Don Carlos, de Beer/Stuttgart

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    • Don Carlos, de Beer/Stuttgart

      wenn der Don Carlos in der französischen Fassung in Stuttgart Premiere hat, dann pilgert auch halb München an den Neckar und zumindest ich habe es nicht bereut. Eine wirklich hoch intensive, teilweise sehr beklemmende Inszenierung von Lotte de Beer, die nur auf den ersten Blick etwas zurückhaltend wirkt, letztendlich aber viel Raum zum Nachdenken gibt. Egal ob das ein ungeheuer selbstverliebter Posa ist, der eigentlich Carlos ans Messer liefern will, darüber aber selber stürzt, ein Philipp, der eigentlich nur eine Marionette der Inquisition ist oder ein Carlos, der letztendlich komplett dem Wahnsinn verfällt, das ist alles sehr schlüssig, sehr genau und intensiv inszeniert. Cornelius Meister lässt es anfangs etwas knallen und auch die Einsätze sind nicht immer sehr sauber, aber das gibt sich im Verlauf des Abends. Das Dirigat ist dann sehr fließend, wenn auch nicht immer schnell, und das Stuttgarter Orchester gut disponiert. Für den Chor gilt dies ja sowieso (nicht umsonst eine der besten Visitenkarten der Stuttgarter Oper und Chor des Jahres in der Kritikerumfrage).

      Sängerisch war es ein sehr homogener Abend. Grundsätzlich könnte ich mir jede Sängerin oder Sänger auch in größeren Häusern vorstellen, so homogen war das gestern Abend. Zwei Künstler seien aber doch kurz separat erwähnt. Massimo Giordano hat zwar vielleicht sängerisch in seiner Karriere nicht immer gehalten, was man sich vor 10 bis 12 Jahren von ihm erwartet hat. Gestern war er sängerisch, darstellerisch und auch emotional sehr bei der Sache und bat eine ungeheuer spannende Rollendarstellung, die sich sicher vor 95 % aller derzeitigen Rollenvertreter nicht verstecken muss. Eine wahre Sensation war Olga Busuioc als Elisabeth. Keine Ahnung, wo diese Sängerin bisher versteckt wurde und wo und wie sie von Viktor Schoner und seinem Team entdeckt wurde. Aber eine so wunderbar runde, lyrische Stimme mit aufblühender Höhe habe ich schon lange nicht mehr gehört. Wenn sie schlau ist und in den richtigen Partien eingesetzt wird, dann kann das eine ganz große Karriere werden.

      Ein sehr interessanter und spannender Opernabend!

      br-klassik.de/aktuell/news-kri…-premiere-kritik-100.html
    • ira schrieb:

      Mir hat ja auch das Münchner "Trittico" von ihr ausnehmend gut gefallen.
      Mir hat ihre Carmen in Essen nicht gefallen.
      theater-essen.de/spielplan/carmen/3774/
      omm.de/veranstaltungen/musiktheater20182019/E-carmen.html
      Auch in der Carmen spielen zwei Kinder eine unrühmliche Rolle, da sie Don José zum Mord an Carmen anstacheln.
      :(

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    • ich bin mir jetzt nicht wirklich sicher, ob ein komplett dem Wahnsinn verfallener Carlos, eine Selbstmord begehende Elisabeth, ein Posa, der Carlos noch im Gefängnis an die Inquisition ausliefern will oder ein Philipp, der sich permanent die Hände wäscht und nur Marionette des Großinquisitors ist, so dem "Kern" des Werks entspricht wie es bestimmte Foristi gerne hätten;-)

