Premiere "Les Troyens" an der Semperoper

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    • pikachu schrieb:

      Bin sicher nicht zur Premiere.. Leider reizt mich die Besetzung nicht sonderlich.
      Die Oper lebt musikalisch vor allem von den Chören. da ist doch Jörn Hinnerk Andresen eine Bank.
      Und so schlecht sind Christa Mayer und Bryan Register auch nicht.
      Aus "Klangentwicklungsgründen" habe ich mich übrigens in den dritten Rang verzogen. Ich habe da noch "weiße Flecken".
    • Wahrscheinlich angeregt von einem Gespräch mit der Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein über seine Leidenschaft für Shakespeare und die Liebe zur Antike im Frühjahr 1856 in Weimar hat Hector Berlioz die Verse des gewaltigen Opernlibrettos „Les Troyens“ niedergeschrieben.
      Die Komposition des Monumentalwerkes hat die Lebensgefährtin des Franz Liszt dann auch mit fast wöchentlichen Korrespondenzen in der Zeit vom August 1856 bis 1858 begleitet und wohl auch beeinflusst.
      Die Fürstin wusste über Wagners Arbeit am Ring-Projekt bestens Bescheid und ärgerte sich , dass es beim Sachsen keine einzige Frauenfigur gibt, die nicht aus ihrer Beziehung auf Männer definiert wird.
      In Berlioz sah sie den Komponisten, der Wagners Konzept von einem Gesamtkunstwerk etwas Gleichwertiges, wenn nicht Besseres, entgegen setzen könnte.
      Offenbar zerbrach auch die Freundschaft Wagners zu Berlioz nicht zuletzt, als der Franzose voller Begeisterung sein Troja-Libretto vorgetragen hatte und Wagner damit nicht das Geringste anfangen konnte.
      Berlioz hatte, doch recht erheblich von der Vorlage des Vergil abweichend, zwei Frauen in den Vordergrund des Geschehens gestellt: Die mit dem sprichwörtlich schlechtem Ruf behaftete Prophetin Cassandra und die verwitwete karthagische Königin Dido, die auch an ihrer zweiten Liebe scheitert, schon weil ihr männliche Götter das neue Glück missgönnten.
      Dagegen kommen die antiken Helden deutlich schlechter weg, so dass den beiden Heldinnen in Ermangelung würdiger Gefährten letztlich nur bleibt, selbst den Tod zu suchen.
      Die noch junge amerikanische ehemalige Sängerin und Opern-Regisseurin Lydia Steier hat das Vierstunden-Opus mit der Staatskapelle Dresden, über 120 Chorsängern und 19 Solisten inszeniert. Die musikalische Leitung der Aufführung hatte John Fiore übernommen.
      Die musikalischen Eindrücke des Premieren-Spätnachmittags-und-Abends hat vollständig meinen Erwartungen entsprochen.
      Zusammengehalten wurde die Vorstellung, nicht überraschenderweise, von den Musikern der Staatskapelle, die von dem Amerikaner John Fiore als einem ihnen bereits bekannter Partner inspirativ und mit straffen Tempis geführt wurden.
      Jörn Hinnerk Andresen, unterstützt von der Kinderchorleiterin Claudia Sebastian-Bertsch, hatten die opulenten Chorszenen hervorragend vorbereitet. Insbesondere der Hass-Chor am Schluss des fünften Aktes half dem Erfolg des Abends.
      Bei den Gesangssolisten hat es für meine Empfindung keine, den Anforderungen nicht entsprechende Leistungen, gegeben.
      Mit der Dido-Darstellung hat Christa Mayer die Premiere zu ihrem Abend gemacht. Stimmlich hervorragend in Form, hat sie ihrer Figur Klangschönheit und Seele verliehen. Einerseits der drohende Kontrollverlust der Machtfrau in der eigentlich „verbotenen“ Liebesbeziehung und andererseits die konsequente Trennung von Enée sowie die Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber, waren schon beeindruckend.
      Entsprechend auch der besondere Jubel für die beliebte Künstlerin beim Schluss-Beifall.
      Doch etwas im Schatten der Christa Mayer blieb die Cassandre von Jennifer Holloway. Ihre besten Momente erreichte Sie im Duett mit dem Chorèbe des Christoph Pohl. Dessen heller Bariton entsprach den Rollenanforderungen, die allerdings, außer dem Duett, nur wenige Möglichkeiten zu einer weiteren Stimmenentfaltung geben.
      Bryan Register war erst verzögert in die Probenarbeit einbezogen worden, hat aber bereits von der Frankfurter Höckmayr-Produktion Erfahrungen als Énée mitbringen können. Richtig wurde er aber erst im „Mondschein-Duett“ mit der Dido-Christa Mayer seiner Heldentenor- Rolle gerecht. Ansonsten wirkte er leicht kratzig und es fehlte das Strahlende, gut Hörbare
      Als Glanzlichter im Kreise der Solisten zeigten sich die polnische Gastsängerin Agnieszka Rehlis stimmlich sowie darstellerisch als Dido-Schwester Anna und das Ensemble-Mitglied Emily Dorn als etwas komödiantisch angelegter Énée-Sohn Ascagne.
      Aber auch Ashley Holland als Panthée und Joel Prieto als Iopas mitseinem Lied konnten gefallen.
      Obwohl ich Missfallenskundgebungen in Oper und Konzert stets ablehnend gegenüber stehe, konnte ich die Buh-Rufe beim Vorstellungsschluss gegenüber der Regietheater-Inszenierungs-Truppe doch nachvollziehen:
      Der erste Akt war von Lydia Steier auf dem Theaterplatz vor dem Semper- Bau etwa in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eingeordnet. Die Kostüme der Statisten eher pariserisch, in Dresden ging man damals etwas dunkler gekleidet. Die Stimmung locker, mit Oktoberfest-Andeutungen, und nur vom Schicksal des Laokoon, aber kaum vom Kummer der Andromache getrübt. Entsprechend auch die Schwarm-Dummheit gegenüber den Warnungen der Cassandre. Warum dann das Double des Denkmals des „Guten König Johann „ als das todbringende Menetekel genutzt wurde, mag noch hingehen, wenn auch etwas aufgesetzt.
      Dass aber im dritten Akt das doch optimistische Leben im vortrojanischen Karthago mit roten Fähnchen sowie den mit Hammer und Sichel hantierenden Narbal und Iopas charakterisiert wurde, konnte wirklich nur einer Amerikanerin einfallen, die fern vom „entwickelten System“ gelebt hatte.
      Im vierten Akt veränderte sich die Zeiteinordnung zur Jahrhundertwende: Industrieller Bühnenaufbau und Arbeiterkleidung der Statisterie.
      Irgendwie zerflatterte sich für meine Wahrnehmung das ohnehin unklare Regiekonzept.
      Wahrscheinlich muss ich doch noch eine zweite Aufführung besuchen, um die Substanz der Inszenierung aufzuspüren.
      Natürlich ist es schwierig, einem modernen Opernbesucher den Spannungsbogen zu vermitteln, dass ein göttlicher Auftrag den Énée vom untergegangenen Troja zur Gründung des römischen Reiches zwingt, ohne Rücksicht auf irgendwelcher Zwischenereignisse, eben einer Liebe und das Angebot eines Thrones.
      Hervorragend fand ich die Personenführung und ich denke, auch für die Französischsprechenden bis auf Ausnahmen die Textverständlichkeit. Für die Übrigen stehen deutschsprachige und englische Übertexte zur Verfügung.
      Störend fand ich, dass es bereits ab dem zweiten Teil gehäuft Szenenapplaus gab. Eine Unsitte die ich eigentlich in Dresden für überwunden glaubte.

