Britten: Death in Venice - DOB

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    • Zurück zum Thema: @Reingold sagte ja letztens, mit Peter Grimes habe er sich schwer getan, während ich diese Oper eher eingängig fand. Probleme hat mir eher die hier besprochene Oper 'Death in Venice' bereitet, die fand ich beim erstmaligen Hören doch sehr spröde. Es hat etwas gedauert, bis ich mich eingehört habe.
      Ich habe sie vor über 10 Jahren zweimal im Frankfurt gesehen, in beiden Vorstellungen hatte sich der Zuschauerraum nach der Pause merklich geleert...
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von JLSorel ()

    • JLSorel schrieb:

      Zurück zum Thema: @Reingold sagte ja letztens, mit Peter Grimes habe er sich schwer getan, während ich diese Oper eher eingängig fand. Probleme hat mir eher die hier besprochene Oper 'Death in Venice' bereitet, die fand ich beim erstmaligen Hören doch sehr spröde. Es hat etwas gedauert, bis ich mich eingehört habe.
      Ich habe sie vor über 10 Jahren zweimal im Frankfurt gesehen, in beiden Vorstellungen hatte sich der Zuschauerraum nach der Pause merklich geleert...
      Ist bei mir nicht anders. Ich fand die zweite Hälfte von "Death..." deutlich spannender als die erste. Aber ich mag Britten ohnehin besonders dann, wenn nicht gesungen wird und war von seinem Klavierkonzert sehr angetan. Vielleicht als Tipp, um Britten mehr genießen zu können :D
    • Ich kannte „Death ... „ auch gar nicht. Aber habe mir gerade den ersten Akt angehört.
      Ich glaube das ist nichts zum unvorbereiteten Geniessen, noch viel weniger als bei anderen Opern des 20. Jahrhunderts. Aber hier hängt ja noch ein Riesenballast von Thomas Mann mit drin, der aber dann von Britten verdaut und ergänzt wird.
      Ich finde die Musik toll, gefällt mir sehr. Ich finde man merkt in der Musik, dass die Handlung eine fast ausschliesslich innere ist. Alles Hirngespinste, Skelette im (Geistes-) Schrank, Manie eines sexuell unterdrückten Kopfmenschen mit zu viel ästhetischem Anspruch. Aber sie hat so was typisch englisch kreisendes oder leeres, was weder anfängt noch aufhört. Jeder Takt könnte am Anfang oder Ende stehen. Oder in der Mitte. Es entwickelt sich nichts. Man driftet entlang. Meine Theorie ist ausserdem, dass die englische Mentalität wirkliche Brutalität oder Verderbtheit nicht darstellen kann. Es bleibt immer ein letzter Rest von Höflichkeit bestehen. Man kann den letzten Schritt nicht tun. So auch in der Musik. Sie bleibt immer irgendwie „schön und höflich“, selbst bei dem Thema von „Death....“ Da hätte man ja ganz schön auftischen können ( Pädophilie usw)
      Aber während ich das hier schreibe merke ich eben, dass diese „Schönheit“ ja wiederum gerade zum Inhalt passt, denn Aschenbach strebt genau ihr nach.

      Morgen dann der 2. Akt. Vielleicht muss ich mich dann berichtigen.
    • JLSorel schrieb:

      Goldschmied schrieb:

      Da hätte man ja ganz schön auftischen können ( Pädophilie usw)
      Bekanntermaßen ist ja nichts vorgefallen.
      Auf die Gefahr hin, etwas offensichtliches zu sagen:

      Es geht um den inneren Konflikt von Aschenbach. Da liegt das Drama und der Mann ist ja nicht gerade unmoralisch veranlagt. Wenn er also solche Gedanken und Gefühle für den Jungen hegt, dann ist er in mit sich selbst in Schwierigkeiten. Diese hätte man dramatischer darstellen können. Aber Britten ist eben British. Das war meine Idee, und es passt auch in das Thema der Äasthetik es eben gerade nicht zu tun. Es bleibt alles theoretisch und "schön".
    • Habe den 2. Akt Death in Venice angehört. Die Aufnahme ist Spitze, mit Peter Pears und English Chamber Orchestra. Kann ich mir nicht besser vorstellen. Wie auch @Waedliman sagte, ist der 2.Akt packender. Am Ende wunderschöner Gesang von Aschenbach.
      Es ist schon eine ganz besondere Klangwelt. Aber irgendwie bleibt es bei mir intellektuelles Interesse und nicht empfindsames. Wie eben bei vielen neueren Werken.
    • Goldschmied schrieb:

