Repertoire 2019/2020

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    • Repertoire 2019/2020

      und ab geht die wilde Fahrt, alle einsteigen. Gestern begann die neue Saison mit einer wunderbaren Repertoireaufführung des Otello. Die Aufführung hatte eine wirklich sehr hohe Qualität, was natürlich zum einen daran lag, dass Orchester, Chor und die meisten Solisten die Produktion ja noch gut abgespeichert haben, zum anderen, weil mit Adam Fischer ein absoluter Vollblutdirigent am Pult stand. Fischer weiss, was er tut (dirigiert auswendig), dimmt einiges der Dynamik von Petrenko ab, aber lässt die Musik sehr gut laufen und navigiert vor allem sehr sicher durch die anspruchsvolle Partitur. Die Musiker klopften ihn schon zur Pause ab, das Publikum war auch mehr als zu frieden, wenn mann nach dem Applaus gehen darf. Katerina Bradic, Claudio Sgura und Tariq Nazmi waren die neuen Künstler in der Produktion und boten alle sehr ansprechende Leistungen. Sgura tat sich anfangs doch noch etwas schwer, sich in den dieser Produktion sehr körperlich agierenden und tänzelnden Jago hereinzufinden. Das änderte sich über den Abend aber und er bot eine sehr routinierte Leistung, die Stimme hat einen sehr kraftvollen Kern, lediglich bei der Flexibilität hapert es manchmal, dann wird die Stimme etwas eng und scharf. Für diese Wiederaufnahme aber eine sehr gute Leistung. Hervorragend auch Kaufmann, der anfangs etwas schwächelte und erst den Sommerrost von der Stimme entfernen musste. Nach der Pause wirkte er aber wie ausgewechselt und beeindruckte wieder mit starkem Ausdruck und wunderbarer Pianokultur. Er ist auf jeden Fall wieder da.

      Hinten anstellen mussten sich aber alle mal wieder hinter der sich momentan vielleicht in der besten Verfassung seit 2013 befindenden Anja Harteros. Ihre Intensität, stilistischen Fähigkeiten und Präsenz kann man einfach nicht beschreiben, das muss man erleben. Ein toller Start in die Saison.
    • maestro schrieb:

      und erst den Sommerrost von der Stimme entfernen musste.
      Wobei es ja in diesem Sommer extrem wenig geregnet hat ^^

      maestro schrieb:

      tat sich anfangs doch noch etwas schwer, sich in den dieser Produktion sehr körperlich agierenden und tänzelnden Jago hereinzufinden.
      Wäre vielleicht etwas für mich. Denn genau den "tänzelnden" Jago brauche ich nicht. Paßt überhaupt nicht zu der Rolle.
    • Ja, das war eine großartige Aufführung gestern. Adam Fischer schien mit den Sängern zu atmen. Das dynamische Spektrum war auch ziemlich groß - oder war bei Petrenko die Gewittermusik noch lauter? Die Streicher waren einen Tick "süffiger", insgesamt habe ich mehr Dramatik wahrgenommen. Fischer darf gerne öfter mal hier dirigieren!
      "Sommerrost" habe ich nicht gehört (wie hört sich Rost an?), aber ein gewisses Ungleichgewicht zwischen Harteros und Kaufmann. Letzterer legte die Partie womöglich noch introvertierter, leiser an, als in der Premierenserie, während Harteros ihre leichten Vibratoprobleme in den Griff bekommen hat, vielleicht auf Kosten ihres Pianos. So hörte sich das jedenfalls bis zur Pause an.
      Claudio Sgura hat sich im Laufe des Abends gut in die Körperlichkeit der Rolle eingefunden, das tänzerische, im Credo auch marionettenhafte, gehört zur Inszenierung. Stimmlich passte er nicht so gut zur Inszenierung, da fehlen ihm doch ein paar Audrucksnuancen. Ein zu Beginn deutlich ausgeprägtes Vibrato (das auch schon in den hier eingestellten Videos zu hören war) gab sich im Laufe des Abends.
      Nach der Pause waren diese kleinen Kritikpunkte - es handelt sich da wieder einmal um Jammern auf sehr hohem Niveau) verschwunden.
      Ein wunderbarer Saisonauftakt. Freue mich auf Dienstag!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von susakit ()

