Lohengrin Premiere 1.11.

  • Kurz vor der Sperrstunde: Premiere für Leipziger Lockdown-Lohengrin




    „Es gibt ein Glück, das ohne Reu´“ - nicht erst im zweiten Akt der Wagneroper. Denn glücklich ist, wer es vor der Ouvertüre überhaupt ins Opernhaus geschafft hat. Die ursprünglich für den 7. November geplante Premiere wurde in einem anarchistisch anmutenden Streich kurzerhand auf den 1. November vorverlegt - mit der Gralserzählung drei Stunden vor dem Kulturlockdown. Für 370 Besucher, mit großem Orchester auf und Chor hinter der Bühne. Dazu gesundheitsamtskonform zusammengestrichen auf pausenlose 2 Stunden. Allerdings stiegen am Premierentag die Leipziger Coronazahlen auf eine Inzidenz von über 50. Folge für das Publikum: am Mittag (12:33 Uhr) wurde in der Lokalpresse vermeldet, 132 Besuchern müßte der Zutritt verwehrt werden, die Oper würde Karten sperren und die Käufer kontaktieren. Aber soweit ist das Haus mit der Digitalisierung dann doch noch nicht gekommen, die Oper wirbelt zwar mit Emails, auf Facebook, Twitter und Instagram - aber wenn es mal wichtig wird? Dann tritt der Marketingchef um 17:50 Uhr vor eine sich plötzlich schließende Eingangstür und verkündet einer langen Schlange von erwartungsvollen Premierenbesuchern (die allesamt nicht kontaktiert wurden): es könne keiner mehr rein, da helfen die gekauften Karten leider nichts, Schuld habe das Virus. Provinztheater.


    Drinnen gibt es, für alle, die es geschafft haben, wunderbar freie Sichtachsen. Das Gewandhausorchester gut sichtbar auf der Bühne, davor bis hin über den abgedeckten Orchestergraben Platz für die durchdachten szenischen Arrangements (Inszenierung Patrick Bialdyga). Drei variabel als Spielflächen eingesetzte Tische, sparsame Projektionen und zwei Skulpturen von Klaus Hack. Die kammerspielartig angelegten Szenen (mit viel Abstand) gehen auf, alles spielt an der Rampe, ohne auch nur einmal zum Rampengesang zu verkümmern. „Lohengrin“, dessen Handlung so nachvollziehbar ist wie die Coronaverordnungen für Kultureinrichtungen, wird der Massenszenen entledigt. Ulf Schirmer, Intendant und musikalischer Leiter, hat eine Strichfassung erstellt, in deren Folge sich die Szenerie auf die intimeren Szenen des Werkes konzentriert, schlüssig und für alle Werkskundigen auch nachvollziehbar. Lückenlos gleiten die pausenlos durchgespielten Akte in einander - es ist ein Glück, dabei zu sein.


    Die musikalische Seite des Abends: Welttheater, mit einem durchweg hochkarätig besetzten Ensemble. Schon der hausintern mit Mathias Hausmann besetzte Heerrufer ist eine Luxusbesetzung, sein stückinterner Arbeitgeber, König Heinrich, wird von Randall Jakobsh als ein Herrscher skizziert, der den Lohengrinplot auch nicht so recht durchschaut und die ihn umgebende Personage kaum zuordnen kann. Jeniffer Holloway, als Elsa schlichtweg ein Ereignis, an ihrer Seite Michael Weinius als Schwanenritter: beide textverständlich, beide mit der Fähigkeit, im Duett zusammen Piano zu singen (geht z. B.mit Wagner-Tenorstar Andreas Schager nie). Simon Neal (Telramund) spielt Ortruds Werkzeug: vielleicht etwas platt als Blinder eingeführt, statt mit dem Schwert mit einem Langstock herumfuchtelnd. Und dann, immer auf der Bühne als Strippenzieherin präsent: Stephanie Müther als Ortrud - hochdramatisch, ohne auch nur im Ansatz zu Schreien. Sie dirigiert, auch kartenlegend, die Szenerie.



