffer festgemacht. Aber lassen nicht zahlreiche Motive selbst unter der Bezeichnung „einer Alpensinfonie“ Assoziationen einer leidenschaftlichen Beziehung zu. Vor allem in „Gewitter und Sturm“ erkenne ich doch die römischen Ereignisse der Katastrophe des Paares.

    Gerhard Widmann hatte zu Recht ausgeführt, dass Strauss den Tod kaum jemals eindrucksvoller dargestellt hat, wie im letzten Teil der Alpensinfonie. Das aber passt wohl kaum zu einer glücklichen, wenn auch erschöpften, Rückkehr aus den Bergen.

    Es ist doch auch überliefert, dass Strauss mit dem mehrfach unterbrochenen Fortgang der Kompositionsarbeit die Figur Karl Stauffers mit der Person Nietzsches und dessen Philosophie zunehmend verquickt hat, was auch letztlich zum Arbeitstitel? „Antichrist“ und dann zu “Der Antichrist- eine Alpensinfonie“ geführt hat.


    Der Königlich Preußische Generalmusikdirektor Richard Strauss konnte schon aus religiösen Gründen den Titel nicht aufrecht halten und so ist die Musikwelt in der Partitur-Reinschrift mit „Eine Alpensinfonie“ beglückt worden.


    Das Werk, beginnend mit dem Aufstieg und endend mit dem Abstieg, sollte als ein Leben mit allen seinen Freuden und Strapazen interpretiert werden.

  • thomathi

    Hat den Titel des Themas von „Richard Strauss "Eine Alpenhsinfonie"- Ein Werk mit Fragezeichen“ zu „Richard Strauss "Eine Alpensinfonie"- Ein Werk mit Fragezeichen“ geändert.
  • Danke für die Ausführungen.

    So wie ich mich erinnere gab es vorerst (wann? vor ein zwei Jahren?) einen Artikel in der Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften auch zur Alpensinfonie. Ich habe ihn leider nicht gefunden. Bei der Suche stieß ich jedoch auf zwei andere Beiträge. Ich wollte sie hier direkt einstellen, aber die Dateien sind zu groß, deshalb den Link hinzu:


    https://badw.de/data/footer-na…earch_pi1%5BsortByDir%5D=


    Einen schönen erholsamen Sonntag in der Hoffnung, dass alles gut wird.

  • Lieber Thomathi, vielen Dank, dass Sie Ihre Gedankengänge hier noch einmal eingestellt haben! Ihre Schlussfolgerungen finde ich sehr überzeugend. Wenn ich die Alpensinfonie höre muss ich spontan immer auch an des Ende des "Heldenlebens" und an "Tod und Verklärung" denken. Ich halte R. Strauss doch für einen Komponisten, der die Melancholie wie kaum ein anderer so "verkleiden" konnte, dass sie zunächst gar nicht auffällt. Das gilt ja auch für das viel gerühmte Rosenkavalier- Terzett, wie für den Abschluss von "Daphne". Und ist die in "Arabella" vermittelte positive Stimmung zum Abschluss wirklich so positiv, wenn Zdenka daneben steht, die ihre Identität als junge Frau nach dem Willen ihrer Eltern verleugnen musste. Ich bin auch gegenüber dem Jubel- C-Dur am Ende der "Frau ohne Schatten" mehr als skeptisch. Da kommt Strauss dem guten Mozart doch mehr entgegen, als man zunächst denkt. Je öfter ich die Kompositionen höre, um so doppelbödiger wirken sie auf mich.

  • Die ganze Häme und die nur zum Teil berechtigten Anfechtungen und Anfeindungen nach dem 2. Weltkrieg haben m. E. wirklich teilweise dazu geführt, dass Richardl ein unter- und auch falsch eingeschätzter Komponist ist, man mag es kaum glauben, oder?

    Und, wenn ich nochmal auf die Alpensinfonie zurückkehren darf, wenn hat denn je so was geschrieben wie die Szene "Auf dem Gipfel"? Mein lieber Scholli ..... :huh:

  • Die ganze Häme und die nur zum Teil berechtigten Anfechtungen und Anfeindungen nach dem 2. Weltkrieg haben m. E. wirklich teilweise dazu geführt, dass Richardl ein unter- und auch falsch eingeschätzter Komponist ist, man mag es kaum glauben, oder?

    Ein ganz normaler Vorgang: die Nachfolgegeneration muss sich an der Vatergeneration abarbeiten. Das ging allen Künstlern so, nicht zuletzt auch Goethe und Wagner. Ein paar Generationen später weiß man die wirkliche Bedeutung von Künstlern dann besser einzuschätzen.