      Ansonsten bin ich bei Markus Thiel, ein hoch interessanter Abend mit viel Diskussionsstoff:

      merkur.de/kultur/premiere-von-…r-stuttgart-13178061.html
    • maestro schrieb:

      ich bin mir jetzt nicht wirklich sicher, ob ein komplett dem Wahnsinn verfallener Carlos, eine Selbstmord begehende Elisabeth, ein Posa, der Carlos noch im Gefängnis an die Inquisition ausliefern will oder ein Philipp, der sich permanent die Hände wäscht und nur Marionette des Großinquisitors ist, so dem "Kern" des Werks entspricht wie es bestimmte Foristi gerne hätten;-)
      Den einzigen von Ihnen genannten Vorgang, den ich persönlich nicht so gerne hätte ;-), ist ein Posa, der noch im Gefängnis Carlos an die Inquisition ausliefern will. Denn das widerspricht mit Sicherheit dem "Kern" des Werkes und vor allem der Musik (man denke nur an Posas Tod!) Das ist schlicht falsch.
      Daß Philipp eine Marionette des Großinquisitors ist, kann man durchaus vertreten, er ist es nicht gern, aber er ist es.
      Auch der historische Carlos war nicht ganz normal, der Selbstmord der Elisabeth liegt nahe, und daß Philipp II. ein Zwangsneurotiker war, kann man sich vorstellen, wenn man sich mit seiner Historie beschäftigt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • Es wurde jedenfalls über die Jahrhunderte hinweg immer wieder behauptet, daß er geistesgestört gewesen sei. Weswegen er aber keinesfalls ein "Idiot" gewesen sein muß. Das sind 2 Paar Stiefel.

      "Infolge der nahen Verwandtschaft seiner Eltern – sie waren Cousin und Cousine sowohl auf mütterlicher wie auf väterlicher Seite[1] – und seines schweren Sturzes als Jugendlicher wurde immer wieder behauptet, Carlos sei geistesgestört gewesen. Don Carlos selbst äußerte sich zu diesem Befund anlässlich seiner Verhaftung im Jahre 1568 mit den Worten: „dass er nicht verrückt sei, sondern nur verzweifelt und dies allein die Schuld seines Vaters wäre“."

      de.wikipedia.org/wiki/Don_Carlos
    • ira schrieb:

      Egbert Toll hat diverse Assoziationen:

      Fundament einer großen Leere

      sueddeutsche.de/kultur/stuttga…r-grossen-leere-1.4662261
      Schon beim ersten Satz stutzte ich. Wieder einmal etwas durcheinander gebracht. Einfach schlampig und gedankenlos hingehudelt.
      Nach der Pariser Uraufführung des "Don Carlos" im Jahre 1967 verkündete Verdis Kollege Georges Bizet, er selbst sei erschlagen von der Aufführung und Verdi kein Italiener mehr, sondern gebärde sich wie Wagner.
    • Jawohl, Frau Schuldirektorin!
      Man kann auch mal was überlesen. Die Uraufführung war 1867. Mein Gott, sowas kommt auch in diesem Forum und auch in anderen Zeitungen immer mal wieder vor, da es keine Schlußredaktion mehr gibt. Ich würde auch nicht sagen, daß er "etwas durcheinander gebracht hat", er hat sich halt vertippt. Und das ist auch hier "nichts Neues".
      Die Hauptsache ist doch, daß Schneefall weiß, wann die Uraufführung war.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • Das traurige ist doch, dass Herr Tholl Geld für den Artikel bekommt und zusätzlich einen freien Eintritt. Da kann der zahlende Leser schon einen Artikel erwarten der nicht gedankenlos hingerotzt wurde.

      ira schrieb:

