Premiere Frau ohne Schatten, 16.4.2017

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    • Premiere Frau ohne Schatten, 16.4.2017

      Schwierig, diese Inszenierung (Andreas Kriegenburg) zu beschreiben – ich beschränke mich auf die Grundideen, die ich meine, herausgelesen zu haben:
      Die Geschichte wird aus der Sicht der Färberin erzählt, und zwar als Alb-/Fiebertraum. Das halb-abstrakte Bühnenbild von Harald B. Thor unterstützt diese Sichtweise: die Räume werden nur angedeutet, riesige, schräg aufragende Stangen/Pfeiler und eine Wendeltreppe verbinden die Ebenen: unten die Welt der Färbersfamilie, ganz oben die Geisterwelt, dazwischen noch weitere Spielflächen. Die Hebebühne (ich wusste nicht, wie viel Platz die Bühne nach oben und unten hat – beeindruckend!) ermöglicht schnelle Bilderwechsel, wobei das Bett der Färberin immer auf der Vorbühne bleibt. Die Färberin und die Kaiserin werden zeitweise gedoppelt, was bei der Färberin stimmig ist – so kann sie sich selbst im Traum sehen, bei der Kaiserin hingegen? Man hat jedenfalls viel zu sehen und zu rätseln. Auf den schon im Libretto mMn sehr kitschigen Schluss setzt Kriegenburg noch eine gehörige Extraportion Schmalz, wenn die grauen (Büro-)menschenmassen, die die Amme mit sich fortführen (welch grausame Bestrafung!), sich ihrer Masken und Anzüge entledigen und als Kinderchor (Hamburger Alsterspatzen, Jürgen Luhn) auf der Bühne herumtollen.
      Das alles hat mir sehr gut gefallen, schien es mir doch stimmig und interessant erzählt. Einzig bei den Kostümen (Andrea Schraad) habe ich was zu meckern: Sämtliche Figuren der Geisterebene waren in weiße (Hochzeits-)gewänder gehüllt mit Schleiern und Ärmelschleppen (?) und weißen Haaren. Aus der Ferne waren die Geister (und es sind viele auf der Bühne) so nur schwer zu unterscheiden. Manchmal fragte ich mich, wer da jetzt z.B. im Rollstuhl sitzt. (War natürlich der Kaiser, logisch.) Die Färbersfamilie in einem schicken braunen Arme-Leute Look, die Menschenmassen in grauen Anzügen und weißen Masken, wie oben erwähnt. Nur der Falke gehört keiner dieser Sphären und trägt ein feuerrotes Kleid.
      Zur musikalischen Seite des Abends:
      Die Palme gebührt einmal mehr Kent Nagano, der eine sehr spannende Lesart dieser Oper zu Gehör brachte.
      Am anderen Ende der Skala befand sich leider Roberto Saccà als Kaiser. Entweder blieb ihm manchmal die Stimme weg oder der Text, jedenfalls war er dann kaum zu hören. Er fing sich glücklicherweise immer wieder, aber seine Leistung war für mich der Schwachpunkt des Abends. Ich bin kein Fan von Emily Magee und bin es auch nach dieser Vorstellung nicht geworden, aber nachdem ich sie vor fast genau 10 Jahren in der gleichen Rolle gehört hatte, habe ich mir weniger erwartet. Das war schon in Ordnung, dass mir ihre Stimmfarbe nicht gefällt, ist ja nicht ihre Schuld. Nichts zu meckern hatte ich an den bewährten Darbietungen von Linda Watson als Amme und Andrzej Dobber als Barak. Lise Lindstrom (Baraks Weib) habe ich zum ersten Mal gehört. Ihr jugendlicher, hellstimmiger Sopran hat mir sehr gut gefallen, ich freue mich auf weitere Aufführungen mit ihr. Eine Sonderlob hat sich Gabriele Rossmanith in der Doppelrolle Falke und Hüter der Schwelle des Tempels verdient.
      Insgesamt ein guter Abend, ich hoffe, dass Saccà in der 3. Aufführung besser drauf ist, dann könnte es sogar ein großer Abend werden.
    • Frau Lemke-Matwey erledigt die Rezensionen von Berliner und Hamburger FroSch-Premieren in einem Aufwasch:
      zeit.de/2017/17/oper-die-frau-…rd-strauss-berlin-hamburg
      Ich bin, was die HHer FroSch-Premiere betrifft, in etlichen Punkten anderer Meinung als Frau L-M, ich will nur 2 herausgreifen:
      "Linda Watson als textunverständliche Amme, (...) Lise Lindstrom als schrille Färberin." Beides habe ich ganz anders erlebt, von Frau Watson habe ich deutlich mehr verstanden als von Frau Magee und von Herrn Saccà, die Stimme von Frau Lindström habe ich als sehr angenehm in Erinnerung.
      Und hier:
      "Was der Regisseur Andreas Kriegenburg daraus macht, lässt sich (...)spätestens im zweiten Akt nicht mehr dechiffrieren: allüberall Doppelgängerinnen, in Betten Fixierte, Rollstuhlfahrer."

