• Parsifal und Gotthold Ephraim Lessing


    Es mag erstaunen, aber Richard Wagners „Parsifal“ bietet als Bühnenweihfestspiel das, was Lessing (1729 – 1781) von einem Theaterstück, an Aristoteles orientiert, fordert.

    Lessing konstatiert in der Hamburgischen Dramaturgie von 1767:
    "Bessern sollen uns alle Gattungen der Poesie"

    Das geschieht aber in besonderer Weise in der Tragödie, wie Lessing in einem Brief aus dem Jahre 1756 schreibt:


    "Die Bestimmung der Tragödie ist diese: sie soll unsre Fähigkeit Mitleid zu fühlen, erweitern. Sie soll uns nicht bloß lehren, gegen diesen oder jenen Unglücklichen Mitleid zu fühlen, sondern sie soll uns soweit fühlbar machen, dass uns der Unglückliche zu allen Zeiten, und unter allen Gestalten, rühren und für sich einnehmen muss. [...] Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter".


    Inwiefern der Parsifal von Richard Wagner sonst den Kriterien eines Schauspiels, besonders einer Tragödie, die Lessing anlegt, gerecht wird, sei dahingestellt.


    Aber festzuhalten ist:

    1) Ein, wohl der Hauptakzent des "Parsifal" besteht in der Betonung des Mitleides.
    2) Damit entspricht dieses Bühnenweihfestspiel Richard Wagners im Zentrum dem, was Lessing für das Wesen der Tragödie hält.

    3) Ist es nach Lessing das Ziel der Tragödie, Mitleidigkeit zu wecken und damit den Menschen zu bessern, so lässt sich ein solches Ziel auch im "Parsifal" ausmachen.

    4) Zugespitzt ergäbe sich daraus, dass der "Parsifal" dadurch, dass er Mitleidigkeit erwecken will, zur Besserung der Menschen beitragen kann.

    5) Der Mensch wird nicht nur "durch Mitleid wissend" sondern auch durch Mitleid tätig, wohl - tätig am Menschen. Dieses Ethos hat nach wie vor ein hohes Maß an Aktualität, ist nicht veraltet. Im Gegenteil: nur mit einem solchen Ethos, das auch Albert Schweitzer pflegte, besteht Hoffnung auf positive Veränderung der Welt.

    6) Ein Regisseur, der den "Parsifal" inszeniert, sollte das im Hinterkopf haben und sich bewusst machen, ob er an diesem hohen Ethos vorbeiinszeniert, oder ob er es sich zueigen macht und damit einen wichtigen Dienst am Menschen und zu seinem Wohle leistet, im Sinne Lessings, im Sinne Wagners, im Sinne des "Parsifal".

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



  • Bisher habe ich den 1. und den 2. Aufzug gehört. Und ich darf sagen, dass mir JK ausgesprochen gut gefallen hat. Das "Gaumeln" hielt sich arg in Grenzen. Er spielt gut, singt kraftvoll und klangschön, durchaus nicht nuancenarm und für seine Verhältnisse oft geradezu "hell und klar", nur selten vergaumelt er mal eine Silbe. Ich bin gespannt auf den 3. Aufzug.
    Wenn ich das, was ich bisher gehört habe, vergleiche mit KFV, dann wüsste ich recht schnell, wem ich den Vorzug gäbe.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



  • Ist der „Parsifal“ heute noch aktuell? Kann er etwas bewirken?
    Der heutige Karfreitag gibt Anlass, erneut darüber nachzudenken.


    Der Theologe G. Begrich predigte 2006 über den Karfreitagszauber.
    Er spricht zunächst davon, dass uns immer wieder (besonders wohl im Frühjahr) aufgeht, dass die Schöpfung schön ist:


    "Nein, diese Welt ist nicht gut, sie ist auch nicht die beste aller möglichen, dies zu glauben, ist uns längst zerschlagen. Aber geblieben ist ihre Schönheit, hin und wieder zu schauen..."


