Wagnerliteratur

    • Ulrich Drüner: Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens. Biografie.
      Karl Blessing Verlag 2016.


      Ich habe in einem anderen Thread Ulrich Drüners Wagner-Biografie als »sehr empfehlenswert« bezeichnet, was ich leider korrigieren muss. Dieses Urteil, das sich aus einigen durchaus erfreulichen Aspekten dieses Buches ergab, war leider verfrüht. Inzwischen habe ich es ganz gelesen und kann nur jedem abraten, sich dieser Mühe zu unterziehen.

      Dabei klingt der Ansatz des Autors sehr vielversprechend, und so lange der Leser glauben kann, dass das damit gemachte Versprechen im weiteren Verlauf des Buches auch eingelöst wird, kann er glauben, dass er ein wichtiges und aufschlussreiches Buch liest: Drüner unternimmt den Versuch, den Zusammenhang von Leben und Werk bei Wagner zu durchleuchten, wobei er insbesondere auf die Spuren seiner antisemitischen und rassistischen Ideen in den Werken hinweisen will. Gegen diese Absicht ist nichts zu sagen, ganz im Gegenteil, auch muss wohl jeder man Drüners Ausgangsthese zustimmen, dass Wagner unter Persönlichkeitsspaltung gelitten haben müsste, wenn diese Ideen, die sein Leben und Denken grundlegend geprägt und durchdrungen haben, für seine Kompositionen ganz bedeutungslos gewesen wären, wie es immer wieder behauptet wird (freilich ohne dass irgendein Vertreter dieser Auffassung dazu herbeigelassen hätte, den Mechanismus zu erklären oder auch nur anzudeuten, der dies ermöglicht hätte).

      Um diesen Phänomenen auf die Spur zu kommen, stellt Drüner Wagners Leben unter dem Aspekt der Selbstinszenierung dar. Der Ansatz ist nicht neu, und es ist auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich, wie dies zum gestellten Ziel beitragen soll, zumal Drüber hier nichts mitzuteilen hat, was nicht längst bekannt – und oft genauer bekannt ist, als er es darstellt. Leider wird es auch beim Lesen des Buches nicht klarer, wie der Zusammenhang sein soll: Beide Erzählstränge laufen ziemlich unverbunden nebeneinander her. Bei der Auffindung antisemitischer Elemente in den Bühnenwerken Wagners fällt Drüner im durchaus nachvollziehbaren Bemühen, der Fraktion der Wagner-Apologeten, die solche Einflüsse rundum und ohne Begründung leugnen, Argumente entgegenzustellen, in das entgegengesetzte Extrem, indem er quasi hinter jeder Hausecke den Antisemitismus lauern sieht, was zum Teil zu grotesken Überzeichnungen führt. (Gleich mehrfach sieht er im Widerspruch oder Streit zweier Frauen – Venus/Elisabeth, Elsa/Ortrud usw.) den Kampf zwischen Synagoga und Ecclesia, was in allen Fällen einigermaßen an den Haaren herbeigezogen ist, was dadurch nicht besser wird, dass er den Bezug auf diesen Kampf (wenn er denn vorhanden wäre) nur als antisemitisch deuten kann, was ein wenig arg kurz gesprungen ist. – Das bedeutet nicht, dass Drüner nicht auch durchaus aufschlussreiche Informationen zu diesem Thema zu liefern hat, aber es sind insgesamt doch zu wenige und auch zu wenige, die dem vorurteilsfreien und kritisch sichtenden Kenner nicht ohnehin ins Auge springen würden.

