'Vanessa' , WA 2017

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    • 'Vanessa' , WA 2017

      Sonntagabend also Samuel Barbers 'Vanessa'... Ich gebe ja zu, dass mein Interesse sich lange in Grenzen hielt. Die Mitwirkung der von mir sehr geschätzten Jessica Strong ließ mich dann aber doch anderen Sinnes werden – und siehe: es war ein spannender Abend.. Wenn ich die Musik, die wohl als 'neoklassisch' bezeichnet wird, beschreiben sollte, würde ich sagen, sie enthält ein bisschen Richard Strauss, ziemlich viel Britten und im Quintett des letzten Aktes einen ordentlichen Schuss Korngold. Richtig unharmonisch wurde es nur selten; zum Beispiel nahm die anfangs so schwelgerische Ballmusik mit fortschreitender seelischer Verstörung der Protagonisten zusehends dissonante Töne an. Apropos Britten: genau wie bei 'Vanessa' beherrschen auch bei dessen vier Jahre zuvor uraufgeführter Oper 'The Turn of the Screw' die hohen, expressiv angelegten Frauenstimmen und der Tenor die Szene; hier wie dort ist der voranschreitenden, in die Katastrophe führenden (nicht nur stimmlichen) Hysterie kein Einhalt geboten. Zwar tun bei 'Vanessa' in den kleineren Rollen zwei tiefe Männerstimmen mit, aber letztlich haben auch sie bestenfalls retardierende Wirkung.
      Angeblich hat Barbers Librettist (Gian Carlo Menotti) seine Inspiration zu dieser Oper aus einem Band mit Erzählungen von Isak Dinesen (aka Karen / Tania Blixen) gezogen; könnte durchaus sein, denn atmosphärisch und in ihrer Qintessenz passt die Handlung zu den 'Sieben phantastischen Geschichten', ohne sie jedoch direkt zur Vorlage zu nehmen.

      Weil es in dieser Oper hauptsächlich um weibliche Befindlichkeiten geht, wurde sie von einer Frau in Szene gesetzt: Katharina Thoma lässt die Handlung in einem einheitlichen Bühnenbild spielen – ein großer Salon mit eindrucksvollem Glasdach und durch eine hohe Doppeltür von einem Ballsaal getrennt geht auf der rechten Seite in eine Eislandschaft über, eine hohe, sehr schmale Wendeltreppe schraubt (!) sich nach oben – und taucht die Szene in meistens eher kühles Licht; draußen ist Winter, und die Stimmung zwischen den drei Bewohnerinnen des erste Anzeichen von Verfall zeigenden Hauses ist auch nicht eben von Wärme geprägt.

      Eine dieser drei Frauen ist die Titelheldin Vanessa (korrekter wäre Baroness Vanessa, denn ihre Mutter wird als Baronin angeredet), die seit zwanzig Jahren auf die Rückkehr ihres unter unklaren Umständen aus ihrem Leben verschwundenen Geliebten Anatol wartet und diesem Warten alles andere untergeordnet hat – sie empfängt keine Gäste und missbraucht ihre verwaiste Nichte Erika als duldsame Zuhörerin für ihre stets sich wiederholenden Erinnerungen. Jessica Strong sang und spielte diese ganz ihrer Vergangenheit verhaftete und die Realität bis zum Schluss verleugnende Frau mit Bravour – glaubhaft in ihrem verzweifelten, aber auch egozentrischen Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung ebenso wie bei gelegentlichen Anflügen von Grausamkeit.
      Die zweite große Frauenrolle ist Vanessas bereits erwähnte Nichte Erika, die, in der Abgeschlossenheit des Hauses unter der steten Präsenz eines Schattens namens Anatol aufgewachsen, sich in die Musik flüchtet. Zuneigung erfährt sie lediglich von Großmutter, die mit ihrer eigenen Tochter Vanessa indessen seit Jahren kein einziges Wort mehr geredet hat. Diesem unglücklichen Mädchen gab Jenny Carlstedt Stimme und Format. Wie auch bei Jessica Strong klang ihre Stimme selbst in extremen Lagen frisch und unangestrengt. Sie ist die einzige Figur, die eine echte Entwicklung durchläuft; und sie macht jedes Stadium dieser Entwicklung auf anrührende, überzeugende Weise deutlich.
      Barbara Zechmeister als Baronin hatte wenig zu singen, strahlte aber auch durch ihre schweigende Anwesenheit die kalte Strenge einer verbitterten Mutter aus, die nur im Umgang mit ihrer Enkelin ein wenig aufbricht.
      In dieses Trio nebeneinander her lebender Frauen bricht der Strahlemann Anatol – allerdings nicht Vanessas große Liebe, sondern der gleichnamige Sohn. Wenn der nach seinem Vater kommen sollte, ist Vanessas Geschmack in Sachen Männer überaus fragwürdig, denn erst vernascht Anatol Erika, dann, als die ihn mit seiner Unfähigkeit (oder seinem Unwillen) zur echten Liebe konfrontiert, wendet er sich Vanessa zu, die standhaft ignoriert, was für einen Windhund sie sich da angelacht hat. Toby Spence (der aussieht wie eine etwas jüngere Ausgabe von Daniel Schmutzhard) gab den charmant-durchtriebenen Mann, der Tante und Nichte gleichermaßen mit wohlklingendem Tenor umgarnte.
      Dann gab es noch den alten Hausarzt der Familie: seinen eigenen Worten zufolge ein schlechter Arzt, dazu ein Säufer, wahrscheinlich still und hoffnungslos in die Baronin verliebt... Dietrich Volle verlieh der Figur die angemessene Tragikomik und sang mit schöner Stimme (die leider bei den lang angehaltenen Tönen zuweilen ins Trudeln geriet - aber das bleibt unter uns, gell?).
      Mikołaj Trąbka aus dem Opernstudio als Butler Nicholas komplettierte das Ensemble mit jugendlichem Bariton.

      Da dies gerade in einem anderen Thread Thema ist: wie oben erwähnt entspricht die Musik nicht mehr der gängigen Vorstellung von klassischer Musik, wurzelt darin aber noch deutlich erkennbar. Trotzdem war das Haus für frankfurter Verhältnisse eher spärlich besetzt, und auch für die definitiv letzte Vorstellung am Donnerstag sieht es nicht besser aus. - Soviel zu der Bereitschaft des Publikums zur Erweiterung seiner Hörgewohnheiten...

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asteria ()

    • Es handelt sich mittlerweile um die zweite Wiederaufnahmeserie, wenn ich es richtig sehe. Irgendwann ist es auch gut, dann hat jeder dieses (in meiner Wahrnehmung übrigens schrecklich fade) Stück gesehen. Und Wiederaufnahmen sind in FFM tendenziell eher schwach verkauft, selbst bei interessanten Besetzungen. (Stichwort: der halbleere "Werther" mit John Osborn)