Agrippina, Kosky/Bolton, Coote, Benoit, Fagioli, Davies

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • ein paar Gedanken zur Nacht. Es hat schon seine Gründe, warum Sir Peter (der im Publikum saß und von seiner neuerlichen Krebserkrankung schwer gezeichnet wirkt) zwar Cesare, Serse, Ariodante, Alcina, Rinaldo, Orlando,.... gespielt hat, aber nicht Agrippina. Das Stück wirkt nicht wirklich gut dramaturgisch aufgebaut trotz der eigentlich sehr nachvollziehbaren Personenkonstellation. Es gibt zwei starke Frauen, die alle Männer dominieren und am Schluss kriegt auch jeder was er will. Für 4 Stunden (mit einer Pause) ist das doch etwas wenig und Barrie Kosky macht auch nicht wirklich mehr draus. Handwerklich sehr fein und durchdacht mit wunderbaren Slapstick-Einlagen und dennoch irgendwie ohne großen Inszenierungsbogen plätschert der Abend dahin. Kosky war schonmal kreativer, versteht aber natürlich sein Handwerk.Gesungen wird auf sehr hohem Niveau, wobei Alice Coote und Franco Fagioli (darstellerisch grandios und an Christopher Robson erinnernd) teilweise doch arg an ihre Grenzen kommen. Das wird in den Rondoteilen doch sehr unsauber in der Intonation. Sehr stark hingegen die deutlich dankbarer zu singenden Partien von Ottone und Claudio, Iestyn Davies und Gianluca Burrato. Star des Abends für mich Elsa Benoit als ausdrucksstarke und stilistisch sehr versierte Poppea. Sonderlob für Markus Suikhonen aus dem Opernstudio.

      Ein vergnüglicher, dahinplätschernder Abend, hochqualitativ und dennoch fehlte irgendwie etwas der Pepp. Mal schaun, ob ich das morgen noch genauso sehe.

      EDIT: Markus Thiel war offensichtlich in der gleichen Vorstellung:
      facebook.com/KulturMuenchnerMerkur/videos/549639775572060/
    • Ich bin nicht der Meinung, dass Agrippina eigentlich nicht zu den ganz großen Opern Händels gehört. Sie funktioniert nur anders, ist sehr rezitativlastig, und wer die Oper nicht gut kennt oder nicht Italienisch kann, muss halt, um der verwickelten Handlung zu folgen, viel auf die Obertitel schauen - das macht die Oper auch anstregend. Im Theater an der Wien gab es letzte Spielzeit eine ganz grandiose Agrippina, witzig, schnell und tiefgründig. Das hat mir in München dann doch gefehlt. Zum einen hört man dem Orchester an, dass es viele, viele Jahre kein Händel mehr gespielt hat. Der Klang kam lange nicht so schlank und brillant rüber wie zur großen Zeit der Händelopern in München - auch wenn die Tempi gut waren. Dann fand ich das Bühnenbild auf Dauer einfach öde. Natürlich ist das Gerüst aus Metall, Neonlicht, Jalousien ein gutes Bild für kalte Zentralen der Macht - aber warum muss es sich immer drehen? Ich fand das auf Dauer einfallslos. Einen handwerklichen Fehler fand ich den tollen, witzigen Anfang - weil er meine Erwartungen schon mächtig hochgeschraubt hat - aber danach kam dann doch nicht mehr ganz so viel. Wie immer bei Kosky gute Personenregie, aber auch wenig Tiefsinn. Und sehr viel ist ihm einfach nicht eingefallen. Cootes Rezitative und ihre Schauspielkunst fand ich phänomenal, aber die Arien... Warum Fagioli so gehypte wird, habe ich nie verstanden. In Hamburg war er als Ruggiereo gräßlich, jetzt als Nerone hat sein harter, unausgeglichener Sopran zumindest zur Rolle gepasst. Davies' Karriere verfolge ich schon seit vielen Jahren - es ist natürlich eine dankbare Rolle, aber er füllt sie mit seinem weichen, wunderschönen Altus auch perfekt aus. Und er ist immer hochmusikalisch, so auch hier. Benoit war sehr gut - aber da geht noch mehr, würde ich sagen ;-).
    • Dass man schon weit vor dem Theater gefragt wird, ob man eine Karte verkaufen wolle, das kennt man eigentlich nur wenn die heilige Anna oder Jonas Sankt Kaufmann in München auftreten. Um kein Geld der Welt hätte ich meine Karte hergegeben, denn die Dernière der "Agrippina"-Produktion war wahrlich formidabel.

      Daran hat in erster Linie die Regie von Barrie Kosky und auch das Bühnenbild von Rebecca Ringst großen Anteil. Der verschiebbare, teilbare, nach allen Seiten zu öffnende Kubus ermöglich zahlreiche Spielorte, wirkt je nach Beleuchtung eiskalt oder metallisch-lockend. Gerade bei doch immer auch etwas schematischen Barockopern ist eine gelungene Personenregie das A und O. Die 200 Minuten reine Spielzeit vergingen erstaunlich zügig und das trotz gerade einmal einer Pause zum Durchschnaufen. Kosky sympathisiert mit jedem der Charaktere, stellt sie trotz ihrer Lächerlichkeiten nie wirklich bloß. Klar, ein Konzept im eigentlichen Sinne gibt es nicht - aber wenn Nerone im ersten Akt die Zuschauer in der ersten Reihe ob ihrer Armut bedauert und umarmt, dann ist das angesichts der Kartenpreise womöglich mehr Sozialkritik als das in ARD-Tatorten bemühte "die da oben sind alle böse".

      Ivor Bolton mausert sich immer mehr zu einem meiner Lieblingsdirigenten - und ich würde ihn gerne auch mal im romantischen Repertoire hören. Der Orchestersound ist voll, üppig - so gar nicht dünn oder drahtig, wie es in der HIP-Szene momentan en vogue ist. Und dennoch gibt es keine Böhm'sche Mozart-Behäbigkeit. Dieses Dirigat zeigt: man muss bei all diesen musikalischen Fragen (Vibrato, Tempo, Stimmung) gar nicht ideologisch sein - es reicht, wenn es gut ist. Und in meinen Ohren war es das!

      Auch bei den Sängern mussten keine Abstriche gemacht werden. Elsa Benoit war eine hinreißende Poppea mit einer flirrenden Höhe und warmen Mittellage, Gianluca Buratto ein rollengerecht polternder Claudio, Iestyn Davies ein in der englischen Oratoriumstradition stehender, aufrichtig leidender Ottone - ganz im Gegensatz zum Nerone von Franco Fagioli, der seine Schlussarie das Publikum zum kollektiven Mitatmen animierte. Wie immer bei Fagioli: kein glasklarer, reiner, sondern maskuliner Gesang, der sich an den Traditionen des Belcanto orientierte. Meine erste Begegnung mit Alice Coote empfand ich als überaus gelungen: sicher, es ist nicht wirklich der schönste aller Mezzosoprane auf dem Markt, aber ganz ehrlich? In dieser Regie könnte ich mir da meinen Lieblingsmezzo (Ann Hallenberg) nicht wirklich vorstellen, denn mit welch schneidender Intensität Coote dieser Agrippina Profil verleiht, das lässt sowohl erschauern als auch tief mitfühlen. Ob Joyce DiDonato das in London ähnlich gut hinbekommen wird?