Schöne Sachen auf Youtube und Zeug

  • Die Idee des Threads


    Da wir wohl für einige Zeit keine Opern- und Konzertaufführungen erleben dürfen, möchte ich hiermit einen Thread starten, den ich schon länger geplant hatte, aber immer zu bequem war, um ihn umzusetzen. Mittlerweile gibt es ja eine unübersehbare Anzahl an Alben und Aufnahmen auf Youtube. Ich möchte nun regelmäßig jeweils auf eine Aufnahme hinweisen, die – und das ist jetzt wichtig – meine Sichtweise auf das Werk völlig erneuert hat. Entweder mochte ich das Werk nie und dann – durch diese Aufführung oder dieses Album – gefiel es mir auf einmal. Oder ich schätzte das Werk, aber durch eine Interpretation kommt auf einmal eine neue Dimension hinzu, die mich das Werk in völlig neuem Licht sehen lässt.


    Ich hab mit selbst zwei Regeln gesetzt:


    1. Da es nicht darum geht, wahllos youtube-links zu verlinken („gute“ Aufnahmen gibt es dort in nahezu unbegrenzter Zahl), gibt es eine Beschränkung: ein Youtube-Verweis alle 14 Tage.

    2. Struktur des Beitrags: etwas zur

    a) eigene Beziehung zum Werk

    b) kurze Beschreibung zum Werk selbst

    c) warum ist diese Aufnahme wirklich besonders


    Gerne kann diskutiert werden, gerne eigene Werke von euch/Ihnen vorgestellt werden, aber wenn dies in diesem Thread ist, dann bitte an diese beiden Regeln halten. Bezogen auf die 14-Tage-Regelung: Natürlich kann jede/r unabhängig von anderen ein Werk hier einstellen. Nur darf er/sie dann erst wieder 14 Tage später ein neues Werk hier präsentieren. Es sollen also gut überlegte Entscheidungen sein.

  • Schubert Sonate für Klavier, B-Dur, D960, Sviatoslav Richter, 1972





    a) Schubert begleitet mich seit Kinderzeiten. Die Sonate selbst lernte ich vor 15 Jahren kennen. Auf einem Wühltisch in einer Buchhandlung nahm ich sie mit, damals eine Aufnahme mit Daniel Barenboim. Es war im Grunde ein wahlloser Kauf, der daraus resultierte, dass ich Schubert mochte und Klaviersonaten generell interessant finde. Der erste Eindruck: sie gefiel mir, faszinierte mich aber nicht.


    Heute viele Jahre später, ist sie für mich eine der zentralen Werke der Musikgeschichte. Ich selbst stehe damit nicht alleine da: in jedem Ranking aller möglichen Klassikforen taucht sie ganz vorne auf. Dass sie bei mir dort gelandet ist, ist letztlich Richter zu verdanken.

  • b) Die Sonate in Stichpunkten:

    (Keine Analyse, eher ein paar Gedanken. Fundierte Analysen finden sich bei capriccio und tamino), hier sind mehr ein paar persönliche Eindrücke und Wahrnehmungen gesammelt. Unwissenschaftlich und subjektiv.


    1. vier Sätze, wie bei den meisten Klaviersonaten Schuberts


    2. letzte Sonate einer bewusst angelegten Sonatentrias (c-moll, D958, A-Dur, D959, B-Dur, D960); bewusste Orientierung als Trias analog zu Beethovens letzten drei Klaviersonaten.


    3. man muss die Sonaten nicht als Gesamtpaket zusammen hören, sie beziehen sich für meinen Geschmack auch thematisch nicht zueinander. Wichtiger sind eher die unterschiedlichen Stimmungen, die sie kennzeichnen. Für mich repräsentieren sie die Quintessenz dessen, was Schubert zu Klaviersonaten, Instrumentalmusik, ja zu Musik überhaupt zu sagen hat.


    4. D958 ist die Beethoven-Sonate, man könnte jeden erfahrenen Hörer (der sie nicht kennt), damit täuschen: das ist Beethoven! Bei genauerem Hören stellt man aber fest, es ist eben Schubert, der eine Beethovensonate geschrieben hat. Ein nervöses, trostloses Werk, in dem alle Kämpfe die ausgefochten werden, schon von Anfang an verloren sind (das ist bei Beethoven immer anders). Mit drei schnellen Sätzen und einem Adagio - ein Tempo, das bei Schubert extrem selten ist.