    • Danke Maestro für den tollen Bericht. Volle Zustimmung von meiner Seite. Es war ein grandioser erster Opernabend der neuen Spielzeit.
      Claudio Sgura, den ich bisher überhaupt nicht kannte war eine echte Entdeckung für mich. Ich denke und hoffe er wird sich in den kommenden Vorstellungen noch mehr in die Produktion hineinfinden.
      Bei Jonas Kaufmann ist man kleine Anlaufschwierigkeiten bei einer ersten Vorstellung inzwischen gewöhnt, doch wie Maestro sagte hat er sich im Lauf des Abends freigesungen und gespielt. In seiner Darstellung des zunehmenden Wahns Otellos hat er für mein Empfinden seit letztem Jahr (bei den Festspielen hatte ich auf Otello verzichtet) noch eine Schippe an Intensität draufgelegt.
      Und Anja Harteros... ohne Worte, ein Traum !
      Adam Fischer, Orchester, Chor,und alle anderen Interpreten... eine tolle Leistung zum Saisonstart!
    • Otello, BSO 20.9.19

      Ich hatte vorher viel über diese Inszenierung hier im Forum gelesen - die Wogen der Erregung gingen ja ziemlich hoch. Nachdem ich sie nun selbst gesehen habe, verstehe ich die ganze Aufregung nicht. Eine revolutionäre Neudeutung kann ich höchstens in einigen Details entdecken. Dass Otello als psychisch Gebrochener aus dem Krieg zurückkommt ist zwar eine ungewöhnliche Sichtweise, aber erklärlich – und sie widerspricht dem Libretto nicht. Interessant die Fokussierung auf Desdemona, die als einsame, aber auch selbstbestimmte Frau gezeichnet wird.
      Zu den Sängern:
      Claudio Sgura hat mir als Jago etwas besser gefallen als in HH, er hat eine schöne, kräftige Stimme. Aber auch hier fehlte es mir an Ausdrucksvielfalt – das Gefährliche der Figur bringt er nicht so richtig rüber.
      Zu Anja Harteros muss man wirklich nicht viel sagen. Meine Frau meinte: „Die beste Desdemona, die wir je gehört haben.“ Ich denke, dass da doch ein paar auf ähnlich hohem Niveau waren, es ist aber auf jeden Fall lange her. (Namen liefere ich auf Wunsch nach, ich schreibe dies im Zug nach HH und habe hier keinen Zugriff auf meine Datenbank.)
      Und Jonas Kaufmann: Das Gepresste, Knödelige, das mich an seiner Stimme häufig gestört hat, war höchstens zu Beginn ein wenig zu hören (der von maestro erwähnte „Rost“?!), er ist unzweifelhaft ein hochintelligenter Sänger, der wunderbar gestalten kann und dessen Stimme auch vieles ermöglicht – aber er ist für mich kein Otello. Es fehlt mir einfach die Strahlkraft und die Power in der Stimme, die ein Otello für mich haben muss.
      Die übrigen Sänger waren rollendeckend besetzt, keiner hat mich besonders aufhorchen lassen, weder im Positiven noch im Negativen – mit der Ausnahme von Evan LeRoy Johnson, den ich vor der Pause doch sehr schwach gehört habe, der aber nach der Pause richtig aufdrehte und einen sehr guten Cassio darbot.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Reingold ()

    • Reingold schrieb:

      Dass Otello als psychisch Gebrochener aus dem Krieg zurückkommt ist zwar eine ungewöhnliche Sichtweise, aber erklärlich – und sie widerspricht dem Libretto nicht.
      Erklärlich ja, bloß nicht durch das Libretto. Selbstverständlich widerspricht diese Sichtweise dem Libretto und dem Kern des Werks.
      Otello kommt als glorreicher, siegreicher Held aus dem Krieg zurück: "Nostra e del ciel è gloria!"
      Nach und nach gerät er durch die Intrigen Jagos in den Sog der Eifersucht. Er wird ein durch Eifersucht Getriebener, von Akt zu Akt immer mehr, bis er am Ende nur noch ein seelisches und körperliches Wrack ist. Genau diese Fallhöhe ist es doch, um die es im "Otello" geht. Man höre doch nur auf die Musik!

