Forza del destino - Deutsche Oper

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      Man könnte denken, dass das Berliner Publikum das konservativste, prüdeste oder älteste in Deutschlands sei, dabei habe ich gestern sehr viele junge Menschen, skurrile Persönlichkeiten und den ein oder anderen Paradiesvogel gesehen. Jedenfalls gab es gestern eine so heftige und krasse Reaktion während der Oper, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe und ehrlich gesagt für absolut übertrieben halte. Relativ weit am Ende der Oper gibt es eine Unterbrechung und eine Dame und ein Herr unterhalten sich, natürlich, dies hat nichts mit der Forza oder Verdi zu tun, aber muss man dann so lautstark buhen, pfeifen oder Beleidigungen in den Raum brüllen? Mir tat jedenfalls die Dame sehr leid, die ihren Vortrag dann unterbrach und dann abging. Für mich war die Inszenierung weder schockierend noch hat sie mich besonders bewegt, vielmehr hat sie mich ermüdet, da es sich wiedermal um eine typische Castorf Arbeit handelt. Lediglich das Bühnenbild von Denic weckte meine Aufmerksamkeit und Neugierde.

      Musiziert wurde auf einen hohem bis sehr guten Niveau. Bernacer hatte die Zügel fest in der Hand und lieferte ein gut strukturiertes, relativ flottes und beeindruckendes Dirigat. María José Siri gefiel mir als Leonora besonders gut. Endlich mal eine Leonora, die ordentlich Power hat und beeindruckend die dramatischen Ausbrüche in den Saal schleudert. Ihr allein, so finde ich, hat sich der Besuch schon gelohnt. Ihr zur Seite stand Russell Thomas als Don Alvaro und auch er überzeugte und hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Manchmal übertrieb er vielleicht, aber er ging völlig in der Rolle auf und und zeigte, was für Potenzial in ihn steckt.

      Alle anderen Rollen waren auch wunderbar besetzt und machten diesen Abend zu einen besonderen. Mal schauen, ob mich hier in Berlin weitere besondere Opernabende erwarten.
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      maestro schrieb:

      ich stelle mir ja eigentlich die Frage, ob die Aufführung wirklich so langweilig sein kann?
      Nachdem ich gestern in der zweiten Vorstellung war: Lieber Maestro, leider ja. Ich mag Castorf eigentlich sehr, bin quasi im Theater mit ihm großgeworden. Das Hauptproblem ist in meinen Augen, dass er mit den Hauptdarstellern nichts anfängt. Ob das sein Unvermögen ist, ob ihn die Figuren nicht interessiert haben oder ob die Sänger sich verweigern, kann ich natürlich nicht sagen, aber im Ergebnis ist es einfach schlecht. Vor allem Leonora und Don Alvaro, aber auch Don Carlo, stehen eigentlich nur dumm an der Rampe rum oder tappen auf der Bühne hin und her und warten mit den typischen dreieinhalb Operngesten auf. Dazu laufen dann im Hintergrund, vor allem als Film, diverse "kleine" Randgeschichten, aber dadurch, dass die "Hauptgeschichte" ausfällt, geht das, anders als sonst oft bei Castorf, nicht auf. Filme und Hintergrundszenen ergänzen, konterkarieren, erweitern nicht die Haupthandlung (wie teilweise hervorragend im Bayreuther Ring), sondern, da es die Haupthandlung praktisch nicht gibt, ersetzen sie sie. Vielleicht ist das auch Konzept, dass die eigentliche Haupthandlung wie ein "opernkonservativer Fremdkörper" in dem sonsigen Castorf-Universum rumsteht, aber es funktioniert trotzdem nicht. Das ist unbefriedigend. Übrig bleibt letztlich nur eine Darstellung der Grausamkeit des Krieges, und das ist dann doch zu wenig finde ich. Die Geschichte ist natürlich extrem krude, kommt Castorfs Stil in ihrer Sprunghaftigkeit ja aber eigentlich entgegen. Castorf erzählt sonst ja auch selten durchgehende logische Geschichten, sondern reiht Szenen, die für ihn eine Bedeutung entwickeln, aneinander. Vom Prinzip funktioniert die Forza ja genauso. Sich letztlich aber der geschichte ganz zu entziehen und sich nur auf den Hintergrund zu verlegen, funktioniert dann auch nicht.
      Sängerisch fand ich es gut, aber nicht spitze. Hervorzuheben ist das Engagement vor allem von Siri, auch wenn ihre Stimme nicht die wunderschönste ist. Aber Power hat sie, das stimmt. Thomas eher robust, aber auch engagiert dabei (sängerich, nicht spielerisch). Brück kommt schon an seine Grenze. würde ich sagen. Mit dem Dirigat fremdle ich ein wenig, vielleicht ist es die Kombination von

