Alban Berg: Lulu, Premiere am 12.2.2017

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    • Alban Berg: Lulu, Premiere am 12.2.2017

      Diese Premiere habe ich mit sehr gemischten Gefühlen besucht. Meine einzige Begegnung mit dem Werk, die Premiere der Konwitschny-Inszenierung unter der Leitung von Metzmacher im November 2003 hier in HH, hatte ich als quälend schrägtönend und marternd langweilig empfunden. Und das, obwohl ich Metzmacher für einen sehr guten Interpreten der Musik des 20. Jahrhunderts halte und von der Zusammenarbeit Metzmacher/Konwitschny beim Wozzek 5 Jahre zuvor sehr angetan war.
      Gestern also eine zweite Chance für das Werk, diesmal in der Regie von Christoph Marthaler. Ausgerechnet Marthaler, dessen Tristan in Bayreuth ich so entsetzlich langweilig fand. (Das war damals eine Riesenenttäuschung, hatte ich doch von Marthaler am Deutschen Schauspielhaus etliche hervorragende Inszenierungen gesehen.) Bühnenbild und Kostüme waren natürlich von Anna Viebrock. Um es kurz zu machen: es war eine spannende Inszenierung, so lebendiges, pralles Theater, dass ich gar nicht erst versuchen will, die Inszenierung zu beschreiben.
      Das Verdienst, das Barbara Hannigan als Lulu am Gelingen dieser Aufführung hat, ist nicht zu überschätzen. Diese Frau ist ein Ereignis! Nicht nur stimmlich, sondern auch, wie sie ihren Körper einsetzt – faszinierend!
      Die Rollen der anderen Sänger, u.a. Anne Sophie von Otter (Gräfin Geschwitz), Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön/Jack), Matthias Klink (Alwa), Sergei Leiferkus (Schigolch), Peter Lodahl (Maler/Neger), werden von der Regie glücklicherweise so individuell gezeichnet, dass sie nicht völlig verblassen neben Frau Hannigan.
      Und das Schönste: auch musikalisch empfand ich die Musik nicht mehr als nervig schräge Kakophonie, sondern interessant (nicht im Sinne von in-ter-ess-ant?) und spannend, ein Verdienst von Kent Nagano am Pult.
      Gespielt wurde übrigens nicht wie damals das 2-aktige Fragment, sondern die 3-aktige Fassung. Allerdings nicht in der ausinstrumentierten Version von Cerha, sondern wie von Berg im Particell notiert in einer Fassung für Solovioline und 2 Klaviere plus Sänger. Und die Musik ist so gut, dass sie auch in dieser schlanken Fassung wirkt.
      Der Abend endet mit einem vom Team (Nagano, Marthaler, Malte Ubenauf, Johannes Harneit) angehängten Epilog, der sich als Bergs Violinkonzert entpuppt – „dem Andenken eines Engels“ gewidmet und grandios dargeboten von Veronika Eberle.
      Unbedingt hingehen!
      (Ich selbst kann leider nicht noch einmal hin, da ich in nächster Zeit nicht in HH bin. :( )
    • Ich hatte gestern das Glück, mir Lulu in Hamburg anzuschauen. Wirklich grandios! Marthaler und sein Team bringen Beziehungslosigkeit auf die Bühne, Kommunikationsversagen - und in der Tat beleuchten sie damit einen Aspekt, der das ganze Libretto durchzieht, aber selten so in den Vordergrund gestellt wird. Allerdings fiel mir dann beim Violinkonzert die Konzentration schon etwas schwer.
    • Ich war gestern wieder in der Lulu und kann meine Empfehlung, diese Produktion zu besuchen, nur noch mal kräftig unterstreichen. (Marthaler hat für die Regie auch noch den Faust für die beste Regie in der Sparte Musiktheater erhalten.)
      Im Vergleich zur Premiere gab es 2 Umbesetzungen: Angela Denoke für Anne Sophie von Otter und Jürgen Sacher an Stelle von Dietmar Kerschbaum. Beide machten ihre Sache ausgezeichnet. Evtl. hat Marthaler mit den beiden und/oder dem ganzen Ensemble die Inszenierung neu einstudiert, jedenfalls erschien er zum Schlussapplaus auf der Bühne.
    • Ich war gestern auch drin, mit hohen Erwartungen ob der fast einhelligen Lobeshymnen der Kritiker. Und mich hat leider nichts berührt mit Ausnahme des bewegenden Violoinkonzerts am Ende. Bewundernswert natürlich Hannigans stimmliche und körperlich-akrobatische Leistung. Aber ansonsten.... während ich bei meinem ersten Wozzeck sofort von der Musik gepackt war und für Wozzeck und Marie Mitgefühl empfunden habe, haben mich die Personen hier völlig kalt gelassen. Wenn das von Marthaler beabsichtigt war, war es ein voller Erfolg. Auch bietet die Oper musikalisch (für meine Ohren) keine Höhepunkte, allenfalls im zweiten Teil, es plätschert meist nur so dahin. Ich war/bin irritiert. Das Violinkonzert hätte auch die seltsam gestikulierenden Lulu und ihre vier alter egos nicht mehr gebraucht, das passte dann nicht mehr, wirkte nur verkrampft.
    • karomedica schrieb:

      Wenn das von Marthaler beabsichtigt war, war es ein voller Erfolg.
      Mit welcher Figur könnte man denn Mitgefühl entwickeln? Lulu, Dr. Schön, Alwa? Ich sehe da im Libretto keine Figur, die mein Mitgefühl herausfordert.

      karomedica schrieb:

      Auch bietet die Oper musikalisch (für meine Ohren) keine Höhepunkte, allenfalls im zweiten Teil, es plätschert meist nur so dahin.
      Das ging mir beim ersten Hören auch so. (Auch wenn "dahinplätschern" nicht das Verb meiner Wahl gewesen wäre.)
    • Sie sind doch alle gequälte Opfer ihrer Triebe. Da könnte man schon Mitleid empfinden. Wenn ich die Regieidee richtig verstanden habe, sind sie doch als eine Art Aufziehpuppen dargestellt. Anfangs aufgestellt und hinsortiert, dann nur noch mechanische Wesen. Aber für mein Gefühl so seelenlos agierend, dass es mich kalt lässt. Kann ja Absicht sein, ich brauch in der Oper Emotion.