Peter Grimes

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    • "Wer sich von uns absondert und seinen Stolz hat, wer uns verachtet, den zerstören wir!" (Chor 3. Akt/ 1. Bild)

      Heute hatte Peter Grimes im NTM seine Premiere und es war ein voller Erfolg. Mit dem obigen Zitat ist der Kern der Geschichte des Außenseiters Peter Grimes, dessen Lehrjungen starben oder verunglückten, und der von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt wird, auf den traurigen Punkt gebracht. Der Plot ist beklemmend und jeder dürfte in seinem beruflichen oder persönlichen Umfeld wahrscheinlich schon kennen gelernt haben, wie Individualisten und natürlich auch -innen von der Umgebung mit Verdächtigungen, Rufschädigung, Unterstellungen, Verbreiten von Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten das Leben schwer gemacht wird. Im modernen Sprachgebrauch ist von Mobbing die Rede, egal in welcher Form und welchem Umfeld. Und das wird in dieser Oper unmissverständlich und rücksichtslos gezeigt. Auch wenn man die Oper kennt, ist sie immer wieder beklemmend, wie die Situationen dargestellt und musikalisch so transportiert werden, dass man davon eingenommen und berührt wird. Das ist auch heute Abend wieder großartig gelungen:
      Es gab ein sehr reduziertes Bühnenbild von Ines Nadler zu sehen mit einer knöchelhohen Wasserfläche, wenigen Versatzstücken wie Tische, Stühle, Plastikbehälter für den Fischfang, über allem schwebte ein mit Neonröhren bestückter Plafond, der je nach Stimmung schräg gestellt, abgesenkt und auf der Oberfläche (d. h. von der Rückseite) begangen werden konnte. Einfache Lösung mit großem Effekt, zumal die Neonröhren, die in letzter Zeit so gerne bemüht werden, hier richtig gut passten, weil sie ein kaltes "Arbeitslicht" verbreiteten und vor allem Reflexe auf der Wasseroberfläche gaben, die optisch nicht ohne Wirkung blieben. In Kombination mit grauen, dunkelbraunen und dunkelblauen Kostümen von Henrike Bomber gab das eine richtige optische Sogwirkung. Einzige Ausnahme war die in weiß gekleidete Ellen Orford als diejenige, die Mitgefühl und Verantwortungsgefühl für Peter Grimes und seinen Lehrjungen zeigte. Insgesamt vom Bühnenbild und den Kostümen eine rundum gelungene Lösung.
      Es war ein Abend, an dessen Ende auch die Regie uneingeschränkte Zustimmung und lautstarken Applaus mit Bravorufen erhielt, heutzutage ein doch seltenes Ereignis. Regie führte Markus Dietz, von dem ich bislang weder etwas gesehen oder gelesen habe, das ich den Namen mit einer Produktion verknüpfen konnte. Er inszeniert derzeit auch in Kassel den Ring den er demnächst mit der Götterdämmerung abschließen wird. Es gab eine kluge, schlüssige Personenregie zu sehen, schlüssige Handlungen und ebenso schlüssige Reaktionen der Akteure, keine Gags, kein Krampf, einfach nur schlicht und überzeugend die Geschichte wiedergegeben, wie sie im Libretto steht und vertont ist. Nach meinem Geschmack eine der besten und schlüssigsten Inszenierungen eines komplizierten und sehr emotionalen Werks. Bitte öfter solche Regiearbeiten, es geht doch auch ohne überkandidelten Krampf, man muss doch nur dem Werk vertrauen!