    5. D959 in A-Dur ist freundlicher, sicherer für den Hörer, wenn es nicht diesen unfassbaren langsamen Satz gäbe. Hier wird Schönheit unterbrochen vom "brutalsten Ausbruch in der Musikgeschichte" (sinngemäß nach Alfred Brendel). Ein in sich ruhender Schlusssatz mit melancholischen Untertönen schließt das Werk ab. Würde man nur einen Satz haben dürfen, um Schuberts Klaviermusik beschreiben zu dürfen würde ich zum langsamen Satz von D959 raten.


    6. Genug abgeschweift: D960, letztes großes Instrumentalwerk Schuberts. Vier Sätze. Geschrieben in Armut, Krankheit und größtenteils auch ohne im Besitz eines Klavieres zu sein. Schlusspunkt der Jahre 1827 und 1828, nie war ein Künstler so produktiv und schuf so viele Meisterwerke. Er scheint buchstäblich gegen den eigenen Tod angeschrieben zu haben.


    7. Erster Satz: Molto moderato. Wie oft bei Schubert: gerade der Eröffnungssatz soll nicht zu schnell gespielt werden. Meist schreibt er Allegro moderato, oder Allegro ma non troppo. Hier jetzt, zum Schluß: molto moderato. Von der Geschwindigkeit nicht mehr weit von einem normalen Andante entfernt.


    8. Der Großteil des Satzes steht im pp, sodass jedes mezzoforte schon ein Ausbruch ist. Von der Länge sprengt der Satz alles da gewesene. Er dauert länger als die alle Mozartsonaten oder die Pathetique in ihrer Gesamtlänge.

    Neben vielen aufregenden Stellen ist es vor allem der „wichtigste Triller der Musikgeschichte“ (Andras Schiff), der die Stimmung des Satzes prägt. Direkt nach dem ersten Thema taucht er im tiefen Bass auf und wird bis zum Ende des Satzes den Hörer immer wieder verfolgen. Am Ende der Exposition dann im ff, eine erschütternde Stelle, die von manchem Pianisten (u.a.Brendel – mit nicht wirklich überzeugenden Argumenten) gerne vermieden wird (wiederholt man die Exposition nicht, sondern geht direkt zur Durchführung entfällt der Fortissimo- Triller).


    9. Höhepunkt des Satzes für mich dann die Durchführung, ein Zweikampf zwischen Triolen und gegenlaufenden Achteln, der schließlich in einer Art Nervenzusammenbruch endet. Diesem folgt nun das erste Thema, diesmal in mehreren moll-Tonarten. Das ist von so unendlicher Einsamkeit, es zieht einem die Schuhe aus.


    10. 2. Satz Andante, ein trostloses Herbstbild in cis-moll, resignativ und in seiner Abgeklärtheit anrührend. Auch hier sind alle Kämpfe schon geschlagen und verloren. Im Mittelteil sammelt sich nochmal Energie. Am Ende dann eine nahezu transzendentale Modulation nach Cis-Dur. Vor allem harmonisch ist dieser Satz aufregend (so taucht auf einmal eine Passage in C-Dur auf, die aber aufgrund der geschickten Anlage überhaupt nicht als fremd wahrgenommen wird).


    11. Eigentlich wäre dies eines der typischen Werke, die nach dem 2. Satz abgebrochen werden und jeder würde sagen: nach diesen beiden kann nichts mehr kommen kann, weil alles gesagt ist (ähnlich wie bei Mahler X oder bei der Unvollendeten). Tatsächlich aber geht es weiter:


    12. ein Scherzo, sehr kurz mit einer Fröhlichkeit, der nicht zu trauen ist. Der Trio-Teil wirkt dann auch fahl. Für Spieler wie Hörer ist es schwer diesen Sprung vom Andante zu diesem Allegro vivace zu schaffen.


    13. Schlusssatz: Allegro ma non troppo. Wie oft bei Schubert kein Rondo, sondern ein Sonatensatz. Beispiellos, wie hier versucht wird, das B-Dur als Tonart beizubehalten. Schon zu Beginn kippt es immer wieder in c-moll. In der Presto-Coda muss es mit der Brechstange dem Satz eingeprügelt werden. Der Satz selbst ist ein Tanz, aber einer, den jemand alleine und ohne Publikum aufführt. Wer hier unbeschwerte Heiterkeit hört (man liest das immer wieder), hört nicht richtig hin. Es ist der freudlose Tanz eines Menschen, der weiß, dass alle seine Freunde auf einer Feier sind, auf die er nicht eingeladen ist.

