Noch einmal Stegemann

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    • Noch einmal Stegemann

      Schnell noch eine nachdrückliche Buchempfehlung:

      [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41Fh-bTFmOL._SX311_BO1,204,203,200_.jpg]Bernd Stegemanns neuestes Buch hat zwar nichts mit Theater und schon gar nichts mit Oper zu tun, aber da es ein sehr wichtiges und überaus lesenswertes Buch ist, mag eine Empfehlung hier erlaubt sein, zumal es sich um ein existenziell wichtiges Thema handelt.
      Stegemann befasst sich mit dem momentan allenthalben behandelten Phänomen des Populismus und tut dies auf dieselbe intelligente und eloquente Art, die schon seine beiden großen theatertheoretischen Bücher (»Kritik des Theaters« und »Lob des Realismus«) auszeichnete. Während sich die beiden anderen Bücher für Nicht-Spezialisten etwas schwierig lesen mögen, ist dieses sehr klar und einfach geschrieben. Man merkt, dass dem Autor das Problem auf den Nägeln brennt und dass er unbedingt verstanden werden will.
      Und er hat viel zu sagen. Er lässt sich nicht auf die allgemein übliche billige Polemik gegen die Thesen der Rechtspopulisten oder die Beschimpfung derer, die diesen Thesen Glaube schenken, ein, vielmehr versucht er, die Hintergründe und Ursachen für diese Entwicklung zu ermitteln und aufzuzeigen. Seine Darstellung ist sehr detailliert und komplex, wobei seine Herleitungen und Argumentationen in jedem Augenblick überzeugend und nachvollziehbar sind. Stegemann zeigt, wie sich postmodernes Denken und neoliberaler Marktfetischismus zu einer unheiligen Allianz verbunden haben, die vor allem den Schutz der Privilegierten und ihres Besitztums im Sinn hat. Er zeigt dabei, wie dieses Konglomerat zur Verdeckung der nach wie vor vorhandenen und die Entwicklung bestimmenden Klassengegensätze geführt hat, wie der politisch korrekte Diskurs wichtiger wird als die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft, die wachsende Gewalt bedeutet, die wachsende Gegengewalt provoziert.
      Dabei stößt er nicht in das Horn, das Populismus mit rechter Gesinnung gleichsetzt, er begreift den Populismus als eine gewisse Form der Ansprache und macht einen neben dem rechten Populismus, von dem die Medien gerade großes Wesens machen, einen liberalen und einen potenziellen linken. Dabei zeigt er auf, wie der rechte Populismus mit seinem scheinbar so plötzlichen Auftreten die Fassade des neoliberalem Bauwerks bröckeln und durch die Risse die realen Gewaltverhältnisse sichtbar werden lässt. Er versteht die gegenwärtige Entwicklung also durchaus als eine Chance, Alternativen zum angeblich alternativlosen Neoliberalismus zu entwickeln, wenn denn die linken Kräfte in der Lage sind, diese Chance zu nutzen.
      In diesem letzterwähnten Punkt ist Stegemann – das muss ich gestehen – deutlich optimistischer als ich. Überhaupt bin ich auf einige Aussagen gestoßen, die mich nicht überzeugt haben, aber das ist auch normal. Aber ich habe keinen einzigen Satz gefunden, der nicht überaus interessant und höchst anregend gewesen wäre. Wie immer man sich zu Stegemanns Darlegungen stellen mag, hier liegt mit Sicherheit eines der wichtigsten und lesenwertesten Bücher zum Thema vor, die in den letzten Jahren erschienen sind. Ich habe es sozusagen mit angehaltenem Atem in einem Tag durchgelesen, weil ich es nicht weglegen konnte. Und ich kann es nur allen dringend empfehlen, die mehr Klarheit über die momentan ablaufenden Prozesse haben wollen, als sie uns die Medien mit ihren vorgestanzten Meinungskommentaren liefern können (wollen?).

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    • Zu dem Buch:

      deutschlandradiokultur.de/steg…ml?dram:article_id=376944

      Daraus:
      Stegemann macht keinen Hehl daraus, dass er die Ausfälle der Rechtspopulisten als notwendiges Korrektiv ansieht für eine Gesellschaft, die sich im Neoliberalismus ausruht. Seine Weltsicht erweist sich dabei als erschreckend eingleisig. Grob zusammenfassen kann man seine Forderung so: Lasst das Gerede über Uni-Sex-Toiletten und nehmt den Klassenkampf auf. Haben die Menschen den Klassenkampf, müssen sie keine Rassisten werden. Hass auf die Besitzenden macht den Hass auf die Migranten überflüssig und ist moralisch in jedem Fall unbedenklich. Aha.


