Carmen 03.07.2016

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    • Nun also, wie angedroht: meine (wie immer ganz persönliche) Sicht auf „Carmen“ – die, wenn man der Homepage der frankfurter Oper Glauben schenkt, die meistgespielte Oper der Welt ist. (Bisher dachte ich immer, das wäre „Die Zauberflöte“... egal...) Und weil wir ja in Frankfurt sind, musste es also eine ganz spezielle Fassung dieser berühmten Oper sein: man hat ein paar bis dahin eher unbekannte Nummern bzw. unbekannte Versionen wohlbekannter Nummern ausgegraben und daraus eine Art Urfassung gebastelt. Das erinnert nun sehr an „Hoffmanns Erzählungen“, denn auch in der Oeser-Fassung jener Oper sind etliche, sehr operettenhafte (und vom Komponisten vielleicht genau deshalb später gestrichene) Teile wieder eingefügt worden.
      Das kann man sicher akzeptieren, wenn man der Argumentation folgt, dass „Carmen“ ja nun einmal eine Opéra comique sein soll und als solche ihre Wurzeln eher in der Vaudeville denn in der Tragödie hat. Zugleich wird dadurch die Schwäche dieser Oper offengelegt (zumindest habe ich das seit je so empfunden): obwohl die Handlung vergleichsweise geradlinig ist, wirkte sie für mich sonderbar zusammengestückelt. Die hiesige Fassung gibt dem Werk nun vollends etwas Revuehaftes, Unzusammenhängendes. Das klingt jetzt negativer, als es gemeint ist, denn in Barrie Koskys furioser Inszenierung passt das perfekt – er bringt eine wüste, kunterbunte Revue auf die Bühne (wobei das 'kunterbunt' eher im übertragenen Sinne zu verstehen ist, denn die vorherrschenden Farben sind weiß und schwarz). Zu einer Revue gehört natürlich eine Showtreppe; in diesem Fall beherrscht diese die gesamte Breite der Bühne; nur ganz am Rand ist Platz für den einen oder anderen Abgang. Wenngleich sehr effektvoll, bedeutet sie zugleich den Schwachpunkt des Ganzen, denn das ständige Auf und Ab der Akteure macht auf den Stufen einen Höllenlärm. Möglicherweise ist das sogar einkalkuliert, aber es stört zuweilen trotzdem.
      Jede Revue hat ihren Star, der in diesem Fall Carmen heißt und, wie sich das für einen Star gehört, als Projektionsfläche für jegliche Facette des die Männer bekanntlich hinanziehenden ewig Weiblichen dient – mal als kühle Androgyne, mal als schwarzgekleideter Vamp oder als kecker Torero in Pink... alles in einem zuweilen rasanten Kostümwechsel. Natürlich bekommt ein Teil des Publikums Schnappatmung, wenn Carmen im Gorillakostüm zur Habanera antritt, aber auch das passt zum einem Konzept, das konsequent die Erwartungen der Zuschauer unterläuft.
      Barrie Kosky verlangt seinen Darstellern einiges ab: ich habe selten eine so durchchoreografierte Operninszenierung gesehen. Mit Ausnahme Don Josés, der, mit der jeweiligen Situation meistens überfordert, buchstäblich am Rande stand, war fast immer fast alles in Bewegung. Vor allem der Chor hatte gut zu tun und dürfte nach dem Einmarsch der Toreros im letzten Akt ein wenig außer Puste sein: drei Strophen hüpfend und rhythmisch klatschend zu absolvieren ist vermutlich auch für gelernte Sänger keine Kleinigkeit. Dass dabei in gewohnt makelloser Manier gesungen wurde, versteht sich.
      Das gilt auch für die Solisten, allen voran Tanja Ariane Baumgartner, deren heller, leichter Mezzosopran bestens dem 'Operettigen' dieser Inszenierung Rechnung trug. In ihr war eine Carmen zu sehen, die teils amüsiert, teils nachdenklich ihr Schicksal hinnimmt, ohne dabei leichtfertig zu wirken.
      Joseph Calleja gab, wie schon erwähnt, einen äußerst zurückhaltenden, beinahe scheuen Don José; keine Spur von dem Spieler und notorischen Raufbold, als den ihn die Zwischentexte schildern. Von dem so oft getadelten ausufernden Vibrato war nichts zu hören.
      Apropos Zwischentexte: sie wurden zwar von einer wunderschönen, erotisch angehauchten Frauenstimme gelesen, trugen aber zur Vertiefung nicht unbedingt bei.
      Als Micaela war Juanita Lascarro zu erleben, die dieser eher undankbaren Rolle anrührende Züge verlieh. Ihre Arie im dritten Akt – alleine in einem weißen Lichtkegel auf der ansonsten leeren Treppe – gehörte zu den Höhepunkten dieses Abends.
      Den meisten Szenenapplaus allerdings kassierten die Schmuggler und Carmen mit ihren Freundinnen mit der Szene, in der Dancaïro (John Brancy)und Remendado (Michael Porter) die Zigeunerinnen (Katharine Ruckgaber als Frasquita und Wallis Giunta als Mércedès) zu dem Schmuggeleinsatz überreden: das war gnadenlos gut choreografiert und witzig obendrein. Überhaupt gibt es in dieser Inszenierung keine nachträglich hineininterpretierten Brutalitäten – weder zwingen die Schmuggler die Mädchen zur Mitarbeit noch wird Josés Flucht dadurch legitimiert, dass sein Vorgesetzter in der Taverne nicht einfach eingesperrt, sondern ermordet wird... es ist eben alles nur Komödie.
      Das gilt auch für Escamillos Auftritt. Seien wir ehrlich: diese Rolle ist eine Wurz'n par excellence, die nur deshalb so populär ist, weil man bei dem Auftrittslied so schön mitklatschen kann. *g*
      So spielte Andreas Bauer das denn auch: mit selbstironischer Beiläufigkeit, wobei er aber einen hinreißend schönen Bass hören ließ.
      Passend zu der Inszenierung begann die Oper mit einer rasant gespielten Ouvertüre. Die Tempi blieben beachtlich und verbreiteten ein geradezu offenbachisches Flair. (Womit wir wieder bei den Wurzeln und bei den Parallelen zu „Hoffmanns Erzählungen“ wären.)
      Sehr empfehlenswert.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Wer im Einzugsbereich von Frankfurt oder vor Ort lebt sollte die Wiederaufbau der Carmen nicht versäumen!
      Die Inszenierung war ja bereits aus London in den Kinos gezeigt worden, sie ist vor Ort noch sehr viel eindrucksvoller. Die Einzelheiten hat ja bereits Asteria sehr anschaulich beschrieben.
      Sehr gute Besetzung in allen Rollen. Sehr gut gefallen hat mir Evan LeRoy Johnson als José, der ja bereits in München den Cassio in der aktuellen, bahnbrechenden Inszenierung des Otello gesungen hat. Sehr schöne Stimme, technisch sehr gut über alle Register geführt, mühelose Höhe. Zanda Svede als Carmen sehr gut, gesanglich und darstellerisch. Gefallen hat mir auch Nadja Mchantaf als Michaela.
      Nicht zufrieden war ich mit dem Chor, vor allem mit den Männern. Hier sollte doch mal darauf geachtet werden, dass ein etwas einheitlicher Chorklang erreicht wird und vor allem alle Sänger_innen gleichzeitig einsetzen und die Phrase auch gleich zeitig beenden. Das ist mir schon in der Daphne etwas unangenehm aufgefallen. Nur so am Rande. Aber alles in allem eine absoluter Empfehlung!!
    • Bei Inszenierungen von B. Kosky ist es angelegentlich hilfreich die Literaturvorlage, die der Oper(nette) zu Grunde gelegt ist zu lesen. Aus Gutem Grund wird bereits zu Beginn der Vorstellung der Originaltext rezitiert und die Zielrichtung vorgegeben. Das Spiel mit Erotik, Sexualität und Abhängigkeiten wird in seiner Zerstörungskraft gezeigt. Das ist nichts für Spanien typisches, deshalb wird auch kein konkreter Ort gezeigt sondern eine große Treppe, von der es nur von oben nach unten und nur gelegentlich umgekehrt geht. Ein folkloristischer Ansatz wird dem Stück und seiner zwischenmenschlichen Problematik doch gar nicht gerecht.
    • parlando schrieb:

      eine große Treppe, von der es nur von oben nach unten und nur gelegentlich umgekehrt geht.
      Das Bild der Treppe ist so universal wie es banal ist. Man kann etwas auch zu Tode abstrahieren. Allerdings wäre es dann sinnvoller eine Essai zu schreiben als eine Oper.

      parlando schrieb:

      Ein folkloristischer Ansatz wird dem Stück und seiner zwischenmenschlichen Problematik doch gar nicht gerecht.
      Klar, solche Dreiecksgeschichten können sich überall zutragen. Aber Mérimée und in der Folge Bizet werden ihre Gründe gehabt haben, den Plot in Spanien anzusiedeln. Und ein guter Regisseur kann sicher Spanien auf die Bühne bringen, ohne dass es folkoristisch wird. ;)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Man kann zu Koskys "Carmen" stehen wie man will - ich kann sie mit Abstrichen ganz gut leiden - aber sie hat aufgrund ihrer speziellen Sichtweise ein "Problem": jede Serie muss wirklich gut geprobt sein, sonst funktioniert sie nicht oder wirkt amateurhaft. Bei den "folkloristischen" "Carmen"-Inszenierungen können die Sänger ja meistens machen, was sie wollen, hier muss rhythmisch und choreographisch wirklich alles sitzen.

      Aber mich würde jetzt wirklich interessieren, warum Bizet (Mérimée) die "Carmen", Mozart den "Don Giovanni", Rossini den "Barbier", etc. in Sevilla spielen lassen.
    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      Aber mich würde jetzt wirklich interessieren, warum Bizet (Mérimée) die "Carmen", Mozart den "Don Giovanni", Rossini den "Barbier", etc. in Sevilla spielen lassen.
      Mal so ins Blaue hinein gedacht: ich habe irgendwo mal gelesen, dass Spanien für die Franzosen die gleiche "Sehnsuchtsland"-Funktion hat(te) wie Italien für die Deutschen... Das würde Bizets und Rossinis (bzw. Beaumarchais') geografischen Ansatz erklären. Und Mozart schwamm wohl ein bisschen auf der damals herrschenden Don-Juan-Welle mit.
      ... Wunder warten bis zuletzt.