Tannhäuser DOB

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    • Tannhäuser DOB

      Die Deutsche Oper Berlin hat keine Hörplätze. Was man sonst als Vorteil des Hauses sehen könnte, gereicht bei Inszenierungen wie Korsten Harms Tannhäuser zum Nachteil: man sieht immer alles auf der Bühne. Schlimmer noch, wenn man die Produktion erstmals vom Parkett aus erlebt: man ist nun noch näher am Nichts als im 2. Rang.
      Das Unpraktische, das Belanglose dieser Inszenierung, die hilflose Bebilderung der Vorspiele (bei der "Darstellung" zur Wagnerschen Wiederholung und Steigerung in der Musik schwankt das zwischen Peinlichkeit, Monotonie oder schlicht Groteske), die nicht vorhandene Personalregie... hier wird es zum störenden Ärgernis.
      Bleibt einem die musikalische Seite: da sah es ja eigentlich besetzungsmäßig heute abend recht gut aus (Runnicles-Nylund, Seiffert, Rutherford...).Peter Seiffert sagte vor ein paar Tagen ab, wurde ersetzt durch Robert Dean Smith. Selbst das war nicht das Problem des heutigen abends.
      Es beginnt mit einem seltsam klingenden Orchester, bei dem - schon in der Ouvertüre - die Stimmen nebeneinander "schwimmen": Bläsereinsätze heben sich rhythmisch von den Streichern ab, klingen grell und überhaupt nicht mit dem Rest des Orchesters koordiniert. Das wird mal besser, kommt aber immer wieder zu schrillen Einsätzen. Beim Chor klappert`s im Zweiten zuweilen heftig.
      Robert Dean Smith singt den Tannhäuser mit viel Kultur, fast liedhaft. Unklar, ob er bis zu den oberen Rängen durchdringt. Erstmals erlebte ich einen Tannhäuser, der keine Bravos bekam (allerdings hörte ich auch kein Buh!) Trotzdem eine gesanglich und sprachlich gute Darstellung. Frau Nylund gerät als Venus deutlich an ihre Grenzen, das klingt nicht häßlich, begrenzt aber ihre Ausdrucksmöglichkeiten deutlich. Als Elisabeth ist sie darstellerisch und sängerisch überzeugend. Sie würde wahrscheinlich bei einer anderen Inszenierung mehr aus der Rolle holen können. James Rutherford engagiert und stimmschön (der Abendstern allerdings für meinen Geschmack viel zu opernhaft, wenn man Lorenz als Vergleich nimmt - na gut, verdammt lang her!). Darstellerisch kann er, in die Ritterrüstung eingezwängt, nicht viel machen.Bleibt Ante Jerkunica als Landgraf. Schönes Material, an der Sprache sehr gearbeitet, aber mit deutlichen technischen Problemen. Wenn es nach "oben" geht, atmet er noch mal durch und drückt dann wie ein Gewichtheber. Das macht natürlich eine sinnvolle Darstellung etwas schwer. Der "Rest" weder so noch so, auffallend allerdings Adriana Ferfezka als stimmlich hervorragender Hirt.
      Es ist die erste Vorstellung der Serie, am 12. geht es mit Gould und Merbeth weiter; zu wünschen wäre eine deutliche musikalische Steigerung. Die Inszenierung als solche ist wohl nicht mehr zu retten.
    • Stimmt! Kompliziert, kompliziert! Am 12.03.2017 gibt es aber an der Staatsoper die Wagner-Gala, deshalb hatte ich diesen Termin etwas verdrängt.
      Ach, wir Berliner haben es doch gut. Wir haben die Wahl zwischen zwei schlechten Tannhäuser-Inszenierungen, und aus insgesamt 7 Vorstellungen im Jan/Feb/März kann man sich dann eventuell eine vernünftige Besetzung zurechtbasteln....

      Auffällig übrigens: unter Repusic hatten wir vor einem Jahr keine Jahrhundert-Aufführungen, sie waren aber technisch recht solide. Warum passiert sowas beim "Chef"? (Ich denke noch mit Grausen an die "Elektra" im April).
    • Bin kein großer Rutherford-Fan und mag seine immer etwas mulmige Tongebung auch nicht so wahnsinnig, dass er ein guter Sänger ist, steht aber doch außer Zweifel. Frankfurt sollte froh sein, jemanden im Ensemble zu haben, der ihnen das ganze Heldenbariton-Repertoire derart solide abdecken kann. (In Stuttgart, das eigentlich qualitativ über Frankfurt stehen müsste, gibt es so jemanden nicht und man muss Rutherford als Gast für den Holländer holen.)
    • JLSorel schrieb:

      Warum das?
      Stuttgart hat die größeren finanziellen Möglichkeiten als Frankfurt, die größere musikalische Tradition, das bessere Orchester und den wesentlich besseren Chor. Stuttgart ist (neben München, den großen Berliner Häusern, Hamburg und Dresden) ein klassisches Top-5-Haus in Deutschland, Frankfurt eher ein Top-10-Haus (mit ähnlichen Möglichkeiten wie Leipzig, Köln, Essen oder die Rheinoper). Dass die gute, kontinuierliche Arbeit von Loebe und Weigle in Frankfurt die beiden Häuser auf Augenhöhe geführt hat, ist ein Verdienst dieser Leitung und absolut keine Selbstverständlichkeit.
    • In Bezug auf die Inszenierung muss ich dem Gast1 leider Recht geben. Da erhält die Vorfreude auf die Aufführungen mit Gould und Seiffert einen gewaltigen Dämpfer. Ich kann diese Produktion auch nicht mehr sehen!