      Peter Grimes wurde von Roy Cornelius Smith interpretiert, der wieder fest im Ensemble engagiert ist. Die Stimme ist nicht unbedingt die schönste, die Artikulation manchmal etwas verwaschen, aber er hat die Kraft und die erforderlichen Höhen, so dass er in der Rolle uneingeschränkt überzeugte, vor allem auch im Spiel und für seine Darstellung den verdienten Applaus erhielt.
      Astrid Kessler als Ellen Orford hat mir ein weiteres mal sehr gut gefallen. Ihre Stimme ist eher gradlinig in der Intonation, schlank, blitzsauber in der Artikulation und ist in der Lage an Volumen zuzulegen, wo dies gefordert wird, ohne dass sich die Stimme in eine unangenehme Richtung verändert oder sich ein unangenehmes Vibrato einstellt. Ich weiß, dass sie nicht allen gefällt, aber ich finde sie sehr gut, gerade für das deutsche Fach, weil Textverständlichkeit und Gesang in gleicher Richtung gehen. Das war auch heute Abend so, auch in der englischern Sprache.
      Das Orchester unter Alexander Soddy war sehr konzentriert, engagiert bei der Sache und mächtig im Klang, wo gefordert, aber auch sehr klangschön in den nicht seltenen leisen Passagen. Sehr gute Leistung für eine Oper, die alle neu einstudieren mussten und wahrscheinlich noch nie gespielt hatten.
      Großartig auch der Chor mit Verstärkung durch den Extrachor, homogen im Klang und übermächtig, wo gefordert.
      In der Summe war es eine großartige Ensembleleistung, in jeder Beziehung überzeugend von allen Beteiligten und belegt einmal mehr, wozu Opernhäuser fernab von den "großen Leuchttürmen" aber manchmal etwas beschlagenen Spiegelreflektoren in der Lage sind. Ich habe mein Ticket etwas kurzfristig gekauft (auch weil ich etwas skeptisch in der Erwartung war!), habe für 19,00 EUR dafür im Rang mit bester Sicht und hervorragender Akustik gesessen und einen in jeder Beziehung großartigen Opernabend erlebt, was will man eigentlich mehr?
      Aus meiner Sicht eine klare Empfehlung für alle, die im Einzugsgebiet leben, da Peter Grimes eher selten auf den Spielplänen erscheint und noch seltener so überzeugend dargeboten wird. Solche Abende sind auch für mich Grund, dass mir das Verständnis für die intellektuellen Klimmzüge der Regiearbeiten an den größeren Häusern fehlt. Mit solchen Vorstellungen wie an dem heutigen Abend holen die Theatermacher das Publikum in ihre Häuser, aber nicht mit Destruktion und Trash. Man muss nur Vertrauen in die musikalische und textliche Vorlage haben und damit die Mitwirkenden so begeistern, dass sie das Publikum anstecken können. Es geht!
      Am Ende gab es etwa 20- minütigen lautstarken Beifall mit vielen Bravos für alle, und keiner Ablehnung. Das muss bei einem etwas sperrigen Stück mit viel sozialem Zündstoff, der eigentlich alle aufrütteln soll, erst mal geleistet werden!

