"Radamisto", 01.09.2019

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    • "Radamisto", 01.09.2019

      Irgendwie vergesse ich immer gerne, dass ich ja seit geraumer Zeit (fast) die Einzige bin, die aus Frankfurt berichtet; ich warte dann vergeblich darauf, dass jemand eine Diskussion anleiern möge... Bevor ich also doch noch vergesse: meine persönliche Spielzeit startete mit „Radamisto“ - eine (lange! fast schon zu lange) Vorstellung, der ich mit gemischten Gefühlen entgegensah, denn Händels Opern waren für mich seit je ein Synonym für 'gepflegte Langeweile'... Trotz aufrichtiger Bemühungen hatte ich bis dahin keinen Zugang zu dieser Art der Opernmusik gefunden und – was soll ich sagen: auch der vorletzte Sonntag hat daran nichts geändert. Obwohl die Handlung in ihrer Grundkonstellation ja durchaus nicht uninteressant ist, ließ die Musik durch ihre endlosen Textwiederholungen und die musikalisch eher geringfügigen Variationen innerhalb der Arien keine echte Spannung aufkommen – da konnten die Protagonisten sich einen Wolf spielen... Das Bühnenbild selber war auch nicht eben hilfreich (eine große Treppe funktioniert eben nicht immer), und die Regie erlag leider der zugegebenerweise naheliegenden Versuchung, die Handlung in eines der aktuellen nahöstlichen Bürgerkriegs- und Flüchtlingsszenarien zu verlegen. Weil der Krieg in dieser Oper aber nur als Narrativ vorhanden ist, um die Bühnenhandlung voranzutreiben, klappt das nicht so recht. Zwar werden die zur Zeit so beliebten Videoprojektionen zuhauf eingespielt (angreifende Kampfjets, ein sich endlos erstreckendes Flüchtlingslager etc.), aber auch die retten das Ganze nicht mehr (abgesehen davon ergeben sie möglicherweise bei Betrachtung aus den Rängen einen Sinn; im Parkett kommen nur durch die Treppenstufen in Streifen geschnittene Lichtreflexe an). Sogar der im Grunde logische GoT-mäßige Schockmoment gegen Ende der Oper verflog gleich wieder, weil alle Leichen leider noch ein Weilchen weitersingen mussten...
      Das taten sie allerdings recht schön:
      • Dmitry Egorov gab den Titelhelden (Held? Nun ja...) mit berückend schönem Countertenor, jedoch etwas holzschnittartigem Spiel... Lag aber vermutlich an der Rolle eines Mannes, der in erster Linie gehorsamer Sohn und in zweiter hilflos ergebener Ehemann ist und eigentlich doch ein kühner Held sein sollte.
      • Seine innig liebende Gattin Zenonia war Zanda Švēde, die ihren wohlklingender Mezzo mit zuweilen somnambul anmutender Würde verband, sich aber auch damit den Tyrannen Tiridate nicht vom Leibe halten konnte.
      • Die zweite weibliche Hauptrolle Polissena verkörperte Jenny Carlstedt – eine wahrlich zwischen allen Stühlen sitzende Frau: verheiratet mit dem skrupel- und lieblosen Eroberer Tiridate, umworben von dessen Feldherrn Tigrane und als Radamistos Schwester dazu verdammt, den Untergang ihrer Heimatstadt und die Gefangennahme ihres Vaters mitansehen zu müssen. Als ob das nicht genug wäre, liebt sie ihren abscheulichen Gemahl und weigert sich, gegen ihn Stellung zu beziehen. Jenny Carlstedt spielte diese Figur mit Hingabe und Überzeugungskraft; ihre Stimme hatte ich allerdings nicht so spröde in Erinnerung...
      • Tiridate wurde – wie üblich mit kraftvollen Bass – von Kihwan Sim gesungen; ob seine unerwiderte Liebe zu Zenobia nun wirklich der einzige Grund für die Eroberung eines fremden Landes und die anschließenden Greueltaten war, wollen wir dahingestellt sein lassen, aber Händel verleiht auch diesem Charakter keine echte Tiefe; das nichtendenwollende Blutbad, das er unter seinen Gegnern anrichtet und das schließlich zur Erhebung seiner eigenen Armee gegen ihn führt, bleibt im Grunde ebenso unerklärt wie seine alles niederwalzende Begierde, Zenobia zu seiner Frau zu machen.
