"Lohengrin"

    • - Zweite Vorstellung am 9.12.16 -

      Die dritte "Lohengrin"-Produktion innerhalb von zwei Wochen brachte für mich doch eine ziemliche Ernüchterung. Die Inszenierung von Tatjana Gürbaca hatte in der Presse einiges an Lob erhalten, ich fand es unter dem Strich eine sehr schwache Arbeit. Wie oft bei Gürbaca - man denke an "Arabella" an der Rheinoper oder den "Fernen Klang" in Mannheim - gibt es einen weißen Einheitsraum (Marc Weeger), der zum Ende des Stückes dank Drehbühne ordentlich rotiert. Ansonsten gibt es sehr hohe Stufen, die zu einigen Klettereien des Herrenchores führt, die unfreiwillig komisch wirken. Der Schwan ist ein Zombie-Junge, wohl der ermordete Gottfried, der auch im Brautgemach die ganze Zeit anwesend ist und laut zu kreischt, wenn sich Elsa und Lohengrin küssen. Anfangs scheint die Beziehung zwischen Telramund und Ortrud noch sehr genau gearbeitet, fällt aber spätestens im zweiten Akt in übliche Klischeebilder. Dafür dürfen die beiden am Ende ihrer Szene noch eine Nummer auf den Stufen schieben. Elsa ist ein naives Dummchen, das im zweiten Akt einen rosa Schlafanzug trägt, Lohengrin tritt mit einem modischen Hütchen (Kostüme: Silke Willrett) auf wie weiland KFV als Stolzing in Katharinas "Meistersingern". König Heinrich steht offenbar einem Bundeswehr-Battalion vor. Mit den Chormassen kann Gürbaca - auch dem engen Bühnenraum geschuldet - wenig anfangen, es wird viel gestanden, die Arme gereckt und unmotivierte, zum Teil schlecht ausgeführte Slow-Motion-Choreographien durchgeführt. Gedanklich ist das ganze sehr dünn, außer dem Grusel-Aspekt mit dem Zombie-Kind wird sich erstaunlich wenig mit dem Stück auseinander gesetzt. Effekt gilt in dieser Produktion klar mehr als Inhalt.
      Auch die Besetzung ist kein Ruhmesblatt: Jessica Muirhead manövriert als Elsa ihren blässlichen Sopran mit viel Überdruck und wenig Gesangslinie durch den Abend, in der oberen Mittellage macht sich ein starkes Vibrato bemerkbar. Daniel Johansson schlägt sich technisch etwas besser, trotzdem ist sein hell und nicht besonders erotisch timbrierter Tenor zu leicht für die Titelpartie, das Brautgemach und die Gralserzählung sind purer Überlebenskampf, vokale Gestaltung findet hier kaum noch statt. Katrin Kapplusch, die am Aalto zwischen Küsterin, Manon Lescaut, Aida und Ortrud eigentlich jedes Fach singt, ist als wilde Seherin übel fehlbesetzt. Die großen Ausbrüche streifen die Grenze der Peinlichkeit, auch im zweiten Akt kann sie nicht durch Mittellage oder Textgestaltung versöhnen. Darstellerisch ist ihr Vortrag besser, als einzige Solistin hält sie über den ganzen Abend Bühenspannung. Heiko Trinsinger macht seine Sache als Telramund hingegen ausgesprochen gut, klar ist das für ihn eine Grenzpartie, aber er eilt sie sich gut ein und gibt auch am Anfang des zweiten Aktes nicht der Versuchung nach, zu forcieren. Almas Svilpa, am Haus eigentlich als Heldenbariton engagiert, muss offenbar in Ermangelung eines Basses mit guter Höhe im Ensemble den König Heinrich singen. Das macht er auch durchaus zupackend, aber beispielsweise im Gebet mangelt es ihm doch empfindlich an Tiefe. Martijn Cornet gibt einen soliden, in der Höhe etwas limitierten Heerrufer.
      Die sängerische und szenische Misere ist auch deshalb sehr bedauerlich, weil die exzellente Orchesterleistung und das zupackende, wunderbar federnde Dirigat von Tomáš Netopil erahnen lassen, was dieser Abend hätte werden können. Der GMD beweist eine erstaunliche Affinität zu dieser Partitur, musiziert zügig, aber nie verhetzt. Anders hat Vorgänger Soltesz hat er die Zügel nicht ganz so straff in der Hand, sondern erlaubt den einzelnen Gruppen im Orchester einen individuellen, transparenten Klang. Trotzdem ist die Koordination bin der Bühne an jeder Stelle vorbildlich. Auch der hervorragende, besonders in den Männerstimmen wohlklingende Essener Opernchor (Einstudierung: Jens Bingert) erinnert daran, was dieses Haus eigentlich zu leisten imstande ist.

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    • Dazu fällt mir auch noch was ein, ch war in der Premiere am 4.12.

      So ein trauriges Paar habe ich in dieser Oper noch nicht gesehen. Lohengrin klammert sich den ganzen Abend an seinen Schwanenjungen. Er geht der Frau aus dem Weg wo er kann, isoliert sich, dreht ihr den Rücken zu, hat Berührungsängste. Die verzweifelten Verführungsversuche der Frau in der Hochzeitsnacht gipfeln darin, daß sie ihm als letztes Mittel, ihn aus der Reserve zu locken, die Frage stellt. Als er dann sang `nun ist all unser Glück dahin` fragte ich mich unwillkürlich, was der unter Glück versteht. Ich wußte den ganzen Abend nicht so genau, läßt der Gral / das Schwanenkind den Ritter nicht aus den Fängen oder will der das gar nicht.

      In Bezug auf das Paar fand ich die Inszenierung schon spannend. Gefallen hat`s mir trotzdem nicht, massiv gestört hat mich das fehlen der Künstlichkeit / Kunst an dieser Aufführung. Das wirkte trotz der Ideen einfach ideenlos und vorhersehbar.
      Dazu kamen viele kleine Ungereimtheiten, vor allem der Heerrufer mußte blödsinnige Aufgaben erledigen (Unterschriften einholen, Pistolen vorzeigen), Ortrud als Angela Merkel, diese unsäglich bebilderte Geschichte während des Vorspiels, die Trauer Elsas um Telramund usw. Da wirkte vieles nach Aktionismus ohne dass sich das erschliesst.