Tosca, WA 2017

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    • Tosca, WA 2017

      Eben erst gemerkt: ich habe diese meine Beobachtungen zur diesjährigen 'Tosca'-Serie zwar niedergeschrieben, aber nicht weitergegeben...
      Nun denn. Ich bekenne, zu denen zu gehören, die der alten Inszenierung von Alfred Kirchner nachtrauern und folglich mit der jetzigen von Andreas Kriegenburg nicht recht warm werden – es fehlt ihr einfach an atmosphärischer Dichte... Die Handlung, in eine „nicht allzu ferne Zukunft“ (O-Ton Kriegenburg) verlegt, spielt in einer Art Priesterdiktatur. Folglich gab es die stimmigsten Bilder im ersten Akt, wenn während des Tedeums die prachtvoll ausstaffierten Priester, umwallt von rötlich angestrahltem Weihrauch (der natürlich an etwas ganz anders gemahnt), auf die Bühne kommen.

      Von den drei Protagonisten gaben zwei ihr Frankfurt-Debut, der Dritte war ein alter (und von mir sehr geschätzter) Bekannter.

      Als Floria Tosca war Keri Alkema zu erleben: eine kraftvolle, aber seidige Stimme, die selbst in den höchsten Lagen nicht angestrengt klang. Auch die innigeren Töne kamen makellos schön. Darstellerisch war sie weniger überzeugend: im ersten Akt agierte sie noch recht natürlich, und ich nahm ihr die zärtlich verliebte, mit dem Bewusstsein ihrer enervierenden Eifersucht kokettierende Diva durchaus ab. Durch die anderen beiden Akte kämpfte sie sich mit zuweilen etwas unmotivierten Gängen und mit sonderbaren Grimassen, die wohl seelische Vorgänge wiederspiegeln sollten, aber allesamt reichlich überzogen wirkten. (Ich dachte bisher immer, diese stummfilmdivenhafte Darstellung wäre eine russische Spezialität – das nehme ich hiermit feierlich zurück.)

      Ihren Lover Mario Cavaradossi gab Leonardo Caimi – auch er zum ersten Mal in Frankfurt zu hören. Er sang mit einer schönen, tragfähigen Stimme, die nur manchmal sonderbar dumpf klang – so, als würde er versuchen, seine ohnehin ganz leicht baritonal gefärbte Stimme noch zusätzlich abzudunkeln. (Aber das ist schon wieder Mäkeln auf hohem Niveau.) Er war ganz der verliebte, in Schönheit und Kunst schwelgende und eigentlich gar nicht zum Heldentum neigende Künstler, und vor allem das Wechselbad seiner Gefühle im dritten Akt war anrührend gestaltet. Gemeinsam mit Keri Alkema gab er im ersten Akt ein zauberhaftes Liebespaar; da wirkte nichts aufgesetzt oder undurchdacht. Was aber auffiel: er hing häufig mit wenigstens einem Auge am Dirigenten.

      Soweit also durchaus gedeihlich – aber die für mich größte und erfreulichste Überraschung war Dimitri Platanias' Scarpia. Dass der Mann Stimme hat, wusste ich ja schon; aber dieses Mal klang die Stimme um vieles beweglicher und nuancenreicher als bei früheren Auftritten. Jeder Ton legte eine weitere bösartige Facette dieses Charakters frei. Sein Auftreten war entsprechend: von hohnerfüllter Galanterie bis zu offener Brutalität gaben Mimik und Gestik das musikalische Geschehen perfekt wieder. Das war ein wahrhaft furchteinflößender Scarpia.

      Dessen Gehilfen Sciarrone (Barnaby Rea) und Spoletta (Michael McCown) waren ein ihrem Herrn und Meister an Bosheit in nichts nachstehendes Gespann, dem die Regie deutlich mehr Bedeutung gibt, als es üblicherweise der Fall ist.

      Franz Mayer als Mesner ist immer eine sichere Bank; er holt aus dieser Wurz'n das Maximum an rechtschaffener Entrüstung (oder, je nach Betrachtungsweise, Bigotterie), obrigkeitshöriger Furchtsamkeit und auch Komik heraus.

