"Der fliegende Holländer", 8.I.'16 (WA)

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    • "Der fliegende Holländer", 8.I.'16 (WA)

      Im gut gefüllten Stuttgarter Haus gab es heute Abend vor den Augen von Ministerpräsident Kretschmann eine Wiederaufnahme von Calixto Bieitos "Holländer"-Inszenierung aus dem Jahr 2008. Ich muss gestehen, dass meine Bieito-Begeisterung nach der für mich sehr prägenden ersten Begegnung mit diesem Regisseur ("Entführung" an der KOB 2004) kontinuierlich abgenommen hat. Zu oft werden jedem Stück die selben Versatzstücke übergestülpt, zu selten findet in meinen Augen eine spannende Personenführung statt, zu dilettantisch wird häufig mit dem Chor umgegangen, zu schlampig und hastig wirken viele Inszenierungen gearbeitet. Die Stuttgarter "Holländer"-Inszenierung ist da leider keine Ausnahme. Es gibt viel Nebel und grelles Licht in einem nüchternen, metallenem Raum (Susanne Gschwender/ Rebecca Ringst), der Chor macht einige merkwürdige Choreographien (Lydia Steier, inzwischen selbst eine gestandene Regisseurin) und steht ansonsten an der Rampe, die Solisten ergehen sich in Zuckungen und Ausbrüchen, können aber sonbst wenig miteinander anfangen. Wenn man sich mal vergegenwärtigt, was Peter Konwitschny in seiner Moskauer/Münchner-Inszenierung alles zwischen Daland, dem Steuermann und dem Holländer im ersten Akt passieren lässt, öden einen Bieitos oft hilflos wirkende szenische Arrangements umso mehr an. Dazu gesellen sich recht viele dramaturgische Blödigkeiten: Der Holländer scheint ein Mitglied von Donalds Mannschaft zu sein. Nun ja, von mir aus. Nur macht es dann leider überhaupt keinen Sinn, wenn Donald den Steuermann ausschimpft, dass er verschlafen hat, dass ein zweites Schiff da sei. (Davon ist nämlich nichts zu sehen.) Auch schwach die Szene, wie Donald den Holländer ins Haus führt. Senta fragt, wer der Fremde sei, nur ist leider gar kein Fremder zu sehen, der Holländer tritt erst viel später auf. Von dieser Art gibt es noch sehr viele Unstimmigkeiten. Ansonsten werden zur Spinnstube Kühltruhen auf die Bühne gewuchtet, in denen neben viel rohem Fleisch auch einige Kinderleichen lagern, ohne, dass sich da jetzt ein großer Sinn dahinter verbergen würde. Der Holländer gibt Donald einen Geldkoffer, in dem er vorher ein paar Scheine angezündet hat, aber auch dieser kapitalismuskritische Ansatz wird vom Regisseur im Laufe des Abends vergessen. Zum Schluss hocken alle über großen Monitoren, und am hinteren Teil der Bühne wird Donalds Schlauchboot hochgezogen, in dem ein gekreuzigter Mann zu sehen ist. Nun ja.
      Die musikalische Seite war erfreulicher: Chor und Orchester waren ziemlich gut disponiert (hier und da gab es ein paar Eintrübungen beim Holz) und gewissermaßen der Motor der Aufführung. Gerade die Herren des Staatsopernchores legten einen so prägnanten Steuermann-Chor hin, wie man ihn nur selten zu Ohren bekommt. Auch das Dirigat vom Kieler GMD Georg Fritzsch war zupackend, präzise und voll dramatischer Wucht und damit der verwendeten harten Urfassung (die Senta-Ballade erklang freilich trotzdem in g-Moll) angemessen. Fritzsch ist in meinen Augen ein sehr guter Mann für das Wagner- und Strauss-Fach, der jedem Repertoire-Abend gut tut. Auch die Solistenbesetzung war gut anhörbar: James Rutherford ist ein guter Holländer, der freilich vokal etwas zu viel Gemütlichkeit ausstrahlt und die Abgründe der Figur nicht in allen Facetten hörbar macht. Dennoch teilte er sich die Partie gut ein und war ihr zu jedem Zeitpunkt gewachsen. Christiane Libor nimmt man freilich weder optisch noch vokal das junge, schwärmerische Mädchen ab, aber auch sie meisterte die Partie mit vorbildlicher Textdeutlichkeit und fein abgestufter dynamischer Schattierung gut, wenn man von ein paar Intonationstrübungen im Duett mit dem Holländer absieht. Thomas Blondelle sang die verstrackte Partie des Georg sehr gut und er spielte sich wahrlich einen Wolf. Dass ihm das letzte Quäntchen Schönstimmigkeit in der Mittellage und der große gestalterische Bogen in der Kavatine fehlten, sei bei so viel Totaleinsatz verziehen. Sehr bärbeißig und mit wenigen Zwischentönen gab Attila Jun den Donald.
      Nach dem letzten Ton ein einsames Buh und dann großer Jubel für die Solisten und Chor, Orchester und Dirigent.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Heerrufer ()