Ein Klassik-Wochenende unter Corona-Bedingungen

  • Das vergangene Wochenende haben wir genutzt, um konzentriert zu erleben, was unter den derzeitigen Corona-Einschränkungen in der Dresdner Klassikszene möglich ist.

    Das Wochenende begann am Abend des Freitags mit der Traditionsveranstaltung der Musiker der Sächsischen Staatskapelle „Ohne Frack auf Tour“. Seit 2016 wechselten einmal im Jahr kleine Ensembles von ihrem Stammhaus in Kneipen, Bars und Restaurants in die Innere Neustadt, um dort im Halbstunden-Rhythmus 20 Minuten abseits vom Konzertrepertoire zu spielen, was ihnen so am Herzen liegt. Jedes Jahr waren wir von Lokal zu Lokal gezogen, haben vier bis sechs der Musikergruppen besucht und viel Freude am Gebotenen sowie am Interesse der sonst nicht im Konzertsaal Anzutreffenden gehabt. Selbst am Rande der Osterfestspiele hatten wir die Gelegenheit, „unsere“ Musiker in den Salzburger Kneipen zu begleiten.

    An eine Einhaltung der Corona-Einschränkungen war in den Kneipen der Neustadt natürlich nicht zu denken. Weder die Abstände noch die Voraussetzungen für die Nachverfolgung eventueller Infektionsketten, eine Bedingung für die Dresdner Veranstaltungen, wären zu sichern gewesen. Deshalb spielten die zehn Ensembles auf dem Konzertplatz „Weißer Hirsch“ in Oberloschwitz und nicht parallel sondern hintereinander. Und zwar am Freitag und am Samstag. Die Online-Buchung der Tickets und eine Registrierung an der Abendkasse ermöglichten, dass der Teilnehmerkreis bekannt war.

    Ein Catering sorgte für eine begrenzte Biergarten-Atmosphäre und die Musiker für die Stimmung.

    In der besuchten Freitagsveranstaltung spielten zunächst die Flöten-Gruppe der Staatskapelle um Rozália Szabó Musik von Haydn, Mendelssohn Bartholdy und dem nach Dänemark verschleppten Österreicher Friedrich Daniel Kuhlau (1736-1832) unter dem Motto „Schneller, höher, schöner-die Flöten“.

    Zu einer Reise „In den Rausch der Tiefe „verführten sieben Kontrabässe unter Viktor Osokin mit Musik aus Südamerika, England, Österreich und Italien bis zum Australier Colin Brunby (1933-2018).

    Etwas Ruhe brachte Anett Baumann sowie Ami Yumoto (Violine), Juliane Preiß (Viola) und Titus Maak (Violoncello), dem „mal anderen Streichquartett“, mit einem Satz aus Verdis Streichquartett in das Geschehen. Zu unserer Freude brachten die vier unter anderem eine Komposition des langjährigen Dresdner Konzertmeisters Franҫois Schubert (1808-1878), der eigentlich Franz Anton getauft, aber nicht mit dem Wiener Franz Schubert verwechselt werden wollte. Als Schmankerl schloss das Quartett mit einer launischen Katzenmusik.

    Als Gast der Staatskapelle hatte die hervorragende Saxophonistin Sabina Egea Sobral den Konzertmeister Robert Lis (Violine), Florian Richter (Viola), Matthias Wilde Cello) sowie Andreas Ehelebe (Kontrabass) um sich geschart, um den Zuhörern „Die Quintessenz des Tangos“ zu servieren.

    Das Dresdner Hornquartett konnte aus den Werken des Dresdner Kantors Gottfried August Homilius (1714-1785), einer Szene aus dem Rosenkavalier, dem Mascagnti-Intermezzo entspannte Stimmung auf den Konzertplatz tragen. Besonders bezaubernd war das „Souvenir du Rigi op. 38“ des aus Lemberg stammendem Romantikers Albert Ferenc Doppler (1821-1883). Die Flötistin Rozália Szábo vermittelte den Gesang eines Waldvogels eingebettet in das Spiel der vier Hornisten.

    Für den Abend des Samstag gab es natürlich die Möglichkeit, den zweiten Teil „Ohne Frack auf Tour“ zu besuchen. Andererseits bot auch im Kulturpalast die Dresdner Philharmonie am Samstag und Sonntag den Dirigier-Einstand von Vasily Petrenko. Die Haydn- Sinfonia concertante, Prokofjews Klassische Sinfonie und Faurés Suite Pelléas und Mélisande waren für jeweils fast 500 Besucher zu hören. Ob der „Allgemeinen Verwirrung“ lenkte die online-Buchung aber zu den viel versprechenden Mottos der Aufklang! Lieder -Abende mit Mitgliedern des Semperopern-Ensembles.

    Wer sich diese reißerischen Titel ausgedacht hat, kannte hoffentlich die Abendprogramme nicht. Denn , was der depressive Monolog des König Philipp, die tragischen Schicksale der Linda di Chamounix oder des Mathias in Wilhelm Kienzls „Evangelimann“ an Leidenschaft vermittelten, bleibt dessen Geheimnis. Aber Peter Theiler hat es in seinem kurzen Talk herausgelassen, dass er das Haus wieder mit Leben erfüllen wollte.

    Letztlich boten die spartanisch ausgestatteten Abende einen guten Überblick über die Leistungsfähigkeit eines leider nur kleineren Teils des Hausensembles. Die Sänger wurden von den Korrepetitoren beziehungsweise musikalischen Assistenten Alexander Bülow, Hans Sotin, Clemens Posselt und Sebastian Ludwig am Klavier begleitet, also Personen, die sie aus der Zusammenarbeit beim Rollenstudium kennen und nicht von zufälligen Dirigenten abhängig.