      Man kann, man muss widersprechen bei der Lektüre, sich getroffen fühlen, sich ärgern über die Terminologie des Autors, wenn er etwa Gesine Schwan den "Gestus des postmodernen Herrenmenschen" unterstellt, weil sie in einer Talkshow bei AfD-Argumenten genervt die Augenbrauen hochzieht. Besonders fragwürdig ist dies, weil mit keinem Wort erwähnt wird, welche konkrete Aussagen der Rechtspopulisten dieses Augenbrauenhochziehen ausgelöst haben.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Tolle Formulierung. Natürlich kann man widersprechen. Das ist jedem erlaubt. Der Rezensent überschreitet allerdings die Grenze zur Anmaßung, wenn er festlegt, dass man widersprechen muss. Man muss gar nichts, vor allem muss niemand seiner Meinung sein. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass man die Absicht allzu deutlich merkt, was entsprechend verstimmt, wenn er nicht gegen die Hauptthesen des Buches streitet, sondern gegen eine Nebenbemerkung, die lediglich zur Illustration eines einzigen Unterpunkts gemacht wird, und die außerdem noch entstellt wird, indem der Zusammenhang weggelassen wird. Ein bisschen mehr Mühe kann man sich schon wegen.

      Übrigens muss Stegemann keinen Hehl daraus machen, dass er die Ausfälle der Rechtspopulisten für ein notwendiges Korrektiv hält, weil er sie nicht dafür hält. Dass der Rezensent zu derartig billigen Tricks greift, zeigt vermutlich, dass Stegemann den entscheidenden Punkt sicher getroffen hat. (Übrigens ist es ausgeschlossen, dass der Rezensent, vorausgesetzt, er hat das Buch gelesen, glaubt, dass Stegemann die » Ausfälle der Rechtspopulisten als notwendiges Korrektiv ansieht«. Es ist allzu deutlich, dass das nicht de Fall ist. Das Aufheulen der Kritik bei diesem Buch und die billigen Tricks, mit dem seine Thesen neutralisiert werden sollen, ähnelt dem Aufheulen der Apologeten der »performativen Wende« über die Kritik des Theaters und das Lob des Realismus sicherlich nicht zufällig so sehr. Es kommt aus derselben Ecke, nämlich der der um ihre Privilegien fürchtenden Apologeten des »alternativlosen« Neoliberalismus, die Stegemann mit sehr guten Argumenten frontal angreift. Da diese Argumente nicht leicht zu widerlegen sind, versucht man es eben mit Taschenspielertricks.)

      Aber wie wäre es, wenn Sie das Buch lesen würden statt einer Rezension?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von dracul-plecat ()

    • Wobei das natürlich auch eine grobe Simplifizierung ist. Man fragt sich, ob der Rezensent so dumm ist, dass er das Buch nur auf diese Art verstehen kann, oder ob er das für eine besonders kluge Methode der Polemik hält. Ich kenne die aus früheren Zeiten. Da kam es auch weniger auf die Kraft der Argumente als auf den richtigen Klassenstandpunkt an.

      Wort des Predigers Salomo: »Nichts Neues unter der Sonne.«
    • dracul-plecat schrieb:

      Ich kenne die aus früheren Zeiten. Da kam es auch weniger auf die Kraft der Argumente als auf den richtigen Klassenstandpunkt an.
      Und das aus Ihrem Mund ;) .

      Zum Thema Populismus gibt es viele Erscheinungen. Warum ich ausgerechnet diese lesen sollte, ist leider nicht recht klar geworden. Dass Sie sie empfohlen haben, trägt auch nicht eben dazu bei, die 14 Euro in die Anschaffung investieren zu wollen.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • JLSorel schrieb:

      Und das aus Ihrem Mund ;) .
      Diesmal haben Sie gewonnen: Der Preis für die dümmstmögliche Bemerkung geht an Sie. Der für die dümmste Frechheit auch. Doppelten Glückwunsch!