  • c) Warum Richter? Warum diese Aufnahme?


    Auch hier nur ein paar unzureichende Stichpunkte:


    1. es ist für mich kaum möglich, diese Aufnahme zu hören, ohne dass mir in den ersten zwei Minuten die Tränen kommen.


    2. er spielt wirklich molto moderato. Viele andere Pianisten (Lang Lang als Negativbeispiel), spielen doch ein normales Allegro. Das sind häufig auch die, die die Dissonanzen an den schönen Stellen schonmal unter den Tisch fallen lassen. Dieses extrem langsame Tempo muss man aber – auch als Zuhörer - auch aushalten können. Nachteil: wer diesen Satz mit Richter gehört hat, ist vermurkst für alle Zeiten.


    3. er wiederholt die Exposition, es fehlt keine Note.


    4. für mich wurde durch diese Interpretation aus einer schönen Sonate eine Seelenbeichte. Was vorher nur nett war, ist auf einmal ein Trip, ein intimes Gespräch mit Schubert.


    5. er schafft es die Abgründe in dem Werk, derer es reichlich gibt, erlebbar zu machen ohne auf vordergründige Effekte zu setzen. Sein Spiel wirkt immer aus einem Gefühl heraus, nicht aus dem Willen, dem Zuhörer etwas zeigen oder erklären zu wollen.

  • Lieber cassio,
    vielen herzlichen Dank für diesen ganz besonderen Thread, in dem wir uns gegenseitig etwas von unserem Liebsten offenbaren und voneinander profitieren. Gerne habe ich Ihre Beiträge gelesen und die Musik dazu gehört, mit großer Aufmerksamkeit und viel persönlichem Gewinn. Danke!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



  • J. S. Bach, Sonaten und Partiten für Violine solo (BWV 1001–1006)
    gespielt von Henryk Szeryng (1918 – 1988)








    Eigene Beziehung zum Werk

    Die Sonaten und Partiten für Violine solo von Bach lernte ich als Violinschüler früh kennen. Zuerst hörte ich nur den ersten Satz der ersten Sonate g moll. Das warf mich um. Was war das für eine Musik? Wie intim, wie innig, wie emotional, wie tief empfindend, an vielen Stellen wie schmerzvoll! Das war der Anfang meiner nie endenden Beschäftigung mit diesem Kosmos. Eine ähnliche Entdeckung war später für mich nur Wagners „Parsifal“.
    Bald hatte ich einige Aufnahmen und die Noten und übte stümperhaft einige Sätze. Später erbte ich die uralten Noten meines Violinlehrers, las darin, spielte daraus, machte Einträge hinein. Irgendwie komme ich immer wieder auf dieses Werk zurück, spiele auch ab und zu noch Sätze daraus (aber nur, wenn ich sicher bin, dass keiner mithören kann). Dieses Werk gehört zu mir wie die „Meistersinger“, der „Parsifal“, die „Matthäus-Passion“, wahrscheinlich sogar mehr als zumindest die ersten beiden genannten Werke. Kaum eines geht mir nach wie vor so nahe, obwohl es mir immer immer noch nicht ganz vertraut ist. Es begegnet mir sowohl immer noch von außen, obwohl es manchmal aus meinem Inneren zu klingen scheint. Mit - nein, in - diesem Werk fühle ich mich auf geheimnisvolle Weise einsam und auf mich selbst geworfen und doch zugleich geborgen und getragen.

