Forza del destino - Deutsche Oper

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    • Für einige Minuten waren die 80er-Jahre zurück in der Bismarckstraße. Es wurde gerufen und gepöbelt, Ordner kamen in den Saal. Ich hatte mich schon im Vorfeld über die Gesamtdauer der Aufführung gewundert: 3 Stunden und 45 Minuten hatten mich stutzig gemacht. Frank Castorf hat die Handlung der Oper nach Neapel ins Kriegsjahr 1943 verlegt. Der Krieg in aller seiner Grausamkeit un Sinnlosigkeit ist auch das zentrale Thema von Castorfs Regiearbeit. Offenbar hat em Regisseur jedoch der Stoff der Oper nicht ausgereicht. Wurden im 1. Teil nur kurze Texte eingestreut, schienen die Texte im 2. Teil keine Ende nehmen zu wollen. Das Maß war voll, als Texte zunächst auf Deutsch und dann auf Englisch gesprochen wurden. Dann kamen die Rufe nach Musik, Verdi und nach Respekt für die Darsteller. Währen auf der Bühne die Sinnlosigkeit des Kriegs gezeigt werden sollte, gab es im Publikum förmlich einen Lagerkrieg. Leider ist die Inszenierung insgesamt eine recht langweilige Angelegenheit, die bis zu den Tumulten kaum Widerspruch geerntet hat. Das Publikum schien ratlos bis gelangweilt zu sein, so verhalten war auch er Applaus für die Sänger. Die hinzugefügte Person des Indios wirbelte quer durch die ganze Oper, mal halbnackt in Stöckelschuhen, mal im Glitzerkostüm, mal als Engel. Seine Leistung war sicher von großer Qualität und Intensität, in Bezug auf den Genuss der Oper haben mich seine Aktionen eher kirre gemacht, so die auch die zahlreichen Video-Installationen, die teilweise live von Kamerateams aufgenommen gesendet wurden.

      Musikalisch war der Abend besser als ich es erwartet hatte. Vor allen Dingen die Männer wussten zu überzeugen, was mich insbesondere für Russel Thomas als Alvaro gefreut hat, der vor drei Monaten einen eher durchwachsenen Otello gesungen hatte. Mit seiner dunklen, etwas rauen Stimme umschiffte er die meisten Klippen der Partie und war in er Beifallsskala klarer Punktsieger. Eine starke Leistung bot auch Markus Brück als Carlo. Ich bevorzuge zwar eher weiche Stimmen, aber mit seinem kernigem Bariton und einer Stimmgewalt hat er eine Top-Leistung gebracht, die so manchen Kollegen vor Neid erblassen lassen würde. Als Padre bot der von mir sehr geschätze Marko Mimica eine tadellose Leistung, allerdings fehlte ihm irgendwie das Format für die Partie. Misha (vormals Mikheil) Kiria beherrschte die Bühne bei seinen Auftritten und war ein charismatischer Fra Melitane, der u.a bei Renato Bruson studiert hat. Agunda Kulaeva gab eine passable Preziosilla, nicht mehr und nicht weniger. Zwiespältig bleibt der Eindruck zur Leonora von Maria José Siri. Ich schätze an ihr, wie sie sich mit Haut und Haar auf der Bühne verzehrt. Ich verzeihe ihr in der Regel eine etwas schrille Höhe, da ich insgesamt ihre Stimme mag. Allerdings waren gestern ihre hohen Töne Glückssache. Dirigiert wurde die Aufführung von Jordi Benàcer, der für den ursprünglich mal geplanten Paolo Carignani am Pult stand. Ich fand sein Dirigat mit zahlreichen Tempowechseln sehr interessant. Schon in der Ouvertüre gab es Töne, die ich so noch nie zuvor gehört habe. Manches war recht langsam dirigiert, andere Passagen extrem schnell, mit vielen Rubati gespickt. Allerdings gab es auch Abstimmungsprobleme mit dem insgesamt hervorragenden Chor und verpasste Einsätze (Stephen Bronk als Marchese und Brück, bei Siri bin ich mir nicht ganz sicher).