      JLSorel schrieb:

      Warum ich ausgerechnet diese lesen sollte, ist leider nicht recht klar geworden.
      Wer sagt, dass Sie das SOLLEN? Mit solchen Imperativen arbeitet Ihre Chefkrawallschachtel, die Sie dabei etwas saft- und kraftlos, aber doch lautstark unterstützen, ich nicht. Ich habe das Buch lediglich empfohlen. Wenn Sie es nicht lesen wollen, zwingt Sie natürlich niemand. Es könnte Sie vielleicht klüger machen (bei mir jedenfalls hatte es diesen Effekt), aber wenn Sie das nicht brauchen, ist es schon gut. Immerhin sollten Sie sich nicht auf Diskussionen über Bücher einlassen, von denen Sie nur »aussagekräftige Farbfotos« kennen. Das zeugt nämlich nicht eben von großer Klugheit.
    • dracul-plecat schrieb:

      Wer sagt, dass Sie das SOLLEN? Mit solchen Imperativen arbeitet Ihre Chefkrawallschachtel, die Sie dabei etwas saft- und kraftlos, aber doch lautstark unterstützen, ich nicht.

      dracul-plecat schrieb:

      Aber wie wäre es, wenn Sie das Buch lesen würden statt einer Rezension?
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Sie sehen, ich habe Ihnen einen Vorschlag unterbreitet, nicht geschrieben, dass Sie irgendetwas SOLLEN. Das ist, wie gesagt, nicht meine Art, sondern die Ihrer Gurvi. Es war lediglich ein Vorschlag, dessen Annahme Sie befähigen würde, an der Debatte über das Buch teilzunehmen, woran Ihnen ja anscheinend etwas liegt. Wenn Sie sich nicht dazu äußern wollen, ist selbstverständlich keine Notwendigkeit gegeben, dass Sie es lesen.

      Übrigens ist mir natürlich klar, dass diese Erklärung überflüssig war. Das war Ihnen natürlich vollkommen klar, Sie wollten nur ein bisschen Krawall machen. Da ich bekanntlich ein gutes Herz habe, bin ich Ihrem Wunsch gern noch einmal nachgekommen.

      Im Übrigen wollte ich eine Buchempfehlung aussprechen, nicht mit Ihnen, der es nicht gelesen hat, darüber debattieren.
    • dracul-plecat schrieb:

      Sie sehen, ich habe Ihnen einen Vorschlag unterbreitet, nicht geschrieben, dass Sie irgendetwas SOLLEN.
      Doch. Was Sie geschrieben haben, hatte Aufforderungscharakter.

      dracul-plecat schrieb:

      sondern die Ihrer Gurvi
      Dass Sie selbst drei Tage nach ihrem Abgang aus diesem Forum Ihre Fixierung auf sie noch nicht überwunden haben, sondern sie noch ungefähr in jedem zweiten Ihrer Beiträge erwähnen müssen, ist schon sehr interessant. ;)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • dracul-plecat schrieb:

      Aber ich habe keinen einzigen Satz gefunden, der nicht überaus interessant und höchst anregend gewesen wäre.
      Danke für die Lektüreempfehlung, vielleicht schauen Sie als Gast ja noch mal rein ins Forum und können meinen Dank zur Kenntnis nehmen. Ein wirklich anregendes Buch, das mich an nicht wenigen Stellen in Frage stellt - was kann es Besseres geben!
    • Und noch einmal Stegemann, diesmal in der heutigen SZ, Feuilleton, S. 12:

      Verschleierung des Frontverlaufs
      Umständlich, aber bloß nicht kompliziert: Der Dramaturg Bernd Stegemann beschwört die Gespenster des Populismus


      "Haust Lenin jetzt im Theater? Ist Klassenkampf eine Aufgabe für Dramaturgen?"
      "In Bernd Stegemanns verzweifelter Trauer, dass es den guten alten Bolschewismus nicht mehr gibt, findet er nur Trost in einem Theaterstück von Milo Rau."


      "Ein Gemisch aus Systemtheorie, Trivialmarxismus und redundanten Polit-Ratschlägen"

      von Till Briegleb

      sueddeutsche.de/kultur/dramatu…s-frontverlaufs-1.3479336

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von karteileiche33 ()

    • Reingold schrieb:

      Ein interessantes, lesenswertes Interview.
      Es gebe nicht nur rechte Populisten ist gut! Wie die derzeitige Frau Lafontaine und Initiatorin dieser seltsamen Ssmmlungsbewegung eindrucksvoll gezeigt hat, gibt es die auch auf der linken Seite des politischen Spektrums.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • JLSorel schrieb:

      Wie die derzeitige Frau Lafontaine und Initiatorin dieser seltsamen Ssmmlungsbewegung eindrucksvoll gezeigt hat, gibt es die auch auf der linken Seite des politischen Spektrums.
      Wenn man als wesentliches Kennzeichen des Populismus einen Hang zur Realitätsferne ansieht, dann kann man, da noch keine Ergebnisse vorliegen, die Bewegung auch noch nicht beurteilen, wohl aber deren Initiatorin, von der man sagen muss, dass sie sich, was den Sinn für Machbarkeit angeht, in einigen Fragen immerhin positiv von großen Teilen ihrer Partei abhebt. :)