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von parlando ()

    • Ich habe das im großen und ganzen ähnlich erlebt wie Sie. Bei einem Punkt möchte ich allerdings doch deutlich widersprechen: Roy Cornelius Smith als Peter Grimes war entweder indisponiert oder schlicht überfordert mit der Rolle. Seit Lance Ryans Tannhäuser-Versuch habe ich nicht mehr so sehr in einer Vorstellung 'gelitten'. Der Schlussmonolog war schlicht eine Katastrophe: natürlich muss man da über reinen Schöngesang hinaus, aber ab und zu darf man doch einen Ton treffen. Schon vorher hatte er massive Intonationsprobleme, gleich schon am Anfang im Duett mit Ellen Orford, die von der in der Tat vorzüglichen Astrid Kessler gesungen wurde, die sicher auch an größeren Häusern erfolgreich sein dürfte.

      parlando schrieb:

      Er inszeniert derzeit auch in Kassel den Ring
      Deswegen fühlte ich mich ein wenig an dortige Walküre erinnert. Ja, die Inszenierung war nicht schlecht. Die Bewegungen dieses Neonröhren-Plafon fand ich allerdings zum Teil etwas willkürlich, da musste wohl auch ein wenig inszenatorischer Leerlauf überbrückt werden.
      Was mir allerdings im Laufe wirklich auf die Nerven ging, war das Herwumwaten im Wasser und zwar einfach deshalb, weil es zu laut war und die Musik, zumindest an den leiseren Stellen, empfindlich gestört hat. Für einen Akt wäre das noch okay gewesen, aber den ganzen Abend lang hätte ich das jetzt nicht gebraucht. Aber die Kinder haben ihren Spaß gehabt. :D (Die Vorgänger von Grimes Lehrjungen geistern durch die Inszenierung).

      parlando schrieb:

      Mit solchen Vorstellungen wie an dem heutigen Abend holen die Theatermacher das Publikum in ihre Häuser,
      Hmmm... leider war ja nicht mal die Premiere gestern ausverkauft.

      Ansonsten: Chor und Orchester sind, wie Sie schrieben, uneingeschränkt zu loben. Mit einem anderen Sänger in der Rolle des Peter Grimes könnte ich mir einen Zweitbesuch vorstellen, mit Herrn Smith sicher nicht.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • JLSorel schrieb:



      Hmmm... leider war ja nicht mal die Premiere gestern ausverkauft.
      Ich bedanke mich bei beiden Herren für die geschilderten Eindrücke - leider war ich gestern indisponiert und musste die Premiere sausen lassen, freue mich jetzt aber umso mehr auf eine der nächsten Aufführungen.
      Ein kleiner Hinweis noch: Premieren sind auch in MA schon lange nicht mehr ausverkauft, es sei denn, man spielt Wagner. Auch die Premieren von "Genoveva", "Trovatore" oder "Hercules" waren nicht ausverkauft.
    • Stefan M.Dettlinger schrieb im „Mannheimer Morgen“ Folgendes zu Roy Cornelius Smith inder Titelrolle. „Die heldische Monsterpartie gelingt ihm gut, mit Abstrichen inden kräftigen hohen Regionen zwischen f und b. Dort fehlen Präzision undObertöne (die g’s in „Calling, there is no stone“). Hingegen betören dieinnigen, zerbrechlichen und leisen Passagen und bringen den inneren KonfliktGrimes‘ fast physisch spürbar nah. Toll.“

      Und DirkSchauß meinte im Online Merker geradezu hymnisch: „In der Titelpartie zeigteRoy Cornelius Smith eine tief bewegende Charakterisierung, wie es sie heuteschwerlich weltweit noch zu finden sein dürfte! …..Keine Frage, nein, Tatsache:Roy Cornelius Smith hat sich mit dieser ungewöhnlichen, spektakulären,persönlichen Leistung in den Olymp der größten Interpreten dieser Rollegesungen! Glückliches Mannheim, die diesen derzeit vermutlich besten Gestalterdieser Rolle im Ensemble hat!“

      Dann werdeich wohl auch den Weg in die Oper finden, um mir ein eigenen Eindruck zuverschaffen.
    • @ira :thumbdown:

      onlinemerker.com/mannheim-nati…er-peter-grimes-premiere/

      --> "Die Personenführung wirkte sehr durchdacht und immer schlüssig aus der Musik motiviert. Dietz zeigt z.T. harte Bilder, so etwa die sichtbaren Misshandlungen am Lehrjungen John. Die Dorfgemeinde ist schnell in einen wütenden Mob verwandelt. Die Lichtgestalt Ellen Orford, weiß gekleidet, bekommt handfest den Widerstand zu spüren, wenn sie für Peter Partei ergreift.Eindringlich wird das Leiden der Titelfigur an den Zuschauer herangeführt. Immer wieder gibt es Momente, die zeigen, dass Peter Grimes dazu gehören möchte. So etwa bei Auntie, wenn alle in den Rundgesang „Old Jonah…“ einstimmen und tanzen. Grimes will mitmachen, kopiert die Bewegungen der Gemeinde und wird wie ein Aussätziger behandelt, als er dann in einer falschen Tonart mit einstimmt."
      :!:
    • DerTaumler schrieb:

      @ira :thumbdown:
      (...)
      Grimes will mitmachen, kopiert die Bewegungen der Gemeinde und wird wie ein Aussätziger behandelt, als er dann in einer falschen Tonart mit einstimmt."
      Wozu die Aufregung?
      Man muss Ira zugute halten, dass der Ausdruck 'falsche Tonart' etwas unglücklich ist. Bei einem Werk der klassischen Moderne nach der 'Emanzipation der Dissonanz' kann man schlecht von 'falschen Tonarten' reden.
      Möglich dass Grimes an dieser Stelle in ein anderen Tonart singt, die sich mit derjenigen des Chores 'reibt' (ob Britten das so gemacht hat, weiß ich nicht, dafür kenne ich das Stück nicht gut genug und ist mir die Stelle auch nicht mehr präsent genug). Jedenfalls wird er gegebenenfalls nicht in einer 'falschen', sondern in einer anderen Tonart in den Chor eingestimmt haben, was der Rezensent aufgrund der Intonationstrübungen des Sängers dann möglicherweise als 'falsch' gehört haben mag.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • DerTaumler schrieb:

      @ira :thumbdown:

      onlinemerker.com/mannheim-nati…er-peter-grimes-premiere/

      --> "Die Personenführung wirkte sehr durchdacht und immer schlüssig aus der Musik motiviert. Dietz zeigt z.T. harte Bilder, so etwa die sichtbaren Misshandlungen am Lehrjungen John. Die Dorfgemeinde ist schnell in einen wütenden Mob verwandelt. Die Lichtgestalt Ellen Orford, weiß gekleidet, bekommt handfest den Widerstand zu spüren, wenn sie für Peter Partei ergreift.Eindringlich wird das Leiden der Titelfigur an den Zuschauer herangeführt. Immer wieder gibt es Momente, die zeigen, dass Peter Grimes dazu gehören möchte. So etwa bei Auntie, wenn alle in den Rundgesang „Old Jonah…“ einstimmen und tanzen. Grimes will mitmachen, kopiert die Bewegungen der Gemeinde und wird wie ein Aussätziger behandelt, als er dann in einer falschen Tonart mit einstimmt."
      :!:
      Also in Grimes gibt es kein Old Jonah. Der Rundgesang ist „Old Joe has gone fishing“. Wenn Grimes einstimmt findet ein unerwarteter Harmoniewechsel statt. Das kann man mit journalistischer Freiheit als „falsche Tonart“ beschreiben. Allerdings würde es eindeutig sein, wenn der Sänger aus Versehen falsch intoniert hätte , denn das Orchester und der Chor begleiten ihn durchaus harmonisch in seiner Tonart. Es ist eine sehr schöne Stelle.
    • Das war gestern mein Erstkontakt mit Benjamin Britten und „Peter Grimes“. Die düstere Handlung war nach dem vielen Erlösungs-Gedöns bei Wagner erfreulich anders.

      Meine Eindrücke decken sich ziemlich mit denen von parlando und JLSorel. Hinsichtlich Roy Cornelius Smith als Peter Grimes: ich fand ich ihn darstellerisch sehr überzeugend. Was Dirk Schauß im Online Merker mit „tief bewegender Charakterisierung“ meint, kann ich mir in etwa vorstellen. Stimmlich fand ich ihn nicht indisponiert (und ich habe Lance Ryan als Tannhäuser in Wiesbaden erlebt, der mehrmals Probleme mit den Tönen hatte). So richtig habe ich aber auf Details nicht geachtet („Erstkontakt“). Einen Zweitbesuch kann ich mir vorstellen, vielleicht klappt es dann auch besser mit den Details.

      Die Vorstellung war recht gut besucht. Der Applaus aber nicht mehr als freundlich. Die Vorstellung hätte meines Erachtens mehr verdient.