      • Vince Yi als Tiridates jüngerer Bruder Fraarte und Kateryna Kasper als Tigrane (nicht nur ein guter Feldherr, sondern, wie bereits erwähnt, auch in Tiridates Ehefrau verknallt) gaben mit frischem Spiel und ebensolchen Stimmen ein jugendlich-sorgloses Freundespaar ab, das irgendwann die Grausamkeiten dieses Krieges nicht mehr erträgt.
      • Die Rolle des Königs Farasmane (Radamistos und Polissenas Vater) war bei Božidar Smiljanić in guten Händen .
      Unter Simone Di Felices Leitung hatte das (sehr reduzierte) Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen sehr transparenten und sängerfreundlichen Klang, der mir gut gefiel.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      denn Händels Opern waren für mich seit je ein Synonym für 'gepflegte Langeweile'.
      Für mich ist Händel einer der ganz großen Opernkomponisten, der in London zur Recht als Unternehmer zeitweise sehr erfolgreich war. Dass die Handlungen seiner Opern uns weniger berühren, macht er durch seine Musik mehr als wett. Radamisto kenne ich nicht, dagegen aber Ariodante, Alcina, Serse und besonders Giulio Cesare in Egitto. Um es salopp zu sagen: Bei der geht nun wirklich die Post ab. :)
    • Dann möchte ich Asteria beistehen und auch was beitragen.
      Ich sah die WA am 25.8.
      Der bedeutendste Aspekt ist für mich die Verpflanzung einer Produktion vom Bockenheimer Depot in das Große Haus.
      Was im Depot noch kammerspielartig verdichtet herüber kam, drohte sich auf der großen Bühne zu verlieren. Ich saß im 2. Rang, da wirkte die Inszenierung noch, zumal, da ich sie bereits kannte. Möchte nicht wissen, wie das vom 3. Rang aus aussieht. Ich habe ja seit 2016 eine gewisse Treppen-Allergie entwickelt.
      Das Spezialensemble des Museumsorchesters unter Simon di Felice tat alles, um die Musik profiliert, akzentuiert und lebendig zu gestalten.
      In diesem Zusammenhang etwas zur Rezeption: mir geht es wie Reingold (juchu, wir haben was gemeinsam :) ), ich bin auch mit Bach und Mozart sozialisiert aufgewachsen, für mich stellt Händel an und für sich kein Problem dar. Ich habe aber auch selbst die Erfahrung machen müssen, dass eine Händel-Oper beim ersten kompletten Hören etwas schwierig zu verdauen ist, wegen der Vielzahl der Arien, die nicht immer gleich wie Blockbuster wirken. Gerade Radamisto hat scheinbar keine solche zu bieten, aber beim wiederholten Hören prägen sich doch einige ein. Stellvertretend seien zwei lyrische Arien des Titlehelden genannt, "Ombra cara", 2. Akt vor der Pause, und "Qual nave smarrita", 3. Akt.
      Es gillt einfach: Da capo ist ungemein wichtig, sich bei youtube Ausschnitte anhören, dann in Etappen die ganze Oper, dann könnte es klappen. Sogar ich habe vor dieser WA noch einmal eine meiner Aufnahmen angehört, und war doch beglückt zu merken, wie sehr ich das Werkt noch "drauf" habe.Das größte Glück für mich ist, wenn sich fast alle Arien wie vertraute Pop-Songs anhören ;) .

      Zu den Sängern wurde von Asteria schon alles gesagt, ich möchte nur ergänzen, dass ich es befremdlich finde, die Sopran-Partie der Polissena mit einem Mezzo zu besetzen (jetzt Carlstedt, Premiere und ab Januar wieder Paula Murrihy), daraus resultiert ein gelegentlich spröder Tonansatz, weil die Tessitura einen Ticken zu hoch für einen Mezzo ist.
      Die Bühne bleibt sauber!