"Otello" (Rossini), 29.09.2019

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    • "Otello" (Rossini), 29.09.2019

      - Teil 1 -
      Die Oper Frankfurt beschreibt das Werk auf ihrer Website so: „Diesmal ist alles anders: Desdemona hat Krach mit ihrem Vater, Otello singt Koloraturen und Jago intrigiert mit Tenorstimme.“ So isses – und auch sonst weicht Rossinis ‚Otello‘-Version gewaltig von den bekannten Werken gleichen Titels ab. Verdi hatte die Handlung (mehr oder weniger) nur zusammengestrichen; bei Rossini ist zwar das (ebenfalls reduzierte) Personal des Shakespeare-Stücks vorhanden, aber das war’s auch schon. In Zusammenfassung geht die Handlung so: Otello kehrt von einer überaus erfolgreichen Mission im Auftrag der Republik Venedig zurück, wird vom Dogen als neuer Sohn der Stadt willkommen geheißen, von einigen Honoratioren beglückwünscht und von den anderen beneidet. Die von ihm geliebte Desdemona gibt sich aber sehr zurückhaltend; kein Wunder, denn ihr Vater will sie unbedingt mit Rodrigo verloben, und sie weiß nicht, wie sie ihm klarmachen soll, dass sie bereits heimlich mit Otello verheiratet ist. Weil Otello aber von dieser ihrer Zwangslage nichts ahnt, wird er misstrauisch,und dann genügt ein kleiner Schubs vonseiten Jagos, damit das Unheil seinen Lauf nimmt…
      Das Problem bei dem Libretto von Francesco Maria Berio ist nun, dass die Personen sonderbar beziehungslos nebeneinander stehen: dass Desdemona und Otello verheiratet sind,wüsste man bis zum Schluss nicht, wenn es nicht zwischendurch erwähnt würde – keine Arie, kein Duett, die das Gefühl der tiefen Liebe vermitteln könnten, die die beiden ja wohl verbindet; Jago ist noch grundloser böse als sonst; Don Elmiro, Desdemonas Vater, nimmt seine Tochter nur zur Kenntnis, wenn sie ausnahmsweise mal nicht pariert… Eine eher lieblose Behandlung der Charaktere,der Regisseur Damiano Michieletto mit einem geschickten Kniff Abhilfe schafft: er nutzt die zweite Hälfte der Ouvertüre, um die Handelnden in einer Art Familienaufstellung zu präsentieren. In einem prachtvollen Salon der heutigen Zeit finden sich ein: der Doge (hier: Staatsminister); sein Sohn Rodrigo; dessen zwielichtiger Cousin Jago. Auf der anderen Seite stehen der reiche Industrielle Don Elmiro, seine beiden Töchter Desdemona und Emilia und der Hausarzt der Familie namens Lucio. Durch die geplante Heirat zwischen Desdemona und Rodrigo also eine kleine, aber glückliche Familie (oder der innere Kern eines weitaus größeren Mafia-Clans?). Natürlich trügt die äußere Harmonie, was sich spätestens dann zeigt, als der Außenseiter Otello, ein wohlhabender arabischer Geschäftsmann, als letzter den Raum betritt: Desdemona verbirgt nur mühsam ihr Hingezogensein zu dem Fremden, dieweil Rodrigo eher verhalten reagiert und Emilia und Jago ihren Abscheu kaum zügeln können. Zudem neidet Emilia ihrer älteren Schwester buchstäblich alles, vor allem aber wohl ihren Erfolg bei den Männern, und lässt sich daher nur allzu gerne für Jagos Intrigen einspannen.
      An dieser Konstellation arbeiten sich also ab: ein Sopran, ein Mezzo, ein Bass und 5 (fünf!) Tenöre – und das bei meiner latenten Tenorallergie… Aber Rossini wäre nicht Rossini, wenn das Ganze nicht musikalisch äußerst unterhaltsam wäre. Naturgemäß wartet man (siebzig Jahre vor Verdi) vergeblich auf die überwältigen Klangwogen und fesselnden Gefühlsausbrüche, aber dafür gibt es Belcanto bis zum Abwinken. Namentlich die beiden Obertenöre sehen sich mörderisch hoch angelegten Gesangslinien und aberwitzigen Koloraturen gegenüber – und sie meistern sie bravourös.
      Am Bravourösesten schlägt sich der junge Amerikaner Jack Swanson, der die schwierige Rolle des Rodrigo meistert, als wäre sie ein Kinderlied. So zu singen und dabei auch noch so blendend auszusehen ist schon beinahe eine Ungerechtigkeit. Dass er aus dieser eigentlich eher undankbaren Rolle des zweiten Liebhabers auch schauspielerisch das Optimum herausholt, liegt auf der Hand, muss aber trotzdem nochmal erwähnt werden. Er sammelt denn auch sehr zu Recht den größten Szenenapplaus ein für seine Arie im zweiten Akt. (Die kam mir seltsam bekannt vor, aber es dauerte eine Weile, bis der Groschen fiel: sie ist Bestandteil des berühmt-berüchtigten „Katzenduetts“.)
      ... Wunder warten bis zuletzt.