    1994 erschien anlässlich der Köthener Bachtage ein Aufsatz mit einer CD einer mir bis dahin völlig unbekannten Dame, Prof. H. Thoene, über dieses Werk. Damit erschloss sich mir dieses Werk erneut und noch tiefer. Es folgten weitere Publikationen (http://www.helga-thoene.de/ ), die ich immer wieder studiere, staunend, manchmal zweifelnd, aber immer fasziniert. Die berühmte Frage: Mit wem würden Sie mal gerne sprechen, wenn sie könnten, würde ich so beantworten: Ich würde mit J.S. Bach über seine Violinsonaten und die Ergebnisse der Forschung von H. Thoene sprechen und ihn danach fragen, was er von ihren Entdeckungen und Erkenntnissen hält. Die Frage, ob sich Bach wirklich das alles gedacht und hineinkomponiert hat (an manchem besteht da für mich überhaupt kein Zweifel), was H. Thoene zu entdecken glaubt, ist für mich persönlich das größte Geheimnis der Musikgeschichte.
    Wenn sich im Alter der Kreis der Wahrnehmung verengen wird und die Interessen sich reduzieren werden und die Freude konzentriert sein wird auf weniges, wird es musikalisch vermutlich neben ganz wenigen Werken (vor allem Kammermusik), dieses Werk von Bach sein, das zu meinen letzten musikalischen Eindrücken gehören wird - sofern ich mir das dann noch aussuchen darf und kann.


    Kurze Beschreibung zum Werk selbst
    Das Werk besteht aus drei Sonaten, denen jeweils eine Partita folgt, die Sonaten mit jeweils vier Sätzen, die Partiten mit deutlich mehr Sätzen (Tänzen). Die Musik nimmt sofort in Bann. Der Beginn mit dem g moll – Akkord schneidet gleich in die Seele (wie der Beginn der Johannes – Passion). Einige Sätze sind wunderschön, harmonisch bewegend. Manche schnellen Sätze, wie unendliche Melodien spielerisch sich fast endlos fortspinnend, bieten Entspannung für den Hörer zur Vorbereitung auf die Zumutung des nächsten langsameren anspruchsvollen Satzes. Das Ganze ist ein kaum auslotbarer Kosmos von Beziehungen.
    Zum Verständnis des Werkes gehört heute für mich die Sicht von H. Thoene, die ich im Einzelnen hier nicht vorstellen kann, genuin dazu. Sie entdeckte unter anderem mittels Anwendung der Gematrie in diesem Werk (zum Teil gar nicht mal so sehr) verborgene Bezüge, Aussagen und Inhalte wie Choräle und zahlensymbolisch verschlüsselte liturgische Texte. Deutlich hörbar sind z.B. die Choralmelodien von „Wie soll ich dich empfangen“ (ab Takt 122; Aufnahme: 1.22.25ff) und von „Jesu, Deine Passion“ (Takt 140ff; Aufnahme 1.22.39ff). Aber auch die Trauer um die erste Gattin Bachs ist in die Noten eingeschrieben (im Beginn der Ciaconna).
    Auch fand H. Thoene eine inhaltliche Klammer der Sonaten untereinander. Es gibt eine Aufnahme mit dem Hilliard Ensemble, die Teile der Entdeckungen der Violinpädagogin und Musikwissenschaftlerin sehr überzeugend hörbar macht ( https://www.jpc.de/jpcng/class…mble-Morimur/hnum/4086061 ).


    Warum ist diese Aufnahme wirklich bedeutsam?
    Was heißt hier schon „wirklich“? Ich kann hier nur für mich sprechen. Ich stelle vorweg: Mein großes Vorbild als Mensch und Musiker war von jeher Yehudi Menuhin, den ich oft gehört habe, dessen „Unvollendete Reise“ ich sehr oft zur Hand genommen habe, und dessen Gesamtinterpretationen des hier vorgestellten Werkes ich auch sehr schätze. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich hier aber die Interpretation von H. Szeryng heraushebe, auch wenn ihm das Fiebrige, Aufgerührte, das den Vollblutmusiker Menuhin ausmachte, nicht anhaftet. Vielmehr mit Ruhe, jedoch nicht mit Kälte, führt H. Szeryng durch das ganze Werk, aber keineswegs kommt bei seiner Interpretation Langeweile auf. Der Versuchung über Strukturen hinweghetzender Virtuosität erliegt er nicht, und doch erzeugt er keinen unförmigen Klangbrei. Gerade dadurch, dass er Extremen ausweicht, gelingt ihm das Außergewöhnliche und verhindert so das Gefühl der Ermüdung beim Hören. Ich höre seine Interpretation an vielen Stellen episch. Er singt, er erzählt, er weist auf etwas hin, er zeigt auf etwas, macht Notengefüge und Linien transparent. So bleibt beim Hören die Aufmerksamkeit erhalten. Manchmal stelle ich mir auch ein Gespräch vor, das die Stimmen führen (auch wenn sie, o Wunder, alle aus einem einzigen Streichinstrument kommen). Daher ist diese Aufnahme für mich eine Ausnahme auf dem Markt der vielen, auch wirklich guten und eindrucksvollen Einspielungen, unter deren jüngere ich auch die von Julia Fischer zähle. Ich weiß nicht, ob Hendryk Szerynig heute noch vielen ein Begriff. Und manchen Opernfreunden steht wahrscheinlich Bach, und erst recht das von mir hier vorgestellte Werk, nicht im Zentrum der Verehrung. Die hier gegebene Gelegenheit, einerseits einen Ausnahmemusiker wieder ins Gedächtnis zu rufen und dabei andererseits einem der in mehrerlei Hinsicht wundervollsten Werke der Musikliteratur meine Reverenz zu erweisen und beide den Lesern anzuempfehlen, nutze ich daher an dieser Stelle sehr gerne, in der Hoffnung, dass hierdurch bei den Lesern Interesse für Werk wie Musiker geweckt wird. Vielen Dank!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



