'Die Entführung aus dem Serail' - WA 2017

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    • 'Die Entführung aus dem Serail' - WA 2017

      Kann ein gutes Blondchen auch eine gute Konstanze sein? Und das innerhalb einer Aufführungsserie? Ich war skeptisch, aber – ja! Sie kann. Den Beweis dafür trat am Freitag Gloria Rehm an, die für eine erkrankte Kollegin als Konstanze eingesprungen war und die ich noch drei Wochen zuvor in der gleichen Inszenierung als Blonde hörte... Diese Sängerin besticht durch eine glasklare, zugleich aber warme Stimme, mit der sie Konstanzes Koloraturen ebenso anmutig bewältigt wie Blondes nur vermeintlich leichte Töne. Auch darstellerisch überzeugte sie in beiden Partien gleichermaßen – Christof Loy wäre vermutlich zufrieden mit dieser Umsetzung seiner Inszenierung.
      Am 03. September war noch Irina Simmes als Konstanze zu hören; auch diese Leistung hat mir gut gefallen, wobei mir persönlich die etwas kalte, wenngleich sehr sicher geführte Stimme nicht so ganz zusagte. Die zwischen zwei Männern hin- und hergerissene Liebende brachte sie jedoch sehr anrührend über die Rampe, wozu sicher auch ihre bilderbuchmäßig fragile Erscheinung beitrug.

      Den Belmonte, der schon im Libretto etwas verpeilt daherkommt, gab Martin Mitterrutzer als eher hilfloser Retter – er hat zwar ein Schiff für die Flucht, aber ansonsten null Plan. (Wie Pedrillo so richtig feststellt: „Gemach, bester Herr: erst einmal müssen wir die Mädels haben...“) Ähnlich wie sein Tenorkollege Don Ottavio kann er noch so schön singen (was Martin Mitterrutzer durchaus tat) – er bleibt im Vergleich mit den übrigen Protagonisten immer ein wenig blass.

      Die Rolle des Pedrillo ist zur Zeit doppelt besetzt. Peter Marsh (mit hässlichem Vollbart) spielte einen überraschend unsympathischen, übergriffigen und zuweilen tückischen Pedrillo – man kann Blonde nicht verdenken, dass sie ernstlich in Versuchung ist, sich Osmin zuzuwenden... Michael Porter hingegen setzte etwas mehr auf verhaltene Komik und, auch im Umgang mit Blonde, auf zartere Töne. Gut anzuhören waren beide.

      Gloria Rehm und Nora Friedrichs (letztere ein ehemaliges Mitglied des Opernstudios) singen alternierend die Partie der Blonde. Sie legen die Rolle etwas unterschiedlich an (Gloria Rehm im Umgang mit Konstanze recht resolut, Nora Friedrichs eher liebevoll-besorgt); gesungen haben sie beide erfreulich unsoubrettig und ohne kitschig-falsche Fröhlichkeit zu verströmen.

      Besonders gespannt war ich auf Andreas Bauer als Osmin. Diese Rolle wird in Loys Inszenierung sehr ernst genommen; er ist hier weder der dümmlich-überhebliche Haremswächter, noch ein sich über die Empfindungen anderer hinwegsetzender Brutalo. Andreas Bauer spielte – nein: war dieser Osmin mit der gesamten Palette menschlicher Empfindungen – von sich nach Liebe sehnend über durchaus zu der ungewohnten Tätigkeit des (vielleicht etwas ungeschickten) Flirtens aufgelegt bis hin zu (berechtigt) misstrauisch gegenüber Fremden, dann hasserfüllt und zuletzt gebrochen. Dem nuancierten Spiel entsprach die stimmliche Ausführung: differenziert, wohlklingend und in jeder Tonlage überzeugend.
      Dieser Sänger hat in den letzten Jahre eine beeindruckende stimmliche Entwicklung durchlaufen, die meines Erachtens mit seinem furiosen 'Filippo' begonnen hat.

      Seit der Premiere 2003 spielt Christoph Quest den Bassa Selim – meines Wissens ohne Unterbrechung, und es ist immer wieder ein Vergnügen zu sehen, wie er diese durchaus etwas künstlich angelegte Figur mit Leben füllt und dabei mit kleinsten Variationen in Betonung und Stimme auf seine Mitspieler reagiert.

      Das Opern- und Museumsorchester wurde in den ersten Vorstellungen Sebastian Weigle höchstselbst geleitet, hatte dabei aber einen seltsam trockenen, spröden Klang (eine andere Bezeichnung fällt mir tatsächlich nicht ein). Das Dirigat von Nikolai Petersen gefiel mir entschieden besser.

      Nun ist die 'Entführung' inszenierungstechnisch ja wirklich kein echter Selbstläufer: die Dialoge sind streckenweise hanebüchen, und die furchtbar langen Arien, so sie denn ungekürzt bleiben, wollen auch überzeugend in Szene gesetzt werden. (Da hatte Joseph II schon recht...)
      In seiner Inszenierung setzt Christof Loy ganz auf die doppelte Dreiecksgeschichte; er hat alle gesprochenen Nebenrollen gestrichen und lässt seine Darsteller in einem sehr kargen Bühnenbild – ein zu unterschiedlichen Zwecken genutzter Tisch, ein paar Stühle, einige wenige Requisiten – agieren. (Dieses Prinzip hat er dann 5 Jahre später in seiner 'Così fan tutte'-Inszenierung auf die Spitze getrieben...) Der exotische Hintergrund der Geschichte wird eher angedeutet. Die Flucht, die doch eigentlich ein Handlungshöhepunkt sein könnte / sollte, aber schon im Libretto seltsam kurz, fast desinteressiert abgehandelt wird, abstrahiert Loy nun völlig: hinter einen transparenten Prospekt hört man auf gänzlich dunkler Bühne Laufen und gelegentliche halblaute Rufe, die Lichtkegel einiger Taschenlampen irren umher, und wenn es wieder hell wird, sind die Flüchtigen schon eingefangen. Vorher führte ein glänzend aufgelegtes Ensemble die Irrungen und Wirrungen vor, die sich in gefühlsmäßigen Extremsituationen nun mal so ergeben. Eine wirklich schöne und eindrucksvolle Leistung!
      ... Wunder warten bis zuletzt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asteria ()