    Die musikalische Leitung liegt beim Intendanten. Ulf Schirmer, ohne Blickkontakt zu den Solisten, liefert seine Strichfassung auch als dramaturgisch spannenden Bogen, trotz der komplizierten Bedingungen (die auf den Hinterbühnen nicht sichtbaren Chöre wurden verstärkt und klingen sehr hallig) ohne Wackler, und der Besucher blickt wehmütig auf dieses groß besetzte Orchester, dass er so schnell nicht hören und wiedersehen wird. Es ist auch ein Verdienst des Abends bewiesen zu haben, dass Wagners Werke trotz Kürzungen nicht verstümmelt werden müssen. An einen „Tristan“ würde er so niemals herangehen, verkündete Ulf Schirmer vorab (soll er sich bitte der Meistersinger annehmen! :thumbsup:).

    Und: wenn wie nicht nur in Bayreuth einschläfernd zu durchleben, Lohengrin-Chormassen in der Lang/Originalfassung unmotiviert von A nach B schleichen, kann auch eine ganz essenzielles Konzentrat auf den Spielplan treten. Ursprünglich sollte der Leipziger Lohengrin von Katharina Wagner neu in Szene gesetzt werden, dieses Projekt scheiterte, erst an Corona, dann an der mittlerweile überwunden schweren Erkrankung der Hügelchefin. Wann zumindest die Ersatzfassung wieder gezeigt werden kann?‚ „Nie sollst Du mich befragen“.


    Verdiente Bravos für einen großartigen Abend, Bravos, die auch „danke“ meinten.

  • Dann tritt der Marketingchef um 17:50 Uhr vor eine sich plötzlich schließende Eingangstür und verkündet einer langen Schlange von erwartungsvollen Premierenbesuchern (die allesamt nicht kontaktiert wurden): es könne keiner mehr rein, da helfen die gekauften Karten leider nichts, Schuld habe das Virus. Provinztheater.

    Das ist völlig unmöglich. Ich glaube, daß das jedes Provinztheater besser hinkriegt.

  • Das ist völlig unmöglich. Ich glaube, daß das jedes Provinztheater besser hinkriegt.

    Das Provinztheater hätte auch bessere Möglichkeiten, was die Erreichbarkeit der potentiellen Besucher betrifft. Ich hatte Pressetickets und wurde per Mail befragt, ob ich unbedingt kommen müsste. Da zur gleichen Zeit in DD die Zauberflöte anstand, hatte mich ohnehin bereits abgemeldet.

    Zu hinterfragen wäre aber, ob die Inzidenz von 50,6 nun unbedingt das Fallbeil erforderte?

  • Das Provinztheater hätte auch bessere Möglichkeiten, was die Erreichbarkeit der potentiellen Besucher betrifft.

    Warum? Es kommt auf die Anzahl der Besucher an, und darauf, wie die örtlichen Gesundheitsämter funktionieren.

    Das sollte doch in Leipzig besser gegeben sein als in der Provinz.

    Zu hinterfragen wäre aber, ob die Inzidenz von 50,6 nun unbedingt das Fallbeil erforderte?

    Wenn man mal mit Grenzüberschreitungen anfinge, gäbe das ein heilloses Durcheinander.

  • Warum? Es kommt auf die Anzahl der Besucher an, und darauf, wie die örtlichen Gesundheitsämter funktionieren.

    Das sollte doch in Leipzig besser gegeben sein als in der Provinz.

    Wenn man mal mit Grenzüberschreitungen anfinge, gäbe das ein heilloses Durcheinander.

    Sollen die Gesundheitsämter sortieren, wer in die Oper darf? Ih der Provinz weiß das Opernhaus, wie der einzelne Besucher erreicht werden kann. Das beginnt nach meiner Erfahrung selbst in Chemmnitz, obwohl das dortige Opernhaus sich nicht provinziell sieht.

  • Sollen die Gesundheitsämter sortieren, wer in die Oper darf?

    Natürlich nicht. Was meinten Sie mit der "Erreichbarkeit der Besucher"? Ich ging davon aus, daß Sie das Nachvollziehen im Fall einer Infektion meinten. Aber auch, wenn Sie es als Vorab-Information gedacht hatten: ich bezweifle, daß es in der Provinz um so vieles leichter ist, das Publikum zu erreichen. Kommt natürlich darauf an, was man als "Provinz" definiert.