      Ich empfand die Aufführung am Freitag als ordentliche Hausmannskost im positiven Sinn. Robert Dean Smith kann stimmlich sicher nicht so auftrumpfen wie Gould und Seiffert, aber wie schon seit vielen Jahren war auch dieser Auftritt wieder positiv zuverlässig. Da Gould am selben Tag in Dresden gesungen hat, war Smith vermutlich die beste Option. Ein dickes Lob ans Haus sich an ihn erinnert zu haben. Den Tannhäuser hat er meines Wissens in Berlin nur einmal in einer Serie an der Staatsoper gesungen (April 2008 mit Nylund als Einspringerin in einer Aufführung). Camilla Nylund hat am Freitag ihr Rollendebüt als Venus gegeben. Ich fand sie besser als manche Kollegin zuvor, auch wenn ihr Vortrag von der Gestaltung her sicher noch ausbaufähig ist. Ihre Elisabeth hingegen war wunderbar. Ante Jerkunica sang erfreulich textverständlich. Auch seine Defizite in der Höhe umschiffte er besser als in der Vergangenheit. Allerdings blieb die Gestaltung der Rolle leider auf der Strecke. James Rutherford hat vermutlich nicht nur mir als Wolfram einige Rätsel aufgegeben. Zunächst fand ich es interessant, mal einen Wolfram zu hören, der als Sachs und Wotan unterwegs ist. Dass er diese Rollen tatsächlich singt, mochte man jedoch nicht so recht glauben. Er war um einen sehr lyrischen Vortrag bemüht, was ihm stellenweise auch gut gelungen ist, es irritierte jedoch die verhangene Tongebung. In den kleineren Rollen fiel mir Attilio Glaser als Walther besonders positiv auf. Diese Rolle bekommt man so nicht alle Tage geboten.

      Ein Sonderlob gebührt dem Chor, auch wenn der Damenchor im Finale zunächst nicht auf den Punkt gesungen hat. Unter dem neuen Chorleiter scheint der Chor einen gewaltigen Sprung gemacht zu haben und macht einen wesentlich disziplinierteren Eindruck. Mir hat das Dirigat von Donald Runnicles durchaus gut gefallen. Er hat sich förmlich durch die Partitur geatmet. Das klingt organisch schön, überraschende Ausbrüche wie bei Barenboim gibt es bei dieser Lesart allerdings nicht.
    • Kapellmeister Storch schrieb:

      Den Tannhäuser hat er meines Wissens in Berlin nur einmal in einer Serie an der Staatsoper gesungen (April 2008 mit Nylund als Einspringerin in einer Aufführung).
      Smith hat in Berlin den Tannhäuser nicht nur in der von Ihnen angesprochenen Aufführungsserie unter Jordan 2008 an der Staatsoper gesungen, sondern auch in einer Serie an der DOB 2010 oder 2011. Darüber hinaus sang er den tannhäuser in Berlin 2012 konzertant unter Janowski in der Philharmonie.


      Kapellmeister Storch schrieb:

      In den kleineren Rollen fiel mir Attilio Glaser als Walther besonders positiv auf. Diese Rolle bekommt man so nicht alle Tage geboten.
      Den zweiten Satz finde ich gerade an der DOB etwas ungerecht, hier war Clemens Bieber in dieser Partie über 20 Jahre eine Bank und beherrschte sie mit toller Phrasierung und selbst im Alter noch ziemlich eindrucksvoll. Und er singt sie ja in den März-Aufführungen auch in dieser Spielzeit noch.
    • Kapellmeister Storch schrieb:

      In Bezug auf die Inszenierung muss ich dem Gast1 leider Recht geben. Da erhält die Vorfreude auf die Aufführungen mit Gould und Seiffert einen gewaltigen Dämpfer. Ich kann diese Produktion auch nicht mehr sehen!