      Habe den 2. Akt Death in Venice angehört. Die Aufnahme ist Spitze, mit Peter Pears und English Chamber Orchestra. Kann ich mir nicht besser vorstellen. Wie auch @Waedliman sagte, ist der 2.Akt packender. Am Ende wunderschöner Gesang von Aschenbach.
      Es ist schon eine ganz besondere Klangwelt. Aber irgendwie bleibt es bei mir intellektuelles Interesse und nicht empfindsames. Wie eben bei vielen neueren Werken.
      Ich wüsste gar nicht, wie man Manns Vorlage anders vertonen soll. Die Zurückhaltung, die intellektuelle Verzweiflung ob der fleischlichen Gelüste fasst Britten in adäquate Musik. Bei "Grimes" zeigt er seine emotionale Seite ja deutlich, bei "Death" ist es der Duktus der Erzählung, den er gut trifft, wie ich finde. Ob man das spannend ist oder nicht, ist dann wiederum Geschmacksache, so wie manche "Pelleas" mögen und ich mich jeweils frage, ob Debussy die Vorlage überhaupt verstanden hat :D
    • Waedliman schrieb:

      Goldschmied schrieb:

      Habe den 2. Akt Death in Venice angehört. Die Aufnahme ist Spitze, mit Peter Pears und English Chamber Orchestra. Kann ich mir nicht besser vorstellen. Wie auch @Waedliman sagte, ist der 2.Akt packender. Am Ende wunderschöner Gesang von Aschenbach.
      Es ist schon eine ganz besondere Klangwelt. Aber irgendwie bleibt es bei mir intellektuelles Interesse und nicht empfindsames. Wie eben bei vielen neueren Werken.
      Ich wüsste gar nicht, wie man Manns Vorlage anders vertonen soll. Die Zurückhaltung, die intellektuelle Verzweiflung ob der fleischlichen Gelüste fasst Britten in adäquate Musik. Bei "Grimes" zeigt er seine emotionale Seite ja deutlich, bei "Death" ist es der Duktus der Erzählung, den er gut trifft, wie ich finde. Ob man das spannend ist oder nicht, ist dann wiederum Geschmacksache, so wie manche "Pelleas" mögen und ich mich jeweils frage, ob Debussy die Vorlage überhaupt verstanden hat :D
      Da muss ich zugeben, dass ich Manns Vorlage selbst nicht gelesen habe, nur was darüber allgemein gesagt wird, aber per Amazon heute eintreffen wird. Und ich mir dann vorgenommen habe, es nachzuholen. Ich bin kein TH Mann Fan, aber vielleicht war ich zu jung als ich es probiert habe. Deshalb jetzt ein erneuter Versuch. Aber ich glaube schon jetzt, dass Sie richtig liegen mit Ihrer Aussage, dass Britten dies adäquat vertont hat. Ich dachte mir nur, dass ein Komponist ja nicht unbedingt den Geist der Vorlage beibehalten muss. Vielleicht ja auch zu bedenken (so habe ich gelesen), dass sich Th Mann durch das Schreiben der Novelle "geheilt" hat, Britten aber an seiner Komposition gestorben sein soll. Ob daran was ist, weiss ich natürlich nicht......Es kommen ja immer auch andere Umstände hinzu.

      Was Sie über Pelleas sagen, ist für mich sehr interressant. Es ist so eine Art Steckenpferd von mir. Ich hatte es nie verstanden, aber irgendwann dann doch. Würden Sie hier mehr dazu sagen? Wie verstehen Sie die Vorlage (wenn man das so in ein paar Zeilen sagen kann....) ?
      Ich meinerseits finde die Vertonung perfekt....aber es gäbe (und gibt) sicher auch andere Möglichkeiten Musik dazu zu schreiben.
    • Goldschmied schrieb:

      Da muss ich zugeben, dass ich Manns Vorlage selbst nicht gelesen habe, nur was darüber allgemein gesagt wird, aber per Amazon heute eintreffen wird. Und ich mir dann vorgenommen habe, es nachzuholen. Ich bin kein TH Mann Fan, aber vielleicht war ich zu jung als ich es probiert habe. Deshalb jetzt ein erneuter Versuch.
      Ich lese keinen Schriftsteller mit größerem Vergnügen. :)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Goldschmied schrieb:

      Was Sie über Pelleas sagen, ist für mich sehr interressant. Es ist so eine Art Steckenpferd von mir. Ich hatte es nie verstanden, aber irgendwann dann doch. Würden Sie hier mehr dazu sagen? Wie verstehen Sie die Vorlage (wenn man das so in ein paar Zeilen sagen kann....) ?
      Ich meinerseits finde die Vertonung perfekt....aber es gäbe (und gibt) sicher auch andere Möglichkeiten Musik dazu zu schreiben.
      Pelléas hat eigentlich alles für einen überbordend dramatischen Reißer. Die Story wäre bei romantischen Komponisten zu einem Riesending geworden mit Hysterie bis zum Anschlag. Bei Debussy höre ich was völlig anderes und weiß überhaupt nicht, wie ich das in Einklang bringen soll. Ich gebe ein anderes Beispiel: Berg hat mit Wozzeck genau das gemacht, was für mich nahe lag, er hat den Büchner in Musik übersetzt. Was er jedoch mit Lulu gemacht hat, funktioniert für mich nicht. Wedekinds Stück ist voller Humor und Ironie, die suche ich bei Berg vergeblich. So geht es mir eben mit Debussy, seine Sprache entspricht nicht meiner Übersetzung von Maeterlinck. Aber das hört man vielleicht wirklich auch völlig individuell und genau das ist ja auch spannend.
    • Reingold schrieb:

      Goldschmied schrieb:

      Ich bin kein TH Mann Fan, aber vielleicht war ich zu jung als ich es probiert habe. Deshalb jetzt ein erneuter Versuch.
      Wichtiger als das Alter, in dem man T.M. liest, scheint mir ein Sinn für Ironie zu sein. Wenn Sie den haben, ist dieLektüre vor allem der Romane ein ungeheures intellektuelles Vergnügen.
      Ich glaube den habe ich - aber Felix Krull fand ich so blöd ironisch von vorne bis hinten, dass mir nichts von Substanz übriggeblieben ist. Ich hatte den Eindruck der Schriftsteller versteckt sich hinter „cleverness“ , aber hat eigentlich nix echtes tiefgreifendes zu sagen. Dasselbe in grün im Zauberberg.
      Mal sehen, was ich dann morgen nach TiB sage. Bin bereit alles zurückzunehmen.
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      Waedliman schrieb:

      Pelléas hat eigentlich alles für einen überbordend dramatischen Reißer. Die Story wäre bei romantischen Komponisten zu einem Riesending geworden mit Hysterie bis zum Anschlag. Bei Debussy höre ich was völlig anderes und weiß überhaupt nicht, wie ich das in Einklang bringen soll. Ich gebe ein anderes Beispiel: Berg hat mit Wozzeck genau das gemacht, was für mich nahe lag, er hat den Büchner in Musik übersetzt. Was er jedoch mit Lulu gemacht hat, funktioniert für mich nicht. Wedekinds Stück ist voller Humor und Ironie, die suche ich bei Berg vergeblich. So geht es mir eben mit Debussy, seine Sprache entspricht nicht meiner Übersetzung von Maeterlinck. Aber das hört man vielleicht wirklich auch völlig individuell und genau das ist ja auch spannend.
      Das Libretto ist von Debussy angeblich im Original übernommen worden, er hat nur ein paar Stellen gestrichen. Von daher kann man Maeterlinks Original in etwa überschauen, wenn man das Libretto liest.
      Maeterlinks Schauspiel ist eine Metapher voller Symbolik,. Es ist keine herkömmlich hochromantische Liebesgeschichte wie zB Wuthering Heights. Es ist genau das Gegenteil, wenn es so etwas gibt. Wuthering Heights wäre was für Tschaikovsky gewesen, aber Maeterlink ist eben Debussy.
      Verstehen Sie mich nicht falsch: der Inhalt von Wuthering Heights gehört zu meinen Favoriten unter allen Liebesgeschichten ( ich kann danach tagelang nicht schlafen ) , und Tschaik ist bei mir nach Wagner sofort an 2. Stelle, aber Pelleas von Debussy spielt sich auf einer tieferen Ebene ab; auf einer Art Jung- Ebene. Deshalb sagt Melissnde ja auch am Anfang schon, sie sei von „allen“ verletzt worden. Die ganze Oper geht so weiter und die Musik ist perfekt verschleiernd rätselhaft. Es ist genau dasselbe Thema und dieselbe Aussage wie bei Tristan, nur eben nicht so deutsch. Debussy und Wagner ...... andere Sprache, selbe Nachricht. :rolleyes:
    • Neu