    Wichtig ist vor allem, wie die Marketing-Abteilung und das Kartenbüro der entsprechenden Opernhäuser drauf ist.

  • Die Marketingabteilung der Oper Leipzig hatte bei der online-Buchung der Tickets aus "Nachverfolgungsgründen" Mailadressen der Käufer gespeichert. Ihre "nicht ausgewählten potentiellen Gäste" hat das Haus auch versucht, per Mail zu benachrichtigen. Aber wer nicht sein Postfach geöffnt hat, bevor er zur Oper aufbrach, war eben nicht informiert.

    Die Oper hat sich nur helfen können, dass, als die zugelassene Besucheranzahl im Haus war, den Eingang zu schließen. Damit blieben auch "ausgewählte Besucher" ausgesperrt!

    Nur wegen dieses Durcheinander meinte ich, das Gesundheitsamt hätte die 0,6 ignorieren sollen.

  • Wenn man mal mit Grenzüberschreitungen anfinge, gäbe das ein heilloses Durcheinander.

    Zu einer Grenze gehört nun einmal, dass sie klar definiert ist. Und je näher man an der Grenzüberschreitung ist, desto ärgerlicher ist es.


    Nur einen Punkt mehr und ich hätte...
    Nur eine Zehntelsekunde schneller und ich wäre...


    Aber andersherum gibt es Leute, die sich freuen können, nämlich immer die, die es noch so eben knapp geschafft haben. Meistens sorgt ein langes Leben für Ausgleich. Manchmal ist man knapp auf der falschen Seite der Grenze, manchmal knapp auf der richtigen. Das muss man hinnehmen. Und es ist nicht gleich ungerecht, wenn man auf der falschen Seite steht. Aber Grenzen die fließend sind, sind keine Grenzen. Denn wo sollte bei ihnen die rote Linie sein? Insofern ist auch die Inzidenzzahl - Grenze 50 oder 100, oder 35 nicht ungerecht, oder falsch, nur weil man sie gerade knapp reißt.


    Im übrigen und am Rande: Frau Merkel hat gestern noch einmal klargemacht: die Maßnahmen, die derzeit gelten, sind verhältinsmäßig und sinnvoll und das mildere Mittel zur Bekämpfung der Pandemie. Sie hat sich darüber geärgert, dass manche meinen, in Deutschland hätte man sich irgendetwas willkürlich ausgedacht, und verwies auf andere Länder, in denen es inzwischen schon wieder wesentlich düsterer aussieht als bei uns und die Maßnahmen wesentlich restriktiver sind.

    Lasst uns doch also auch mal froh sein darüber, dass wir in diesem Land mit diesen Regierungen leben dürfen!

    ....

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



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  • Die Marketingabteilung der Oper Leipzig hatte bei der online-Buchung der Tickets aus "Nachverfolgungsgründen" Mailadressen der Käufer gespeichert. Ihre "nicht ausgewählten potentiellen Gäste" hat das Haus auch versucht, per Mail zu benachrichtigen. Aber wer nicht sein Postfach geöffnt hat, bevor er zur Oper aufbrach, war eben nicht informiert.

    Die Oper hat sich nur helfen können, dass, als die zugelassene Besucheranzahl im Haus war, den Eingang zu schließen. Damit blieben auch "ausgewählte Besucher" ausgesperrt!

    Nur wegen dieses Durcheinander meinte ich, das Gesundheitsamt hätte die 0,6 ignorieren sollen.