      Ich "schaue" mir gern Produktionen beim 2. oder 3. Wiedersehen "schön". Hier will das absolut nicht gelingen; es wird bei jedem Hinsehen grotesker.
    • Tannhäuser, 12.02.2017

      Eigentlich bin ich gestern nur wegen Gould in die Aufführung gegangen. Gestern Vormittag sah es noch so aus, als würde es neben der vor knapp zwei Wochen bekannt gegebenen Veränderung am Dirigentenpult keine weitere Umbesetzung geben. An der Oper angekommen, dann die große Überraschung: Elisabeth/ Venus und Landgraf hatten so kurzfristig abgesagt, dass sie noch auf dem Besetzungszettel standen. Der Herr vor dem Vorhang (nicht Seuferle) klärte dann auf. Von Albert Pesendorfer hatte man sich am Frühstückstisch die Zusage für die Mitwirkung (für Jerkunica) geholt. Ricarda Merbeth war erst um 14 Uhr in München ins Flugzeug gestiegen. Da sie sich bei der Venus nicht zu 100% sicher war, sang sie die Rolle vom Pult an der Rampe aus und wurde körperlich von der Abendspielleiterin (?) gedoubelt. Als Axel Kober dann zu dirigieren begann, habe ich förmlich auf der Sitzkante gesessen. Mit seinem packendem, flottem, souveränem und sehr umsichtigem Dirigat war er maßgeblich für die Aufwertung dieser Tannhäuser-"Serie" verantwortlich. Ich habe noch nie eine so klare Zeichengebung gesehen, wenn es darum ging, Dissonanzen mit der Bühne zu beheben. Insbesondere im Finale wurde ein gewaltiger Unterschied zu Runnicles offensichtlich. Während der GMD augenscheinlich darauf baut, dass der Chor schon irgendwann in die Spur kommt, hat Kober durch extrem klare Zeichengebung den Chor geführt und Tempodifferenzen schnell abgestellt. Für den Chor gab es übrigens aus verschiedenen Ecken des Hauses Buh-Rufe. Ich finde ihn derzeit disziplinierter als unter Spaulding, auch wenn ein schnarrender Bass, der nicht einmal zu laut sang, aus der Rolle fiel. Trumpf der Aufführung war neben Kober sicherlich Stephen Gould in der Titelpartie, der inzwischen nicht mehr durchgängig im Dauerforte singt, sondern auch gestalten kann. Dass ihm von der Stimmgewalt her niemand das Wasser reichen kann, muss er ohnehin nicht mehr beweisen. Ricarda Merbeth sang eine gute Venus und eine noch bessere Elisabeth. Da hat die DOB wieder einmal mehr als adäquat auf eine Absage reagiert! Albert Pesendorfer war ein souveräner Landgraf. Er setzt nie vokale Glanzlichter, ist mir jedoch in dieser Rolle lieber als Anger oder Jerkunica. James Rutherford gab einen ordentlichen Wolfram, aber wie schon zur Aufführung am 27.01. beschrieben, war das nicht Fisch, nicht Fleisch. Von den weiteren Sängern ragten Attilio Glaser als Walther und Seth Carico als Biterolf heraus. Mir hat der Abend so gut gefallen, dass die nervige Inszenierung in den Hintergrund trat.
    • Tannhäuser, 12.03.2017

      Die Aufführung gestern war erschreckend schwach verkauft. Dennoch hatten sich ein paar Leute gefunden, die trotz (ich) oder wegen (Frau Harms) der Inszenierung in der Vorstellung gewesen sind. Andere Wagner-Fans mögen in der Wagner-Gala im Schiller-Theater gewesen sein, eine Gala-Vorstellung hat jedoch Peter Seiffert als Tannhäuser abgeliefert. Nach der abgesagten Otello-Serie in Wien präsentierte er sich stimmlich absolut frisch. Seit 2003 habe ich ihn immer wieder mal in dieser Rolle erlebt. Gestern erschien mir sein Vortrag noch ausgefeilter als in der Vergangenheit. Dass er im Venusberg mal auf dem falschen Ton angekommen ist oder einen Texthänger gehabt hat, geschenkt! Ich kann nicht sagen, wie es in den Noten steht, aber ich denke, Seiffert hat am Ende des 2. Aktes noch etwas eingebaut. Er hat "nach Rom" zweimal gesungen, beim zweiten Mal mit einer Quarte zu einem Spitzenton, mit dem er den Chor und das Orchester übertrumpft hat. Ricarda Merbeth war gestern auch szenisch als Venus aktiv (vor drei Wochen hatte sie die Rolle noch als Einspringerin vom Pult aus gesungen). In beiden Rollen hat sie mir wieder überwiegend gefallen, auffällig ist bei ihr jedoch, dass die Stimme kein breites Fundament hat. An James Rutherford als Wolfram habe ich mich inzwischen gewöhnt, so dass ich ihn auf der Habenseite verbuche. An Ain Anger mag ich mich nicht gewöhnen. Da stimmt das Gesamtpaket bei Pesendorfer doch mehr. Auf der Wartburg gaben sich außerdem u.a. Clemens Bieber und Noel Bouley als Walther und Biterolf die Ehre. Am Pult stand wieder GMD Donald Runnicles, der die Aufführung solide geleitet hat. Dank Peter Seiffert ein toller Opernabend!