Lady Macbeth von Mzensk

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    • Lady Macbeth von Mzensk

      Falls jemand von den Frankfurtern vorhat, eine der Aufführungen zu besuchen:

      Zisterne des Begehrens
      faz.net/aktuell/feuilleton/bue…n-frankfurt-16468310.html

      So viel will sie gar nicht
      fr.de/kultur/theater/lady-macb…-will-nicht-13193239.html

      Naturalismus versus Abstraktion
      nmz.de/online/naturalismus-ver…h-von-mzensk-in-frankfurt

      Die Gedanken sind freudlos:
      bachtrack.com/de_DE/kritik-sch…r-frankfurt-november-2019
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      Ich war gestern da...
      „Als Stalin die Oper zwei Jahre nach der Uraufführung erlebte, ließ er in der Prawda einen Artikel erscheinen, der den Komponisten und sein Werk unter dem bösen Titel »Chaos statt Musik« scharf angriff.“ - So steht es auf der Homepage der Oper Frankfurt.
      Also ich kann verstehen, dass Stalin diesen Artikel geschrieben (oder in Auftrag gegeben oder die Veröffentlichung gutgeheißen) hat; schließlich dürfte dem obersten Verfechter der sozialistischen Lebensweise – die Einhaltung des 5-Jahres-Plans und die eben erst abgeschlossene Kollektivierung der Landwirtschaft erforderten ja die Zurückstellung jeglicher persönlicher Bedürfnisse – die sich in nicht zweckgebundener sexueller Selbstbestimmung versuchende Titelfigur ein Dorn im Auge gewesen sein. Und dass die Szene in der Polizeiwache ihm (wahrscheinlich zu Recht) als Abrechnung mit jeder Art polizeilicher Willkür, die stalinistische Variante eingeschlossen, erschienen ist, liegt ebenfalls nahe.
      Aber in erster Linie wird es wohl die durchaus auf Mitgefühl und Verständnis angelegte Darstellung einer zügellosen Ehebrecherin und zweifachen Mörderin gewesen sein, die so hübsche Feststellungen zeitigt (Hervorhebungen von mir): „Das ist die "linke" Zügellosigkeit an Stelle einer natürlichen, menschlichen Musik. [ … ] Die Gefahr einer solchen Richtung in der Sowjetmusik liegt klar auf der Hand. Die "linke" Entartung in der Oper hat den gleichen Ursprung wie die "linke" Entartung in der Malerei, der Dichtung, der Pädagogik und der Wissenschaft. Das kleinbürgerliche "Neuerertum" führt zur Loslösung von der wahren Kunst, der wahren Wissenschaft und der wahren Literatur.“
      Abgesehen davon, dass solches Vokabular gerne auch am anderen Seite des politischen Spektrums zur Anwendung kommt, ist die Musik in ihrer erbarmungslosen Schärfe natürlich anstrengend und stellt nicht die harmonisch-befriedende Ablenkung der werktätigen Massen von ihrem harten Dasein dar, die von den Kunstschaffenden jener Jahre erwartet wurde. Im Grunde ist die hier angewandte Instrumentierung genauso wahnwitzig ironisierend wie in der „Nase“, nur dass der Komponist dabei vermutlich nicht ständig – wie hier vermutet: https://festspiele-forum.de/beitraege/22-hamburg/ – in sich hineingekichert hat (vielleicht aber doch – man weiß es nicht...) Jedenfalls ist sie so bildhaft, dass es fast schon weh tut: ob es sich um die ekstatische Begleitung zu Katerinas und Sergejs erstem Beischlaf handelt oder um die strahlende C-Dur-Profanisierung von Sergejs Beteuerung, ein empfindsamer Mensch zu sein; ob heldenhaftes Blechgeschmetter den Auftritt von Katerinas völlig unheldischem Ehemann konterkariert oder des alten Ismailow selbstzufriedene Erinnerungen an seine wüste Jugend und sein mühsam gezügeltes sexuelles Begehren Katerinas in gnadenlos banalen Walzerklängen ertrinken – für eigene Deutungen bleibt wenig Raum.
      Trotzdem (oder gerade deshalb) ist die Leistung des singenden Ensembles grandios – angefangen bei der Titelfigur bis zu den kleinsten Nebenrollen.
      Allen voran überzeugt Anja Kampe als Katerina Lwowa Ismailowa: was für eine Stimme! Was für eine Ausstrahlung! Ich habe ihr jede noch so kleine Gefühlsregung bedingungslos abgenommen und bin von dem Nuancenreichtum dieser wunderschönen Stimme zwischen lyrischen Momenten und wüsten Ausbrüchen noch immer völlig fasziniert. Ich glaube nicht, dass man diese Rolle sehr viel besser auf die Bühne bringen kann.
      Ebenso eindrucksvoll ist Dmitry Belosselskiy als Katerinas bösartiger Schwiegervater Boris Ismailow – ein Charakterschwein mit dem Auftreten eines Grandseigneurs und einer auf die Brust tätowierten Ikone, die sich wunderbar für gewisse Machtdemonstrationen missbrauchen lässt. Die volle, wohlklingende Stimme ist fast zu schön für so einen fiesen Typen. Seiner zweiten Rolle als alter Zwangsarbeiter, dessen bewegende Klage das Schicksal der auf dem Weg nach Sibirien befindlichen Gefangenen schildert, verleiht sie indessen Tiefe und große Menschlichkeit.
      ... Wunder warten bis zuletzt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asteria ()