      gibt sie nur zu erkennen, dass sie sich nicht die Mühe gemacht hat, intensiver über das Gesehene nachzudenken.

      (Abgesehen davon gab es nur 2 Doppelgängerinnen und einen (1!) Rollstuhlfahrer - den versteinerten Kaiser.
    • Frau Spinola hat das ganze letzte Woche für die SZ begleitet (Freitagsausgabe) und mich wieder vor große Rätsel gestellt. Zum einen bemängelt sie, natürlich völlig zurecht, das hanebüchene Libretto und die Grundaussage des Werks, zum anderen ist ihr dann die musikalische Umsetzung aber zu dekonstruiert und zu wenig schwelgerisch. Das passt nicht so ganz zusammen. Als Verriss habe ich ihre Aussagen zu Nagano wahrlich nicht verstanden, eher als Problem mit der grundsätzlichen Herangehensweise der Analyse der Partitur (vom Thielemann-Groupie Spinola erwarte ich aber auch keine tiefere Aueinandersetzung mit einer musikalischen Lesart mehr).

      EDIT: Spinola war SZ (wie oben schon verlinkt); habe mich etwas gewundert, dass die Dame jetzt wieder fuer die SZ schreibt und nicht mehr für die FAZ

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von maestro ()

    • maestro schrieb:

      Als Verriss habe ich ihre Aussagen zu Nagano wahrlich nicht verstanden, eher als Problem mit der grundsätzlichen Herangehensweise der Analyse der Partitur (vom Thielemann-Groupie Spinola erwarte ich aber auch keine tiefere Aueinandersetzung mit einer musikalischen Lesart mehr).
      Zumindest ist es ein Teil-Verriss. Und es ist jedenfalls von Seiten der Julia Spinola deutlich mehr "tiefere Auseiandersetzung mit einer musikalischer Lesart" als von so manch anderem Kritiker zu "erwarten" ist (die meisten lassen es deshalb gleich ganz):

      "Leider wird der Hamburger Premierenabend auch musikalisch nicht wirklich gerettet. Kent Nagano präsentiert zwar mit dem riesenhaft besetzten Philharmonischen Staatsorchester in beachtlicher Klarheit die verschiedenen Ebenen jener stilistisch heterogenen Materialmassen heraus, die Strauss hier aufeinanderprallen ließ: das Kammerorchester der "Ariadne", stählerene Blech- und Tuttiballungen, solistische Passagen, die Terzenseligkeit des "Rosenkavalier" und die scharfen Dissonanzen der "Elektra". Auf dem Seziertisch aber bleibt die Partitur leblos und ohne Aura. Der Klang wirkt scharf und hart, die Polyphonie kantig. An den impressionistischen Klangzaubereien, am Schwung der symphonischen Gesten, am Atem des Ganzen, der das in tausend Richtungen Auseinanderstrebende in weiten Bögen wieder integrieren würde, geht das vorbei."

      (Maestro, man sollte auch mal damit leben können, das das Objekt der eigenen Bewunderung einmal nicht so gut wegkommt. Und dann trotzdem fair bleiben)
    • Das ist auch kein Teilveriss, da sie ja die Qualität der Darbietung nicht in Frage stellt, , sondern Spinola erläutert durchaus schlüssig, warum ihr die Interpretation, die ich nicht gehört habe, nicht gefallen hat.