    Einmal editiert, zuletzt von Hagen. () aus folgendem Grund: Sprachliche Korrekturen

  • Vielen Dank für das Feedback und den sehr persönlichen Beitrag. Ich bin neugierig auf die Aufnahme mit Henryk Szeryng. Bisher kenne ich nur die Transkription für Klavier der Chaconne in d-moll aus der Partita Nr. 2 durch Frederico Busoni, die ich sehr mag und die ich oft auflege. Ich freue mich drauf!

  • Danke, Hagen.

    Ich mochte die Interpretation von Josef Suk am liebsten, aber das ist Geschmackssache.

    Und noch lieber als die Sonaten und Partiten mochte ich die Suiten für Cello solo, insbesondere in der Interpretation von Pablo (Pau) Casals:

    Sie standen am Beginn meiner Leidenschaft für klassische Musik. Dazu ein passendes Zitat von Casals: "„Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quintessenz aller Musik.“"

  • Nach dem sensationellen Erfolg des Ursprungsbeitrags dieses Threads - das Postfach für persönliche Nachrichten quellte über vor Nachrichten mit der Bitte, die 14-Tage-Regel aufzuweichen, neue Links zu setzen, früher zu schreiben - doch ich musste jedem antworten: nein, ich bleibe hart. Vorsicht vor Lockerungen, habe ich gesagt, doch nun sind vierzehn Tage um und es kann etwas Neues von mir gepostet werden. Bevor es dazu kommt: ich konnte die vom Hagen empfohlenen BWV 1001 und BWV 1002 hören und fand es eine wirkliche Bereicherung. Da das Klavier mir näher liegt als die Violine, mag ich die Busoni-Bearbeitung der Chaconne letztlich lieber als das Original. Das gilt aber für Godowskys Bearbeitung von BWV 1001 ausdrücklich nicht. Hier ziehe ich das Bach-Original eindeutig vor. Die anderen werden in den nächsten Tagen nachkommen.

  • Schumann: Symphonien, Leonard Bernstein, New York Philharmonic


    ganz besonders Nummer 3:


    und Nummer 1


    Aber auch die zweite


    und die vierte sind in der Interpretation aufregend


    a) Schumanns Symphonien: die erste ("Frühlingssinfonie") habe ich als Kind kennengelernt (gemeinsam mit einer Aufnahme des Klavierkonzerts), die Interpreten habe ich vergessen. Ich mochte beide Werke, aber so richtig umgehauen haben sie mich ehrlich gesagt nicht. Ich habe im Alter von zehn jegliche klassische Musik in mich aufgesogen und da gab es dann doch Komponisten, deren Musik mich mehr beeindruckte. Den Menschen Schumann fand ich immer faszinierend. Irgendwie ein sympathischer Typ, auch die Biographie, die Beziehung zu Clara, die Erkrankung, der Rhein - das fand ich immer interessant.


    Jeder der im Rheinland der 80er und 90er Jahre lebte, kennt den ersten Satz der Rheinischen (3. Symphonie), weil im WDR-Fernsehen ein bekanntes Regionalmagazin damit begann. Bilder vom Kölner Rheinufer und vom Düsseldorfer Fernsehturm werden für Generationen, als es noch nur drei Programme gab, damit verknüpft sein. Der letzte Satz der Rheinischen hat ein Blechbläser-Motiv, das die Besucher der Kölner Philharmonie daran erinnert, wieder in den Saal zu kommen.


