Festival Aix-en-Provence 2019

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    • Festival Aix-en-Provence 2019

      Ein musikalisch interessantes Wochenende konnte ich in Aix-en-Provence verbringen. Pierre Audi präsentiert als neuer Leiter des Festivals 4 Operninszenierungen und ein inszeniertes Requiem. Für mich war es der erste Besuch dieses Festivals und kommendes Wochenende folgt der zweite Teil, denn die Kombination aus Oper und sommerlicher Provence ist schon äußerst attraktiv. Bei hochsommerlichen Temperaturen gab es Freitag im Grand Theatre einen Jakob Lenz von Rihm, der wahrlich nicht als Novum bezeichnet werden kann, denn die Stuttgarter Produktion stammt aus dem Jahr 2014, ist 2015 mit dem Faust ausgezeichnet worden und wurde seit dem in Brüssel und Berlin gezeigt. Nun auch in Aix vor einem leider nur mäßig gefüllten Haus zur Premiere. Ich kannte das Stück nicht, aber die Symbiose aus Bild und Musik fesselt einen stark und Georg Nigl nimmt einen mit in die Seelenlandschaft des Jakob Lenz, dass es seines gleichen sucht. Riesenjubel für ihn, Andrea Breth und die Produktion insgesamt.

      Samstagnachmittag gab es im Jeu de Paume eine Uraufführung der ersten Kammeroper von Adam Maor mit dem Titel Les Mille Endormis. Das achtköpfige Orchester lässt trotz der tonalen Moderne auch orientalische Klänge und elektronische Verspieltheit zu und die auf hebräisch gesungene Oper geriet zum großen Erfolg. Kafkaesk, ironisch und am Schluss rührend wird die Geschichte eines Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern erzählt. 1000 der Letzteren haben sich in Gefangenschaft in den Hungerstreik begeben und werden auf Anweisung des israelischen Premierministers in ewigen Schlaf gebannt, damit die öffentliche Berichterstattung endet, zumal die UN bereits eine Resolution erlassen hat, welche den Regen über Israel unterbindet. Doch die Palästinenser dringen in die Träume der Israelis ein und diese können nicht mehr schlafen, Kinder wachen auf und sprechen arabisch und selbst der Premierminister hat Albträume und findet über Jahre hinweg keine Ruhe mehr. Eine Geheimagentin wird ins Koma versetzt, um dort die träumende Terrorzelle zu vernichten, aber sie entdeckt dort eine Freiheit fern von Landesgrenzen, Restriktionen oder Hass, die sie bei den schlafenden Tausend bleiben lässt. "We hungered for our way out of this world, we fasted not to return. The living hunger is no longer ours, it eats the entire world. The land is lost. There can be no homeland for mankind, other than the one between one soul and another" Gan Ya Ben Gur Akselrod singt diese Schlussszene der Geheimagentin überaus rührend, hoffnungsvoll und wunderbar lyrisch. Sie sorgte dabei für einen der stärksten Momente des Wochenendes. Riesenjubel für alle Beteiligten und hoffentlich viele weitere Aufführungen dieser Oper.