    Daneben hatten auch die ansonsten im Verborgenen arbeitenden Musikdramaturginnen Bianca Heitzer und Juliane Schunke Gelegenheit, sich als Moderatorinnen vor Publikum zu zeigen.

    Der Technische Direktor des Hauses Jan Seeger erläuterte in einen Talk, welche Hürden zu überwinden waren, die Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen organisieren zu können.

    Die große Freude war aber vor allem, die vertrauten und lange vermissten Stimmen von Christa Mayer, Ute Selbig, Roxana Incontrera, Markus Marquardt, Tilmann Rönnebeck sowie anderen langjährigen Ensemblemitgliedern zu hören. Auch sind wir begeistert, dass mit Katerina von Bennigsen, Michal Doron und Alexandros Stavrakis inzwischen neue Stimmen ins Haus gekommen sind. Besonders freut uns, dass mit dem Amerikaner Joseph Dennis wieder ein entwicklungsfähiger Tenor dem Ensemble angehört.

    Zu den Besonderheiten beider Abende gehören zweifelsfrei die Arie der Linda di Chamounix der Katarina von Bennigsen, der kraftvollere Philipp von Tilmann Rönnebeck, das Mahler-Lied „Ging heut morgen übers Feld“ von Michal Doron, die Barcarolle aus Hoffmanns Erzählungen mit Christa Mayer und der Gastsängerin Elena Gorshunova, die kraftvollen Tschaikowski-Lieder von Alexandros Stavrakis und vor allem die beeindruckend von Markus Marquardt dargebotene Carl-Löwe-Ballade „Archibald Douglas“.

    Inzwischen liegen auch die Corona-Austausch-Programme der Staatskapelle und der Semperoper für den Zeitraum August bis Oktober 2020 mit einer Reihe Höhepunkte vor. Die Staatskapelle wird ihre Konzerte mit eingegrenzter Besetzung durchführen müssen. Die Semperoper bietet ein fast vollständiges Programm der Repertoire-Opern, allerdings halbszenisch und auf die musikalischen Höhepunkte begrenzt. Das Ganze unter dem Motto „Essenz“.

  • Ich frage mich ja nur, was die Durchhalteparole „für November hofft man auf eine Rückkehr zum normalen Spielbetrieb“ bezwecken soll.


    https://www.musik-in-dresden.d…henstellungen-in-dresden/


    Der Text ist zwar auch schon wieder vier Tage alt und die Aussage vielleicht noch etwas älter, aber aktuell sieht man doch nicht das erhoffte Auslaufen der Epidemie, sondern leider das Gegenteil. Zwar macht das Infektionsgeschehen bis jetzt einen Bogen um Dresden, aber ich würde mich für die kommenden Monate nicht darauf verlassen wollen. „Notfall“ mit „Welle“ wäre wohl ein anderes Szenario als das, auch nach dem 31. Oktober weiter mit dem Hygienekonzept mit 330 nutzbaren Zuschauerplätzen usw. zu spielen.


    Ansonsten sind die in dem Artikel beklagten „Kulturinseln“ wirklich sehr hübsch. Mit der „Shoppingtour“ arbeitet die Kunst- und Kulturstadt Dresden ganz gekonnt an der Weiterentwicklung ihres Images. Oder so.

  • Ansonsten sind die in dem Artikel beklagten „Kulturinseln“ wirklich sehr hübsch. Mit der „Shoppingtour“ arbeitet die Kunst- und Kulturstadt Dresden ganz gekonnt an der Weiterentwicklung ihres Images. Oder so.

    Meine Hoffnung war zwar, dass nach der Zwangspause und dem fuliminanten "Aufklang" in der Sommerpause dem DD-affinem Publikum ein durchgängiges Programm geboten wird. Aber Peter Theiler ist mit seiner Entourage, wie der große Rest Deutschland , in den Sommerurlaub abgeduckt.

    Mithin muss ich vermuten, dass die gesamte Jammerei über die künstlerische Untätigkeit auch nur dem Mainstream gefolgt war..

  • Meine Hoffnung war zwar, dass nach der Zwangspause und dem fuliminanten "Aufklang" in der Sommerpause dem DD-affinem Publikum ein durchgängiges Programm geboten wird. Aber Peter Theiler ist mit seiner Entourage, wie der große Rest Deutschland , in den Sommerurlaub abgeduckt.

    Mithin muss ich vermuten, dass die gesamte Jammerei über die künstlerische Untätigkeit auch nur dem Mainstream gefolgt war..

    Ich denke, dass die Mitarbeiter-innen der öffentlichen Kultureinrichtungen in Dresden wie auch andernorts das machen, was die Arbeitsverträge und Nebenabsprachen vorsehen: Werksurlaub nennt man das z. B. in einzelnen Industriezweigen. Und es können zum Glück keine Beschäftigten gezwungen werden, ihren Jahresurlaub zu nehmen, weil unverschuldet nichts produziert werden kann, auch keine Kunst, um andere zu Vergnügen. Davon abgesehen muss es den Einzelnen überlassen bleiben, wie und wo sie sich in der aktuellen Zeit aufhalten, um sich gesundheitlich sicher zu fühlen. Die Damen und Herren der öffentlichen Medien wären in Teilen gut beraten, ihre Intellektuelle Überlegenheit, an der sie uns teilhaben lassen, auch mal in diese Richtungen zu lenken, statt ihre Rat- und Hilflosigkeit hinter gefälligen Polemiken und Vorurteilen zu verstecken. Ich verstehe auch nicht, warum ausgerechnet zur Zielscheibe gemacht wird. Man kann sich doch nur freuen, dass sich Stadt und Umland so gut entwickelt haben.