    Sodann zitiert er Parsifals "Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön! - [...]"


    Was dann kommt, beschreibt er so:


    "Und dann folgt eine Musik voller Vergebung, Trost und Sehnsucht. Der Zauber liegt in den Tönen: auf einem Ton liegt die ganze Welt, in ihm kehrt die Schönheit Gottes zurück: das ist Musik aus dem verlorenen Paradies – und führt zu Gott zurück."


    Jetzt zitiert er Gurnemanz´ Deutung:


    "Des Sünders Reuetränen [...]

    Das dankt dann alle Kreatur, was all da blüht und bald erstirbt, da die entsündigte Natur heut ihren Unschuldstag erwirbt.“


    Nun deutet Begrich das Bühnengeschehen:


    "Haben wir recht gehört? Karfreitag verzaubert die Welt?!

    Richard Wagner kündet, was heutiger (?) Theologie entfallen scheint: Das Kreuz erlöst die Welt, der Kosmos, die Schöpfung, und in und mit ihr der Mensch, sind erlöst [...]

    Es geht um Seine Schöpfung. Wir sind nur Gäste. Die Erde bleibt des Herrn!

    Darum soll der Mensch über die Erde gehen zart und vorsichtig, mit sanftem Schritt, um nur ja nichts zu zertreten. [...]

    Der Karfreitagszauber bringt der Welt und uns Seinen himmlischen Frieden zurück! Wenigstens in der Musik. Augenblicke höchster Glückseligkeit...

    Parsifal küsst ganz zart die „verlorene Kundry“ und die Musik kündet Vergebung und Gnade.

    Dann hört man Glockengeläut.

    So hat es Wagner vermerkt. Und eine gute Regie wird daran erkannt. Nur versagen hier verständnislos die meisten... Die Glocken des Karfreitags bewahren die Humanität und erinnern die Erlösung.[...]

    Wagner entdeckt den Karfreitag wieder, von Martin Luther gepredigt, von Lucas Cranach gemalt: Die Welt ist gerettet durch Christi Blut.

    Allerdings wird nur eine Gesellschaft (auch die Kirche!), die um ihre Sünde und Schuld weiß, diese Botschaft hören...

    Hören wir sie?

    Sehen wir auch den Schluss?

    Der Vorhang fällt, aber der Gral bleibt offen und bewirkt den Sinn der hier versammelten Ritterschaft. Denn wozu sind diese Templer, deren König nun Parzifal [sic!] ist, berufen: zum Gebet und Tun des Gerechten.

    Das ist der offene Schluss dieses Werkes, der sich täglich ereignen muss. Die Welt wartet darauf. Wer Parsifal aufführt, muss Lohengrin spielen...

    Wir bedürfen (also) der Oper."


    Eine Deutung, die die ganze Wirkkraft des Werkes zur Entfaltung bringt! Und für diese Botschaft lohnt es sich, dieses Werk aufzuführen und zu inszenieren.

    Begrich sagt, "Wer Parsifal aufführt, muss Lohengrin spielen". Wer die Kreuzesbotschaft hört und den Ruf zum Mitleid, der kann nicht selbst tatenlos bleiben, der muss Ritter des Grales (alles mythologisch formuliert) werden im Dienst des Guten.
    Man fühlt sich auch an den Flimm - Ring in seinem ersten Jahr erinnert: Die Götterdämmerung endete damit, dass ein Knabenritter auf der Hinterbühne steht und nach vorne schaut: Er ist als Parsifal zu deuten:

    Wer den Ring verstanden hat, weiß, nun einsichtig geworden, dass nur eines zur Erlösung führt: Die Liebe, das Mitleid, der Verzicht auf Gewalt, die Konzentration auf höhere Werte. Und wer sich zu dieser Erkenntis durchgerungen hat, der kann nicht anders, als entsprechend zu handeln: nämlich Gutes zu tun im Dienst an der Schöpfung.


