Tristan und Isolde (WA)

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    • Tristan und Isolde (WA)

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      Um das Badische Staatstheater steht es nicht wirklich gut. Erst vor zwei Wochen wurde bekannt, dass mehrere Mitglieder der künstlerischen Leitung das Haus verlassen wollen - darunter die Operndirektorin nach nur anderthalb Jahren. Es ist die mittlerweile dritte Leiterin der Opernabteilung in den acht Jahren unter dem amtierenden Intendanten, die die Segel streicht. Das vor drei Jahren durchgeführte Schlichtungsverfahren, als dutzende Mitarbeiter gegen die erzwungene Versetzung des kaufmännischen Leiters unterschrieben, scheint "ganz oben" wohl keinerlei Umdenken herbeigeführt zu haben. Auch beim Gemeinderat nicht - der hat nämlich den Vertrag mit dem Intendanten erneut verlängert. Und so waren Chaos und Potential des Hauses in der heutigen Aufführung des "Tristan" deutlich erkennbar:

      Im Graben stand - wie schon bei der Premiere vor drei Jahren - Justin Brown. Der GMD hätte eigentlich schon längst gehen sollen, aber die Intendanz hatte es versäumt, sich rechtzeitig um einen Nachfolger zu bemühen. Kein Wunder, dass die Wunschkandidatin Joana Mallwitz sich nicht auf dieses Himmelfahrtskommando einlassen wollte und Nürnberg den Vorzug gab. Im Gegensatz zur Premierenserie zeichnet sich das Dirigat durch einen wissend-wohlwollenden Ton der Resignation aus - es ist weniger ein hitziges Brodeln als ein düsteres Brüten, das aus dem Graben kommt. Manche Teile der Partitur tönen ungewohnt entspannt, teilweise sogar optimistisch obwohl das Scheitern der Protagonisten immer schon vorweggenommen bzw. mitgedacht wird. Eine ungewohnte Perspektive, die mir gut gefallen hat.

      Noch vor einigen Jahren hätte man entweder Tristan oder Isolde mit Haussängern besetzen können. Tempi passati. Dass man aber auf eine Gast-Brangäne (das ehemalige Ensemblemitglied Katherine Tier mit gewohnt säuerlich-schrillem Grundton über weite Strecken) und die Zwei-Sätze-Partie des Steuermanns im dritten Akt auf James Homann aus Heidelberg zurückgreifen muss, das ist ein Novum und Armutszeugnis zugleich. In den Partien des Melot und Seemanns bzw. Hirten machen Matthias Wohlbrecht und Cameron Becker alles richtig. Auch Seung-Gi Jung besitzt für den Kurwenal eigentlich ideale Voraussetzungen, aber gleichzeitig ein derartiges rhythmisches Unvermögen, dass es an der Peinlichkeitsgrenze schrammt - zumal der Koreaner schon in der Premierenserie alles andere als sattelfest war. Renatus Meszar gestaltet den Marke hingegen vorbildlich, kein Liedsänger, sondern im Prinzip ein erschütterter Wotan mit raumfüllendem Bass.

      Bei den Titelpartien gab es jeweils Drehungen um 180 Grad. Wo die Premieren-Isolde von der in jeglicher Hinsicht üppigen und sehr fraulichen Heidi Melton mit feiner Mittellage und gefährdeter Höhe gesungen wurde, zeichnet nun Annemarie Kremer die Isolde sehr mädchenhaft. Relativ lyrisch im Ansatz, bereitet ihr die Höhe keine Probleme, in den tiefen Lagen muss sie ihren warmen Sopran künstlich vergrößern. Der "Liebestod" gelingt ihr ausnehmend gut. Stefan Vinke ist ebenfalls eine Art "Komplementär"-Tristan zur Premierenbesetzung (Erin Caves) - das ehemalige Ensemblemitglied (lang ist's her - über zwanzig Jahre) besitzt Unmengen stimmlicher Reserven, ein rollendeckend baritonales Timbre und eine hervorragende Diktion. Hinsichtlich der Durchsetzungskraft ist Vinke seiner Partnerin spürbar überlegen, profiliert sich aber nie auf ihre Kosten. Beim Schlussapplaus waren die beiden ein Herz und eine Seele, wie ich es selten bei Vertretern dieser Partien erlebt habe.

      Was bleibt? Die Erkenntnis, dass das Haus weiterhin ungeheures Potential besitzt, dass aber unter der amtierenden Führungsclique nicht abgerufen wird. Als mich "meine" Garderobiere gespielt-vorwurfsvoll begrüßte, ich sei ja nun wirklich lange nicht mehr am Haus gewesen, musste ich ehrlich antworten: "In welche Produktion denn?" Wer einen Blick auf den Spielplan wirft, stellt fest, wie ausgedünnt dieser mittlerweile ist; Repertoirehits wie "La Boheme" oder "Freischütz" werden fast schon - könnte man meinen - absichtlich in den Sand gesetzt. Oper spielt in Karlsruhe keine wirkliche Rolle. Opernfreunde der Fächerstadt sehen sechseinhalb trostlose Jahre entgegen. Immerhin sind Frankfurt, Mannheim und Stuttgart nicht aus der Welt...

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()