Musikfest Berlin/ MusicAeterna Chor und Orchester mit Teodor Currentzis, 07.09.2017

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    • Musikfest Berlin/ MusicAeterna Chor und Orchester mit Teodor Currentzis, 07.09.2017

      Das Konzert mit Currentzis wurde zum Hype, nach der spärlich gefüllten Philharmonie mit den Amsterdamern war gestern alles voll, einschließlich des Podiums, was für ein Chorkonzert immer problematisch ist.
      Was den "Rest" betrifft, bin ich immer noch etwas verwirrt. Currentzis baut an jeder Stelle auf starke öffentliche Wirkung, was erst mal nichts Negatives über die Qualität der Aufführung sagt.
      Die Chorstücke a capella mit dem hervorragenden Chor der MusicAeterna wurden nicht nur aufgeführt, sondern geradezu inszeniert: überdurchschnittlich viele Lichtspiele in der Philharmonie, Chor betrat Bühne im Dunkeln mit Kerzen, bildete Kreis um Currentzis, in den späteren Stücken dann Operngesten (Recken der Hände zum "Himmel"....). Das war durchaus eindrucksvoll, lenkte aber m.E. eher von der Leistung des Chores ab. Ob es zum wirklichen Verständnis der Stücke (Tallis: Spem in Alium, Purcell..., Schnittke: Drei geistliche Gesänge, Ligeti: Lux Eterna) beitrug, sei dahingestellt.
      Ein Lob aber dem außergewöhnlichen Chor, einstudiert von Vitaly Polonsky.
      Auch das Mozart-Requiem nach der Pause gab es im Dustern. Das Orchester trug (wie der Chor) so eine Art Mönchskostüm. Man sah aber mehr als im ersten Teil, für mich entstand die Frage, ob Currentzis primär für das Orchester oder für das Publikum dirigiert, sein Dirigat hatte auf jeden Fall Ballettcharakter.
      Der Mozart kam vibratofrei, sehr schnell und immer völlig abgehackt herüber - es gab im Tempo kaum Wandlungen zu Ruhephasen, Tempoveränderungen wurden immer sehr schnell vorgenommen, so daß deren Ziel sofort erkennbar war. Da die Solisten nicht durchgehend gut waren, empfand ich doch eine relative Verarmung des Stücks. Die wiederkehrenden Effekte (Lautstärke und Tempowechsel) verpufften irgendwie. Lediglich der Chor erfüllte seine Aufgabe mit Bravour.
      Die Philharmonie war dach dem Konzert völlig aus dem Häuschen, ich werde aber den Verdacht nicht los, daß viele der Anwesenden das Mozart-Requiem noch nicht kannten.
      Es war ein interessantes Konzert, besonders im ersten Teil; ich bin mir aber nicht sicher, ob hier das große Potential des Konzertbetriebs der Zukunft liegt. Mir schien, daß die Stücke von großen Teilen des Publikums eher so schicki-micki "esoterisch" verarbeitet wurden. Bin gern zu Diskussionen bereit.

      Habe gerade ein Zitat auf BR Klassik gefunden:
      Das polarisiert - und ist nicht unbedingt neu. Das Publikum in der gut besetzten Philharmonie tobte. Von Sony und den Medien gepuscht, ist um Currentzis und musicAeterna ein absurder Hype entstanden. Im Sommer eröffnen sie die Ära Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen mit Mozarts "Titus". Und ich frage mich: Ist das wirklich die erhoffte Frischzellenkur für den verstaubten Klassikbetrieb - oder sind das doch nur des Kaisers neue Kleider?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gast1 ()

    • Aus dem Interview, wollen wir das?

      Gewerkschaftlich geregelte Probenzeiten kennt er nicht, man verbringt ohnehin den ganzen Tag im Theater und die Nacht dazu.

      2018 wird er eine Mission in Deutschland übernehmen, er tritt an die Spitze des fusionierten SWR-Symphonieorchesters. Mit den Musikern eine neue Identität zu erarbeiten, sich von der Vergangenheit zu lösen und wieder neu und tief zu tauchen, das hat ihn gereizt.

      „Wir werden einen neuen Geist in die deutsche Orchesterlandschaft bringen.“
    • Ich habe Currentzis live auch noch nicht erlebt, aber einige Male in Konzerten auf Fernseh-Übertragungen. Und zuletzt den Titus in Salzburg.
      Ich stimme mit des Kaisers neue Kleider zu. Und ausnahmsweise mal auch Brembeck in der SZ, der schrieb "Currentzis hackt die Noten in die Partitur". Mir ist das oft (nicht immer!) zu gewalttätig und gewollt, was dann wenig mit "Mozarts Geist" zu tun hat.

      Gast1 schrieb:

      Der Mozart kam vibratofrei, sehr schnell und immer völlig abgehackt herüber
      Genau so war die Wirkung auch im Titus.

