Neil Shicoff

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    • Neil Shicoff

      O Souvenirs d' autrefois…
      Ein Mann liegt am Boden, auf dem Kopf die Kippa. Rock und Schuhe hat er ausgezogen und säuberlich auf die Erdegelegt; er ist bereit zu sterben. Über ihn hinweg dröhnen die Akklamationen eines elektrisierten Publikums. Der Tenor Neil Shicoff gibt den Goldschmied Eléazar in Halévys Oper „Die Jüdin“. Schonungslos lotet er die fanatische Verblendungdes Mannes aus, der – hin und her gerissen zwischen dem Hass auf seine christlichen Peiniger und der Liebe zu seiner christlichen Adoptivtochter – am Ende zu deren Mörder wird. Es ist ein historischer Abend an der WienerStaatsoper – und zugleich der Höhepunkt einer glanzvollen Karriere.
      Shicoff wird 1949 in New Yorkgeboren, früh erkennt man sein Talent. Die ersten Lektionen verdankt er seinemVater, einem bedeutenden jüdischen Kantor, später erhält er Unterricht an der renommierten Juilliard School seiner Heimatstadt. Lehrjahre in der Provinz bleiben dem Sängererspart. Von James Levine für die Met entdeckt, gelangt er in nur wenigen Jahren von dort an die wichtigen Häuser der Welt. In den 80er Jahren gilt er im lyrischen französischen und italienischen Fach, als Hoffmann, Romeo oder Werther, als Präferenz der Kenner. Shicoff ist dabei weder ein Stilist von hohen Graden noch ein sonderlich begnadeter Darsteller; die dramatischen Entfaltungsmöglichkeiten seiner ausgesprochen individuellen, in ihrer melancholisch-nasalen Färbung an einen Chasan erinnernden Stimme sind begrenzt. Was Shicoff auszeichnet ist das Talent, sich ganz dem emotionalen Potential der von ihm verkörperten Figuren hinzugeben,die Fülle der eigenen Empfindungen in effektvolle musikalische Ausdrucksgesten zu transformieren und in kompromissloser Unmittelbarkeit auf das Publikum zu projizieren.Unter Belcanto-Puristen sollte dieser Stil stets umstritten bleiben. Wo jede hohe Note zum pathosgeladenen cri de coeur mutiert, musste außerdem die Stimme nahezu zwangsläufig Schaden nehmen. Mit den Jahren versprödete Shicoffs Timbre;zugleich entwickelte er jedoch seinen persönlichen Stil zur Perfektion und wagte sich immer häufiger in das sogenannte „interessante Fach“: Unvergessen bleiben seine Leistungen als Brittens „Peter Grimes“ und vor allem in Halévys „Jüdin“ –einem Werk, das er zur Jahrtausendwende fast im Alleingang zurück auf die Spielpläne führte.
      Bekanntlich entwickelt jede Epoche die ihr gemäße Opernästhetik. So passt Shicoffs exzentrisches Überwältigungssingen zum teils exaltierten Zeitgeist der 80er und 90er Jahre ebenso wie Jonas Kaufmanns bisweilen roboterhaft anmutende Perfektion zum Zeitalter elektronischer Mittelbarkeit. Und doch: Nicht wenige, die damals dabei waren, dürften der heute fast durchweg als „Musiktheater“ intellektualistisch und im Gewand kühler Allegorien zelebrierten Oper wieder mehr Mut zur kathartischen Emotion, zum Gesang als primär musikalischen Ausdrucksgestus wünschen.