      Siehe die damalige Kritik der FAZ:

      "Das mag von der Regisseurin Amélie Niermeyer als psychologisierendes Konzept schön gedacht sein, reibt sich aber permanent an der Musik, durch die Verdi den stufenweisen Verfall der Titelfigur mit diagnostischer Genauigkeit ausformuliert. Jonas Kaufmann hat es leichter als üblich, weil ihm das stimmliche XXL-Format, um das sich mehrere Generationen von Otello-Darstellern bemüht haben und das natürlich zur Karikatur verkommen kann, gar nicht erst abverlangt wird. Er hat es aber auch schwerer, weil Fallhöhe und Verlaufsform, für die Verdi und sein Librettist Arrigo Boito mit guten Gründen gesorgt haben, herausredigiert sind."

      faz.net/aktuell/feuilleton/bue…e-niermeyer-15908897.html

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • Reingold schrieb:

      Mit Julia Varady hätten wir schon mal einen Namen.
      Nicht nur einen Namen! Ich hatte sie oft als Desdemona und für mich war sie DIE Desdemona schlechthin. Was den Ausdruck betrifft, toppte sie sogar Anja Harteros. Unvergeßlich, wie sie den 4. Akt gestaltete.

      Reingold schrieb:

      Und Atlantow war für mich der Otello schlechthin.
      Dazu sag' ich nix, es weiß eh' jeder, wer für mich der Otello schlechthin ist ;)
      Aber Antlantow kommt gleich danach.
    • Maestro, Ragnar, zu Ihren Dislikes:
      Man kann ja sagen, das ist gut gemacht, ein tolles Kammerspiel, was weiß ich. Aber man kann sich der Tatsache doch nicht verweigern, daß die Regie-Auffassung nichts mit der Kernaussage Verdis und Boitos zu tun hat.
      Was die FAZ beschreibt, habe ich damals noch in mindestens 5 anderen Kritiken gelesen.
      Die Assoziationen reichten von Ehedrama à la Ibsen bis zu Psychodrama nach Strindbergh.
    • Ira, mein Dislike bezog sich auf ihren völlig überzogenen persönlichen Angriff gegen susakit; unterschiedliche Meinungen austauschen, gerne, aber nicht durch persönliche Beleidigungen.

      Inhaltlich sehe ich die Deutung übrigens absolut von Libretto und Partitur gedeckt; für mich geht es ja um die Frage, warum handeln die Personen so wie sie handeln und dafür hat Niermeyer eine schlüssige Lösung gefunden (für Otello und Desdemona); muss man sicher nicht so sehen, kann man aber.
    • maestro schrieb:

      Ira, mein Dislike bezog sich auf ihren völlig überzogenen persönlichen Angriff gegen susakit
      Ich schrieb ja "möglicherweise" und daß das beleidigend sein soll, ist von Ihrer Seite her doch einigermaßen überzogen. Wenn ich bedenke, was mir da so alles um die Ohren gehauen wird...Kann mich nicht erinnern, daß Sie das irgendwie gestört hätte.
      Aber ich lösche die Bemerkung gerne raus, ich will niemandem auf die Füße treten.

      Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder versteht man die Kernaussage des "Otello" nicht, oder sie ist einem egal. Aus welchen Gründen auch immer.
      Mehr gibt es für mich dazu nicht zu sagen.

