Bregenzer Festspiele 2019

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    • Bregenzer Festspiele 2019

      Die Grenze zwischen Zirkus und Oper, U- und E-Kultur verschwimmt im Musiktheater wohl kaum öfters als am Bodensee, wo man auf der riesigen Festspielbühne über 7000 Menschen pro Abend bespaßen kann. (Und muss, denn der beim typischen Bregenz-Publikum eher unbekannte "Andrea Chenier" hatte vor einigen Jahren ein nicht unerhebliches Loch in die Kassa gerissen.) Was läge also näher, diese Grenze zwischen Zirkus und Oper gleich vorab aufzulösen, wenn ein Werk über einen Hofnarren namens "Rigoletto" eines gewissen Verdi gezeigt wird? Die Verlegung der Handlung von einer Hofintrige ins Zirkusmilieu ist zwar nicht wirklich plausibel, ermöglicht aber dem Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl von Anfang an, jede Menge Nebenschauplätze zu eröffnen. Es braucht daher auch eine Weile, bis die ins Wasser gefallenen Clowns und andere Chargen verschwunden sind und sich das eigentliche Drama entwickeln kann. Das erzählt Stölzl dann aber mit poetischer ("Caro nome" und Finale der Gilda jeweils im Heißluftballon) und symbolischer Kraft, die ganz zentral von dem riesigen Clownskopf ausgeht. Je nach Beleuchtung wirkt er komisch oder bedrohlich, am Ende ist er dann nur noch Totenkopf. Während Rigolettos "Cortigiani" spielen die Hofschranzen mit den beiden riesigen Augäpfeln und ziehen dem Clown die Zähne - das versteht auch die Volksmusikstadlbesucherin jenseits der achtzig. Aufgrund der notwendigen elektronischen Verstärkung tue ich mir mit der stimmlichen Bewertung schwerer als sonst, aber einen Versuch wage ich trotzdem: Stephen Costellos Tenor klingt etwas hart und könnte etwas mehr Schmelz vertragen - die Damen hinter mir summten parallel seinen "Schlager" dennoch mit Begeisterung. Melissa Petit klang als Gilda sehr berührend, angesichts der akrobatischen Umstände sogar berauschend gut. Vladimir Stoyanovs Bariton tönt für diesen verbitterten Narren fast zu balsamisch, aber das wäre klagen auf hohem Niveau. Daniele Squeo, erster Kapellmeister in Karlsruhe, dirigierte mit einigen schönen Feinheiten - nur ein-, zweimal eilte er den Sängern ein wenig voraus.

      Zwei Tage zuvor, am 29.7., hatte ich noch die Chance zur Oper im Festspielhaus, Massenetes "Don Quichotte". Regisseurin Mariame Clement eröffnet mit dem in den USA kontrovers diskutierten Gillette-Werbespot (youtube.com/watch?v=koPmuEyP3a0), der in diesen Breiten jedoch wenig Anklang fand, weiten Teilen des Publikums unbekannt und aus Ermangelung an Übertiteln auch unverständlich blieb. Don Quichotte als Vertreter der "toxischen Männlichkeit"? So wie ich den Ritter von trauriger Gestalt gelesen hatte, eher nein, aber Clement zeit in Akt 2-4 den Quichotte in unterschiedlichen Kostümierungen (Playboy im Badezimmer vor dem Date als sich die Klimaanlage plötzlich in eine riesige Windmühle verwandelt; Spiderman im Ghetto bei der Beschaffung der gestohlenen Juwelen; Loser im Strickpulli im Großraumbüro, der die Sekretärin unerwidert anschmachtet), die durchaus Sinn ergeben. Daniel Cohen lässt die Partitur spanisch-folkloristisch knallen, wo nötig, aber auch französisch-luftig wehen, wenn es sentimental wird. Anna Goryachova singt die angebetete Dulcinée mit geheimnisvoll-erotischem Mezzo (gerne ein Wiederhören mit Carmen), Gabor Bretz ist ein vergleichsweise jugendlicher Titel"held" mit eher hellem Bass und einer berührenden Sterbeszene. Persönlich am meisten beeindruckt war ich jedoch vom Sancho des David Stout, der am Ende des vierten Aktes eine flammende, mit kräftigem Bariton vorgetragene, vehemente Verteidigung seines Herrn vor geschlossenem Vorhang tätigte.