      Am Abend gab es dann wiederum im Grand Theatre Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny in einer Inszenierung von Ivo van Hove unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen. Der Abend verlief ein wenig zwiegespalten, denn die Inszenierung hatte sehr starke Momente, aber auch wiederum völlig banale Szenen. Die Personen sind allesamt Schauspieler und das Filmset wird dort errichtet, wo Mahagonny geschaffen werden soll. Dementsprechend werden alle Protagonisten von Kamerateams begleitet und die Szenen in Großaufnahmen auf eine in der Mitte platzierte Leinwand projiziert. Wer an der Szene nicht teilnimmt wartet am Bühnenrand am Filmset auf den Einsatz oder verfolgt die Handlung erstaunt oder teilnahmslos. Hervorragend war so manche Personenregie und der Umgang mit dem Chor war wirklich phänomenal. Lebendig und individuell agierte dieser und das ist bei der Oper viel wert. Allerdings waren so manche Bilder doch arg abgedroschen. Dosenbier aus dem Einkaufswagen, eine Jenny, die in Großaufnahme Bier aus dem Mund über ihren Körper fließen lässt, gestellte Sexszenen mit entblößtem Po und Frau Mattila, wie sie sich ebenfalls in Großaufnahme Geld am Hintern und im Schritt reibt und dabei mit der Zunge über die Lippen fährt und diese auch in die Kamera zucken lässt, dass ist wirklich weniger provokant als eher peinlich und gestrig. Natürlich darf unter den Prostituierten auch ein Homosexueller nicht fehlen. Laaaangweilig. So richtig wollte bei mir der Funke nicht überspringen, zumal es gesanglich auch nicht rund lief. Karita Mattila schätze ich seit Jahren sehr, wenn sie die richtigen Rollen singt. Leider hat sie über Jahre hinweg unbedingt Puccini singen wollen, wo doch der späte Strauss so viel für sie zu bieten gehabt hätte. Für eine Daphne mit ihr wäre ich um den Kontinent gereist und ihre Arabella prägt mich noch heute. Aber es hat nicht sollen sein. Mit der Küsterin und der Madame Croissy hat sie aktuell genau ins richtige Fach gefunden, umso erstaunter war ich, dass sie als Begbick recht blass blieb und auch stimmlich nicht ganz überzeugen konnte. Annette Dasch war eine passende Jenny, die lediglich in der Höhe an ihre Grenzen kam, aber insgesamt ein tolles Rollenportrait abgab. Sir Willard White gab leider nur noch die Reste einer ehemals schönen Stimme preis und bot eine "Text"behandlung, die eigentlich eine Gagenrückzahlung nach sich ziehen sollte. Sehr gefielen haben mit Sean Panikar als Jack und ganz besonders Nikolai Schukoff als Jim. Er hat musikalisch den Abend getragen und konnte trotz offener Bühne das Haus füllen und ist auch bei den dramatischen Ausbrücken niemals an seine Grenzen gekommen. Eine tolle Leistung und ich würde mich freuen, wenn er auch mal wieder in München vorbeischaut.

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    • Die Tosca und das Requiem folgen bei mir am kommenden Wochenende und ich bin schon alleine wegen der Freilichtbühne des Théâtre de l'Archevêché auf die Abende gespannt.

      Bereits vorher kann man ab heute Abend die Tosca bei Arte im Stream schauen: arte.tv/de/videos/090760-000-A…ival-von-aix-en-provence/

      Und morgen um 22:00 Uhr auf Arte im TV das Mozart Requiem in einer Inszenierung von Castellucci: arte.tv/de/videos/088454-001-A…provence-mozarts-requiem/

      Die Mahagaonny war für mich auch in Hinblick auf die neue Intendanz in München interessant, da Ivo von Hove auch in Lyon inszeniert hat und unter Dorny vermutlich auch in München arbeiten wird. Die Inszenierung wird ebenfalls im livestream übertragen: arte.tv/de/videos/088459-000-A…mahagonny-von-kurt-weill/
    • Ich war von Mahagonny sehr enttäuscht. Bis auf den Schluss war da für mich eine völlig banale Produktion. Für die Ideenlosigkeit des Regisseurs mussten dann Videovergrößerungen herhalten. Naja. Auch könnte die Produktion wohl den Preis für das sängerunfreundlichtes Bühnenbild gewinnen. Alles ist offen, die Stimmen gehen eigentlich allesamt verloren. Das Dirigat fand ich auch nicht so berauschend. Dasch und schukoff gut, auch Mattila (hatte mir aber doch irgendwie noch mehr erhofft von dieser Ausnahmesängerin), White war eher traurig.

      Tosca war für mich regietechnisch eine Sensation. Klar, das Konzept setzt Vorwissen voraus und manchmal wurde es etwas 'Makropulos'k. Es ist alles viel und vielleicht auch überladen. Für mich war das jedoch die berührendste Tosca, die ich je gesehen habe. Ein großer Liebesbeweis an alle Prima Donnen und ein Künstlerleben. Malfitano großartig. Musikalisch okay. Für mich war das der Beweis, dass Videos in Opernproduktionen auch sinnvoll ergänzend eingesetzt werden können. Genaue Gegenteil von Mahagonny.