      Die Hauptsache ist doch, daß Schneefall weiß, wann die Uraufführung war.
      Und die anderen Leser? Haben die nicht das Recht ordentlich informierrt zu werrden?
    • Ich fand den Artikel ganz und gar nicht "gedankenlos hingerotzt". Das kann man nur aus dem Grund, weil er sich mit der Jahreszahl verschrieben hat, nicht schlußfolgern. Das passiert jedem mal. Mit Sicherheit können Sie davon ausgehen, daß Herr Tholl weiß, wann die Uraufführung des "Don Carlos" war. Und wer sich für so eine Kritik interessiert, weiß es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auch, zumindest das richtige Jahrhundert.
      Da gibt es ganz andere Dinge, an denen man Anstoß nehmen kann. Z.B. wenn ein Kritiker schreibt, Domingo habe "eine helle Tenorstimme" gehabt. Das sind grundlegende Dinge, aber nicht so ein Verschreiber. Da sind Sie päpstlicher als der Papst.
      Man kann es ja korrigieren - was Sie ja auch gemacht haben - aber dann kann man es auch gut sein lassen.
    • Ich war am Freitag in der vorletzten Aufführung der Herbstserie. Überraschend war, wie vergleichsweise leer das Haus war. Der im Parkett sitzende Bern Loebe schien irritiert zu sein...
      Irritiert war auch ich zu Beginn, denn der "Look" der Inszenierung (Christof Hetzer) ähnelte doch stark dem letztjährigen "Lohengrin": viel grau/schwarz, und etwas weiß als Kontrast. Nun gut. Irritiert war ich auch, dass der ansonsten gute Chor regelmäßig schleppte - das sollte in der vierten Aufführung eigentlich nicht der Fall sein. Auch Massimo Girodano ließ mich etwas irritiert zurück: sein Timbre gefällt mir ausnehmend gut, aber warum er als Carlo eigentlich permanent im Dauerforte seine Emotionen ausdrückt, bleibt wohl sein Geheimnis. Regisseurin Lotte de Beer zeigt ihn als vollkommen lebensuntauglichen Menschen - es gelingt ihmnicht einmal, das Feuer zu entfachen. Krass auch, dass das Liebesduett schnurstracks im Ehebett endet, aus dem die beiden Frischverliebten prompt wieder vertrieben werden. Kein Zweifel: de Beer sucht starke Bilder und findet sie zumeist auch. So wird im zweiten Akt deutlich, dass wir uns einem durch und durch theokratischen Staat befinden, der Anleihe an "The Handmaid's Tale" nimmt. Das Schleierlied der Eboli (Ksenia Dudnikova mit fast schon Alt statt Mezzo) ist nichts als Eskapismus, während um sie herum Jagd auf Häretiker gemacht wird. Björn Bürgers Posa ist ein smarter, aalglatter Revolutionär mit verlockendem, frei strömendem Bariton - kein Wunder, dass seine Mitmenschen nie so genau wissen, woran sie an ihm sind. Der Philipp von Goran Juric ist hier ein Arschloch - aber eben ein Arschloch mit Gewissen. So sieht er während seiner Konfrontation mit dem Großinquisitor (Falk Struckmann mit Wotan'scher Stimmstärke und fast leutseligem Umgang mit den Ketzern im Autodafé nachdem er in Ruhe seinen Apfel verspeist und Philipp in Breschnew-Manier abknutscht) die gehängten Leichen über dem Ehebett baumeln - jenes Ehebett, in dem zuvor noch Eboli lag. Juric hat nicht gerade ein schönes Timbre, aber er gestaltet seine große Arie gekonnt. Gerade im vierten Akt wurde mir noch nie so deutlich vor Augen geführt, welchen Wandel Eboli durchmacht: ihr schlechtes Gewissen vor Elisabeth wird ungewohnt plausibel, ebenso wie ihr letztes Aufbäumen, das unzweideutig im Tod endet. Dudnikova fehlt für das "Don fatale" am Schluss ein wenig die Höhe - aber mit welcher Energie sie ihren Sinneswandel darstellt, war für mich Höhepunkt des Abends. Am Ende hatte Olga Busuioc als Elisabeth ihren großen Moment. Und tatsächlich, lange konnte man keinen in allen Lagen so sicheren Verdisopran mehr hören, zumal die Stimme auch das gewisse Etwas besitzt. Auf ihre Figaro-Gräfin darf man sich freuen! Am Ende dann große Ovationen, auch und vor allem für Cornelius Meister am Pult. Aber ganz ehrlich? So ganz nachvollziehbar war das nicht, und da rede ich gar nicht von den Unstimmigkeiten mit dem Chor. Etwas weniger Wagner und mehr französische grand opéra wäre da idiomatischer gewesen. Warum man die Pussy-Polka von Gerhard Winkler als Ballett integrierte, blieb mir unverständlich, obwohl das Werk sich kurioserweise ganz gut ins große Ganze einfügte. Eine Wiederaufnahmeserie gibt es bereit im März.