Richard Wagners Antisemitismus

  • Hier soll es um alles gehen, was mit Richard Wagners Antisemitismus, dessen Ursprung, Art und Wirkungsgeschichte zu tun hat.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



  • Der Absatz von Herrn Brachmann in der FAZ geht nach: „Im Festspielhaus selbst wäre der Völkermord an Europas Juden zum Thema geworden. Er gehört zur finsteren Wirkungsgeschichte Richard Wagners.“ noch weiter:

    „Denn der Komponist war einer der entschiedensten Antisemiten des neunzehnten Jahrhunderts, dessen fanatischer Hass auf die Juden sogar Phantasien von deren gewaltsamer Vernichtung einschloss.“


    Danach würde die gewaltsame Vernichtung (was wäre eigentlich in diesem Kontext eine gewaltfreie Vernichtung?) nicht nur zur Wirkungsgeschichte Richard Wagners (mittelbar) gehören, sie würde zu den Phantasien Richard Wagners selbst gehören. Die Schriften Richard Wagners kenne ich nicht und leider macht Herrn Brachmann auch keine Quellenangabe. Nachdem was ich bislang in den Feuilletons gelesen habe, hatte ich eher den Eindruck, dass Richard Wagner zwar überzeugter Antisemit war, sich aber von Hitler hinsichtlich des Vernichtungswillens unterschied.

    Wagners "Das Judentum in der Musik" ist ein antisemitisches Pamphlet. Aber von einer Tötung von Juden ist hier nicht die Rede. Anlass zu solchen Deutungen gibt sicher die Rede vom "Untergang" am Ende des Textes, ein Vokabular, dass in unserer Zeit gleich Assoziationen aufsteigen lässt, die allerdings etwas in den Text hineinzutragen Gefahr birgt, was in ihm nicht steht.

    Darüber kann man manches lesen unter anderem in Manfred Eger, Wagner und die Juden. Fakten und Hintergründe. So wird einem leicht klar, dass mit dem "Untergang" von dem Wagner sprcht, keinesfalls physische Vernichtung gemeint ist.

    Interessant ist auch, dass es kurz nach Erscheinen der Schrift Wagners 170 Gegenschriften gab, "in denen auch Nichtjuden und tief verletzte jüdische Wagnerverehrer ihre Betroffenheit zum Ausdruck brachten und [...] dennoch versuchten, dem künstlerischen Werk und den anderen Schriften Wagners gerecht zu werden. Bemerkenswert aber ist vor allem, dass niemand von ihnen den später vielfach - und oft absichtlich - missdeuteten Schluss der Broschüre als Aufforderung zur Vernichtung oder Selbstvernichtung der Juden missverstanden hat." (M. Eger, a.a.O., S. 37).

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



  • Es gibt, wenn ich mich nicht täusche, einen Eintrag Cosimas in ihr Tagebuch, nach dem Richard sich angesichts des Ringtheaterbrands in Wien 'scherzhaft' dahingehend geäußert habe, es möchten bei einer Vorstellung von Nathan der Weise möglichst viele Juden verbrennen.

    "Er sagt im heftigen Scherz, es sollten alle Juden in einer Aufführung des "Nathan" verbrennen." (18. Dezember 1881). Hintergrund ist ein Gespräch über die Stelle im Nathan, in der es heißt, Christus sei auch Jude gewesen.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



  • Noch ein etwas ausführlicherer Beitrag zum Thema:

    Was hat Wagner mit Hitler und dem Nationalsozialismus zu tun? Klar ist, dass sich in skandalöser Weise antisemitisch geäußert hat, besonders in seiner "Judenbroschüre". Die Ausführungen darin sind dazu angetan Trauer und Zorn zu verursachen. Aber weder ist Wagners Haltung zum Judentum und zu Juden auf diese Schrift zu reduzieren, noch ist es - und das ist entscheidend - dieser Antisemitismus, der zur Grundlage und zum Wegbereiter nationalsozialistischer Wagnerverehrung wurde. Es war der Bayreuther Kreis, es war Chamberlain, die in ihrer Wagner - Rezeption Wagner vereinseitigt und für ihre Weltanschauung und Pseudoreligion schimpflich reduziert haben auf die Aspekte, die ihnen entgegen kamen, die ihn missbraucht und vereinnahmt haben.


    Und so waren es auch die Nazis, die übrigens gar nicht alle Wagnerschen Werke mochten und die Schriften Wagners in der Regel gar nicht kannten, die Wagner usurpierten unter Missachtung zum Beispiel seiner sozialistisch - utopischen Gedanken. Der "Parsifal" mit seiner Mitleidsethik war der offiziellen Nazipropaganda eher peinlich.
    In der Nazi - Zeit wurde Wagner missbraucht, denn "Mit dem Geist des Dritten Reiches hatte Wagner, hatte Wagners Musik ... ebensowenig gemein wie Goethe oder Schiller, Kleist oder Beethoven, die ja ebenfalls als Gallionsfiguren der nationalsozialistischen Kulturpolitik mißbraucht wurden. "D.D. Scholz, Richard Wagners Antisemitismus, Dissertation 1992, S. 186).

    Es ist also festzuhalten, dass von Wagner keine direkte Linie zu Hitler ausgeht. Der "historische Wagner" ist nicht der Wagner Hitlers.
    Wagner zu beurteilen "aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren [und von Spätergeborenen. (Hagen.)], ist ein unerlaubtes Verfahren" (J. Katz, Richard Wagner, S. 203), wenn man redlich urteilen will.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)