      Mein Problem ist ein ganz anderes, nämlich, dass sie über die ersten 2/3 der Kritik einen Seziertisch für die szenische Umsetzung des Werks fordert, eine solche analytische Herangehensweise für die musikalische Seite aber ablehnt (wobei ich mit Formulierungen wie "Atem des Ganzen" nun gar nichts anfangen kann). Die Musik steht halt einmal nicht nebem dem Text in der Partitur, sondern Text und Musik gehören zusammen. Die Aussage des Stückes bescheiden finden und dennoch mit geschlossenen Augen schwelgen wollen, das ist ein Kunstverständnis, dem ich mich nicht wirklich anschließen kann.
    • maestro schrieb:

      Die Aussage des Stückes bescheiden finden und dennoch mit geschlossenen Augen schwelgen wollen, das ist ein Kunstverständnis, dem ich mich nicht wirklich anschließen kann.
      Danach sollten Sie eigentlich eher selten in der Oper anzutreffen sein. ;)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • "Frau ohne Schatten" in Berlin und Hamburg:

      Freudianisch inspiriert

      zeit.de/2017/17/oper-die-frau-…rd-strauss-berlin-hamburg

      Auch Christine Lemke-Matwey war von Kent Nagano nicht sonderlich angetan. Zubin Mehta zog sie jedenfalls vor.

      Zitat:
      "Kent Nagano weiß das auch – und verweigert jede Kulinarik. Er denkt die Partitur so weit nach vorn, entkleidet sie so rabiat aller Sentimentalität und Üppigkeit, dass sie an ihren kammermusikalischen Stellen klingt wie Walzer von Johann Strauß (!) in den Arrangements von Schönberg, Berg oder Webern. Streckenweise mag das erhellend sein, so richtig viel aber bleibt vom alten Richard S. nicht übrig, wird er derart aufs Strukturelle reduziert. Die Kälte jedenfalls, die der Orchestergraben der Hamburgischen Staatsoper verströmt, mutet arg artifiziell an, und wenn zudem die Übergänge zwischen den Klang- und Bühnenwelten holpern und selbst das Cello-Solo vor der Arie des Kaisers im zweiten Akt nicht zu Herzen geht, dann stimmt etwas nicht."
    • Erstens habe ich das nicht gesehen - sorry, aber es war etwas zu sehr "embedded" - zweitens ging es mir in diesem Zusammenhang um das Herauskopierte, wenn es Sie nicht allzusehr stört.
      Und ich weiß nicht, ob Sie für sich in Anspruch nehmen können, zu entscheiden, was "richtig" ist und was nicht.
    • Reingold hat in diesem Fall einen großen Vorteil, er hat die entsprechende Vorstellung gesehen und gehört...;-)

      Ira, mir geht es wie gesagt gar nicht im Wesentlichen um die Bewertung der Interpretation durch Nagano (auch Frau L-M weiss um die technische Qualität seiner Dirigate und ehrlich gesagt machen mich beide Rezensionen sehr neugierig auf das Dirigat), sondern darum, dass man ein Dirigat einer Neuproduktion nicht isoliert von der szenischen Aufführung eines Werks bewerten und vor allem nicht, im Sinne des Gesamtkunstwerks, von dem zugrunde liegenden Text trennen kann. Wenigstens ist L-M hier etwas konsequenter als Frau Spinola. Ich bleibe dabei, dass es für ein sehr merkwürdiges Kunstverständnis spricht, wenn ich sage, das Werk ist thematisch mumpitz, es muss aber weich und romantisch klingen.