      The Botanist schrieb:

      Bernacer hatte die Zügel fest in der Hand
      und fehlendem Schmelz. Es war flott und strukturiert, aber mir fehlten Klangfarben und Schmelz.
      Die arrogenten Pöbler im Publikum waren sehr unangenehm und ich hätte mir tatsächlich gewünscht, dass da Ordner früher einschreiten und mal jemendne rausschmeißen. Wer es nicht aushält, in der Öffentlichkeit mit für ihn überraschenden oder auch verstörenden Erfahrungen konfrontiert zu werden, sollte zu Hause bleiben und eine DVD schauen. Gern kann man ja auch am Ende seine Meinung kundtun, aber sich selbst mitten in der Aufführung zum Maßstab der Dinge zu machen, ist arrogant und dumm. Abgesehen davon dass es respektlos den anderen Zuschauern wie den Sängern gegenüber ist.
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      Man kann Ihnen, was die Inszenierung angeht, nur zustimmen. Ich mag Castors Theaterarbeiten an der Volksbühne, zumindest die, die ich gesehen habe. Auch Les Miserables zuletzt am Berliner Ensemble war zumindest vor der Pause umwerfend. Nach der Pause hing der Abend dann durch; vielleicht bin ich aber auch zu alt, um mir nach einem Arbeitstag sechseinhalb Stunden Theater anzusehen - ich kann dann ab Stunde 4 oder 5 ehrlich gesagt nichts mehr verarbeiten. Leben des Galilei hing dann für mich schon vor der Pause durch, zu selbstverliebt. endlose Abhandlungen über das Theater an sich... das muss auch bei epischem Theater nicht sein. Kurz: da bin ich in der zweiten Hälfte gegangen. Ich kann übrigens auch nicht empfehlen, eine Castorf-Inszenierung als Blind Date auszuwählen, wenn die Frau, die man datet als einzige Theatererfahrung eine Aufführung "der kleine König Dezember" vorzuweisen hat, was ich aber erst vor Ort erfuhr.

      Als dann bei der Spielzeitpräsentation Forza mit Castorf auftauchte, war ich sehr gespannt. Und bin heute enttäuscht. Letztlich hat er mit der Geschichte nichts anfangen können. Friedrich hat das sehr genau beschrieben: Castorf hat Rampensingen inszeniert. Das Bühnenbild wirkt davon losgelöst - es ist übrigens eine schlechte Idee, wenn man im Foyer Bilder anderer Castorf-Inszenierungen zeigt, bei denen sein Stammbühnenbildner Aleksander Denic deutlich inspierierter war. Die Energie, die dort auf den Bildern zu sehen ist, fehlte gestern auf der Bühne. Auf mich wirkte die ganze Inszenierung sehr müde, ein besseres Adjektiv fällt mir dazu nicht ein. Der Protest während der Sprechszenen kam mir inszeniert vor. Weiß jemand, ob das wirklich vom Publikum ausgeht? Es gibt das Gerücht, dass Statisten im Publikum sind, um die Krawallstimmung mit "Viva Verdi"-Rufen anzuheizen bzw. auszulösen. Mir kam das nicht natürlich vor (und ich hoffe, dass das Gerücht nicht wahr ist). Gestern leider auch ein irgendwie doofes, unkonzentriertes Publikum, zumindest im Parkett, das durch die typischen Samstagabendbustouristenverhaltensdefizite auffiel.
      Musikalisch fand ich es hingegen sehr schön. Das letzte Mal hab ich die Oper vor vielen Jahren in Essen in einer - im Grunde auch faden - Hilsdorf-Regie gesehen.. Gestern dachte ich mir - die Musik ist wirklich toll. Und die Besetzung der Hauptpartien und besonders Mimica fand ich auf sehr hohem Niveau.
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      cassio schrieb:

      Es gibt das Gerücht, dass Statisten im Publikum sind, um die Krawallstimmung mit "Viva Verdi"-Rufen anzuheizen bzw. auszulösen.
      "Sag niemals nie", ich weiß, aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es wäre einfach zu erbärmlich.
      Der Einschätzung des Bühnenbilds muss ich übrigens noch zustimmen, das war auch keine Sternstunde von Denic.