      Am 2. Juni wurde Neil Shicoff 70Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, Herr Kammersänger!
    • germont schrieb:

      Zitat:
      an einen Chasan erinnernden Stimme
      Darum schrieb ich auch in einem anderen Thread, daß Shicoff als Eleazar in der "Jüdin" absolut authentisch ist und daß da sowohl Kaufmann als auch Alagna nicht hinkommen.

      germont schrieb:

      Zitat.
      noch ein sonderlich begnadeter Darsteller
      Dem möchte ich vehement widersprechen. Ich habe ihn in diversen Rollen erlebt, und er war immer ein großartiger, mitreißender Darsteller, z.B. als Hoffmann.
    • Diese Arie meinte ich, die hatte ich im Kopf, das wichtigste Stück in dieser Oper für den Tenor. Und genau bei dieser Arie hört man bei Shicoff den Chasan besonders stark. Aber er ist in der gesamten Rolle phantastisch. Mir kam es manchmal so vor, als hätte er einen Chasan als Gesangslehrer gehabt, die ersten Lektionen hatte er ja auch bei seinem Vater, enem jüdischen Kantor.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • ira schrieb:

      Diese Arie meinte ich, die hatte ich im Kopf, das wichtigste Stück in dieser Oper für den Tenor.
      Liebe Ira,
      meinen Sie wirklich, dass es Sinn macht aus der Arie (gehört auf CD und/oder bei einem Arienabend) auf die Rollengestaltung insgesamt zu schliessen? - Auch wenn er die Rolle nie gestaltet hat. und auch wenn es sich dabei um das wichtigste Stück für den Tenor handelt.
    • Lieber Th.max,
      ich hätte mich bei Kaufmann natürlich nur auf die Arie beziehen können oder sollen.
      Aber, ehrlich gesagt: diese Arie ist so prototypisch für das Stück, daß ich mich traue, insgesamt die Rolle als für Shicoff geeigneter anzusehen. Das hört man doch schon an der einen Arie, die mir bei Kaufmann zu theatralisch angelegt ist.
      N.B.: das muß niemand sonst auch so sehen, schon gar nicht elsa ;)
    • elsa schrieb:

      Können Sie bitte mal den Mund halten; diese ewigen Stänkereien sind abartig!
      OMG, elsa, das war doch nicht böse gemeint! Sie werden aber doch zugeben, daß für Sie die Version von Kaufmann die beste ist, oder täusche ich mich da?
      Für mich sind z.B. auch viele Versionen von Domingo besser als andere, z.B. als die von Kaufmann, deswegen bin ich doch nicht beleidigt!
    • susakit schrieb:

      Ich finde nicht, dass diese Arie "prototypisch" für die Rolle des Eleazar ist.
      Vielleicht ist auch prototypisch nicht der richtige Ausdruck. In dieser Arie steckt aber - auch musikalisch - so viel drin, daß das Wesen des Eleazar in seiner Gesamtheit durch sie sehr gut zum Ausdruck kommt.

      susakit schrieb:

      Halevy hat sie auch nachträglich hinzukomponiert, weil der Tenor der Uraufführung auch beschwert hat, dass er keine Arie hat.
      Das gibt es ja öfter. Und gerade diese Arien sind meistens die besten.
    • elsa schrieb:

      Sie stellen doch anheim, dass Sie beleidigt sind
      Wieso sollte ich? Eben nicht!

      Was ich meinte, ist: wenn mich jemand damit aufziehen würde:

      ira schrieb:

      Für mich sind z.B. auch viele Versionen von Domingo besser als andere, z.B. als die von Kaufmann
      wäre ich NICHT beleidigt, das würde mich überhaupt nicht kratzen.

      Sie aber rasten in vergleichbarem Fall mit Kaufmann gleich aus und zwar damit:

      elsa schrieb:

      Können Sie bitte mal den Mund halten; diese ewigen Stänkereien sind abartig!
      Lesen Sie den Beitrag Nr. 6 nochmal nach, was darin rechtfertigt denn diese ruppige Reaktion? Jeder hier weiß doch, daß Sie im Zweifel Kaufmann anderen Tenören vorziehen!
      Aber ehrlich, mir wird das jetzt des Guten zu viel, von mir aus schimpfen Sie doch ruhig weiter <X