Beiträge von opernwahn

    Schon der ausbleibende Auftakt war angemessen: keine überflüssige Rede des Intendanten über Corona-Generalpausen und sonstiges Betroffenheitsgelaber vor dem ersten Verdi-Ton, den nicht mehr erklärungsbedürftigen Rahmen lieferte schon das hauseigene Umfeld. Auf die etwa 300 zugelassenen Besucher kam gefühlt ein Betreuer/Aufpasser, die Semperoper gewährte an wirklich jeder zu öffnenden Tür (auch an den Seiten, noch nie erlebt) Einlass. Vor jeder Toilette waren Wachen postiert, die den Zugang für jeweils nur eine Person absicherten. Und als ich, nach Corona immer noch nicht topfit, im leeren Treppenhaus zwischen 3. und 4. Rang den Nasen/Mundschutz zur besseren Atmung vom Riechkolben verschob, wurde ich erwischt und ermahnt, die richtige Anzugsordnung wieder herzustellen. Darauf musste ich Lachen und kassierte die barsche Drohung, im Verweigerungsfall des Hauses verwiesen zu werden. Dabei wollte ich nur mal, mutterseelenallein, besser Durchatmen. Hätte sich der Aufpasser nicht halbe Treppe in den Weg gestellt, hätte es keiner bemerkt .. Kurzum: eigentlich hatte ich die Schnauze voll, bevor alles begann.


    Die Szenerie im Zuschauerraum: absurd. Die ersten 5 Reihen im Parkett leer, ab dann jede zweite partiell besetzt. Der Aerosolschutz zwischen Bühne und Publikum: fast 10 Meter. Am Ende triumphierte die Musik, und es war ein Abend, der einen am nächsten Morgen mit einem Lächeln aufwachen lässt. Ich fand die kargen Arrangements richtig gut, es war halt, als wenn man einer besseren (veredelten) Klavierhauptprobe beiwohnt. Mit Ausnahme des Posa alle SängerInnen (:thumbsup:) sehr gut aufgelegt, die oft im Forum zu lesenden Vorbehalte gegen Yusif Eyvazov kann ich nicht nachvollziehen. Durchschlagende, aber kultivierte Stimme, sehr symphatisches Auftreten. und bei Anna N. wurde ich noch nie enttäuscht (mit Abstrichen für ihre Gilda, die konnte sie M.E. schon von ihrer Erscheinung her nicht glaubhaft vertreten). Aber nicht nur ihre Elsa am Haus war phänomenal, und die Semperoper hatte nun, für die "Aufklang!" bezeichnete Serie, ausgesprochen besucherfreundliche Preise aufgerufen (25 bis 120). Für ihre Elisabetta gab es die berechtigen Ovationen - irgendwie hatte das Publikum am Ende offenbar auch das Bedürfnis, auch für die nicht vergebenen 1000 Plätze mitzujubeln, allen Beteiligten).

    Ein großartiger, spektakulärer Abend. Mehr davon wird es erst wieder geben, wenn die Masken endlich fallen dürfen.

    Mal noch was zu Corona: In Sachsen dürfen Opern und Theater ab 20. Mai wieder öffnen. Schräg, oder? Schade, dass einige Häuser offfenbar voreilig schon bis zum Saisonende dicht gemacht habe, vielleicht wird die Ankündigung des Freistaates aber auch noch zurück genommen - oder die Schließungen. Denn Großveranstaltungen werden ja weiter unterbunden. Sagt Mutti. Aber offenbar hat sie nicht mehr viel zu sagen, sonst gäbe es eine solche Verlautbarung nicht (die ich aber auch nur von der Website des MDR kenne). Aber zumindest: In Leipzig steht dann noch ein Ring auf dem Programm. Ein taffer Privatsender könnte doch jetzt eine Rateshow ins Programm heben, deren einzige Fragen aus den Coronaregelungen Deutschlands bestehen bräuchte. Sehr schön dann das Promiraten ...