      Mit Anthony Muresan hat man für den Hirten endlich mal ein Kind gefunden, das tatsächlich singen kann: er war ein reizender und zugleich beängstigender kleiner Todesbote mit leuchtend blondem Schopf und einem weißen Anzug, den er alsbald mit dem Blut der zuvor
      bereits Hingerichteten besudelte.

      Ein ausgesprochen schönstimmiger (und von Skrupeln geplagter) Schließer war Yongchul Lim.

      Die musikalische Leitung lag bei Antonino Fogliani (noch ein Frankfurt-Debütant).

      Am Ende gab es Mordsapplaus für alle Beteiligten; vor allem Leonardo Caimi wurde mit begeistert kreischendem Jubel von seiten der jungen Damen im zweiten und dritten Rang (es wimmelte von Schulklassen) bedacht – er ist aber auch ein hübscher Typ...
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      Die Handlung, in eine „nicht allzu ferne Zukunft“ (O-Ton Kriegenburg) verlegt
      Wenn ich das lese, fällt mir ein, dass Philipp Stölzl anläßlich unserer Inszenierung von "Andrea Chenier" sagte, er wird bestimmt keine Zeitversetzung vornehmen, da das "die historischste aller Oper" sei. Mit diesem Attribut zieht die "Tosca" mit Sicherheit gleich, denn Zeit (1800) und Orte sind genau definiert. Die Schlacht bei Marengo, die im "Palazzo Farnese"-Akt thematisiert wird, fand am 14. Juni 1800 statt. Also genau genommen ist sogar der Tag festgelegt.
      Das frägt sich schon, was eine "nicht allzu ferne Zukunft" da für einen Sinn machen soll.
    • Discman schrieb:

      Zuerst Tosca am 5.10. Wenn man weiß, was einen erwartet, bzw. nicht erwartet, kann man mit der Inszenierung Kriegenburgs leben. Erfreulich, dass die drei Hauptpartien für meinen Geschmack gut besetzt waren, allen voran Malin Byström in der Titelpartie, zwar nicht genuin "italienisch" timbriert, aber doch individuell und auf technisch sicherem Level. Stefano La Colla und Dario Solari trugen auch zum Erfolg der Aufführung bei, wie auch am Pult Lorenzo Viotti.
      'Tosca' stand bei mir gestern auf dem Programm... Über Malin Byström sind wir uns weitestgehend einig - eine etwas herbstimmige, aber dennoch angenehm klingende Tosca ohne größere Schwächen. (Das 'Vissi d'arte' könnte vielleicht ein bisschen mehr dynamische Abstufung vertragen, aber das ist schon wieder Nörgelei auf hohem Niveau...)
      Die beiden Herren sehe ich deutlich kritischer: Stefano La Colla sang (leider durchgehend) laut, aber nicht unbedingt schön, und Dario Solari (der zumindest in dieser Rolle ziemliche Ähnlickeit mit Mario Adorf hat) war möglicherweise einfach nicht gut in Form: er ging nicht nur am Schluss des Te Deums unter, sondern war auch im 2. Akt immer mal wieder schlecht zu hören. Darstellerisch machte er das aber durchaus wieder wett: ich habe noch nie einen Scarpia gesehen, der so offenkundig Spaß an dem grausamen Spiel hat, das er da betreibt.

      An die Inszenierung beginne ich mich allmählich zu gewöhnen - sie hat ja durchaus ihre eindrucksvollen Momente... Aber begeistern wird sie mich wohl nie.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      An die Inszenierung beginne ich mich allmählich zu gewöhnen - sie hat ja durchaus ihre eindrucksvollen Momente... Aber begeistern wird sie mich wohl nie.
      Es gibt halt auch da einen Unterschied zwischen modern und modisch. Es ist auch zuwenig, sich der "zeitgemäßen" Foltermethoden (waterboarden, die Premiere war 2010,2011) zu bedienen, ich fand es geschmacklos. Ich kann Ihr Resumée gut nachvollziehem. Man kann das ansehen, das war´s aber auch.