      Jakob Lenz war hervorragend! Auf jeder Ebene. Mehr hab ich dazu eigentlich nicht zu sagen :)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cheryl ()

    • Asteria schrieb:

      Das Bühnenbild im 2. Akt war zu kleinteilig - zu viele Handlungsstränge, denen zu folgen zumindest auf dem Bildschirm mühsam war. (Wo kam eigentlich der abgeschlagene Kopf plötzlich her?)
      Der Assistent/Sekretär/Hausangestellte/whatever der Prima Donna holt aus ihrer Garderobe große Kisten, in denen Malfitanos Lucia/Madama Butterfly und Salome-Kostüme (inkl. abgeschlagenem Johanaankopf) sind. Parallel werden Videoaufnahme von Malfitano in den Rollen eingespielt.
    • Neu

      Cheryl schrieb:

      Tosca war für mich regietechnisch eine Sensation.
      Das ging mir genauso! Ich finde für genau solche Produktionen haben Festivals ihre Existenzberechtigung. Fürs Repertoire eignet sich diese Arbeit wohl eher nicht.

      Nicht alles funktioniert, aber vieles sehr gut. Im ersten Akt nach dem anfänglichen Spaß an der Probensituation, kommt ein wenig Langeweile auf, aber das Te Deum der Autogrammjägermeute, welches mit der Anbetung von Malfitanos Tosca Plakat endet, hat mir sehr gut gefallen. Im zweiten Akt war es mir ein bisschen viel von allem. Die pantomimischen Nebenerzählungen nahezu jeder Figur wirkten unpassend und störend. Wenn man sich auf Malfitano konzentriert, gibt es viel zu bestaunen an Regieumsetzung. Wenn die Handlungsstränge von alter und junger Tosca zusammenlaufen, sind es tolle Szenen. Wenn die junge Tosca dem Produzenten Scarpia nach dem Preis für ihre Karriere fragt, bietet die alte Tosca einem jungen Mann verzweifelt Geld für Zärtlichkeiten an. Die Einsamkeit der Diva wird gerade im zweiten Akt sehr deutlich. Das vissi d'arte (Ich lebte für die Kunst) auf der einen Seite als wörtliche Hommage an die großen Toscas der Vergangenheit und gleichzeitig als Sehnsucht und Ziel der jungen Sängerin, die daraus den Willen zieht ein Opfer zu bringen und sich dem Produzenten hinzugeben, das ist für mich großes Theater. Auch wie Malfitano nach Scarpias Tod das Blut von Tosca auf sich nimmt und sich selbst zwischen zwei Kerzenleuchtern auf dem Boden wie ein Kreuz hinlegt und das "Licht" ausmacht/beendet. Grandios, wenn man da eine Schauspielerin wie Malfitano hat sind das Momente, die man nicht vergisst. Ich habe Malfitano zwar viel zu spät aber immerhin noch live als Tosca und in anderen Rollen gesehen. Vielleicht hat diese Verbindung den dritten Akt für mich so berührend werden lassen. Denn wenn die alternde Diva zu Beginn des dritten Akts mit Soldaten in einem Nachbau der Engelsburg spielt und dabei mit den Resten Ihrer Stimme das Hirtenlied singt, weiß man, dass diese Frau in einer eigenen Welt lebt und die ist fern der Realität. Während sie dann in der konzertanten Aufführung der neuen Generation durchs Orchester wankt, die Emotionen von früher aufleben lässt, strahlt, glücklich ausschaut und dennoch total fehl am Platz ist, bringt einem das die Vergänglichkeit sehr Nahe. Nachdem sie keinen Bezug mehr finden kann, schneidet sie sich verzweifelt die Pulsadern auf und stirbt nach tausend Bühnentoden öffentlich den Ihrigen. Man schaut zu und es tut Weh.

      Der eigentliche Grund für den Besuch des Festivals hatte das Requiem von Mozart in einer Inszenierung von Castellucci ausgelöst, aber die Arbeit gehörte leider zu seinen Schwächeren. 15 Minuten nach dem Ende des Requiems redeten wir bereits wieder von der Tosca des Vorabends.