    Zumindest vorGestern hat sich Herr Müller noch darüber aufgeregt dass in Sachsen-Anhalt die Gaststätten am 22. Mai wieder öffnen sollen und er hoffte dass man das noch zurücknehmen kann

    Berlin hat die Kitas kostenlos gestellt obwohl der Haushalt ausgesprochen defizitär ist. Und das kann sich Berlin eben nur leisten weil andere zahlen. Und das ist politischer Irrsinn. Aber weil das hier die Corona Abteilung ist: ich sitze in Weimar gepflegt vor einem Weizen auf einem Freisitz, das Bier schmeckt, und ehrlich gesagt ich fühle mich wohl dabei. Der nette Herr Müller findet das aber nicht gut

    Keine Ahnung. :thumbsup: Oldenburg verschiebt seine drei Ringe nun auch um 2 Jahre, da behalten die Karten angeblich ihre Gültigkeit. Aber da geht es ja wenigstens um die selben Aufführungen, die gebucht wurden ...

    Das kann man so sehen. Aber falls Sie - und ich hoffe das nicht - in Kontakt mit Corona kämen, wüsste ich, wen Sie eher um Rat fragen würden. Mein Lieblingszitat aus dem Interview: "Es gibt kaum Desinfektionsmittel, nach vier Wochen habe ich jetzt in meiner Apotheke zum ersten Mal welches bekommen. Ich finde: Das ist ein bisschen schwach für einen Exportweltmeister!"

    Aber ich hatte Corona! Nur wollte mich die Klinik nach Vorgaben des RKI anfangs nicht testen...

    Es geht darum, wieviel Freiheit zum Schutz einer Minderheiten beschränkt werden darf. Es sterben Leute, sagt ja auch Palmer, die eh sterben würden, vielleicht etwas später. Das mag zynisch sein. Und Castorf sagt:


    Wozu führt es denn, wenn man alte Menschen, die jetzt als Risikogruppe Nummer eins bezeichnet werden, einfach einsperrt? Das macht die Psyche kaputt und nährt den Lebensüberdruss, bis die Leute sagen: Lasst mich doch endlich sterben! Zumindest wollen die Rentner, die nicht in Villen am Starnberger See leben, sondern einsam in kleinen Wohnungen sitzen, so nicht leben. Mein Freund, der Schauspieler Frank Büttner, darf jetzt nicht mal seine schwerstbehinderten Eltern besuchen. Selbst ein Abschied von Kranken ist unmöglich.


    Bleiben Sie gesund: ich jedenfalls habe Corona gut überstanden (war nicht schön), fleißig Antikörper gebildet und hoffe nun, dass endlich die Schule für meinen Sohn wieder losgeht.

    Was soll denn dieser kindliche Trotz? Es geht hier vielleicht um Leben und Tod, und Herr C. meint, er müsse sich nichts sagen lassen. Wie egozentrisch ist das eigentlich? Wenn das jeder so sagen und dann auch entsprechend handeln würde, kann man sich vorstellen, wie es in unserem Land jetzt aussähe (bezogen auf Corona)

    Hallo Hagen, bevor ich jetzt Feierabend mache, eine Anmerkung: Castorf ist gelernter Ostdeutscher. Und meine Erfahrung der letzten Wochen lehrt (ohne zu verallgemeinern): es gibt hier in meinem Umfeld einfach viel mehr Vorbehalte gegen die Restriktionen, als ich dies aus Gesprächen mit "Wessis" kenne. Die Leute sind lockerer, Ärzte halten die Nummer für aufgeblasen, und um Leben oder Tod geht es eben nicht.

    Die Selbstgewissheit vieler deutscher Medien in Umgang mit Trump irritiert mich auch. Aber „das Wüten über Trump“ ist keine deutsche Spezialität. Der „New Yorker“ hält da locker mit, gewählter Repräsentant des amerikanischen Volkes hin oder her.