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    • thomathi schrieb:

      Störend fand ich, dass es bereits ab dem zweiten Teil gehäuft Szenenapplaus gab. Eine Unsitte die ich eigentlich in Dresden für überwunden glaubte.
      Ach wo. In Hoffmanns Erzählungen hatten sie neulich am Ende auch jede Nummer einzeln abgeklatscht.


      Und was tickert es hier:

      dpa schrieb:

      [...] zahlreiche Buh-Rufe. Möglicherweise waren drastische Darstellungen beim kollektiven Selbstmord der Trojanerinnen und bei einer Vergewaltigungsszene für einige Besucher zu viel des Erträglichen.


      Na, mal sehen ...
    • Dr. Schoen schrieb:

      dpa schrieb:

      [...] zahlreiche Buh-Rufe. Möglicherweise waren drastische Darstellungen beim kollektiven Selbstmord der Trojanerinnen und bei einer Vergewaltigungsszene für einige Besucher zu viel des Erträglichen.
      Na, mal sehen ...
      Der dpa-"Kritiker" hatte nicht einmal mitbekommen, dass Frau Steier den ersten Akt auf dem Dresdner Theaterplatz verortet hatte.
      Er vermeinte, Paris entdeckt zu haben.
      Den Kostümen nach, hätte das sogar gepasst.
      Frau Steier ist aber noch jung und eventuell lernfähig, um auf Stilreinheit zu achten.
    • Dr. Schoen schrieb:

      thomathi schrieb:

      Störend fand ich, dass es bereits ab dem zweiten Teil gehäuft Szenenapplaus gab. Eine Unsitte die ich eigentlich in Dresden für überwunden glaubte.
      Ach wo. In Hoffmanns Erzählungen hatten sie neulich am Ende auch jede Nummer einzeln abgeklatscht.

      .

      Na, mal sehen ...
      Das ist dem Elend zu schulden, dass bei vielen Zeitgenossen die Aufmerksamkeits-Spanne eben nur 45 Minuten= TV-Serienlänge reicht.
      Und wenn keine Toilette zur Verfügung steht, muss irgend eine Betätigung herhalten.
    • Eine der wenigen, aber meine Zustimmung findende Kritik über den Premierenabend vom 3.10.2017, veröffentlicht im "Neuen onlineMerker":
      DRESDEN/ Semperoper: LES TROYENS / DIE TROJANER- ein triumphaler Erfolg für Christa Mayer und dem Sächsischen Staatsopernchor. Premiere
      am 3.10. (Ingrid Gerk)

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