Manon Lescaut Premiere am 6.10.2019

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    • Manon Lescaut Premiere am 6.10.2019

      Auch wenn ich nicht mehr mitlese und schreibe, tauche ich mit einer Empfehlung mal kurz aus der Versenkung auf: diese Frankfurter Manon Lescaut in dieser Besetzung sollte man sich nicht entgehen lassen und lohnt auch weitere Anreisen, falls man noch Karten bekommt.
      Zunächst wird hier Puccini gespielt, wie es meinem Lieblingskomponisten zur Ehre gereicht. Lorenzo Viotti gestaltet das gesamte Spektrum von zartester Süße bis zu expressionistischer Härte mit einem offensichtlich hoch motivierten Orchester. Verdienter Jubel und Bravos schon in der Pause.
      Asmik Grigorian als Manon und Joshua Guerrero als Des Grieux waren mir völlig unbekannt, auch wenn ich inzwischen weiß, dass die Salzburger Salome schon etliche Ehrungen erfahren hat. Ganz offensichtlich (bzw. hörbar) zu Recht. Für den jungen Amerikaner war es das Deutschlanddebüt und ich bin sehr gespannt auf den Vergleich mit meinem Lieblingstenor (Brian Jagde... der Fremde aus dem Wunder der Heliane) dann im Dezember wieder in Berlin.
      Die Inszenierung von Àlex Ollé (La Fura dels Baus) macht das Stück mit Hilfe von Videoeinblendungen zu einem Flüchtlingsdrama. Aber keine Angst... dank der hervorragenden Personenführung, einer eindrucksvollen Lichtregie und einer bewundernswerten Ensembleleistung geht das Konzept aus meiner Sicht sehr gut auf. Die riesigen LOVE letters (siehe Bild) ziehen sich durch alle 4 Akte... im letzten Akt m.E. besonders eindrucksvoll. Das Publikum war beim Schlussapplaus genauso begeistert wie ich.
      Ich habe mir schon Karten für einige weitere Vorstellungen gesichert.
      Bilder
      • Manon Lescaut 2Akt.jpg

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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Dino ()

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      Flüchtlinge....irgendwie etwas ausgelutscht, das Thema. Noch bevor der erste Ton erklingt, macht Regisseur Alex Ollé per Filmeinspielung klar, wohin die Reise geht: Balkanroute und Menschenhandel. Bis zur Mitte des zweiten Aktes tat ich mir mit dieser Sichtweise etwas schwer, denn Manon ist nun einmal kein Flüchtling. Punkt. Es ergibt keinen Sinn, dass Manon auch nur einen Gedanken daran verschwendet, beim schmierigen Geronte (Donato di Stefano) zu bleiben, der sie als Gogo-Tänzerin arbeiten lässt. Aber als Manon dann beginnt, die Kassen des Clubs zu plündern, fiel bei mir der Groschen: hier schwankt die Titelfigur weniger zwischen Liebe und "Macht" (im Sinne vom sozialen Aufstieg), sondern sucht Revanche dafür, sich zum Objekt hat machen zu lassen. Schon das "Menuett" als Beleg für Manons Langeweile zuvor ist nicht weniger schematisch als die 08/15-Bewegungen ihrer Mit-"Tänzerinnen" an der Stange. Und ist sie selbst nicht auch eine Flüchtende im übertragenen Sinne - also vor den Männern, die sie vereinnahmen wollen und letztlich auch vor ihrer eigenen Zerrissenheit? Nach der Pause tritt die Flüchtlingsperspektive ein wenig in den Hintergrund und eine relativ traditionelle "Manon Lescaut" ist zu sehen, die einen dann ebenfalls packt: riesige Letter bildeten schon vor der Pause das Wort "Love" und je nach Lichteinstellung (Joachim Klein) spiegelt das Wort die jeweilige Stimmung trefflich wieder: im zweiten Akt zum Beispiel in bordellrot, im vierten dann betongrau: nun wirkt diese Liebe einerseits einbetoniert, andererseits fast schon heroisiert im Sinne eines Denkmals. Kurzum: diese "Manon Lescaut" eckt an, weiß aber trotz einiger Denkfehler zu überzeugen.

      Und vor allem tut sie dies in gesanglicher Hinsicht: Iurii Samoilov ist ein ungemein charmanter Lescaut, der hinsichtlich seiner Wankelmütigkeit seiner Schwester in Nichts nachsteht. Die beiden Hauptcharaktere beginnen stark und steigern sich im Laufe des Abends; beide look their parts, was einen wesentlichen Anteil am Erfolg des Regiekonzeptes und der Darbietung hat: Joshua Guerrero als Des Grieux ist ein wahrer Glücksgriff und gefiel mir - ich ziehe schon mal provisorisch den Kopf ein - besser als Jonas Kaufmann. Guerrero ist zwar kein genuiner Spinto, besitzt aber dafür einen jugendlich-schwärmerischen Tonfall, der perfekt zur Rolle passt und das "donna non vidi mai" zum ersten Höhepunkt des Abends macht. Er teilt sich die Partie genauso klug ein wie die aktuelle Senkrechtstarterin im Sopranfach, Asmik Grigorian, die mir hier weit besser gefiel als letztes Jahr in der "Iolantha". Ihre Mädchenhaftigkeit behält sie bis zuletzt; ihr "Sola, perduata" hat so gar nichts Divenhaftes, sondern etwas ungemein Authentisches. Die "quelle trine morbide" gestaltet sie nicht weniger schlau: fast kalt beginnt sie ihre Schilderung, glüht dann immer mehr auf um am Ende dann doch zu resignieren. Formidabel!

      Unter der Leitung von Lorenzo Viotti spielte das Frankfurter Orchester leidenschaftlich und engagiert, auch wenn ich mir vor der Pause etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Allein was tut's, wenn das Vorspiel zum dritten Akt so toll dargeboten wird? Sein Dirigat hat mir aber deutlich auch gemacht, wie sehr Puccini seine späteren Werke vorwegnimmt: das quirrlige Durcheinander zu Beginn kündet bereits von der "Boheme", im vierten Akt hört man schon den unbarmherzigen Wind Amerikas aus der "Fanciulla" wehen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()