      Nichtsdestoweniger hat das Buch auf diesem Gebiet einiges zu bieten, was die Veröffentlichung und die Kenntnisnahme wert ist. Leider muss man diese Edelsteine aus solchen Bergen von nutzlosem Schutt heraussuchen, dass man dessen schnell müde wird und die Suche einfach aufgibt. Der Schutt besteht zum Beispiel aus geradezu abenteuerlich verschrobenen Darstellungen der Handlung der Opern Wagners. – Zum Beispiel: Drüner ist der Meinung, Tannhäuser und Elisabeth hätten das Problem, dass der Landgraf ihrer Verbindung aus Standesrücksichten nicht zustimmen möchte. Aus dieser skurrilen Idee (die aus irgendeinem bürgerlichen Trauerspiel stammen muss, das Drüner zufällig las, als er die Passage schrieb) ergibt sich eine entsprechend seltsame Darstellung der Handlung, die einen zweifeln lässt, ob sie sich wirklich auf Wagners Oper bezieht. Dass die analytischen Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden, einigermaßen bizarr geraten, kann da nicht mehr verwundern. – Über die höchst fragwürdige und nicht weiter belegte Behauptung, Wagner habe den »Lohengrin« nach der Fertigstellung der Komposition von einer politischen Revolutions-Oper in ein Künstlerdrama verwandelt, habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Da kann man nur verständnislos den Kopf schütteln, sowohl über die Behauptung als auch über die verwunderliche Tatsache, dass kein Hinweis gebracht wird, wie das denn vor sich gegangen sein soll. – Etwas rührend aber doch nicht ernst zu nehmen ist Drüners immer wieder vorgeführte Vorliebe für die Frühwerke »Die Feen« und »Das Liebesverbot« mit einigen Abstrichen auch »Rienzi«, die er immer wieder gegen die Werke des »Wagner-Kanons« ausspielt, was man auch nur mit verwundertem Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen kann. – Zu all diesen Einwänden kommt schließlich noch die ausgesprochen schlampige sprachliche Gestaltung. Anscheinend hat es keinen Lektor gegeben, der da korrigierend eingreifen konnte. Man findet fast auf jeder Seite gravierende syntaktische, grammatikalische oder stilistische Fehler, auch fehlt immer mal wieder ein Verb, oder das sinntragende Substantiv des Satzes ist offensichtlich mit einem anderen verwechselt worden. Auch dies trägt dazu bei, dass der Kredit, dem man dem Autor für seine gute Absicht gern gewährt, nach und nach restlos aufgebraucht und die Laune des Lesers immer schlechter wird.

      Ich gestehe frank und frei, dass ich das letzte Drittel nur noch quer gelesen habe, weil ich den Text und seine Denkverläufe zunehmen als Zumutung empfunden habe, zumal die Frequenz der sprachlichen Fehler und der Argumente, bei denen der Wunsch der Vater des Gedankens war, im Verlauf des dicken Buches stetig zunimmt.

      Kurz und gut: Ich halte das Buch für vollkommen überflüssig und ärgerlich und hoffe sehr, dass ich mit meinem überstürzten Urteil niemanden verführt habe, es sich zuzulegen. Das täte mir leid, denn es ist seinen (freilich moderaten) Preis ganz und gar nicht wert.

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    • Etwas habe ich vergessen, was keineswegs verschwiegen werden sollte, weil dieser Fehler sehr charakteristisch ist für die Ungenauigkeit, mit der Drüner arbeitet, und außerdem zu deutlichem Punktabzug führt. Gleich auf den ersten Seiten des Buches findet der verblüffte Leser die Behauptung, Wagner würde im »Parsifal« Mendelssohn zitieren. Man liest oder hört das öfter mal, vor allem ist es ein beliebtes Argument jener, die Wagner ganz und gar vom Vorwurf des Antisemitismus rein waschen wollen (insofern verwundert das Auftreten dieser Behauptung in diesem Buch doppelt). Bei dem angeblichen Zitat handelt es sich um das sogenannte »Gralsmotiv«, das tatsächlich auch in Mendelssohns 5. Sinfonie auftaucht. Abgesehen davon, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Wagner dieses Werk überhaupt gekannt hat (und abgesehen von der Frage, warum er ausgerechnet eines der mit Abstand schwächsten Werke Mendelssohns zitieren sollte), handelt es sich bei dem genannten Motiv bekanntlich zwar um ein Zitat, aber nicht Mendelssohn ist es, der zitiert wird, sondern Mendelssohn verwendet dasselbe Zitat wie Wagner. (Was übrigens auch andere getan haben.) Übrigens ist dem Autor anscheinend nicht einmal aufgefallen, dass dasselbe Motiv (wenn auch in anderer rhythmischer Gestalt) bereits im »Liebesverbot« und im »Tannhäuser« auftritt.

      Diese grobe Schnitzer, diese »Analyse« auf dem Niveau von Lachsschnittchenplaudereien in der Opernpause ist wenig geeignet, Vertrauen in die Genauigkeit der Darstellung zu wecken, und leider erweist sich im Verlauf allzu oft, dass dieses Vertrauen auch nicht gerechtfertigt wäre.

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    • Sorry. Ich dachte, das ist allgemein bekannt... ;)

