Darmstadt 2019/20

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    • Darmstadt 2019/20

      Opernfreunde spielen ja gerne mal Intendant: "Wenn ich in Bayreuth das Sagen hätte, dann würde ich...." Nun, wenn ich Katharina Wagner spielen würde, dann würde ich nach dem heutigen Besuch der Darmstädter "Turandot" mal vorsichtig im Lager anfragen, ob der Castorf-Ring schon verschrottet wurde, denn das, was sich da auf der Bühne bot, war von handwerklicher wie dramaturgischer Sicht derart dilettantisch, dass ich zur Not auch anfragen würde, ob man irgendwie den Dorst-Ring reanimieren könnte.

      Valentin Schwarz, Bayreuths neuer "Ring"-Regisseur, zeigt Calaf als einen Maler ("Dammi i colori"), der sich vor dem das Bühnenportal füllenden Gemälde wie in einen rausch hineinpinselt und seinen Vater (Timur) und seine Muse/Geliebte (Liu) immer mehr ausblendet, bis er im zweiten Akt dann ganz Teil des Geschehens wird. Das mag sich interessant lesen, aber es funktioniert so überhaupt gar nicht; nahezu alle Personenkonstellationen verlieren somit an Plausibilität und Glaubwürdigkeit. Rein handwerklich besteht ebenfalls Nachhilfebedarf: die eigentlich schönen Kostüme des Chores sieht man erst beim Schlussapplaus, da die Bühne vorher mies ausgeleuchtet wurde. Personenregie fehlt teilweise völlig (im ersten Teil des Ping-Pang-Pong-Terzetts schweben die drei Minister einfach nur in der Luft), dann wiederum ist sie nicht nachvollziehbar (Turandot "besteigt" Calaf ziemlich unzweideutig schon am Ende des zweiten Aktes) oder fällt wortwörtlich ins Wasser, als es ganz am Schluss zu regnen beginnt. Lius Selbstmord bleibt unklar, genauso weshalb Turandot im zweiten Akt mit der Fackel am Ende etwas anzündet ("starke Scheite"?) oder vor dem "Nessun dorma" im Mondlicht einen Schleier ablegt ("wie der Mond heute Nacht aussieht"): Will Schwarz "Erkennen Sie die Melodie" mit uns spielen oder uns eine "Turandot" zeigen? Wer weiß. Und so sind die ersten zehn Minuten des Abends immer noch die besten - denn um so viel verzögerte sich der Beginn der Vorstellung aus unbekannten Gründen. Dankenswerterweise wurde uns das Alfano-Ende erspart, so dass dem nicht sonderlich zahlreich erschienenen Publikum nicht noch mehr Lebenszeit gestohlen wurde.

      Giuseppe Finzi dirigierte ordentlich. Katharina Persicke klingt doch etwas zu lyrisch, aber angesichts dieser Regie können ihrer Liu sowieso nicht die Herzen wie sonst zufliegen. Soojin Moon begann ganz interessant - die Stimme ist natürlich nicht hochdramatisch, aber immerhin brauchbar. Ein-, zweimal rutscht sie im zweiten Akt aus dem Fokus (geschenkt), im dritten Akt geht Moon die Partie zu vulgär, zu ordinär an. Einzig Aldo di Toro hinterlässt etwas mehr Eindruck: auch hier kein echter spinto, aber beim entscheidenden "Nessun dorma" beeindruckt er mit Legato und sicheren, lang gehaltenen Tönen, auch im hohen Bereich.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()

    • Reingold schrieb:

      So schlimm? <X
      Ja. Vielleicht auch deshalb, weil - und das habe ich gestern vergessen zu erwähnen - die Sänger nicht wirklich motiviert schienen. Vielleicht, weil sie selber nicht so wirklich überzeugt von dem waren, was sie da tun mussten. Aber das wäre zu spekulativ. Vieles im darstellerischen Bereich wirkte jedenfalls ziemlich unbeteiligt, beiläufig. Dienst nach Vorschrift.