      Nach fast vier Stunden (warum wurde eigentlich nicht um 18 Uhr begonnen?) Oper, Sprechtheater und Tumulten gab es am Ende Beifall ohne Widerspruch für die Sänger und den Dirigenten und einen Buh-Orkan für Frank Castorf und sein Team, gemischt mit Beifall und Zustimmung, den dieser mit Küsschen für das protestierende Publikum beantortet hat. Allein wegen der überlangen Dialoge habe ich nicht den Nerv, mir diese an sich sehr schöne Oper öfter zu gönnen. So manch einer wird sich, egal ob Neuenfels-Anhänger oder -Gegner, nach der alten Produktion zurückgesehnt haben, die ebenfalls für Skandale gesorgt hat und noch Jahre nach der Premiere für Widerspruch gesorgt hat.

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    • Langsam fände ich es an der Zeit, dass von den Opernhäusern im Zeitalter der Transparenz und dem Bedürfnis nach kundenorientierter Kommunikation die Produktionskosten einer Neuinszenierung veröffentlicht würden, damit die Opernbesucher und Steuerzahler sich ein Bild darüber machen können, wofür das Geld ausgegeben wird. Vielleicht ein sinnvoller Beitrag zum Thema subventioniertes Theater bzw. Oper. Wie in Salzburg aktuell auch folgte nach einer großartigen konzertanten Opernaufführung eine Neuinszenierung, deren vordergründiges Ziel wohl sein soll, das Publikum zu polarisieren. Im Gegensatz zur Salzburger Medée kann man in Berlin aber die Repertoirtauglichkeit längerfristig beobachten. Für den Rest des September scheint das Interesse allerdings eher gedämpft. Meines ist erloschen.
    • also, die Mär von der polarisieren Medeé kann ich immer noch nicht glauben. In meiner Vorstellung gab es keinen einzigen Buhrufer und eine sehr positive Aufnahme durch das Publikum.

      Anyway, wenn ich nicht daneben liege, dürfte es bei Neuenfels in dden 80er Jahren deutlich mehr Protest gegeben haben als gestern. Ich kann mich auch an Münchner Premieren aus den 80ern und 90ern erinneren (z.B. einen Freischütz unter Suitner mit Raffeiner und Wlaschiha), die kurz vor dem Abbruch standen. Alles schon mal dagewesen;-) Und im Übrigen, wenn eine Forza-Neuproduktion nicht polarisiert, dann hat der Regisseur das Werk nicht wirklich verstanden (nach meiner bescheidenen Meinung).
    • maestro schrieb:

      also, die Mär von der polarisieren Medeé kann ich immer noch nicht glauben. In meiner Vorstellung gab es keinen einzigen Buhrufer und eine sehr positive Aufnahme durch das Publikum.
      kann ich nur bestätigen!

      maestro schrieb:

      Ich kann mich auch an Münchner Premieren aus den 80ern und 90ern erinneren (z.B. einen Freischütz unter Suitner mit Raffeiner und Wlaschiha), die kurz vor dem Abbruch standen
      das war gar nichts dagegen gestern, geradezu lächerlich.
    • Manuel Brug: Der alte Hexenmeister hat keine Verdi-Opernlust: eine fade „Macht des Schicksals“ wird vom Charlottenburger Pöbelpublikum zum Miniskandal hochgejazzt
      darin u.a. "(...) Opernpublikum tat ihm den Kleinklein-Skandal-Gefallen mit der ortüblichen Nöl-Vehemenz, nachdem man bis dahin über drei Stunden ziemlich durchgegähnt hatte."

      klassiker.welt.de/2019/09/09/d…W-4EfY5_xFpQRoXPqYPjuTTcE
    • parlando schrieb:

      Langsam fände ich es an der Zeit, dass von den Opernhäusern im Zeitalter der Transparenz und dem Bedürfnis nach kundenorientierter Kommunikation die Produktionskosten einer Neuinszenierung veröffentlicht würden, damit die Opernbesucher und Steuerzahler sich ein Bild darüber machen können, wofür das Geld ausgegeben wird.
      Das wäre eine Steilvorlage für die Steuerzahler, die nicht zu den Opernbesucher gehören. :(
    • Reingold schrieb:

      Zwischenrufer2 schrieb:

      Das wäre eine Steilvorlage für die Steuerzahler, die nicht zu den Opernbesucher gehören.
      Ich glaube nicht, dass die Inszenierungen eines Zefirelli z.B. inflationsbereinigt günstiger waren als heutige. (Was allein die Elefanten und Löwen in der Aida gekostet haben ... :rolleyes: )
      Sie würden es trotzdem zum Vorwand nehmen, eine bessere Verwendung für diese Gelder zu fordern...
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      Reingold schrieb:

      Zwischenrufer2 schrieb:

      Das wäre eine Steilvorlage für die Steuerzahler, die nicht zu den Opernbesucher gehören.
      Ich glaube nicht, dass die Inszenierungen eines Zefirelli z.B. inflationsbereinigt günstiger waren als heutige. (Was allein die Elefanten und Löwen in der Aida gekostet haben ... :rolleyes: )
      Sie würden es trotzdem zum Vorwand nehmen, eine bessere Verwendung für diese Gelder zu fordern...
      Und genau darin liegt das Problem!!!
    • Zwischenrufer2 schrieb:

      parlando schrieb:

      Langsam fände ich es an der Zeit, dass von den Opernhäusern im Zeitalter der Transparenz und dem Bedürfnis nach kundenorientierter Kommunikation die Produktionskosten einer Neuinszenierung veröffentlicht würden, damit die Opernbesucher und Steuerzahler sich ein Bild darüber machen können, wofür das Geld ausgegeben wird.
      Das wäre eine Steilvorlage für die Steuerzahler, die nicht zu den Opernbesucher gehören. :(
      Wenn ich Fan von Werder Bremen und Verschwörungstheoretiker wäre, würde ich mich bestätigt sehen, wenn Werder für Hochrisikospiele eine Polizeigebühr abdrücken muss (die sich im Kartenpreis und/oder Sky-Abo wiederfinden dürfte), während die Hochkulturknauser keinen Aufschlag auf den Kartenpreis entrichten müssen, wenn sie ihrer Vorliebe für besonders kostspielige Inszenierungen frönen. Da würde Transparenz unter Verdacht geraten, eine Einbahnstraße für Fußballfans zu sein.
    • th.max schrieb:

      Hat die Deutsche Oper gestern unter Polizeischutz gespielt, mussten die Zufahrtswege überwacht werden und nach der Aufführung rivalisierende Fangruppen voneinander getrennt abmarschieren?


      Ein Verschwörungstheoretiker unter den Fußballfans würde argumentieren:

      Hätte die Oper nicht auch spartanischer inszeniert werden können (mehr so wie bei Wieland Wagner): ein weniger aufwändiges Bühnenbild, weniger „Tiger“ und „Elefanten“? Der Fußballfan zahlt über seine Steuern ja bereits den Polizeieinsatz, der für das „normale“ Risiko bei Spielen erforderlich ist, und als Fußballfan ist er auch mit seinen Steuern bei der Subventionierung von Operninszenierungen dabei. Warum soll also nur sein Verein bei bestimmten Spielen mit Polizeigebühren belastet werden, während „Tiger“ und „Elefanten“ zusätzlich aus dem Steuersäckel bezuschusst werden. Schließlich ist nicht nur die Pflege der Hochkultur eine öffentliche Aufgabe, sondern auch die Aufrechterhaltung der Sicherheit im öffentlichen Raum.

      Abgesehen davon: In den Programmheften steht sowieso schon eine Menge. Warum nicht auf der letzten Seite eine Aufstellung über das Budget für die Inszenierung und die Kostenüber- und unterschreitungen und den angestrebten Kostendeckungsgrad durch Eintrittsgelder? Als steuerzahlender Theatergänger, dessen Stadionbesuche schon länger zurück liegen, würde mich das schon interessieren.
    • Das lässt sich mit Sicherheit berechnen, da die Häuser ja auch eine Haushaltsplanumg haben müssen. Dabei werden nicht nur die Kosten der Produktion als solche,sondern für deren Unterhalt errechnet werden müssen, wie Aufwand für Auf-, Um- und Abbau des Bühnenbildes, Transportkosten zum Dekorationslager und Lagerkosten. Dazu kommen noch die entsprechenden Personalkosten für Technik und Logistik.