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      Diese Menschlichkeit (im Sinne von Empathie) lässt Katerinas Liebhaber Sergej (Dmitry Golovnin) so gänzlich missen. Obwohl Katerina sehr gut weiß, was für ein mieser Typ er ist (bei seinem zweiten Auftritt beteiligt er sich sehr aktiv an der Misshandlung einer schwangeren Magd), erliegt sie ziemlich schnell seinem mit Keckheit gepaarten virilen Charme. Was für Katerina aber der Sprung in die sexuelle Befreiung ist (Text und Musik sind da sehr eindeutig), war von ihm eigentlich nur als ein Abenteuer unter vielen gedacht; folglich überfordern ihn die weiteren Ereignisse total, und der Mord an Katerinas Ehemann gibt ihm den Rest. Trotz eiliger Eheschließung (Katerinas Mann, im Weinkeller verscharrt, gilt offiziell als bei einer Überschwemmung ums Leben gekommen) ist die Entfremdung nicht mehr aufzuhalten, und, nachdem der Mord aufgeflogen ist, betrügt er Katerina bereits auf dem Weg in die darauf folgende Verbannung mit einer anderen. Nun ja,was soll frau auch erwarten von einem Mann, der mit Socken ins Bett steigt...
      Jedenfalls ist Sergejs neue Liebschaft seiner durchaus würdig: Zanda Švēde als Sonjetka zieht stimmlich wie darstellerisch alle Register einer durchtriebenen, ganz auf ihr Überleben fixierten Strafgefangenen, für die die Demütigung ihrer Schicksalsgenossin Katerina nicht nur persönlichen Lust-, sondern auch Prestigegewinn bei den übrigen Gefangenen einbringt. Ihren eigenen Tod hat sie dabei vermutlich nicht einkalkuliert...
      Katerinas (wahrscheinlich impotenter) Ehemann Sinowi wird als das genaue Gegenteil seines Vaters skizziert: unsicher, unentschlossen, lenkbar... Aber es bleibt bei einer Skizze, die seinen jähen Ausbruch gegenüber Katerina auch nicht ganz plausibel erscheinen lässt. Evgeny Akimov leiht diesem nicht wirklich sympathischen Unglücksvogel seine schöne Stimme.
      Die kleineren Rollen sind durchweg einprägsame Charakterzeichnungen – zuweilen vielleicht ein bisschen klischeehaft, aber gelungen: da ist zum Beispiel Alfred Reiters schönstimmiger Pope mit heimlichem Hang zu Damenunterwäsche und der glücklichen Veranlagung, nur das zu sehen, was er sehen will und soll; oder Julia Dawson in der Rolle der misshandelten Dienstmagd Axinja; oder Peter Marsh als 'der Schäbige', der auf der Suche nach Alkohol Sinowis Leiche entdeckt und beim Sergeanten (Iain McNeil) anzeigt, der damit auch gleich die Gelegenheit findet, seinen (also der Obrigkeit) Ausschluss von Katerinas Hochzeit zu rächen, der ihn so beleidigt hat...
      Der Chor (wie immer einstudiert von Tilman Michael) hat nicht so schrecklich viel zu melden, tut das aber mit der üblichen Ausdruckskraft und Präzision.
      Ebenso präzise – gnadenlos präzise, möchte man sagen –, aber leider auch sehr laut spielt das Orchester unter Leitung von Sebastian Weigle; das ist tatsächlich der einzige Schönheitsfehler in dem musikalisch so überwältigenden Nachmittag.
      Möglicherweise hat sich der Regisseur Anselm Weber (im Hauptberuf Schauspielintendant) gedacht, dass bei solch eindeutiger Musik eine etwas uneindeutigere Inszenierung guttut... Jedenfalls erfährt der Zuschauer nicht, wo und wann genau die Handlung stattfindet: der größte Teil der Handlung spielt sich vor einer hohen, halbrunden (Beton?)-Mauer ab, die entweder eine Staumauer (für die zurückgehaltenen Wünsche und Sehnsüchte und Triebe?) oder auch das Innere eines AKW-Kühlturms sein kann. Letzteres würde erklären, warum die offenbar in dessen Innerem tätigen Arbeiter diese sonderbare, bedrohlich wirkende Schutzkleidung tragen. Jedenfalls erträgt Katerina diese freudlose, lebensfeindliche Umgebung nur mittels der Virtuellen Realität, die ihr eine entsprechende Brille schenkt: sie schwelgt, von Schlaflosigkeit geplagt, in dem Anblick schwelgerisch blühender Kirschbäume, die Bibi Abel an die grauen Wände projiziert.
      Das Bühnenbild ändert sich erst signifikant, wenn der Marsch nach Sibirien gezeigt wird; dann rasten die Gefangenen in einer Trümmerlandschaft, die auf eine vorausgegangene Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes schließen lässt und in der Katerina Sonjetka und sich selber in einen tiefem Bodenkrater zu Tode stürzt.
      Auch die Kostüme, für die Kaspar Glarner ebenso wie für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, lassen keinen Rückschluss auf Zeit und Ort der Handlung zu; einige wirken einigermaßen futuristisch (Polizeiuniformen und Kleidung der ismailowschen Arbeiter), andere wie aus einem Wellness-Prospekt (vorzugsweise Katerinas Klamotten) und wieder andere eher zeitlos.
      Alles in allem: keine Oper für Kulinariker, aber unbedingt empfehlenswert.
      ... Wunder warten bis zuletzt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Asteria ()