      Und zu JLSorel: In der Tat habe ich mich bisher im Musiktheater selten dabei ertappt, eine schöne Musi losgelöst von dem zugrunde liegenden Text zu genießen, was aber auch damit zusammenhängt, dass es erfreulicherweise sehr wenige Musiktheaterwerke gibt, bei der sich mir die Nackenhaare so aufstellen wie beim Libretto von der Frau ohne Schatten (im Trovatore und vergleichbaren Werken wird doch eher die Liebe über den Tod hinaus glorifiziert, das ist dann doch eine etwas andere Ebene als die Frau zum reinen Gebärautomaten umzufunktionieren;-)
    • karteileiche33 schrieb:

      Wunderbar, dann kann man sich das Zeitungskritikenlesen ja sparen.
      Wenn man so ein Textverständnis hat wie Sie - in der Tat.
      Aber wenn die Kritikerin von "allüberall Doppelgängerinnen, in Betten Fixierte, Rollstuhlfahrer." spricht, und es genau 2 Doppelgängerinnen, 1 (oder 2, da bin ich mir nicht mehr ganz sicher) in Betten fixierte und 1 im Rollstuhl sitzenden Kaiser gibt, darf man sie wohl schon korrigieren.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Reingold ()

    • maestro schrieb:

      Reingold hat in diesem Fall einen großen Vorteil, er hat die entsprechende Vorstellung gesehen und gehört...;-)
      Ich habe auch schon so ab und zu mal eine Opernaufführung gesehen und gehört, würde auch jederzeit meine Meinung verteidigen, sie aber nicht als einzig gültig bezeichnen.
      Wenn in einer Kritik definitiv Fehler drin stehen oder Sänger beschrieben werden, die nicht gesungen haben, ist es natürlich etwas anderes.
    • maestro schrieb:

      Ich bleibe dabei, dass es für ein sehr merkwürdiges Kunstverständnis spricht, wenn ich sage, das Werk ist thematisch mumpitz, es muss aber weich und romantisch klingen.
      Maestro, die Grundidee mag vielleicht "Mumpitz" sein. Trotzdem finde ich es einen Witz, das Libretto mit dem Chaos eines "Trovatore" zu vergleichen. Die Idee, "die Liebe über den Tod hinaus zu glorifizieren" finden Sie in jeder beliebigen Oper, oder wie Sie schon sagten, in vergleichbaren Werken. Das muß ja auch nicht jeder toll finden.
      Zugegeben, Hugo von Hofmannsthal ist da über das Ziel hinausgeschossen. Aber wenn Sie mal das Libretto lesen: was gibt es da für viele wunderbare, romantische Stellen. Szenen Barak/Färberin, oder denken Sie nur an das "Mir anvertraut" des Barak, nur als Beispiele. Solche Stellen gibt es viele. Und allein schon die Sprache! Sie könen diesen Text doch nicht allen Ernstes mit dem Text von Cammarano vergleichen.
      Und genau deshalb kann ich die das Dirigat betreffenden Kritiken der beiden Rezensentinnen nachvollziehen, ohne die Aufführung gesehen zu haben. "Kälte aus dem Orchestergraben"? Nein, ich finde, das geht gar nicht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von karteileiche33 ()

    • Der Text ist in seiner Gesamtheit keineswegs frauenfeindlich.

      susakit schrieb:

      Da ist mir eine saftige Liebe-und-Rache Geschichte wie im Trovatore tausend mal lieber.
      Mir nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie so "saftig" und vor allem so krude ist wie der "Trovatore".
      Hugo von Hofmannsthal ist Dichtung und nicht "Räuber und Gendarm".
      Aber die Geschmäcker sind verschieden.
    • karteileiche33 schrieb:

      Der Text ist in seiner Gesamtheit keineswegs frauenfeindlich.
      In der Tat ist er das nicht. Interessant ist in dem Zusammenhang auch der Briefwechsel Strauss / Hofmannsthal aus der Zeit der Entstehung. Dort findet sich vieles, das die generelle Frauenfeindlichkeit ad absurdum führt. Man darf den Text allerdings auch aus der Entstehungszeit und dem damaligen (allgemeinen) Rollenverständnis zwischen Frau und Mann lesen. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Frauen in Deustchland erstmals 1919 wählen durften, in UK 1928, Frankreich 1945 und Italien 1946, um mal ein Beispiel zu nennen. Die Ehe war im damaligen Verständnis eben auf die Fortpflanzung ausgelegt, und wenn der Kaiser sich nicht fortpflanzen kann, dann muss er eben versteinern.