Il trovatore

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    • Il trovatore

      Tritt ein Intendant noch vor der Ouvertüre vor den Vorhang, verheißt dies wenig Gutes. Albrecht Puhlmann verkündete, dass Evez Abdulla, der Graf Luna mit dem Kreislauf und Blutdruck zu kämpfen hätte, weshalb Tito You aus Wiesbaden für den Fall der Fälle bereitstünde.

      Dramatisch ging es auf der Bühne weiter. Roger Vontobel, mittlerweile so etwas wie der Mannheimer Hausregisseur, zeigt die Charaktere auf eindrückliche Weise in einem traumatisierten Zustand, von Katastrophe zu Katastrophe stolpernd. Da hätte es die Tänzerin Delphina Parenti als verkörpertes "Trauma" (so wurde die Rolle jedenfalls auf dem Aushang gelistet) gar nicht bedurft, zumal ihre wirklich ausdrucksstarke Bewegungen immer auch Gefahr lief, Aufmerksamkeit von den Sängern abzuziehen. Ansonsten viel Nebel, Lichteffekte, Schattenspiel. Nichts Revolutionäre, aber anschaubares, praktikables Theater. Sehr wenige Buhs gingen im wohlwollenden Applaus für das Regieteam unter.

      Evez Abdulla kam gut durch den Abend, auch mit vielen Zwischentönen. Nicht nur ein aggressives Schwein, sondern eben auch ein seelisch Verwundeter, der zu Selbstzweifeln neigt. Noch beeindruckender Jula Faylenbogen als Azucena. Mit ihrem in allen Lagen kräftigen, aber nie orgelnden Mezzo macht sie Sängerin Lust auf ihre Brangäne und Frosch-Amme in der nächsten Spielzeit. Ein wahrer Ensembleschatz ist Miriam Clark. Zu einer warmen Mittellage gesellt sich eine stupende Höhe und eine Flexibilität, die sie in den Cabalettas gekonnt einsetzt: wo andere nur noch verwaschene Linien singen, hörte man gestern glasklare Koloraturketten und Triller, die in vorbildlicher Belcanto-Kultur stehen. Weit beeindruckender als sein Pollione erklang Irakli Kakhidze in der Titelpartie. Besteht kurzfristig auch die Gefahr einer etwas bellenden Tongebung, so hört man in dieser so vertrackten Partie relativ wenig Kraftmeierei. Das "di quelle pira" war der Höhepunkt des Abends, zumal Roberto Rizzi Brignoli am Pult volles Geschütz auffahren ließ: die Hörner röhrten als sei man im "Freischütz". Das klang - man verziehe mir den Ausdruck - einfach nur geil. Aber auch sonst ertönte aus dem Graben eine wunderbar reiche Farbpalette, mit der ein stimmiges orchestrales Bild gezeichnet wurde.

      Vielleicht noch ein Hinweis: es mag politisch durchaus korrekt sein, bei den Übertiteln den Begriff "Zigeunerin" mit einem Sternchen (*) zu versehen und dann das Addendum "historischer Begriff" zu verwenden. Dann sollte man aber das fahrende Volk/ethnisch mobile Minderheit/Sinti und Roma nicht in klischeebeladenen bunten Kostümen (Chor - übrigens bestens disponiert) oder kuriosen Gesichtsbemalungen (Azucena), sondern als Menschen wie du und ich zeigen. So würde ein Schuh draus.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()

    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      den Begriff "Zigeunerin" mit einem Sternchen (*) zu versehen und dann das Addendum "historischer Begriff" zu verwenden.
      Wie peinlich. ;) Ich glaube, die Leute wissen den Begriff heutzutage durchaus richtig einzuschätzen, da bedarf es keiner belehrend-entschuldigender Hinweise.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      . Dann sollte man aber das fahrende Volk/ethisch mobile Minderheit/Sinti und Roma nicht in klischeebeladenen bunten Kostümen (Chor - übrigens bestens disponiert) oder kuriosen Gesichtsbemalungen (Azucena), sondern als Menschen wie du und ich zeigen. So würde ein Schuh draus.
      Apropos "mobile Minderheit". Vorschlag, um das Klischee mit etwas politisch Unverfänglichem zu ersetzen: wie wäre es mit Holländer und Wohnwagen? Bevor die Entrüstungsmaschinerie anläuft: das war nicht ernst gemeint ;) Außerdem: es gibt natürlich auch Holländer ohne Wohnwagen ^^

      RagnarDanneskjoeld schrieb:

      klischeebeladenen bunten Kostümen
      Die bunten Kostüme sind nicht klischeebeladen. Die Kleider waren bunt, z.T. aus ganz praktischen Gründen: sie haben ihre Kleider aus Stoffresten zusammengesetzt. Und für ihre Auftritte in den Dörfern war das Bunte attraktiver.
    • JLSorel schrieb:

      RagnarDanneskjoeld schrieb:

      den Begriff "Zigeunerin" mit einem Sternchen (*) zu versehen und dann das Addendum "historischer Begriff" zu verwenden.
      Wie peinlich. ;) Ich glaube, die Leute wissen den Begriff heutzutage durchaus richtig einzuschätzen, da bedarf es keiner belehrend-entschuldigender Hinweise.
      Absolut nicht.
      Wenn man da mal anfängt: was macht man mit den ganzen Operetten? "Zigeunerprimas"? "Zigeunerliebe"? "Zigeunergeigen"? Usw. usf.
    • Reingold schrieb:

      Ihr Glaube in allen Ehren, aber mMn gehen Sie beide da sehr nonchalant über viele Jahrzehnte der Diskriminierung und Verfolgung hinweg.
      Sie möchten also alle historischen Texte darauf trimmen, dass keine anstößigen Worte mehr darin vorkommen? Eine schwierige Aufgabe, schon deswegen, weil sich die Meinung darüber, was anstößig ist und was nicht, ständig ändert.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • ira schrieb:


      Die bunten Kostüme sind nicht klischeebeladen. Die Kleider waren bunt, z.T. aus ganz praktischen Gründen: sie haben ihre Kleider aus Stoffresten zusammengesetzt. Und für ihre Auftritte in den Dörfern war das Bunte attraktiver.
      Ihre Aussage impliziert, dass die meisten Sinti und Roma im "Showbusiness" unterwegs waren. Das ist jedoch falsch - die meisten waren Handwerker und Händler. Meine Kritik an der Inszenierung war, dass ich gerade beim "Trovatore" regelmäßig irgendwelche Zirkuskuriositäten zu sehen bekomme. Das empfinde ich als nervig und eben auch antiziganistisch. Und - das nur am Rande - meine Roma-Verwandten übrigens auch.
    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      Ihre Aussage impliziert, dass die meisten Sinti und Roma im "Showbusiness" unterwegs waren.
      Nein, das wollte ich nicht implizieren. Aber solche Truppen waren öfter Sinti und Roma, oder zumindest waren welche mit dabei. Als Handwerker oder Händler arbeiteten sie selbstverständlich trotzdem. Das eine schloß doch das andere nicht aus. Das trifft gerade auf das Mittelalter zu ("Trovatore").
      Und "Showbusiness" ist wohl nicht der rechte Ausdruck. Das ging es ums nackte Überleben.