Chereau Elektra

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    • Chereau Elektra

      Ein paar Eindrücke von einem schönen Opern-Wochenende in Berlin.



      Sagt mal, was hat Philipp Stölzl eigentlich bei dieser Parsifal-Inszenierung geritten? In Teilen durchaus schlüssig, in der Gesamtaussage mit „Religion ist nie dufte“ doch aber reichlich platt. Ja, ich habe schon bei dem ersten Hysterie-Umkippen der Chor-Mitglieder verstanden, wohin die Reise gehen wird. Und so einen verschenkten Karfreitagszauber habe ich selten erlebt (im kargen Felsgebiet wird Kundry einer Zwangstaufe unterzogen). Wie immer bei Stölzl ausgesprochen ausgefeilt die Chor- und Statisterie-Regie, die Solisten scheinen aber doch etwas sehr verloren zu agieren, wenn sie auch ausnahmslos wirklich gut gesungen haben. Herausragend für mich Daniela Sindram als Kundry. Das war wirklich schönste volltönende und kultivierte Mezzo-Schule (mit gewissen Anklängen an Meier oder Urmana), mit aber erstaunlich guten Höhen. Ebenso überragend Thomas J Mayer als verzweifelter Amfortas. Stephen Milling war sehr ordentlich als Gurnemanz, wenn er auch im dritten Akt etwas abgebaut hat. Klaus Florian war erstaunlich kräftig und ausdrucksstark unterwegs (deutlich besser als in Bayreuth), bis er dann leider mit einem knabenhaft geflüsterten „Mit diesem Zeichen bann ich deinen Zauber“ den positiven Eindruck wieder weggeschmissen hat. Runnicles und das Orchester empfand ich als sehr, sehr gut. Weniger gut war die Auslastung. Im 2. Rang fühlte man sich wie König Ludwig.



      Gestern dann noch die gefühlte siebte oder achte Premiere der Chereau-Elektra mit erlesener Besuchergarde im Rang (in der 1. Reihe saßen Angela, Norbert Lammert, Horst Köhler und Matthias Döpfner jeweils mit Begleitung; dazu noch die übliche Berliner Kulturelite von Peter Raue bis Ulrich Mathes). Im Vergleich zu den Aufführungen dieser Produktion in Aix oder Mailand unter Salonen, empfand ich Daniel Barenboims Lesart fast schon etwas zu romantisch. Zur Sache ging es in den kurzen Zwischenspielen, bsp. beim Auftritt von Klytämnestra. Insgesamt natürlich eine sehr beeindruckende Orchesterleistung. Sängerisch und darstellerisch war es vor allem der Abend von Evelyn Herlitzius und Michael Volle. Herlitzius wieder voll im Einsatz, mit allen positiven wie negativen Eigenarten. Im Gegensatz zur Münchner Wernicke-Produktion, wo sie szenisch ja durch ein kleines Spielfeld sehr eingeengt ist, natürlich auch wieder mit vollem Körpereinsatz. Sehr, sehr stark. Volle mit einem sehr berührenden Orest, wobei er, im Gegensatz zu seinen Bass-Kollegen, den Orest aufgrund seiner Höhe auch gut aufbauen kann und genügend Reserven für die letzten Aufschwünge hat.



      So, Berlin war eine Reise wert.