      Waedliman schrieb:

      ch gebe ein anderes Beispiel: Berg hat mit Wozzeck genau das gemacht, was für mich nahe lag, er hat den Büchner in Musik übersetzt. Was er jedoch mit Lulu gemacht hat, funktioniert für mich nicht. Wedekinds Stück ist voller Humor und Ironie, die suche ich bei Berg vergeblich. So geht es mir eben mit Debussy, seine Sprache entspricht nicht meiner Übersetzung von Maeterlinck. Aber das hört man vielleicht wirklich auch völlig individuell und genau das ist ja auch spannend.
      Bleibt die Frage, ob ein Komponist genau den Geist einer literarischen Vorlage erfassen und wiedergeben sollte (soweit das möglich ist). Oder ob man dem Komponisten Spielraum gibt sie zu interpretieren, zu ergänzen oder völlig zu verändern. Es könnte ja auch sein, dass man einfach eine Handlung interressant findet, aber ihr durch Musik einen anderen Geschmack geben möchte. Ist das nicht teilweise mit Heine Gedichten geschehen, als Schumann sie vertont hat? Oder bei Schubert Liedern?
      Diese Diskussion erinnert dann an die Diskussion über Regie und wie weit sie gehen darf.
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      Die gestrige (letzte) Vorstellung der Serie bestätigte noch Mal die Eindrücke von Friedrich: zunächst überraschte mich das relativ gut gefüllte Haus (Britten, ein Donnerstag im Dezember......).
      Diesmal bedauerte ich, daß ich relativ weit hinten im Parkett saß: ich nehme da an, daß sowohl Bostridge als auch Seth Carico auch mimisch eine hochinteressante Darstellung abgeliefert haben. Der Bostridge! Diese Mischung aus Arroganz, gespielter Selbstsicherheit, gleichzeitiger Verunsicherung und Angst - sowas von toll gesungen und gespielt!
      Das gelte, mit gewissen Einschränkungen, auch für Carico. Irgendwann wiederholt sich seine Rollenstudie und es wird etwas stereotyp - trotzdem bringt er in der Mammutaufgabe eine großartige Leistung und ist ein würdiger Gegenspieler von Aschenbach/Bostridge.
      Der "Rest", die "kleinen" Rollen, durchweg vorzüglich und szenisch gut einstudiert. Die Orchesterleistung unter Markus Stenz verdient allerhöchstes Lob: die großartigen Zwischenspiele, diese Feinheiten im Orchester - die Spannung riß nie ab, obwohl man das hätte in den 3 Stunden(!) befürchten können.

      Ich hoffe, die relativ gute Auslastung bringt die DOB dazu, es weiter mit Britten zu versuchen - es lohnt sich wirklich!
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      Goldschmied schrieb:

      Waedliman schrieb:

      ch gebe ein anderes Beispiel: Berg hat mit Wozzeck genau das gemacht, was für mich nahe lag, er hat den Büchner in Musik übersetzt. Was er jedoch mit Lulu gemacht hat, funktioniert für mich nicht. Wedekinds Stück ist voller Humor und Ironie, die suche ich bei Berg vergeblich. So geht es mir eben mit Debussy, seine Sprache entspricht nicht meiner Übersetzung von Maeterlinck. Aber das hört man vielleicht wirklich auch völlig individuell und genau das ist ja auch spannend.
      Bleibt die Frage, ob ein Komponist genau den Geist einer literarischen Vorlage erfassen und wiedergeben sollte (soweit das möglich ist). Oder ob man dem Komponisten Spielraum gibt sie zu interpretieren, zu ergänzen oder völlig zu verändern. Es könnte ja auch sein, dass man einfach eine Handlung interressant findet, aber ihr durch Musik einen anderen Geschmack geben möchte. Ist das nicht teilweise mit Heine Gedichten geschehen, als Schumann sie vertont hat? Oder bei Schubert Liedern?Diese Diskussion erinnert dann an die Diskussion über Regie und wie weit sie gehen darf.
      Ich denke schon, dass alles erlaubt ist. Die Reaktion darauf ist dann entsprechend individuell verschieden. Und was die einen so verstehen, verstehen die anderen dann genau anders. Eine Diskussion darüber ist doch prima und schärft auch die eigene Wahrnehmung. So sehe ich das auch mit der Regie. Ich habe Aufführungen erlebt, die fand ich aufregend und ein Teil des Publikums einfach nur ärgerlich. Oder umgekehrt. Macht doch nix :D