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    • - Teil 2 -
      Ebenfalls beeindruckend Enea Scala alsOtello. Dieser Rolle hat Rossini eine bemerkenswerte Bandbreite an Tönen mitgegeben: von baritonaler Tiefe bis in schwindelerregende Höhen ist alles dabei, und alles klingt gleichermaßen schwerelos. Darstellerisch könnte das Ganze ein bisschen heikel sein (so von wegen political correctness), aber auf der Bühne ist ein charmanter und keineswegs tief religiös geprägter Mann zu sehen, der sich von seiner Umwelt lediglich durch einen geringfügig dunkleren Teint und das Tragen eines dezenten kleinen Turbans (den man aus der Entfernung nicht einmal unbedingt als solchen wahrnimmt) zum Business-Anzug unterscheidet. Zwar enthält das Päckchen, das er Desdemona anlässlich seiner glücklichen Heimkehr überreicht („Ha!“, denkt der vorgebildeteZuschauer, „il fazzoletto!“) statt eines solchen einen langen schwarzen Schal, den er ihr sogleich liebevoll um Kopf und Schultern drapiert, aber dass sie ihn bei der nächsten Gelegenheit unauffällig abstreift, scheint ihn auch nicht weiter zu stören.
      Als dritter im Bunde ist der hauseigene Tenor Theo Lebow zu erleben; sein Jago ist von vornherein als bösartig manipulativer Psycho angelegt – eine Mischung aus Mephisto und Joker, sozusagen. In den Szenen, in denen die Handlung fürAugenblicke einzufrieren scheint, turnt er gelenkig zwischen den Erstarrten umher und zeigt mit obszönen Gesten und Grimassen, was er von ihnen hält. Gesanglich ist diese Rolle vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll wie die beiden anderen, aber die Duette, die er mit Rodrigo und Otello bestreitet, sind auch nicht zu verachten. Der szenische Höhepunkt seines bösen Treibens ist das Finale des ersten Aktes, der musikalisch in eines der hysterisch anmutenden Ensembles mündet, die Rossini so gut kann: er bestreicht erst Otello, dann alle anderen mit einer ekligen graubraunen Masse, über deren Herkunft man gar nicht nachdenken möchte, und steigert die allgemeine Raserei damit fast bis zum Irrsinn. Nur Desdemona in ihrem elfenbeinfarbenen Abendkleid bleibt buchstäblich rein und unberührt – ein schönes Bild…
      Überhaupt: Desdemona… In dieser Oper ist sie von vornherein als melancholische, das böse Ende Ahnende gezeichnet – keine Hoffnung, kein Jubilieren, nur traurige Resignation, gepaart mit hilflosen Ausbruchsversuchen; auch diese Partie liegt für einen Sopran zuweilen untypisch tief. Nino Machaidze singt mit klarer, runder Stimme (ihr Lied von der Weide, obgleich um vieles verhaltener in Töne gesetzt als seine berühmtere Schwester, ist zutiefst ergreifend) und spielt überzeugend eine zerbrechliche, aber mutige und konsequente Frau: als sie merkt, dass Otello sie nicht etwa deshalb nicht tötet, weil er sie liebt, sondern nur, weil er sich ihrer Schuld nicht ganz sicher ist, erschießt sie sich kurzerhand selber und stirbt, umgeben von weißen Lilien. Der Tod an sich ist nicht schön und poetisch, aber diese Szene ist es durchaus.– In der Pause wurde darüber geklagt, sie sei nicht richtig zuhören gewesen; diese Beobachtung konnte ich allerdings nicht teilen.Mir hat das Wiederhören (nach ihrer hamburger ‚Luisa‘) gut gefallen.
      Emilia, die missgünstige kleine Schwester, hört im richtigen Leben auf den Namen Kelsey Lauritano; was sie an wimpernschlagschneller Wandlung von der liebevoll zugewandtenSchwester zur verschlagenen Intrigantin, die sich mit kleinsten Blicken und Gesten verständigt, auf die Bühne bringt, ist ebenso beeindruckend wie die mit schönem vollen Mezzo dargebotenen Gesangsszenen.
      Zwei weitere Tenöre (Hans-Jürgen Lazar als schwer (alkohol?)kranker Doge und Michael Petrucelli als Lucio) vervollständigen das Ensemble. Die Rolle des Ersteren wird durch zahlreiche stumme Szenen aufgewertet, die zweite beinhaltet ein zauberhaft schwermütiges Lied, das eigentlich ein ähnlicher Hit sein könnte wie 'Mein Sehnen, mein Wähnen...'
      Chor und Orchester unter der Leitung von Sestro Quatrini harmonieren bestens – miteinander und mit denSolisten.
      Nicht nur sind Kostüme und Bühne sehr ansprechend und typgerecht; es gibt auch ein paar kleine Gespensterszenen, die aber nur Desdemona in ihrer bereits auf das Jenseits ausgerichteten Geisteshaltung wahrnehmen kann: in dem Salon, in dem sie schließlich auch stirbt, erscheint ihr das tragische Liebespaar, das auf dem an der rückwärtigen Wand hängenden Bild dargestellt wird („Der Tod von Paolo und Francesca“) - zwei schöne stumme Geister, die sie auf ihrem Weg ins Jenseits begleiten... Aber apropos Geister: während Desdemona stirbt (oder kurz danach) taumelt der tödlich verwundete Jago ins Zimmer; aus seinen Verletzungen tritt aber kein Blut, sondern wieder die scheußliche Masse, die wir schon aus dem ersten Akt kennen. Wo haben wir derartiges schon einmal gesehen? – Richtig: in dem aberwitzigen Film „Dogma“, wo der Todesengel Azrael an einer ähnlichen Wunde stirbt... Wäre Jago also gar keine reale Person, sondern eine Allegorie? Der Jago in uns allen, sozusagen?
      ... Wunder warten bis zuletzt.