    Die Zweite lernte ich sehr viel später kennen, in meiner Mahlerphase, die nie wieder enden sollte (wenn auch nicht so exzessiv wie damals). Vor allem der langsame Satz hat viel von Mahler (Mahler selbst hat die Instrumentation des Werkes später für eigene Aufführungen modifiziert).


    Wenn man nur einen einzigen Symphoniesatz von Schumann hören wollen, würde ich den langsamen Satz der zweiten Symphonie empfehlen.


    irgendwann dann vor ein paar Jahren kam bei mir eine sehr ausgeprägte Schumannphase, die vor allem den letzten Schaffenswerken gewidmet war. Diese sind wirklich unglaublich. Besonders angetan hat es mir die Messe, das Violinkonzert, die Geistervariationen, da ist unglaublich viel und reiches dabei. Über die Klaviermusik dann zu den Klaviersonaten, v.a. die erste und die C-Dur-Fantasie. Ganz aufregender Schumann. Lediglich die Symphonien wollten bei mir nicht zünden. Bis dann Bernstein um die Ecke kam...

  • b) einer Darstellung der Werke selbst würde ich mich aufgrund des Umfangs diesmal sehr kurz fassen. Wer will kann da im Internet, in den einschlägigen Foren und auf anderen Seiten sehr viel finden. Die Symphonien sind sehr unterschiedlich, hier ein paar Worte dazu:


    1. Symphonie (Frühlingssinfonie)

    langsame Einleitung, Haltung optimistisch, fröhlich.


    2. Symphonie

    meines Wissens als letzte der Symphonien geschrieben, für mich die Tiefgründigste, aber das ist wohl Geschmackssache. Selbst wer Schumann nicht schätzt, sollte sich mit dem langsamen Satz versuchen lassen, zu überzeugen. Der ist eigentlich kaum in Worte zu fassen.


    3. Symphonie

    Die Schumanns kommen nach Düsseldorf und nach der Dresdner Tristesse erfreut man sich der Rheinischen Fröhlichkeit (und wahrscheinlich auch Bierseligkeit). Zusätzlich gibt es ein musikalisches Bild des Kölner Doms. Die Stimmung ist auch hier gelockert, eher hell.


    4. Symphonie

    eher düster, fordernd, treibend. Alle Sätze gehen ineinander über. Ich mag sie sehr. Furtwängler gilt hier als Königsklasse.

  • c) warum Bernstein?


    Für mich wird Schumann immer ein problematischer Komponist bleiben. Es ist ausgesprochen schwer, einen den Werken entsprechenden Klang herzustellen. Das gilt im übrigen auch für das Klavier. Das Schumannbild ist geprägt von vermurksten Aufführungen der Träumerei oder der anderen kleinen Stücke. Auf die Solokonzerte: der Schwierigkeitsgrad bzgl. des Ausdrucks übersteigt den der Technik bei weitem. Bei den Symphonien wird das eklatant. Schumann als Inbegriff des Künstlers der Romantik wird zugeschüttet mit einer Art Biedermeiersteifheit, man beschränkte sich immer wieder darauf, den Werken einen verklärten Gesichtsausdruck zu verleihen. Das führt dazu, dass sie entsetzlich langweilig werden. Was soll uns das heute überhaupt noch sagen? Romantik? Verklärung? Man unterschlägt, dass selbst Heine sich damals schon darüber lustig machte. Es ist kein Zufall, dass man den Teil des Schumannschen Gesamtwerkes selten bis nie aufführte, der sich nun beim besten Willen nicht in diese Romantische-Feel-Good-Musik pressen lies (z.B. das Violinkonzert - interessanterweise versuchten die Nazis das Werk mal etwas populärer zu machen, um das beliebte Mendelssohn-Konzert auszubooten, kein Kommentar!).


    Wer als von Wagner oder Mahler kommender Hörer zu den Schumann-Symphonien kommt, wird sie in der falschen Interpretation schnell als langweilig abtun. Und auch heute ist das Risiko, in einer blöden Schumann-Aufführung zu sitzen, wesentlich höher, als in einem unzureichenden Mahler- oder Bruckner-Konzert oder in einer Symphonie fantastique (Hector Berlioz), die nicht zündet. Schumann macht es einem nicht leicht.


