Repertoire 2016/2017

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    • Repertoire 2016/2017

      So, versuchen wir auch mal wieder über Aufführungen zu sprechen. Gestern gab es einen, mit einer Ausnahme, sehr guten bis sehr sehr guten Fidelio.

      Die Regiearbeit von Calixto Bieito ist mittlerweile schon 7Jahre alt und eigentlich fast spannender als zur Premiere. Die Grundidee des großen Labyrinths, der Mensch als Gefangener seiner selbst bleibt weiterhin hochaktuell. Die Arbeit lebt natürlich vor allem davon, dass die grausamen Sonnleitner-Dialoge durch kurze Gedichtsausschnitte von Borges ersetzt wurden. Eine der stärksten Arbeiten derzeit im Repertoire der Staatsoper.

      Simone Young darf dieses Jahr drei klare GMD-Stücke dirigieren (neben Fidelio, noch Elektra und Tristan). Ich würde da aber nicht wirklich viel hineinlesen wollen. Im Vergleich zu Zubin Mehta in den letzten Serien legt Young los wie die Feuerwehr. Die Leonore 3 wird ohne Generalpausen sehr zügig genommen, auch das Jaquino/Marzelline Duett und die Marzelline Arie werden recht zügig gespielt. Ab dem Quartett wird es etwas ruhiger, auch wennYoung insgesamt sehr viel Wert darauf legt, das Stück nicht zu zerdehnen. Für die erste Vorstellung wackelte es noch etwas in den beiden großen Ensembles,insgesamt aber ein sehr erfreuliches Repertoiredirigat, sehr sängerfreundlich. Nicht umsonst hat die Agentur von Herrn Botha (und Frau Young) in ihrem Nachruf das gute Verhältnis der beiden sehr prominent herausgestellt.

      Sängerisch war der Abend, mit einer Ausnahme, auch ein wirkliches Fest. Günter Groissböck war ein toller Rocco. Seine sonore Stimme, gutes Spiel und vor allem sein ungeheures Verständnis für den Text, lassen Erinnerungen an ganz große Interpreten wach werden. So viel textliche Gestaltung hat man beim Rocco selten (bsp. die Betonung des „wie“ im Finale 1.Akt bei „wie befreien“). Hanna ElisabethMüller und Dean Power boten ein wunderbar jugendliches und frisches verhindertes Paar. Tomas Konieczny ist als Pizzaro natürlich eine Bank (vielleicht etwas zu pointiert), während Torben Jürgens als Fernando doch kleinere Probleme hatte (mehr als die bisherigen Rollenvertreter). EinExtra-Lob geht an das neue Ensemblemitglied Sean Michael Plumb als 2.Gefangener. An dem Kerl werden wir noch viel Freude haben.

      Als Anja Kampe vor über 10 Jahren als Senta in der Premiere des Holländers auftrat, gab es nicht wenige Besucher, die vor dem Hintergrund ihrer sehr offenen, sehr gradlinigen Stimmführung und ihres vollen Einsatzes davon ausgegangen sind, dass sie 10 Jahre später bereits durch sein wird. Aucontraire. Kampe ist für mich ganz persönlich eine der beeindruckendesten Sängerpersönlichkeiten derzeit. Sie singt eigentlich immer mit ungeheurem Ausdruck, als ob es um ihr Leben gehen würde, dazu hat sie einfach eine starke Bühnenpersönlichkeit. Für mich ganz persönlich gibt es kaum etwas beeindruckenderes als wenn Kampe den langsamen Teil der „Abscheulicher“-Arie singt. „Komm Hoffnung“ und es ist um mich geschehen.

      War da noch was/wer? Ich gebe ja zu, dass ich manchmal mit dem guten Herrn etwas zu streng bin, aber der Florestan von Vogt war für mich ganz schwer zu ertragen. Bereits die Arie wird von ihm eigentlich in einem durchgängigen schneidenden Forte genommen mit erstaunlichen technischen Problemen (bei „Maß der Leiden“ stürzt die Stimme sogar kurz ab). Insgesamt ist sein Vortrag sehr uneinheitlich. Das Problem lag für mich diesmal also nicht nur beim Timbre und den fehlenden Farben, sondern auch im technischen Bereich.

      Maestro

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von maestro ()

    • Lieber Maestro,

      herzlichen Dank für die Eindrücke. Ich bin sehr froh, dass Sie sich wieder diesem Forum zugewandt haben. Ich habe die gestrige Aufführung fast identisch zu Ihren Schilderungen erlebt. Einzig mit Kampe habe ich immer schon meine Schwierigkeiten gehabt, da ich Ihr Timbre für die Leonore nicht passend finde. Aber dies geht mir mit Ihrer Sieglinde ebenfalls so und da bin ich auch immer alleine auf weiter Flur mit meiner Meinung. Leonore und Sieglinde sind beides keine Partien, die ich von Bühnentieren à la Kampe bevorzuge. Mir ist sie in beiden Fällen viel zu dramatisch. Nicht nur im Ausdruck, sondern eben auch ausufernd in der Stimme.