      Es handelt sich um das »Dresdner Amen«, eine liturgische Formel, die in Dresden üblich war. Manche behaupten, sie stamme von Heinrich Schütz, andere, dass Sie erst Ende des 18. Jahrhunderts entstand. Verwendet wurde sie anscheinend zunächst in der Hofkirche, breitete sich aber bald über ganz Dresden aus. In Wagners Jugendjahren wurde sie jedenfalls in der Kreuzkirche verwendet, wo er sie also schon gehört hat, als es Mendelssohns 5. Sinfonie noch gar nicht gab.
    • Na, gut. Man muss das auch nicht unbedingt wissen. Mir kam es eben so vor, dass es die Spatzen von allen Dächern pfeifen. Aber ich denke, wenn man ein dickes Buch über Wagner schreibt, müsste man sich schon ein wenig auskennen. Wenn das der einzige dicke Schnitzer wäre, ginge es ja noch, aber es gibt noch einige von diesem Kaliber.
    • Es ist schon schwierig, von einem Balkon auf das Ganze zu schließen. Die Abnahme der Populationen in der Gesamtzahl zieht sich schon über Jahrzehnte. Was auf Ihrem Balkon sitzt, dürfte der Haussperling sein, der schon 2002 Vogel des Jahres war. Das ist kein schöner Anlaß, sondern die Ausrufung der Bedrohtheit der Art. Zu den Ursachen zählen z.B. fehlende Brutstätten in Häusern und Dächern infolge der Sanierungen und Dachausbauten. Sperlinge brüten in Kolonien, niemals einzeln. Mit den Brötchenkrumen von Ihrem Balkon können sie ihren Nachwuchs nicht ernähren, der braucht Natürliches. Wann haben Sie das letzte Mal die Windschutzscheibe Ihres Autos von Insekten befreit?

      Es gibt übrigens an die 50 Sperlingsarten, Amsel, Drossel Fink und Meise und...zählen dazu.

      Aber zurück zur Musik. Ist ja auch wichtiger und erhebender und schöner. Oder?
    • Nun, ja. Es ist auch tatsächlich so, dass mit bei diesen Spatzen bisher keine besonders große Kenntnis des »Parsifal« aufgefallen wäre. Jedenfalls haben sie sich bisher nicht dazu geäußert. Es könnte also sein, dass diese Vögel nur ins Spiel gekommen sind, weil es eine Redewendung gibt, die nicht wörtlich genommen werden will.
    • Wagner - Mendelssohn :

      Der Verfasser des Judentums in der Musik scheute sich auch nicht, bei
      Mendelssohn musikalische Anleihen zu nehmen. So zitiert er im Vorspiel

      zum Rheingold Mendelssohns Märchen von der schönen Melusine und im

      Parsival das Dresdner Amen aus der „Reformationssinfonie“ oder lässt

      seine Wotanfigur im Ring der Nibelungen im Klanggewand des Einleitungsrezitativs

      zum Elias auftreten.

      aus: musikfest-weinzierl.at/fileadm…/Mendelssohn_Homepage.pdf
    • Je, nun. Dass das sog. »Wellenmotiv« aus dem »Rheingold« in der »Melusine-Ouvertüre« vorkommt, lässt sich nicht bestreiten (ist aber auch keine Neuigkeit). Ob das eine bewusste oder unbewusste Anleihe ist, wird man allerdings kaum entscheiden können. Schließlich kennt jeder die Erscheinung, dass ihm etwas »einfällt«, das er schon einmal gehört aber vergessen hat. Diese Möglichkeit sollte man also nicht ausschließen. Die Behauptung mit dem Zitat aus der »Reformationssinfonie« ist leicht widerlegt (schon geschehen), und das »Klanggewand« ist eine etwas alberne Behauptung. Als wäre dieser Klang nur bei Mendelssohn zu finden und nicht Allgemeingut der romantischen Musik.*) Ich verstehe ja, dass jemand, der Mendelssohn sehr schätzt, die aggressiven (und außerdem dummen und gefährlichen) Angriffe Wagners persönlich nimmt, aber Leidenschaft kann auch blind machen, und das sollte man nach Möglichkeit vermeiden. (Sonst kommt es nämlich zu Unfällen wie dem mit Wagners Zitat aus der Reformations-Sinfonie, einer Aussage, die ja nur dann zutreffen könnte, wenn Mendelssohn dieses Motiv erfunden hätte, was nicht der Fall ist, wie einer, der über Mendelssohn schreibt und seinen Text veröffentlicht, doch wohl wissen sollte.)

      EDIT: *) Man darf das freundliche Entgegenkommen auch nicht übertreiben, also muss man wohl sagen, dass auch diese Aussage Unsinn ist. Denn ein Orchestersatz, der von Blechbläsern dominiert ist, ist zum einen nicht Mendelssohns Eigentum (der deutlich hervortretende Posaunenklang ist im 19. Jahrhundert schon lange ein viel verwendetes Klischee für alles, was irgendwie »priesterlich« klingen soll, man findet es schon bei Heinrich Schütz, und auch zu seiner Zeit war es vermutlich schon nicht mehr neu), zum anderen sind die Instrumente, mit denen Wagner das »Klanggewand« Wotans webt, bekanntlich sehr spezielle, die Mendelssohn nicht zur Verfügung standen, so dass sich dieses »Gewand« zwangsläufig ganz erheblich von dem unterscheidet, das Elias trägt. Es sei denn, man geht davon aus, dass Blechbläser eben Blechbläser sind, dann ist ein Seidenhemd dasselbe wie eins aus Leinen, weil beide aus Fäden gewebt sind.

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