    Warum Bernstein? Warum diese Aufnahme?

    Bernstein gibt den Werken das Existentielle zurück. Er dirigiert die Werke wie Mahlersymphonien, neurotisch, aufgewühlt. Bei keinen Werken ist der Unterschied deutlicher, als bei den "sicheren, ungefährlichen" Symphonien - nämlich der Ersten und der Dritten. Während die Dritte oft so aufregend gespielt wird, wie WDR-Fernsehen in den 80ern und 90ern war, geht hier von der ersten Minute an die Post ab. Ich kenne keine Aufnahme, in der die das Hauptthema begleitenden Achteln in den Streichern so prägnant und so treibend sind. Das ist atemberaubend. Natürlich ist das mehr der Hudson River in den 60ern als der Rhein im 19. Jahrhundert aber für mich schimmert neben der puren Schönheit und Lebfhaftigkeit des Themas auch die optimistische, fast manische Aufgeregtheit durch, die Schumann zu Beginn seiner Düsseldorfer Zeit empfunden haben muss.


    Bei der Frühlingssysmphonie ist der Unterschied zu bekannten Zeiten noch deutlicher. Nach der langsamen Einleitung, die fast immer gestaltet werden kann, misslingt vielen Dirigenten der Übergang zum schnellen Sonatensatz. es bleibt meist oberflächliches B-Dur-Gewusel. Bei Bernstein hämmert der Frühling so ungeniert rein, dass man das Gefühl hat, es ist vielleicht nicht nur die Jahreszeit gemeint sondern auch die Bedeutung im Wedekindschen Sinne.


    Die Zweite und die Vierte sind in diesem Zyklus ebenso gelungen. Beim langsamen Satz der Zweiten geht der existentialistische Ansatz der Interpretation zu Lasten der Schönheit. Das kann man natürlich ablehnen. Wer dies tut, sollte zum Vergleich die Interpretation aus dem späten Bernstein-Schumann-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern aus den 80ern hören. Der ist deutlich geglättet. Genau wie der ganze Zyklus, der - obwohl von Kritikern oft als Referenz angegeben - dem 60er New Yorker-Zyklus nicht ansatzweise das Wasser reichen. Für mich geht da doch einiges wieder in Richtung Schwerfälligkeit. Also wenn Schumann - dann Bernstein, und dann bitte New York und nicht Wien.

  • Liebe oder lieber cassio,

    vielen Dank für den Tip der Schumann Sinfonien unter Bernstein. Ich habe vergangene Woche Nr. 3, 1 und 2 gehört und kann Ihre Begeisterung teilen. Exemplarisch der von Ihnen geschilderte Beginn der Rheinischen ist wirklich der Hammer!

    Mein Favorit der Frühlingssinfonie ist bisher die Aufnahme mit dem Gürzenich Orchester unter Fabio Luisi (Konzert Mitschnitt). Das war vor etwas mehr als 10 Jahren. Ich bin nach wie vor froh, mir damals direkt nach dem Konzert die CD mit dem Konzert Mitschnitt gekauft zu haben.


    Eine Entdeckung ist für mich auch der YouTube Kanal, auf dem ja auch schon die von Ihnen empfohlene Schubert Sonate D960 zu finden war. Der Kanal lief bei mir letzte Woche jedenfalls sehr sehr viel.


    Vielen Dank und einen schönen Sonntag noch!

  • Lieber cassio,

    nun habe auch ich die Symphonien gehört und danke Ihnen für die Anregungen. Mir gefallen die Aufnahmen auch ausgezeichnet. Bernstein atmet diese Musik, empfindet sie, lebt sie, verschmilzt mit ihr. Einen ähnlichen Eindruck habe ich immer, wenn ich seine Aufnahmen der Brahms - Sinfonien höre.
    Im Gegensatz zu Ihnen empfinde ich aber den Beginn der 3. Symphonie eher als behäbig. Ich mag es da luftiger und schneller.

    oder in einer Symphonie fantastique

    Ein Werk, zu dem ich trotz mehrere Anläufe leider nie einen positiven Zugang gefunden habe!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



  • Nur falls Sie es nicht gemerkt haben sollten (vielleicht sind Sie ja noch übermüdet ;) ) : in Ihrem Zitatfeld ist nichts zitiert.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)