      Best



      Maestro
    • Für mich war die "Elektra" gestern ein großer Abend. Das lag nicht nur an der sinnigen, gekonnten Inszenierung und dem Auftreten der ganzen Veteranen (McIntyre zwar etwas gebrechlich, aber immer noch mit unglaublicher Bühnenausstrahlung, Mazura wahnsinnig agil und Studer durchaus achtbar), sondern auch an Herlitzius, die ich noch nie so überzeugend erlebt habe wie gestern. Klar, die Inszenierung hat sie sich voll und ganz zu eigen gemacht, zeigt darstellerisch eine unglaubliche Palette an Zuständen, singt das ganze aber auch tatsächlich sehr gut. In der Höhe relativ mühelos, überzeugt sie natürlich in erster Linie in den dramatischen Momenten. Die piano-Momente wie "Von jetzt an will ich deine Schwester sein..." sind natürlich weniger ihre, da klingt die Stimme zum Teil völlig farbarm, das gleicht sie aber durch ihre hohe darstellerische Spannung aus. Für Meier möchte ich mal eine kleine Lanze brechen, ich möchte sie eigentlich auch in keiner herkömmlichen Produktion als Klytämnestra sehen, da sie vokal wenig Mut zur Hässlichkeit aufbringt und viel zu viel versucht zu singen und viel zu wenig deklamiert. In dieser Inszenierung, die das Verhältnis von Mutter und Tochter als streckenwiese durchaus liebevoll zeichnet, macht diese beinahe lyrische, zerbrechliche, ja sogar zarte Interpretation aber Sinn. Von Pieczonka war ich etwas enttäuscht. Zum einen hat ihre mittlerweile über 25 Jahre andauernde Karriere schon einige Spuren hinterlassen: Die Höhe blüht nicht mehr wirklich auf, sondern klingt allzu hell und eng. In der Mittellage kann sie zwar noch großes vokales Feuer entfachen, aber unter dem Strich ist die Leistung doch etwas unausgewogen. Noch dazu fällt neben großen Darstellerinnen wie Meier (ja, in dieser Inszenierung ist Chrysothemis tatsächlich bei einem Teil der Klytämnestra-Szene auf der Bühne!) oder Herlitzius fällt auf, was für eine unbeholfene Darstellerin sie ist. Volle war großartig, überaus textdeutlich und präsent in der Tiefe wie in der Höhe, Rügamer, nun ja. Von Barenboim hatte ich wenig erwartet, da er mit Strauss für gewöhnlich wenig anzufangen weiß - schon in der Vorgängerproduktion hatte er das Stück nach der Premiere schnell wieder abgegeben und wahlweise an Young, Weigle oder Boder weitergereicht. Ich war positiv überrascht mit welch großer symphonischer Intensität und dem Mut zu ungewöhnlichen Tempi er sich dem Stück näherte und der Versuchung widerstand, unnötig zu lärmen. Und die Orchesterleistung selbst: makellos, zum Niederknien.
      Unter dem Strich ein wirklich toller Abend, wer die Möglichkeit dazu hat, sollte reingehen.
    • Heerrufer schrieb:

      In dieser Inszenierung, die das Verhältnis von Mutter und Tochter als streckenwiese durchaus liebevoll zeichnet, macht diese beinahe lyrische, zerbrechliche, ja sogar zarte Interpretation aber Sinn.
      Es ist schon eine Weile her, da hat Waltraud Meier in einem Podiumsgespräch gesagt, sie würde ihre Klytämnestra sehr anders anlegen als gemeinhin üblich. Das klang nicht danach, als würde sie sich mit dieser Absicht nach irgendeiner Inszenierung richten.
    • Dem bleibt mir dann nicht mehr viel hinzuzufügen. Eigentlich war ich nur des Parsifals am Vorabend in der Deutschen Oper wegen nach Berlin gekommen, konnte dann aber kurzfristig noch an Karten für Elektra kommen. Es war auch für mich ein großer Opernabend, die völlig souveräne Rillengestaltung von Frau Herlitzius war in der Tat sehr beeindruckend. Die Leistung von Frau Pieczonka würde ich positiver sehen wollen als Heerufer, ich habe die Höhe nicht als so eng empfunden, aber ich habe sie auch so oft noch nicht gehört und daher wenig Vergleichsmöglichkeiten. Dass Frau Meier mehr gesungen hat als deklamiert, ist für mich auch kein echtes Manko gewesen ;) . Erstaunlich in der Tat auch wie behende der 92jährige Mazura noch über die Bühne gewuselt ist. Frau Studer hat entschieden an Gewicht zugelegt.
      Die launigen Worte vor der Vorstellung hätte sich Herr Flimm für die Premierenfeier aufsparen können.
      Den Empfehlungen meiner Vorredner möchte ich mich uneingeschränkt anschließen.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • kn-online.de/News/Aktuelle-Nac…lin-Freigelegte-Emotionen

      "Evelyn Herlitzius ist eine Elektra der absoluten Sonderklasse – da reicht kein Superlativ aus, um ihrer kolossalen, übermenschlichen Leistung gerecht zu werden. Ihre geradezu unbegrenzt erscheinenden vokalen Fähigkeiten stellt sie voll in den Dienst der von Rachegedanken krank gewordenen Elektra, in jeder Bewegung und Geste durchlebt sie das fürchterliche Schicksal einer Frau, die es vorzieht, nicht im Palast, sondern im Hof „mit den Hunden zu leben.“
    • Ariel schrieb:

      Es ist schon eine Weile her, da hat Waltraud Meier in einem Podiumsgespräch gesagt, sie würde ihre Klytämnestra sehr anders anlegen als gemeinhin üblich. Das klang nicht danach, als würde sie sich mit dieser Absicht nach irgendeiner Inszenierung richten.
      Offensichtlich habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Ich habe gesagt, dass Waltraud Meiers Interpretation gut zu dieser Inszenierung passt. Das ist auch kein großes Wunder, schließlich hat sie diese auch mit ihrem Leib- und Magenregisseur als Premierenbesetzung erarbeitet. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass ihre Interpretation dieser Rolle in einer herkömmlichen Inszenierung nicht zum Tragen kommt.
    • Alle geäußerten Befürchtungen, nach der Absage von Herlitzius würde die Aufführung ihren Reiz verlieren, waren unbegründet. Bei Ricarda Merbeth muss ich mich zwar immer ein bisschen reinhören, aber letztendlich wusste sie sowohl stimmlich als auch darstellerisch zu überzeugen und ersang sich einen großen Triumph. Für die Krone des Abends hat es letztendlich dennoch nicht gereicht, denn die fulminante Vida Mikneviciute hat als Chrysothemis mit ihrem Glockensopran mit leichtem flirren und unendlich viel Kraft in der Stimme am Ende beim Publikum deutlich die Nase vorn gehabt. Waltraud Meier hatte mir an der DOB als Klytämnestra weniger gefallen. In der Chéreau-Produktion passt ihre eher noble Lesart der Rolle hervorragend und eröffnet irgendwo auch eine neue Sicht auf die Rolle. Als Orest war René Pape eine absolute Luxus-Besetzung. Auch Stephan Rügamer hat mir als Aeghist durchaus gefallen: kein Rumpelstilzchen in Form eines abgesungenen Heldentenors oder eines Charaktertenors, sondern eine fast staatsmännische Figur abseits der Klischees. In den kleineren Rollen gab es u.a ein Wiedersehen mit einigen Veteranen, allen voran Franz Mazura, der im April 95 Jahre alt wird, trotz eines Stocks rüstig die Treppen rauf und runter lief und einiges an Laufleistung abgespult hat. Von den Mägden erhielt Roberta Alexander besonders freundlichen Beifall. Unter Daniel Barenboim lief das Orchester zu großer Form auf und trug zu einer grandiosen Aufführung bei, die mit einer Schweigeminute für Theo Adam begonnen hatte.

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    • Volle Unterstützung! Eine fantastische Aufführung! Was Merbeth vielleicht in der Darstellung offen ließ, glich eine großartige gesangliche Gestaltung aus - und die Textverständlichkeit war vorbildlich. Ja, und die Chrysothemis Vida Mikneviciute war die Überraschung des Abends: wo die bei dieser Figur diese tolle Stimme hernimmt? Waltraud Meier übrigens in dieser Rolle besser als jemals zuvor: keine keifende Alte, eine verzweifelte Frau. Rene Pape, dem ersten Orest, Michael Volle, mindestens gleichwertig. Ja, und Mazura und Alexander in den "Nebenrollen". Und das Orchester unter Barenboim versetzte einen vom ersten bis zum letzten Ton in einen faszinierenden Klangrausch.
    • Patrice Chéreaus Elektra in einer äußerst hörenswerten Wiederaufnahme. In der Titelrolle beweist Ricarda Merbeth aufs Neue, dass sie bei Strauss eindringlicher ist als bei Wagner, Vida Miknevičiūtė gelingt als Chryosthemis ein eindrucksvolles Hausdebüt, Waltraud Meier beweist, dass sie immer noch bannende Bühnenfiguren schaffen kann, René Pape ist eine Luxusbesetzung als Orest, Stephan Rügamer gibt einen fast idealen Aegisth.
      konzertkritikopernkritikberlin…01/28/staatsoper-elektra/
    • "Einfach nicht verrückt genug...."

      Als die Titelheldin tritt Ricarda Merbeth anstelle von Evelyn Herlitzius auf. Die Elektra hat sie im November 2018 im Teatro alla Scala in Mailand gesungen, und die Erwartungen vor dieser Elektra-Aufführung waren schon ziemlich hoch. Merbeth erfüllt diese Erwartungen rein musikalisch, es fehlt ihr aber das Psychologische.
      Yeyha Alazem berichtet aus der Staatsoper Unter den Linden in Berlin.

      klassik-begeistert.de/richard-…en-berlin-27-januar-2019/
    • Mal schnell eine Elektra auf hohem Niveau zu finden, ist nicht so einfach. Da Ricarda Merbeth einen Tag zuvor hatte absagen müssen, musste ein Ersatz für den Ersatz her. Für die Staatsoper war es ein glücklicher Umstand, dass Sabine Hogrefe verfügbar war, die noch dazu bereits an der Met in dieser Produktion gesungen hatte und damit zu ihrem Hausdebüt an der Staatsoper kam. Insgesamt machte sie ihre Sache gut. Gestört haben mich ihre verschleierte Tiefe und ihre große Mühe mit den Spitzentönen. Angesichts der Umstände will ich mich aber gar nicht beklagen. Es hätte schlimmer kommen können. Der Rest war so hervorragend wie eine Woche zuvor. Diesmal war auch Olaf Bär als alter Diener planmäßig an Bord.

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