Amsterdam "La forza del destino" - Mariotti, Loy, Westborek, Aronica, Vasallo

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    • Amsterdam "La forza del destino" - Mariotti, Loy, Westborek, Aronica, Vasallo

      - Vorstellung am 1. Oktober 2017 -

      Die letzte Vorstellung der Serie fand am Sonntag um 14.00 vor ausverkauftem Haus in der Amsterdamer Oper statt. Am Ende: Stehende Ovationen (wie häufig bei unseren niederländischen Nachbarn), uneingeschränkte Zustimmung für Dirigent, Sänger und auch Regie. (Christof Loy trat zur Dernière noch einmal vor den Vorhang.)

      Und in der Tat: Es handelt sich um eine bemerkendswerte Produktion und das hat unterschiedliche Gründe: Zum einen ist es die Inszenierung. Nach vergangenen Großtaten bei diesem Werk, die ihr Heil vor allem in der Dekonstruktion suchten (z. B. Herheim und Neuenfels in Berlin) oder völlig misslungenen Pseudo-Realismus-Versuchen (Pountney in Wien oder noch schlimmer Kusej in München), ging nun Christof Loy einen gänzlich anderen Weg: Wer einen provokanten Beitrag zur Rezeptionsgeschichte erwartet hatte, wurde sicher enttäuscht: Loy erzählte relativ schnörkellos die komplizierte Handlung des Werkes und tat das mit einer derartigen Leichtigkeit und zugleich auch Strenge (was paradox klingen mag), dass es eine Freude war. In einem variablen grauen Einheitsraum mit fahrbaren Wänden und einem Tisch (vom Kollegen und Kokurrenten Guth hat er sich Ausstatter Christian Schmidt ausgeliehen) beginnt die Handlung bereits in der Sinfonia: Gezeigt wird, wie Leonora und Don Carlo im Kindesalter einen Bruder verlieren - Lenonora flüchtet sich daraufhin in einen beinahe schon fanatisch anmutenden Madonnenkult. Das ist allerdings der einzige Eingriff in die Handlung: Alles folgende wird daraus entwickelt, das Narrative gewinnt unglaublich an Gewicht: Ja, die "Forza" ist gar nicht so ein dummes Stück, wie immer behauptet wird, denkt man sich häufig an diesem Abend. Kann es ein größeres Kompliment für einen Regisseur geben? Dass Loy in den großen Chorszenen dem Affen ordentlich Zucker gibt und in der Rataplan-Szene gemeinsam mit Koskys Leib-und-Magen Choreographen Otto Pichler sieben mit grünen Zylindern und sehr engen Hosen bekleidete Tänzer waghalsigste Choreographien vollführen ließ, riss zumindest in Amsterdam das Publikum zu spontanem Szenenapplaus hin. Und tatsächlich bildeten die großen Chorszenen einen gelungenen Kontrapunkt zu den intimen, fein gezeichneten Szenen zwischen den Hauptcharakteren.
      Der wahre Motor dieses Abend fand sich aber im Graben - was Michele Mariotti am Pult den phänomenalen Nederlands Philharmonisch Orkest vollbrachte, war schlicht eine Sensation: Jede Phrase erfuhr vom Dirigenten aus eine dramatische Befeuerung, jede Silbe des Textes war von seinen Lippen abzulesen - in den großen Ensembles sorgte er für Präzision, den Sängern gab er in den Arien und Duetten die nötige Freiheit. Allein wie er im Nachspiel des zweiten Bildes das zweimal auftauchende Motiv in zwei völlig unterschiedlichen Tempi interpretierte, war schon das Eintrittsgeld wert. Auch der von Ching-Lien Wu hervorragend präparierte Chor stellte einmal mehr unter Beweis, dass er zu Europas besten gehört.
      Eva-Maria Westbroek beeindruckte neben voller darstellerischer Hingabe mit ihrer in Tiefe und Mittellage schier unendlich strömenden Stimme, leider mehren sich in letzter Zeit ihre Probleme im oberen Register doch sehr - die Höhe wurde körperlos angegangen, ihr Hals versteifte sich förmlich, so dass oben ein ausuferndes Vibrato hörbar wurde und beinahe jeder exponierte Ton zu tief geriet. Vieles wurde durch anrührende Gestaltung wettgemacht, aber das zwar im piano angesetzte, doch von der Tonhöhe her deutlich abrutschende b'' in der Pace-Arie kostete sie danach die große Ovation. Roberto Aronica war in der schwer singbaren Partie des Alvaro insgesamt stilistisch verlässlicher (auch wenn "Al chiostro, all'eremo, ai santi altari l'oblio, la pace chiegga il guerrier" völlig in die Hose ging), sein tendeziell eher eng geführter und mehr im lirico- als im spinto-Fach beheimatete Tenor blieb der Partie vokal aber die gefährliche Seite schuldig. Franco Vasallo war ein verlässlicher Interpret des Don Carlo di Vargas, "Urna fatale" und die anschließende Cabaletta gelangen gut, wenn auch nicht mit größtem Volumen. Vitali Kowaljow entwicket sich gerade etwas zum Guardiano von Dienst und sein vokal äußert souveränes, intionationsgenaues und stimmmächtiges Rollenportrait rechtfertigte dies voll und ganz. Alessandro Corbelli überzeugte mit darstellerischem Witz und flexibler Stimmführung als Fra Melitone, während Veronica Simeoni (Preziosilla) zwar stilisicher, aber in der Tiefe doch arg begrenzt agierte. In den Nebenrollen war übrigens viel Komische Oper zu erleben: Roger Smeets (u.a. Kupfers Giovanni) als Alcade, Roberta Alexandra (Kupfers Mimì) als Curra und das ehemalige Ensemblemitglied James Creswell (Marchese).
      Fazit: Eine von der Regie und vom Dirigat her spektakuläre Produktion, die sängerisch noch Luft nach oben hat: 2019 soll sie in Covent Garden mit Kaufmann und Netrebko gegeben werden - man darf mit Recht gespannt sein.