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      Danke, Asteria, für diese ausführlichen Betrachtungen.
      Schostakowitsch hatte die ursprüngliche Fassung ja unter dem stalinistischen Druck glattgebügelt.
      Heute wird aber wieder die Urform aufgeführt.

      Asteria schrieb:

      Ebenso präzise – gnadenlos präzise, möchte man sagen –, aber leider auch sehr laut spielt das Orchester unter Leitung von Sebastian Weigle; das ist tatsächlich der einzige Schönheitsfehler in dem musikalisch so überwältigenden Nachmittag.
      Da hatten wir in München mit Kirill Petrenko natürlich das große Los gezogen. Und auch mit Harry Kupfer.
      Sowieso ist die Katerina eine unübertroffene Starrolle der Anja Kampe.
      Zur Erinnerung:

      Töne auf der Goldwaage
      tagesspiegel.de/kultur/lady-ma…r-goldwaage/14915762.html
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      Ich habe die Vorstellung am 07.11. besucht und kann die Eindrücke von Asteria uneingeschränkt bestätigen. Die in Szene Setzung fand ich uninteressant, teilweise ärgerlich und hat mich doch ratlos gemacht. Irgendwie ist das der Musik und der musikalischen Darbietung aus meiner Sicht nicht gerecht geworden. Auch das Orchester war nach meinem Geschmack viel zu laut und bewegte sich dynamisch im Dauerfortissimo, so dass Steigerungen eigentlich kaum noch möglich waren. Man sollte eigentlich bei der Interpretation berücksichtigen, dass der Schrecken und die Niedertracht halt eben häufig auf leisen Sohlen kommen, ich sehe daher keinen zwingenden Grund, den Lautstärkeregler derart aufzudrehen. Sicher verleitet Schostakowitsch dazu, aber man muss dem ja nicht unbedingt nachgeben und schon gar nicht über gute 3 Stunden.
      Sängerisch fand ich auch die Vorstellung vom 7.11. großartig, höchstes Lob dem Besetzungsbüro!
      Anja Kampe war in Höchstform, sie dürfte gemessen an ihrem Alter aktuell auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stehen und es ist ihr nur zu wünschen, dass sie diese Form noch viele Jahre halten kann, zumal sie auch sehr textverständlich singt und gut spielt. Sie wird Anfang Dezember in Berlin mit Thielemann
      3 Hymnen von Richard Strauss singen, da bin ich doch schon sehr gespannt, weil sie mir als Strauss- Interpretin nicht in meiner Wahrnehmung stand. Sie hat in den letzten Jahren auch keine Strauss-Opern gesungen, soweit ich das sehen konnte. Bei dieser exquisiten Stimmführung, der sehr guten Textverständlichkeit bei sauberer Artikulation könnten da noch einige Überraschungen kommen und sie sich ihre Stimme noch einige Zeit auf dem aktuellen Level halten. Es muss ja nicht zwingend die Elektra sein, aber eine Daphne, eine Ariadne, eine Danae oder Marschallin wäre doch wünschenswert, zumindest für mich.
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      Schambes schrieb:


      Die Ariadne hat sie schon gesungen: "Ariadne wiederum kann ich, aber die hat mich immer gelangweilt; eine fade Rolle und eine Frau, die keinen wirklichen Charakter hat."
      fr.de/kultur/musik/ich-keine-d…oenlichkeit-13181384.html
      Na gut, so jemand wie Frau Ariadne mit ihrem Dauerblues wegen dieses weggelaufen Typen kann ja tatsächlich als Konversationspartnerin etwas fad sein, aber gesanglich hat die Rolle es mit diesen ewig langen Bögen und ständigen Steigerungen, aber auch wegen der vielen Registerwechsel richtig dicke in sich. Und für eine Sängerin vom Wechsel vom lyrisch oder jugendlich- dramatischen zum richtig hochdramatischen Sopran ist die Rolle sicher eine gut für die Stimmpflege, um die Stimme in den Richtigen Grenzen zu halten. Wobei ich mit den 4 letzten Liedern von Strauss im konkreten Fall auch zufrieden wäre.....