    Nein, Thomathie, das ist definitiv falsch - oder eben die verdrehte Wahrheitsfindung des Marketings. Der Einlass lief in Wirklichkeit anders: es wurden alle herein gelassen, bis der Zähler die aktuelle Corona-Grenze erreicht hatte. Dann wurden die Türen einfach verriegelt. Seriös gearbeitet, wären doch die Barcodes der "Ausgeladenen" einfach gesperrt wurden, dies ist nicht passiert. Es sind definitiv Leute nicht herein gekommen, die keine Mailbenachrichtigung erhalten hatten. ... egal, was Ihnen von Presse oder Marketing im Nachhinein erzählten ... ich habe die Szene live erlebt

  • Nein, Thomathie, das ist definitiv falsch - oder eben die verdrehte Wahrheitsfindung des Marketings. Der Einlass lief in Wirklichkeit anders: es wurden alle herein gelassen, bis der Zähler die aktuelle Corona-Grenze erreicht hatte. Dann wurden die Türen einfach verriegelt. Seriös gearbeitet, wären doch die Barcodes der "Ausgeladenen" einfach gesperrt wurden, dies ist nicht passiert. Es sind definitiv Leute nicht herein gekommen, die keine Mailbenachrichtigung erhalten hatten. ... egal, was Ihnen von Presse oder Marketing im Nachhinein erzählten ... ich habe die Szene live erlebt

    Nichts anderes habe ich beschrieben!

    Übrigens: Das Gesundheitsamt Leipzig meldet gestern eine 7-Tage Inzidenz von 45,8!

  • Leipziger „Lohengrin“-Lollipop, lohnend?

    Das Spannendste an dieser gekürzten Fassung von „Lohengrin“ ist seine Vorgeschichte, die mindestens bis zum letzten „Tannhäuser“ der Oper Leipzig im Jahr 2018 zurückreicht. Schon steht der Termin der „Lohengrin“-Vorstellung im Paket „Wagner 22“ mit allen Wagner-Dramen in chronologischer Reihenfolge nach Entstehung fest: 30. Juni 2022. Aber das wird ein schon wieder anderer „Lohengrin“ sein als die wegen des Teil-Lockdowns vom 7. auf den 1. November vorverlegte Premiere.

    http://www.nmz.de/online/leipz…ohengrin-lollipop-lohnend

  • Hätte es denn keine Möglichkeit gegeben, die anderen in einem Nebenraum oder im Foyer zu platzieren, um (bei Interesse) die Premiere per Lautsprecher zu übertragen? Dazu ein Getränk... das hätte doch die Sache schon anders aussehen lassen...

  • Hätte es denn keine Möglichkeit gegeben, die anderen in einem Nebenraum oder im Foyer zu platzieren, um (bei Interesse) die Premiere per Lautsprecher zu übertragen? Dazu ein Getränk... das hätte doch die Sache schon anders aussehen lassen...

    Allerdings!

    Bei uns gibt es da z.B. die "Rheingold-Bar", da kann man dann die Vorstellung per Monitor verfolgen. Gedacht für Zuspätkommer.

  • Aber das unterläuft ja wieder die offiziellen Vorschriften und schafft dann neuen Ärger. Das ist dann so wie bei den Typinnen und Typen, die in der UBahn mit einer offenen Flasche Wasser in der Hand sitzen und behaupten, etwas zu trinken, so dass sie den Mundschutz nicht tragen müssten. Das funktioniert alternativ auch mit einer Tüte Kekse oder Erdnüssen. Da fehlt mir auch das Verständnis für die Phantasie, die die lieben Mitmenschen entwicklen.

  • Wenn schon

    Typinnen und Typen

    Dann auch nicht

    die lieben Mitmenschen

    sondern die lieben Mitmenschinnen und Mitmenschen!
    ;)

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



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  • Vor einer Minute bei "heute" im ZDF:
    "Minijobberinnen und Minijobber".

    Es nervt unglaublich.
    Und ich werde mich beschweren beim ZDF, denn im Hintergrund war das Bild einer jungen weißen Kellnerin zu sehen. Das ist diskriminierend, denn was ist mit den Kellnern? Und gibt es keine älteren Bediensteterinnen und Bedienstete in diesem Gewerbe? Als Älterer fühle ich mich dadurch ausgegrenzt aus dieser Berufsgruppe. Und was ist mit den nicht weißen Kellnerinnen? Die gibt es doch auch. Aber die fallen alle hinten runter bei diesem einseitigen Bild. Da hilft auch die Erwähnung der "Minijobberinnen" nichts.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit
    über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit,
    nicht eine hemmende Schranke sein. (R. Wagner, Kunst und Revolution, 1849)



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