Andrea Chénier - DOB

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    • Andrea Chénier - DOB

      Eine sehr positive Überraschung war die Wiederaufnahme von Andrea Chénier am 13.05.2017. Nach einer mäßigen Tosca und einer schlechten Gioconda war Marcelo Alvarez von meinem Radar verschwunden gewesen. Als Chénier trug er mit einer fulminanten Leistung maßgeblich zu einem sehr guten Opernabend bei. Dass er die Höhen stellenweise rausgestemmt hat, war für mich kein großer Makel. Maria José Siri habe ich überhaupt zum ersten Mal gehört. Mir hat ihre Maddalena hervorragend gefallen, auch wenn sie leichte Schärfen in der Höhe hatte. George Gagnidze fand ich zunächst enttäuschend blass als Gérard, da seine Stimme nicht gerade balsamisch ist und er auch nicht so ein gewaltiges Organ wie z. B. Salsi hat. Mit einem hervorragend gesungenen "Nemico della Patria" war auch bei ihm der Gesamteindruck am Ende positiv. Aufhorchen ließ auch die Bersi von Judit Kutasi. Wohl dem Haus, das in Nebenrollen Sänger wie Seth Carico (Gefängniswärter), Dong-Hwan Lee (Fléville), Attilio Glaser (Abbé) oder Derek Welton (Fouquier-Tinville) aufbieten kann. Einen gewaltigen Anteil an dieser gelungenen Aufführung hatte Paolo Carignani am Pult. Er hat das Werk förmlich im Blut, legte forsche Tempi an den Tag und dirigierte dennoch sehr sängerfreundlich. "Un di ... " hat er für Alvarez extrem langsam dirigiert. Bis auf einen nicht so gut verkauften 2. Rang war das Haus bis an die Randplätze sehr gut besucht.
    • Dem kann ich mich nur anschließen, das Solisten-Trio lohnt unbedingt den Besuch: Alvarez stets mit großer Tenorgeste, aber auch großartigem Ton. Sehr erfreulich war, wie viele schöne Piani ihm in den Szenen mit Siri gelangen. Diese hat nicht die allerschönste Stimme, gestaltet aber ganz fantastisch und ihr "La mamma morta" sorgte für Gänsehaut. Gagnidze hatte vor der Pause phasenweise doch mit den Klangmassen aus dem Graben zu kämpfen, überzeugte im zweiten Teil aber rundum. Klasse fand ich auch Carignanis sehr spritziges, zupackendes Dirigat - nur hätte er zu Beginn den Sängern zuliebe etwas die Lautstärke drosseln können, im weiteren Verlauf fand er zu einer guten Balance.
    • Die gestrige Vorstellung bestätigt die Eindrücke: eine Produktion, die auch nach 23 Jahren unwahrscheinlich frisch wirkt, ein großartiges Dirigat (bin immer noch hin und weg!) und hervorragende Solisten. Sicher hatte Alvarez leichte Probleme in der Höhe, aber sonst war seine Darstellung einfach ergreifend, so ging es mir auch mit Frau Siri. Gagnidze schien auch gestern erst im zweiten Teil in Fahrt zu kommen, das aber dann einfach hervorragend - zwar keine besonders schöne oder große Stimme, aber gestalterisch sehr gut. Hier wurde noch nicht der Chor erwähnt, der - sängerisch und spielerisch - einen ausgezeichneten Eindruck hinterließ.
    • Ich fand auch, obwohl alle Stimmen nicht die allerschönsten waren, klang das alles sehr kultiviert und aufeinander eingestellt. Und - wiederhole mich - diese Inszenierung wirkt noch so was von frisch! Frage an die Berliner: ich kann mich kaum noch an Besetzungen der 1990er Jahre erinnern: ich glaube, die Madeleine war eine Weile Lisa Gasteen. Wer hat aber den "Rest" gesungen? Ich habe wirklich den Eindruck, dass es gestern besser war (im Orchester auch!).
    • Nach Marcelo Álvarez gab sich gestern Martin Muehle als Chénier die Ehre und konnte ein umjubeltes Hausdebüt feiern. Er verfügt über eine sehr robuste, schöntimbrierte Stimme, die allerdings nicht immer ganz ausgeglichen klang. Hinzu kamen hin und wieder Intonationsprobleme. Aber das haben die Wiener Kritiker 1967 bei Domingos Debüt im Haus am Ring damals beim späteren Weltstar ja auch bemängelt. Insgesamt hat mir sein Chénier gefallen. Über die restliche Besetzung wurde schon mehrfach berichtet. Wieder ein toller Opernabend! Schade, dass diese Serie schon vorbei ist.