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    • Wer hat das Schießpulver "erfunden"? Die Chinesen - das würden jetzt die meisten sagen.....und dann korrekterweise hinzufügen, dass die Europäer es später zu einem weit wirkungsvollerem Zweck anwendeten als Feuerwerke. So ähnlich verhält es sich auch mit dem "Otello" von Rossini - gewiss, ein ziemliches Feuerwerk, aber im Vergleich zu Verdi eben nur Feuerwerk, kein tiefenpsychologischer Volltreffer. Und so saß ich in der letzten Vorstellung der Serie in Frankfurt und habe mehr als einmal Verdi herbeigesehnt. Rossini klingt bei aller Brillanz doch immer etwas austauschbar (und Rossini persönlich hat ja mit vielen Melodien hin- und her jongliert).....Sesto Quatrini dirigierte solide, aber im Vergleich zur Manon Lescaut" der Vorwoche ist da doch eine kleine Welt dazwischen.

      Weitaus problematischer empfand ich die Dramaturgie des Werks: warum dieser Jago (Theo Lebow) eigentlich intrigiert, bleibt unklar - es ist jedenfalls nicht plausibel. Das zum einen. Und zum anderen und schwerwiegenden Manko: indem Rodrigo (Jack Swanson meistert das "che ascolto" bravourös) als ernsthafter Konkurrent upgegradet wird, verkommt die Geschichte zu einem 08/15-Dreiecksdrama im amourösen Revier. Diese bittere Ironie, dass der große Feldherr im eigenen Heim so einfach zu manipulieren ist und der für mich wesentliche Aspekt des Charakters Otello (Enea Scala mit tollem Baritenore) - sein Minderwertigkeitskomplex - bleiben gänzlich unterbelichtet. Und wenn dann zum Finale I.Akt Otello an der festlichen Dinnertafel mit Mousse au chocolat eingeschmiert wird, dann ist das schon ziemlich....nun ja: abgeschmackt. Schon was aufgefallen ? Desdemona ist nicht wirklich relevant - insofern ist Karolina Makuła rollendeckend besetzt, denn selbst beim Lied von der Weide blieb sie blass.

      Fazit: nun ja.