    Der Parsifal als Werk im Dienst der Humanität: keine neue Sicht, im Gegenteil, aber eine sehr stark werkbezogene Interpretation, die wenig gemein hat mit dem, was man heute vielfach in Deutschland als "Parsifal" zu sehen und hören bekommt.


    PS: Der zitierte Text von G. Begrich ist zu finden unter
    http://www.evkaufmannsgemeinde…gten/theatgd/parsifal.pdf 


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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



    Einmal editiert, zuletzt von Hagen. ()

  • Wieland Wagner hatte bei seiner Auseinandersetzung mit seiner Parsifal-Inszenierung das Parsifalkreuz aufgezeichnet mit der Beziehung der Handelnden (Kundry, Klingsor, Amfortas und Parsifal) zueinander, und den Kuss der Kundry im 2.Akt („Der Mutter letzter Gruß- der Liebe erster Kuss“) im Zentrum des Geschens gesehen. Der hat ja auch zu Konsequenzen geführt, die letztendlich zur Fußwaschung und Salbung führten, der Karfreitagszauber gibt dazu ja den musikalischen Hintergrung. Zu diesenm Kuss würde mich doch auch eine vergleichbare theologische Auseinandersetzung sehr interessieren. Dieser Kuss ist ja für die Gesamthandlung von erheblicher Bedeutung. Ohne Kuss keine Wunde, ohne Sünde keine Vergebung bzw. Erlösung. Wieso wird an dieser zentralen Stelle der letzte Gruß der Mutter mit dem Kuss der Liebe (sexuell gedeutet!) verknüpft? Geht es da um ein Inzestuöses Geschehen. Welche Funktion hat dann Amfortas nicht heilende Wunde, die ihm wegen dieses Kusses zugefügt wurde?

  • Heute Abend wird ab 16:00 Uhr ein zweistündiger Film auf der WebSite des Mannheimer Nationaltheaters zur dortigen Parsifalinszenierung aus 1955 gezeigt mit Beiträgen unterschiedlicher Künstler_inner wie Gabriele Schaut (Kundry) oder Franz Mazura ( Gurnemanz) und anderen gezeigt. Diese Inszenierung, die noch heute auf dem Spielplan steht, wurde im Windschatten von Wieland Wagners Interpretation vom damaligen Intendanten der Stuttgarter Oper entwickelt, an der Wieland ja etliches erarbeitet hatte. Das dürfte vielleicht interessant sein, zumal die Inszenierung mit der von Wieland oft genutzten kreisförmigen Spielfläche und Projektionen sehr reduziert ist. Richtiger Gegenentwurf zu heutigen Aufführungspraxis mit Feldbetten und Kühlschrank.

  • Kultur-Stillstand: "Parsifal" als Streamingweihfestspiel

    Als Wagnerianer oder Freund von Oster-Traditionen säße man zu normalen Zeiten ja am Gründonnerstag, dem Ostersonntag oder zumindest an einem der Folgetage im Bühnenweihfestspiel "Parsifal". Corona macht allerdings auch vor der musikalisch-philosophischen Verschränkung von Katholizismus und Buddhismus nicht halt. Doch: Zum virtuellen Raum wird hier die Zeit.

    http://www.vol.at/kultur-still…mingweihfestspiel/6583493

  • Morgen ist Ostersonntag. Vor zehn Jahren verstarb im August Christoph Schlingensief. Seine "Parsifal" - Inszenierung war sehr umstritten. In Andenken an ihn und eingedenk des morgigen Tages verlinke ich hier diesen relativ unbekannten Text

    "Der erweiterte Hasenbegriff"
    Drei Essays zur Frage, warum Ostern und Weinachten in Zukunft auf einen Tag fallen. Aus Anlaß der Parsifal - Premiere 2004


    https://www.schlingensief.com/…d=t044&article=leineweber

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)