Paris, Forza del Destino, Wiederaufnahme Juni 2019

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Paris, Forza del Destino, Wiederaufnahme Juni 2019

      La forza del destino, Paris, Opéra Bastille, 6. Juni 2019
      Ich ließ mich von den positiven Berichten über Brian Jagde und der Aussicht, eine Premiere zu sehen, dazu verlocken, eine kleine Städtereise nach Paris zu machen. Zu Jagde später mehr, zum Thema Premiere: diese Illusion nahm mir noch vor Beginn der Vorstellung ein zufällig ebenfalls angereister Forumskollege: die Pariser nennen auch die erste Aufführung einer Wiederaufnahme "Premiere". Egal, war es eben meine persönliche Premiere der Inszenierung.
      Die tatsächliche Premiere hat nach meinen inzwischen nachgeholten Recherchen im November 2011 stattgefunden, damals mit Violeta Urmano, Marcelo Alvarez und Vladimir Stoyanov in den Hauptpartien, am Pult stand Phillippe Jourdan. Für die Inszenierung zeichnete Jean-Claude Auvray verantwortlich.
      Im Jahr 2019 ist nun alles anders: mit Anja Harteros, Brian Jagde und Želko Lučič wurde eine ähnlich hochkarätige Besetzung aufgeboten, die musikalische Leitung lag in den Händen von Nicola Luisotti, der hier in München bei der Macbeth Premierenserie ein ganz ordentliches Dirigat abgeliefert hat.
      Am Dirigat hatte ich auch bei dieser Pariser Forza nichts auszusetzen. Ein federnder, zupackender Verdi, dynamisch und rhythmisch differenziert, die Sänger wurden in dem riesigen Haus (2745 Plätze, man sollte schwindelfrei sein, wenn man auf dem steilen 2. Balkon sitzt) nie zugedeckt. Eine wunderschöne Sologeige zu Leonoras Arie "Son guinto" und auch die Klarinette spielte wunderbar traurig das Intro zu Alvaros Arie.
      Aber die Inszenierung: auf fast leerer Riesenbühne alleingelassene Sänger, die sich mit Routinegesten über den Abend retteten. Einzig das Bühnentier Anja Harteros wirkte überzeugend in ihrer Darstellung der Leonore. Ihr Gesang wunderschön mit langen Bögen, schönen Piani... nur bei "la vergine dei angeli" klang sie plötzlich ein bisschen schwach, da leuchtete die Stimme nicht wie gewohnt über dem Männerchor. Großartig das "pace moi dio", das minutenlangen Szenenapplaus hervorrief.
      Brian Jagde als Alvaro glänzte mit hellen Trompetentönen über baritonal grundierter Mittellage (kommt das bekannt vor?), hat ein angenehmes Timbre, aber leider überhaupt kein sängerisches Charisma, vom darstellerischen ganz zu schweigen. Das führt dazu, dass er zwar schöne Töne produziert, die aber trotzdem monochrom wirken und nicht wirklich berühren können. Seine Arie gelingt ihm ganz gut, hier wagt er auch mal ein Piano.
      Želko Lučič ist die schönstimmigste Fehlbesetzung für den Don Carlo, die man sich nur vorstellen kann. Ein balsamisch singender Rächer, eine Phrase schöner als die andere, wunderbar ausmodelliert - und gerade dadurch völlig unglaubhaft. Dazu kommt, dass due Maske ihn eher wie den Grafen von Monte Christo aussehen lässt, mit grauen, langen Haaren. Auch ihm gelingt die große Arie "Urna fatale" am besten, da kann er seine Stimme strömen lassen und da passt es auch. Verschenkt die beiden Kampfduette mit Alvaro. Wie soll man sich auch gegenseitig an die Gurgel gehen, wenn man 15 m auseinandersteht.
      Rafał Siwek als Guardiano lieferte eine ordentliche Leistung ab, Gabriele Vivianu als Fra Melitone am Rande der Karikatur.
      Den Namen Varduhi Abrahamyan sollte man sich mal merken. Ihre Preziosilla war höhensicher und feurig, die tiefere Lage voll und rund, ohne orgeln.
      Es bleibt der Eindruck von szenischer Langeweile in einem auch musikalisch nur teilweise hochklassigem Abend.
      Egal, Paris ist immer ein Fest für's Leben!

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von susakit ()

    • das stimmt auch wieder (wobei es schon sehr merkwürdig ist von einem konservativen Regie-Altmeister, die spanische Flagge im Italien der Unabhängigkeitskriege wehen zu lassen).

      Anyway, am Vorabend gab es noch eine musikalisch teilweise sehr überzeugende Tosca, vor allem dank der wunderbar lyrisch-timbrierten Elena Stikhina als Tosca und Dan Ettingers sehr differenziertem Dirigat. Leider konnten Marcelo Puente als sehr vibratöser Cavaradossi und ein etwas heiserer Luca Salsi als Scarpia da nicht mithalten. Die Regie von Pierre Audi ist, wie gewohnt bei ihm, geprägt von vielen mysteriösen handwerklichen Unzulänglichkeiten wie beispielsweise komplett wahllosen Auf- und Abtritten im 1. Akt. Weil es schnell gehen muss, hauen halt Angelotti und Cavaradossi durch die Kapelle ab oder auch, sehr schön,im 2. Akt hat das Zimmer von Scarpia drei Türen nach außen, über die Sciarrone und Spoletta eintreten, Tosca versucht aber vergeblich nur durch die Mitteltüre abzutreten. Das ist handwerklich so schlecht, dass es mich wirklich ärgert.
    • ja, ehrlich. Ich mag bei Ettinger sehr seine hohe Musikalität und seine Fähigkeit, die Tempi mal anzuziehen oder sie zu verschleppen. Die Tosca wirkte, wie häufig bei ihm, sehr lebendig und nicht zu pathetisch (auch wenn natürlich die "schönen" Stellen sehr ausmusiziert waren).

      Ähnlich wie sein Lehrmeister aus Berlin ist er wahrlich kein Gegner des gepflegten Fortes, das ist aber sattsam bekannt.

      Generell will ich nicht in das generelle Ettinger-Bashing einstimmen, was gerade in München ja aufgrund zweier durchaus diskutabler Dirigate (ein sehr schwerer Guillaume Tell und eine sehr wackelige Aida) en vogue war. In Paris wird er auf jeden Fall gerne gemocht, das Orchester hat ihn bereits zu den Pausen abgeklopft was auch dafür spricht, dass er dort nicht gerade als Scharlatan betrachtet wird.
    • maestro schrieb:

      Generell will ich nicht in das generelle Ettinger-Bashing einstimmen, was gerade in München ja aufgrund zweier durchaus diskutabler Dirigate (ein sehr schwerer Guillaume Tell und eine sehr wackelige Aida) en vogue war. In Paris wird er auf jeden Fall gerne gemocht, das Orchester hat ihn bereits zu den Pausen abgeklopft was auch dafür spricht, dass er dort nicht gerade als Scharlatan betrachtet wird.
      Danke für die Rückmeldung. Ich habe Ettinger einfach zu oft in Mannheim erdulden müssen, als dass ich bei ihm ganz objektiv sein könnte. bei seinem letzten Konzert in der Quadratestadt hat eine Besucherin (laut Zeitung) sinngemäß gesagt: "Schade. Jetzt, wo er's kann, geht er." Das fand ich trefflich formuliert. Seitdem habe ich ihn nur einmal in einer konzertanten "Turandot" in Stuttgart gehört - und das Dirigat war erneut tendenziell zu laut und zu (inhalts-)leer.