Repertoire 2017/2018

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    • Lady Macbeth von Mzensk 1.11.2017

      Das war ganz schön harter Tobak für eine Allerheiligenvorstellung. So wenig Heil, so viel Unheil! Der einzige fühlende Mensch eine Doppelmörderin, die sich am Ende selbst umbringt und noch die neue Freundin ihres Geliebten mitnimmt. Anja Kampe ist einfach großartig in ihrer Gestaltung dieses Frauenschicksals. Ihre Stimme, mal hell leuchtend und schmeichelnd, mal düster und drohend, hat schier unendliche Reserven für diese doch relativ große Partie. Die Mittellage scheint mir noch voller und kräftiger geworden zu sein, das leichte Vibrato in der Höhe, das sie bei den letzten Sieglinden gezeigt hat, ist verschwunden. Das war eine in meinen Augen perfekte Leistung, sängerisch wie darstellerisch.
      Da hatten es die männlichen Kollegen schwer mitzuhalten. Anatoli Kotscherga (ich hatte insgeheim auf Kurt Rydl gehofft, der war ja letzte Woche mal eingesprungen) war mir nicht fies und gefährlich genug. Mehr bieder als gewalttätig, ging öfter mal im Orchester unter.
      Die beiden Tenöre, Sergey Skorokhodov als Ehemann Sinowi und Misha Didyk als Verführer und Geliebter Sergej, hatten ziemlich ähnliche Stimmen mit heller, relativ farbloser Höhe, aber und kräftiger, leicht baritonaler Mittellage. Ersterer hatte nicht besonders viel zu singen und zu spielen, letzterer dafür umso mehr. Er gab einen überzeugend unsympathischen (ein viel zu schwaches Wort!) Mann, der Frauen ausnutzt und sich am Ende selbst ziemlich leid tut.
      Neben diesen vier Hauptrollen gab es noch jede Menge Nebenrollen: Kevin Conners als Der Schäbige klang auch ein bisschen schwach und hätte in die Betrunkenheit ruhig ein noch deutlicher spielen können: die Musik ist da wesentlich deutlicher geworden, das war ein Torkeln und Schwanken, dass es einem schwindlig werden konnte.
      Goran Jurič gab dem Popen seinen schärzer gewordenen Bass, Alexey Shishliaev war Polizeichef und Alter Zwsngsarbeiter. Vor allem letzterer gelang ihm sehr eindringlich - doch noch ein menschliches Wesen neben Katerina.
      Eine skurille kleine Episode durfte Dean Power als Lehrer zum Besten geben: er hat entdeckt, dass Frösche eine Seele haben, aber keine unsterbliche.
      Das Orchester unter Oksana Lyniv funkelte und grollte, dass es eine Freude war. Ein überaus präzises Dirigat, dem das Orchester mit offensichtlichem Spaß an den schnellen Tempo- und Dynamikwechseln folgte.
      Zur Inszenierung morgen mehr im Online-Merker ;)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von susakit ()

    • susakit schrieb:

      Das war ganz schön harter Tobak für eine Allerheiligenvorstellung. So wenig Heil, so viel Unheil!
      Das kann man so sagen, liebe susakit. Paßte eher zu Halloween ;)

      Ein Riesenorchesterapparat erwartete einen gestern in der Bayer. Staatsoper, überschlagsmäßig waren es 130 Musiker, noch nicht mitgezählt sind dabei diejenigen, die in den Proszeniumslogen und den "Särgen" untergebracht waren.
      Ich habe die Oper vorher nur einmal gesehen, das ist ca. 25 Jahre her, in einer Inszenierung von Volker Schlöndorff, eine Münchner Erstaufführung. Wirklich erinnern kann ich mich nur noch an die großartige Leistung von Hildegard Behrens (ihre bekannt schrägen Töne paßten durchaus zur Rolle) und auch von Donald MacIntyre. Ansonsten hat mich das Werk nicht übermäßig beeindruckt. Das war gestern schon anders. Auch wegen der unglaublichen Lautstärke, die ich desöfteren schon mehr "brutal" als "glänzend" empfand. Vor allem dann, wenn es so laut wurde, daß es einen in der 1. Reihe Galerie Mitte fast vom Schemel geweht hat.
      Die Musik an sich ist äußerst vielschichtig. Was man da alles heraushören kann! Angefangen von Mozart über Wagner, Mahler (vor allem den!), Strawinsky und Prokofieff bis natürlich hin zur Filmmusik. Manchmal hat die Musik satirische, denunziatorische Anklänge. Erschütternd ist der Monolog der Katerina nach der Ermordung des Boris und äußerst stimmungsmalerisch der trostlose Chor der Gefangenen im vierten Akt und das ausweglose Finale der weiterziehenden Gefangenen.
      Durchgehend auf sehr hohem Niveau die Sängerbesetzung (was noch besseres wünschen kann man sich immer, maestro).

      susakit schrieb:

      Anatoli Kotscherga (ich hatte insgeheim auf Kurt Rydl gehofft, der war ja letzte Woche mal eingesprungen) war mir nicht fies und gefährlich genug.
      Ich hatte auf Anatoli Kotscherga gehofft, auch wenn er vielleicht nicht so fies sein mag (muß er das eigentlich sein?), ist mir Kurt Rydl doch - im wahrsten Sinne des Wortes - eine zu "wackelige" Angelegenheit. Wie ich aus berufenem Munde hörte, muß er sich aber ganz wacker geschlagen haben. Vor allem hat er wohl gut gespielt.

      susakit schrieb:

      Anja Kampe ist einfach großartig in ihrer Gestaltung dieses Frauenschicksals....
      .....und in ihrem Kampf darum, die althergebrachten Konventionen zu überwinden.

      susakit schrieb:

      Ihre Stimme, mal hell leuchtend und schmeichelnd, mal düster und drohend, hat schier unendliche Reserven für diese doch relativ große Partie. Die Mittellage scheint mir noch voller und kräftiger geworden zu sein, das leichte Vibrato in der Höhe, das sie bei den letzten Sieglinden gezeigt hat, ist verschwunden. Das war eine in meinen Augen perfekte Leistung, sängerisch wie darstellerisch.
      Dem ist nur noch hinzuzufügen, daß sie auch in den expressivsten Stellen (und davon gibt es nicht wenige!) kein einziges Mal auch nur ansatzweise schrill wurde.

      Zur Inszenierung wird ja susakit morgen mehr schreiben. Was mich betrifft: mir hat sie gefallen. Die Düsternis und die dem Werk immanente inhumane Realität wurden durch die eisige Kälte des Bühnenbildes noch unterstrichen. Manche parallell stattfinden Szenen wurden geschickt gelöst. Besonders gut gefiel mit das "stehende" Bild der Hochzeitsgesellschaft.
      Bleibt noch die Frage: wie repertoirefähig ist das Stück? Wenn man sich mal die Sängerliste ansieht, sind es fast nur Russen. Ich stelle mir vor, daß die Besetzung nicht leicht zustande zu bringen ist. Und was, wenn man als zentrale Figur der Katerina keine Anja Kampe zur Verfügung hat? Sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Aufführung gewesen. Einfach umwerfend. Man darf sich auf ihre anstehenden Rollendebüts hier und anderswo jetzt schon freuen....

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • ich habe zur Produktion schon zwei generelle Anmerkungen.

      Das eine ist in der Tat die Besetzung der männlichen Hauptpartien. Weder Didyk noch Kotscherga sind wirklich erste Vertreter der jeweiligen Partien im Jahre 2017. Da gibt es doch deutlich interessantere und bessere Sänger, die heutzutage zur Verfügung stehen. Gerade Kotscherga hat gestern ja die Hälfte seiner Partie praktisch ausgelassen oder nur markiert (geschenkt, er hatte die vorhergehende Aufführung auch abgesgt). Auch erschließt sich aus der Rollengestaltung und dem Gesang von Didyk nicht wirklich, was Katerina an ihm hat. Gerade wenn man das Werk dieses Jahr in Salzburg gesehen und gehört hat, werden diese Schwachpunkte in der Besetzung offenkundig.

      Das andere ist natürlich die Regie von Kupfer, die meines Erachtens viel zu realistisch und konkret ist. Gerade bei der Lady Macbeth steckt doch alles im Orchester was man zum Verstehen der Handlung braucht. Wenn sich beispielsweise Kampe und Didyk dreimal unbeholfen über das Bett wälzen, spricht die Musik eine doch deutlich andere Sprache als das, was man sieht. Hier täte eine etwas reduzierte, abstrahierende Gestaltung dem Stück schon gut.

      Ja, Kampe und das Orchester sind absolut phänomenal (Kampe deutlich überzeugender als Stemme in Salzburg, da doch deutlich mehr Feuer in Kampes Katerina lodert), aber die Produktion selbst hat schon gewisse Schwachstellen.

      Zur Repertoiretauglichkeit. Ich denke schon, dass man das Werk alle zwei, drei Jahre auf den Spielplan setzen kann wenn die Besetzung passt. Das Stück wird derzeit ja sehr häufig gespielt (ist in Wien im Repertoire, in London gibt es diese Saison auch eine WIederaufnahme mit Pappano/Westbroek/Jovanovich/Tomlinson/Daszak).
    • maestro schrieb:

      Das andere ist natürlich die Regie von Kupfer, die meines Erachtens viel zu realistisch und konkret ist. Gerade bei der Lady Macbeth steckt doch alles im Orchester was man zum Verstehen der Handlung braucht.
      Und? Was ist dagegen einzuwenden, wenn die Inszenierung ausnahmsweise mal das Gleiche zeigt, was die Musik sagt?
      Dann können Sie ja auch im "Rosenkavalier" die anfängliche Bettszene getrost streichen.

      maestro schrieb:

      Wenn sich beispielsweise Kampe und Didyk dreimal unbeholfen über das Bett wälzen
      Wie wälzt man sich denn "beholfen" im Bett? Erzählen Sie doch mal ^^
    • dagegen ist bei Schostakowitsch relativ viel einzuwenden, weil Schostakowitsch generell in seinen Partituren sehr viel der Fantasie des Zuschauers überlässt und die Musik hier deutlich stärker ist als jedes Bild, das versucht, auch nur annährend das einzufangen was die Musik wiedergibt. Das gilt im Übrigen ja genauso für die Vergewaltigung im 1. Akt, die bei Kupfer einfach nur peinlich und laientheaterhaft dargestellt wird. Man darf ja nicht vergessen, zu welcher Zeit diese Musik geschrieben wurde. Schostakowitsch ging es nicht darum, eine realistische Geschichte zu erzählen, Das groteske, surreale der Musik findet in der Produktion keinen wirklichen Wiederhall.

      Es gibt im Übrigen eine Vielzahl wirklich toller Produktionen des Werks in dem letzten Jahrzehnt (Kusej in Amsterdam, Tcherniakov in Lyon, über weite Strecken auch Kriegenburg in Salzburg, etc....).

      PS: ich würde zumindest eine Hose aufmachen, bevor ich....

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von maestro ()

    • susakit schrieb:

      so hat es nach meiner Erinnerung Volker Schlöndorff 1993 gemacht
      Das wissen Sie noch? Chapeau! Ich kann mich an solche Einzelheiten nicht mehr erinneren.

      susakit schrieb:

      bisschen weniger Stoff an den Körpern
      Das paßt doch zu der verklemmten Zeit! Und wenn ich mich recht erinnere, hatte sie zumindest nur ein Unterkleid an.

      susakit schrieb:

      Ich fand die Bett-Szene auch extrem unbeholfen
      Das war realistisch. Wir befinden uns im Arbeitermilieu und nicht in einem Pariser Boudoir.
      Und genau, daß es sich bei Sergej um einen einfachen Arbeiter handelt, reizt Katerina an ihm.

      maestro schrieb:

      PS: ich würde zumindest eine Hose aufmachen, bevor ich....
      Daß er das gemacht hat, ging doch daraus hervor, daß er ewig gebraucht hat, bis er sie wieder zu kriegte.... ^^
    • Sex auf der Opernbühne ist fast immer problematisch - Wagner wusste schon, warum am Ende des 1. Aktes Walküre der Vorhang rasch fallen muss. Die Sänger sind häufig zu alt für ihre Rollen, habe keine Idealfigur und müssen ja auch noch an ihre Stimme denken und auf den nächsten Einsatz aufpassen. Der Sex bei Schostakowitsch ist sowieso nicht darzustellen ohne pornographisch zu werden.
      Für mich schlägt die Zürcher Inszenierung von Homoki diejenigen von Kupfer und Kriegenburg (letztere mit der Zweitbesetzung der Katerina). Die Sexszene spielt sich im Versteckten ab und jeder Zuschauer kann sich selber einen Film zur Musik ausmalen. Jovanovich hat (für meinen Geschmack) sicher mehr Testosteron in der Ausstrahlung als Dydik und Barkmin ist Kampe ebenbürtig. Die Lady Macbeth ist sowieso das Beste, was Homoki in Zürich gemacht hat.
    • maestro schrieb:

      ....weil Schostakowitsch generell in seinen Partituren sehr viel der Fantasie des Zuschauers überlässt...
      Das finde ich nun gerade nicht: habe noch selten eine eine Musik gehört, bei der ich so wenig Fantasie bemühen musste, um mir vorzustellen worum es geht. Und gerade weil und wo die Musik so explizit ist, bleibt die Szene hinter ihr zurück. Da wäre weniger mehr gewesen.
    • Marcello schrieb:

      Wagner wusste schon, warum am Ende des 1. Aktes Walküre der Vorhang rasch fallen muss.Interessant, daß sie sich genau da Regieanweisungen vIch erinnere mich noch sehr gut an Wien, da mußte der Vorhang absolut nicht rasch fallen.
      Immerhin heißt es vorher: "Er zieht sie mit wütender Glut an sich; sie sinkt mit einem Schrei an seine Brust". So viel Zeit muß sein.
      Und wenn ich mich an Wien erinnere: genau das passierte zwischen Waltraud Meier und Placido Domingo. Das war zwar kurz, aber heftig.
    • Zwischen Jeannine Altmeyer und Peter Hofmann (DVD Chéreau) knistert es auch gewaltig und man kann sich einigermassen vorstellen, was anschliessend passiert. Das soll auch so sein, aber gezeigt wird es nicht.
      Ebenfalls bei Wagner: Das Tannhäuser-Bacchanale. War bis jetzt immer peinlich oder schlicht langweilig. Castellucci hat einen neuen Weg versucht mit dem Fleischberg, aber hat auch nicht wirklich funktioniert.