Ein Höllenritt mit Yuja Wang und dem "Ersten Gastdirigenten"

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    • Ein Höllenritt mit Yuja Wang und dem "Ersten Gastdirigenten"

      Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das Rach. 3 von den großen Klavierkonzerten stellenweise die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte australische Pianist David Helfgott 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über Helfgotts Comeback gedrehtem Film:„Shine-Der Weg ins Licht“ gelangtedas 3. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

      Der sechsunddreißig jährige Pianist Rachmaninow war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das Familiengut der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein d-Moll-Konzert, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des „Konzertes für einen Elefanten“ zu üben. Am 28. November 1909 fand dann in der Carnegie Hall die Uraufführung mit dem Solisten Rachmaninow und dem "New York Symphony Orchestra" unter Walter Damrosch statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonischer Kontrast fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem „New York Philharmonic“ unter Gustav Mahler am 16. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten Rachmaninow, den Erfolg.

      Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20bot Yuja Wang das Konzert mit der Staatskapelle und deren ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung. Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

      Myung-Whun Chung begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

      Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte Myung-Whun Chung mit der Staatskapelle die zweite Sinfonie von Johannes Brahms zu Gehör.

      Während sich Johannes Brahms mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877. Weil Brahms keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

      Dort hatte 1862 Clara Schumann ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für Brahms war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei Brahms 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. „Wir Kinder hatten Brahms alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich die Tochter Eugenie. Clara und Johannes musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

      Am 24. September berichtet Clara Schumann, Brahms habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von Hans Richter statt. Ab dem 10. Januar 1878 ging Brahms mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

      Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber Johannes Brahms eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

      Intensiv führte Chung die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das Adagio non Troppo begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. Chung formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

      Mit demdritten Satz „Allegro grazioso“ lockert Myung-Whun Chungdie Bedeutungsschwere der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

      Wie schon so oft, begeisterte Myung-Whun Chungs Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen„Ungarischen Tanz“ nach Hause.
    • Danke thomati für den sehr ausführlichen Bericht.

      thomathi schrieb:

      Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.
      Sie sprechen etwas an, dass ich leider bei Yuja Wang immer wieder beobachtet habe... dass sie teilweise auf die schiere Technik und Virtouosität (die sie ja wahrlich hat) setzt. Dabei kommt aus meiner Sicht leider manchmal das Interpretatorische zu kurz.

      Ich würde gerne jedem Pianisten, der aus dem 3.Klavierkonzert von Rachmaninow einen "Höllenritt" macht, raten die vom Komponisten selbst eingespielte Aufnahme anzuhören. Seine Einspielung (1939/40) ist vergleichsweise ruhig (sofern man das bei diesem Konzert sagen kann) und mit wenig zur Schau gestellter Virtouosität gespieltt. Ich war - nach unzähligen zuvor gehörten Interpretationen - ziemlich erstaunt, als ich zum ersten Mal hörte wie der Komponist selbst sein Werk spielte.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cabaletta ()

    • ira schrieb:

      Cabaletta schrieb:

      Sie sprechen etwas an, dass ich leider bei Yuja Wang immer wieder beobachtet habe...
      Nicht nur bei Yuja Wang. Öfter bei solchen Nachwuchstalenten. Lang Lang kann man zwar nicht mehr als Nachwuchstalent bezeichnen, aber bei ihm ist es sehr oft auch so. Die Virtuosität hat Vorrang.
      Was Lang Lang betrifft bin ich ganz bei Ihnen. Ich habe den Hype um ihn nie verstanden. Für mich ist er schlicht ein guter Pianist von vielen, doch ich habe in seiner Generation / in seinem Alter schon bei weitem bessere, interpretatorisch sehr viel stärkere gehört.

      Doch nicht nur heutige Nachwuchspianisten sondern auch viele der älteren bzw. bereits verstorbenen Tastenstars haben das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow mit viel Gewicht auf der (ihrer) Virtouosität gespielt und auch aufgenommen. Deshalb war ich ja über Rachmaninows eigene Aufnahme so erstaunt.

      Für diejenigen, die es interessiert:
      Die Aufnahem aller vier Klavierkonzerte von Rachmaninow mit Rachmaninow gibt es übrigens als Doppel-CD bei amazon.
    • Reingold schrieb:

      Wie es der Zufall so will: Heute 20:15 auf Alpha
      Absolute Prokofiev:
      Klavierkonzert No. 3, Violinkonzerte 1 & 2
      Gergiev, Leonidas Kavakos, Denis Mazujew
      Ja, der Zufall ist schon eine heftige Sache. Gerade redet man schön über Rachmaninoffs drittes Klavierkonzert. Und dann kommt heute Abend just Prokofieffs drittes Klavierkonzert im Fernsehapparat. Sachen gibt's.
    • Asteria schrieb:

      cassio schrieb:

      ich habe 2016 glaub ich das letzte Mal hier etwas geschrieben...
      Ich weiß, das Ihr letzter Beitrag leider lange her ist - aber mich verwirrt die Formulierung "nach all der Jahre".
      Leider muss ich Sie in dieser Verwirrung belassen - die Frau ohne Schatten wartet. Und die versetzt man nicht (das hab ich gestern schon mit Benvenuto Cellini gemacht, aber Italiener sehen das nicht so eng).
    • cassio schrieb:

      Reingold schrieb:

      Wie es der Zufall so will: Heute 20:15 auf Alpha
      Absolute Prokofiev:
      Klavierkonzert No. 3, Violinkonzerte 1 & 2
      Gergiev, Leonidas Kavakos, Denis Mazujew
      Ja, der Zufall ist schon eine heftige Sache. Gerade redet man schön über Rachmaninoffs drittes Klavierkonzert. Und dann kommt heute Abend just Prokofieffs drittes Klavierkonzert im Fernsehapparat. Sachen gibt's.
      Sie kennen doch sicher diese Sache von Karl Valentin: "Gut, dann reden wir morgen über ein Automobil. Aber wehe, es kommt dann ein Radfahrer daher!"
      "Ich frage mich ernsthaft, was für ein Rattenloch eine Partei oder Franktion eigentlich sein kann" (A. Poggenburg, AfD, übr seine eigene Partei)