    Bei der Desinfektionsmittelgeschichte brauchte ihm keiner übel mitzuspielen. Da reichte das kommentarlose Abspielen der Bilder und des O-Tons von der Pressekonferenz aus.

    Naja, die Nummer war doch ein Rollenspiel, wie es tagelang vorher schon lief. Ein Experte ist da und erklärt in diesem Fall, was ein Desinfektionsmittel kann. Und dann stellt Trump (als dritte Person) im Namen und als Fragesteller seiner Wähler (so ist das dramaturgisch aufgebaut): kann ich das dann nicht spritzen? Der Experte sagt: nein.

    Die Medien machen draus: Trump empfiehlt, Desinfektionsmittel zu spritzen. Das hat er nicht gesagt, aber wer will, interpretiert es so.


    Über sein grundsätzliches Selbstbild und fehlendes Vermögen, den Dritten zu spielen, sagt dies natürlich überhaupt nichts aus. Höchstens, welchen Intellekt er seinen Wählern zuordnet...

    Bezieht sich auf Ragnar:


    Genau. Aber im Grunde sind auch seine Corona-Aussagen nicht fehlerbehafteter als die vom RKI. Ich hänge hier für Nichtspiegelaboforisten ein letztes Zitat an, das, wie ich finde, stimmig ist .. Und das mit der bürgerlichen Erziehung ....:thumbsup:


    Als ich gestern an der Fleischtheke nur kurz geguckt habe, ob da ein Suppenhuhn oder ein Brathuhn lag, wurde ich sofort angeherrscht. Ob ich den Abstand nicht einhalten könne! Mir gefällt überhaupt nicht, dass mir jemand sagt: "Das darfst du nicht." Und ob ich je wieder darf, hängt von der Gnade von Leuten ab, die für anderes gewählt wurden und deren Inkompetenz allen klar ist. Trotzdem dürfen sie jetzt Machtpolitik ausüben. Ich möchte mir von Frau Merkel nicht mit einem weinerlichen Gesicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss. Das beleidigt meine bürgerliche Erziehung.

    Vier Wochen früher, da hätte ich es noch verstanden. Jetzt ist es hier, in Sachsen, wo es kaum noch Infizierte gibt, albern. Gerne also, wenn ich in München aus dem Zug steige, aber hier: die einzige Theatervorstellung, die im Angebot ist.

    Hier noch die Zitate, hoffem dies ist legal ...



    Ja. Ich wünsche mir einen republikanischen Widerstand. Als die BRD-Regierung Ende der Sechzigerjahre versuchte, eine Notstandsgesetzgebung durchzupeitschen, gab es einen wahnsinnigen Bürgeraufstand gegen diese Gesetze. Wo bleibt der heute?

    Wenn sie jetzt anfangen, aufgehetzt durch ihre Regierung, nicht bloß sich selbst dauernd gegenseitig zu erziehen, sondern die ganze Welt, dann finde ich das unverschämt. Die Propaganda gegen Russland hört sich an wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Und ich stelle mit Erschrecken fest, dass ich plötzlich sogar Trump mag. Weil der aus der Reihe tanzt.


    Trump ist immerhin der gewählte Repräsentant des amerikanischen Volkes. Aber er wird lächerlich gemacht, zum Idioten erklärt, weil er in der Krise anders handelt als die Deutschen. Ich würde mich als Kritiker des amerikanischen Systems bezeichnen. Aber dieses Wüten über Trump, das ist die Krankheit der Deutschen, dieser Wahn eines kleinen mitteleuropäischen Volkes, der uns bis Stalingrad geführt hat und dann wieder zurück.

    Was ist nun daran infantil, wenn einer den Virologen nicht vertraut, weil für diese der Begriff "Wendehals" beschönigend wäre. Und natürlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Maßnahmen abzulehnen, noch sind wir ja nicht im Ausnahmezustand. Und keiner von wird je erfahren, warum Corona bei uns so harmlos ablief: weil wir diesen Maßnahmen ausgeliefert wurden, oder obwohl wir diesen Maßnahmen ausgeliefert wurden. Und ein Theatermann wie Castorf darf doch wohl nach Studium der Sterblichkeitsrate bei Shakespeare zum Schluß kommen, dass alles nur ein großer Schnupfen war.