      Chevalier
    • Hat den nun auch jemand "Meistersinger" mit dem "doppelt eingesprungenen Rittberger" ;) gesehen? Oder schweigt da "des Sängers Höflichkeit"? Was ich hörte, war Lob für Petrenko, ansonsten Achselzucken. Und daß jede Menge teure Plätze im Parkett leer waren.

      Frei nach Eugen Roth:

      "Ein Mensch besitzt zwei Festspielkarten,
      Auf die vielleicht zehntausend warten,
      Die, würden sie beschenkt mit diesen,
      Sich ungeheuer glücklich priesen.
      Der Mensch von diesen schroff getrennt,
      Dadurch, daß er sie gar nicht kennt,
      Denkt vorerst seiner beiden Schwestern:
      „Nein, danke“, heißts, „wir waren gestern.“
      Dann fällt ihm noch Herr Müller ein,
      Der wird vermutlich selig sein,
      Doch selig ist der keinesfalls,
      Ihm stehn die Opern schon zum Hals.
      Wie konnt ich Fräulein Schulz vergessen?
      Die ist auf so was ganz versessen!
      „Wie, heute abend, Lohengrin?
      Da geh ich sowieso schon hin!“
      Herr Meier hätte sicher Lust:
      „Hätt vor drei Tagen ichs gewußt!“
      Frau Huber lehnt es ab, empört:
      „Vor zwanzig Jahren schon gehört!“
      Herr Lieblich meint, begeistert ging er,
      Wär es für morgen, Meistersinger,
      Doch heute abend, leider nein,
      Der Mensch läßt es von nun an sein.
      Zwei Plätze, keine Sitzer habend,
      Genießen still den freien Abend."
    • ich habe mich übrigens vor der Vorstellung am Montag nicht repräsentativ mit ein paar Kartenbietender unterhalten. Tenor war, dass sie die Inszenierung und das Werk nicht kennen, aber wegen Kaufmann reingegangen wären. Da Kaufmann aber nicht singt, müsse man die sechs Stunden ja jetzt nicht absitzen. Insgesamt wurden aber deutlich weniger Karten am Haus angeboten als ich es erwartet hatte. Sehr schön war die Dame, die meinte, das wäre damals schon eine ziemlich große Enttäuschung gewesen mit dem Fidelio, dass der Kaufmann da erst nach der Pause erschienen ist. Nun ja, da schweigt man lieber und lässt diese Aussage auf sich wirken...
    • maestro schrieb:

      Sehr schön war die Dame, die meinte, das wäre damals schon eine ziemlich große Enttäuschung gewesen mit dem Fidelio, dass der Kaufmann da erst nach der Pause erschienen ist.
      Hallo?? Da sind Sie einem uralten Witz aufgesessen, der schon in den Pyramiden als veraltet durchgestrichen war. Kursiert aber immer wieder, weil halt manche Leute meinen, man würde ihn noch nicht kennen.
      Das war mit Sicherheit nicht ernst gemeint.

      maestro schrieb:

      ich habe mich übrigens vor der Vorstellung am Montag nicht repräsentativ mit ein paar Kartenbietender unterhalten. Tenor war, dass sie die Inszenierung und das Werk nicht kennen, aber wegen Kaufmann reingegangen wären.

      Und? Haben die dann Abnehmer gefunden?
    • Ich weiß nicht, ob nur ich diese Meinung teile, aber ich war am 30.09 und am 03.10 drin und leider fand ich die Stimme Herr Künzlis etwas zu fad, fast schon müde, wenn ich das so sagen darf, aber das war für mich kein junger Walther von Stolzing voller Energie. Dies hat zugegebenermaßen Kaufmann besser hingekriegt.

      Vielleicht war es aber die Nervosität, die ihn überfordert hat. Schließlich musste er ja so kurzfristig einspringen. Irgendwie war es aber auch unverschämt, ihn auszubuhen, wie manche es anscheinend gemacht haben. Mal schauen, wie es am 08.10 wird.
      Garstig glatter
      glitschriger Glimmer!
      Wie gleit' ich aus!
      Mit Händen und Füßen
      nicht fasse noch halt' ich
      das schlecke Geschlüpfer!
      Feuchtes Naß
      füllt mir die Nase:
      verfluchtes Niesen!