      Gast1 schrieb:

      ich werde aber den Verdacht nicht los, daß viele der Anwesenden das Mozart-Requiem noch nicht kannten.
      Das kann ich mir ja kaum vorstellen, wäre ein ziemliches Armutszeugnis für Klassik-Liebhaber.
      Ich weiß nicht, in wievielen Versionen ich das Requiem schon gehört habe, von der romantischen Auffassung des Leonard Bernstein bis hin zu der zutiefst hoffnungslosen Lesart von Enoch zu Guttenberg.
      Und wenn es ausgefallen und spektakulär sein soll, dann war das "Requiem" mit den Pferden in der Mozart-Woche die Version meiner Wahl und einfach großartig. Da paßte alles, die Amazonen (die auch singen konnten), die Choreographie der Pferde und natürlich der Austragungsort in der Felsenreitschule. Ein Erlebnis und ein absolutes Highlight, wie der Kommentator schrieb.

      youtube.com/watch?v=RC6v3qGJXb0

      Und hier kann man sich mehrere Teile der Aufführung ansehen (mit dem "Ave verum" am Schluß), mit u.a. Elisabeth Kulmann und Genia Kühmeier:

      youtube.com/watch?v=a_IkGRG8Haw

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • Na ja, war halt gestern schon ein sehr spezielles Publikum, von dem ich glaube, daß es vor allem dem Currentzis-Hype gefolgt ist. Die Reaktionen auf das Mozart-Requiem kamen mir stellenweise schon sehr seltsam vor. Komisch fand ich eben, daß niemand an diesen Inszenierungen (Kerzen, Mönchskostüme, Operngesten des Chores) Anstoß nahm - zumindest habe ich das nicht bemerkt.
      Ich glaube eher, daß hier der Konsens war,"Klassikbetrieb muß reformiert werden". Gerne, die Frage steht aber, in welche Richtung bitte?

      - Muß in der Musik alles visualisiert werden?
      - Soll man konzertante Stücke in Zukunft inszenieren?
      - Führen diese "Inszenierungen" zu mehr Erkenntnis oder bleiben sie total plakativ?
      - Drehe ich das gespielte Stück mit bestimmten Effekten (Blökende Bläser, Temposteigerungen) um, um es "interessanter" zu machen? (In diesem Falle: muß das Mozart-Requiem überhaupt interessant sein?)
      - Muß der Dirigent Teil dieser theatralischen Darstellung sein oder hat er mit der Leitung des Konzertes genug zu tun?
    • Gast1 schrieb:

      - Muß in der Musik alles visualisiert werden?
      - Soll man konzertante Stücke in Zukunft inszenieren?
      Nein, aber kann.

      Gast1 schrieb:

      Führen diese "Inszenierungen" zu mehr Erkenntnis oder bleiben sie total plakativ?
      Das kommt darauf an, sagt der Jurist. ;)
      Ich erinnere mich immer noch gerne an den Belsazar von Händel in der Inszenierung von Harry Kupfer in HH.
      Und ich bin mehr als neugierig auf die Inszenierung des Mozartschen Requiems von Calixto Bieito. Und durchweg positiv gestimmt, sollte es auch nur annähernd so gut werden wie die Visualisierung der Madrigale und Responsorien von Gesualdo!

      Gast1 schrieb:

      Muß der Dirigent Teil dieser theatralischen Darstellung sein oder hat er mit der Leitung des Konzertes genug zu tun?
      Eindeutig letzteres. Aber es gab und gibt immer Dirigenten, die große Selbstdarsteller waren. Man tritt Karajan nicht zu nahe, denke ich, ordnet man ihn in diese Rubrik ein, Das Ergebnis kann trotzdem außerordentlich sein.
    • Es gibt sicher größere Karajan Anhänger als mich. Bei ihm würde ich unterscheiden zwischen der musikalischen Leistung, insbesondere Dirigat und Klatschpresse. Bei ersterem würde ich ihn keinesfalls als Selbstdarsteller bezeichnen, wenn es einem auf das Ergebnis ankommt. Bei letzterer war er sicher in seiner Zeit ein von der Presse gern aufgegriffenes Thema, aber das ist Pipifax gegenüber heute, wenn man allein an eine bestimmte Dame denkt.
    • Gast1 schrieb:

      Man sah aber mehr als im ersten Teil, für mich entstand die Frage, ob Currentzis primär für das Orchester oder für das Publikum dirigiert, sein Dirigat hatte auf jeden Fall Ballettcharakter.
      Ein wenig Narzissmus scheint schon vorhanden. Ich habe ihn in Köln erlebt. Bei mir erfolgte nach Begeisterung für "Le nozze di Figaro" und besonders für "Così fan tutte" dann leider die Ernüchterung bei "Don Giovanni", und der Hype hatte für mich damit ein Ende. :(
    • Die Don Giovanni-CD empfinde ich als die beste der drei da Ponte/Mozart-Einspielungen von Currentzis, aber das könnte auch daran liegen, dass hier Frau Kermes nicht zu hören ist. (Auf der ursprünglichen, nicht freigegebenen Einspielung wohl schon.)

      Currentzis hatte ich als Operndirigenten live nur einmal, 2010 war das, "Carmen" in Baden-Baden, lange vor dem Hype um seine Person. Da war nichts außergewöhnliches zu hören.
    • peripatetica schrieb:

      Auch wenn so manche Konzerte durch eine gekünstelte und manirierte Kameraführung seltsam anmuteten. Und da hat er sich dann natürlich schon ins rechte Licht gerückt.
      Er glaubte wohl auch ein großer Regisseur zu sein. Wenn man seine Verfilmungen heute betrachtet, dann weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. ;(
      Als Darsteller und Dirigent war Bernstein um Klassen besser. :love:
    • Beim Karriereverlauf von Currentzis fallen zwei Dinge auf:

      1. Er sagt häufig ab, und das dann auch relativ kurzfristig. (Tristan in Madrid, Donaueschinger Musiktage, Entführung in Zürich) Ob das die immer vorgeschobene Erkrankung/Überarbeitung oder mangelnde Vorbereitung ist, das bleibt offen.
      2. Sieht man einmal von Perm ab, dann betreut Currentzis, jedenfalls im Opernbetrieb, nur Neuproduktionen, bei denen relativ viel Probenzeit veranschlagt wird. Ich habe so meine Zweifel, ob Currentzis eine 08/15-Repertoireaufführung mehr als passabel gestalten könnte.