      RagnarDanneskjoeld schrieb:

      dass Ihr ständiges Wiederholen Ihres Missfallens der Inszenierung
      Warum ich das wiederhole? Weil seltsamerweise kaum einer erkennt, daß diese Inszenierung in ganz großem Stil am Inhalt vorbeischrammt. Außer einer ganzen Reihe von Kritikern. Auf die bin ich normalerwesie nicht so fixiert, aber da waren sich die meisten mal mit Recht außergewöhnlich einig.
      Und für mich ist das wirklich schlimm, weil der "Otello" zu meinen Lieblingswerken zählt.
    • ira schrieb:

      RagnarDanneskjoeld schrieb:

      dass Ihr ständiges Wiederholen Ihres Missfallens der Inszenierung
      Warum ich das wiederhole? Weil seltsamerweise kaum einer erkennt, daß diese Inszenierung in ganz großem Stil am Inhalt vorbeischrammt. Außer einer ganzen Reihe von Kritikern. Auf die bin ich normalerwesie nicht so fixiert, aber da waren sich die meisten mal mit Recht außergewöhnlich einig.Und für mich ist das wirklich schlimm, weil der "Otello" zu meinen Lieblingswerken zählt.
      Und deshalb müssen wir uns seit der Premiere gefühlt einmal am Tag das gleiche Gequatsche von Ihnen anhören? Wie selbstverliebt und geltungssüchtig kann man eigentlich sein?
    • Keineswegs, da müssen Sie mich verwechseln, von wegen seit der Premiere. Vielleicht in einem anderen Forum, in dem Sie auch mitgelesen haben. Sie können sich wieder abregen.
      Das würde für viele andere auch gelten. Wenn ich bloß bedenke, wie oft der Konflikt zwischen Bachler und Thielemann in einem anderen Thread von den immerselben Leuten wiedergekäut wurde.....Und das mit ellenelangen Beiträgen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • Reingold schrieb:

      Dass Otello als psychisch Gebrochener aus dem Krieg zurückkommt ist zwar eine ungewöhnliche Sichtweise, aber erklärlich – und sie widerspricht dem Libretto nicht.
      Für mich wird, wie es ira wohl auch sieht, Otello zum Verzweifelten erst durch Jagos Intrige. Ein siegreicher und gleichzeitig durch den Krieg gebrochener Feldherr ist eine Sichtweise, die zur Entstehungszeit der Oper bestimmt niemandem im Zusammenhang mit Otello vorschwebte, und wenn Verdi so gedacht hätte, dann hat er uns durch seine Musik aber einen großen Bären aufgebunden. :)
    • Zwischenrufer2 schrieb:

      Für mich wird, wie es ira wohl auch sieht, Otello zum Verzweifelten erst durch Jagos Intrige
      Ganz genau so sehe ich es, Zwischenrufer, danke!

      Zwischenrufer2 schrieb:

      Ein siegreicher und gleichzeitig durch den Krieg gebrochener Feldherr ist eine Sichtweise, die zur Entstehungszeit der Oper bestimmt niemandem im Zusammenhang mit Otello vorschwebte, und wenn Verdi so gedacht hätte, dann hat er uns durch seine Musik aber einen großen Bären aufgebunden.
      :thumbup:
      Das ist genau der Punkt, den ich nicht verstehe. Die Musik drückt doch etwas ganz anderes aus als in dieser Inszenierung gezeigt wird.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • Nur noch ein Nachtrag: Verdi hat am Otello zusammen mit Boito sehr lange, nach einer sehr langen schöpferischen Pause gearbeitet. Die Oper war für ihn nicht unwichtig, da er bei Vielen aus der Mode gekommen war. Er war sehr erfahren, nicht nur als Musiker, sonder auch als jemand, der das Libretto stark beeinflusste. Daher auch der lange Enstehungsprozess beim Otello. Vor diesem Hintegrung stelle man sich doch mal die Frage, ob Verdi aus einem durch den Krieg gebrochenen Feldherr einen durch Intrige noch gebrocheneren Menschen, oder aus einem glücklichen und frisch verliebten Sieger einen durch Intrige verzweifelten Mörder machen sollte? Mit welcher Geschichte würde er sein Publikum eher beeindrucken? Ich spreche damit die von ira erwähnte Fallhöhe an. :)