    Castorf: "Aber angesichts der jetzigen Sterblichkeitsrate und der Zahl von bisher weniger als 6000 Corona-Toten sage ich: Es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt, auch ein alter Mensch. Aber es ist der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen. Wir sind mit dem Tod geboren, das ist eine philosophische Plattitüde. Das Theater ist dafür da, daran zu erinnern, dass wir den Tod nicht abschaffen können."


    Viel eher stößt wundert mich sein Kokettieren mit AfD-Positionen. Viel Futter für alle, die wie ich Anhänger der Hufeisentheorie sind. Aber ich denke eben auch, an beinahe jeder Passage ist etwas dran, selbst seiner Verbeugung vor Trump. Allerdings käme ich jetzt nicht dazu, Trump deshalb gleich gut zu finden, nur weil ihm die Medien in der Tat übel mitspielen (z.B. die Infektionsmittelgeschichte).


    Aber natürlich: einer wie Castorf, der sein Leben lang von Provokationen gelebt hat, der ist auf Entzug, wenn er alleine zu Hause sitzt. Und dann kommt halt sowas dabei raus. Und beim Merkel-Händewaschen ist doch nur der Umgang der Regierung mit dem Volk gemeint, sorry, da erinnert mich nun tatsächlich vieles an 2015, als auch nichts erklärt, sondern "Durchhalten" propagiert wurde. Die ergriffenen Maßnahmen, den Mundschutz im Mai, das kapiert doch kaum noch einer, aber Mutti bekommt in den Medien weiter standing ovations ...

    Natürlich muss er mal wieder den Provokateur mimen, aber da ist einiges echt köstlich (alles kopieren ist wohl verboten):


    "Bis vor Kurzem war dort der Hauptfeind der alte weiße Mann. Sehr viele junge Menschen, die gerade ihr Theaterwissenschaftsstudium hinter sich hatten, waren der Meinung, der alte weiße Mann sollte möglichst schnell verrecken. Jetzt ist das Virus da, und auch in den Theatern finden plötzlich alle, jeder Alte, auch wenn er über 80 Jahre und ein Mann ist, sollte um jeden Preis geschützt werden. "

    Ach Daumler, ich habe nicht geschrieben, dass ich dieses Interview inhaltlich teile, sondern dass ich es überraschend finde. Und zwar so überraschend, dass man es gelesen haben sollte ..

    Mal noch ne Frage zur Arbeitswelt: weiß jemand, wie es derzeit bei den Orchestern aussieht? Sind die Philharmoniker, das Gewandhaus oder die Staatskapelle in Kurzarbeit, oder werden die festangestellten Künstler hier im Gegensatz zum Normalvolk eher priviligiert behandelt? Darf das Mitglied eines Sinfonieorchester der öffentlich-rechtlichen überhaupt auf Kurzarbeit gesetzt werden, wenn im Sender weiter gearbeitet wird?

    Es muß Öffnungen geben, lieber Hagen. Mir ist es im Moment völlig Wurscht, wenn Orchester in Brucknerstärke nicht spielen können, dies ist dann so. Und Zuschauerraum und Orchestergraben wie in Bayreuth entsprachen dann eben noch nie heutigen Hygienestandards - dicht machen für immer oder Umbauen. Und wenn der Sänger beim Schmiedelied ohne Spucken nicht auskommt, keine Lösung: da hat Bayreuth mit dem Deckel dann schon wieder Vorteile. Aber wenn jeder Mini-Fußballplatz gesperrt ist und um Mini-Tore rote Absperrbänder wehen, dann reicht es mir langsam. Die Kinder werden kirre im Kopf, wenn ich da nicht mal zu zweit drauf darf, fehlt mir das echt das Verständnis.