Pelleas et Melisande, Premiere an der Komischen Oper, 15.10.2017

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    • Pelleas et Melisande, Premiere an der Komischen Oper, 15.10.2017

      Während sich "tout Berlin", wie man aus gut unterrichteten Kreisen hört, im Mondparsifal Alphabeta vergnügte, konnte man an der Komischen Oper eine spannende Neuinszenierung von "Pelleas et Melisande" erleben. Ein großes Lob zunächst an das Orchester unter Jordan de Souza - diesen Namen sollte man sich merken, bevor der Dirigent an größere Opernhäuser entschwindet, was mich nach dem heutigen Dirigat nicht wundern würde. Das Orchester spielte einen dunklen aber leichten Debussy, es wirkte auch an den hochdramatischen Stellen nicht grob und spielte solistisch (Bläser!) zum niederknien.
      Die Inszenierung von Kosky ist so eine Art Guckkasten-Bühne, allerdings im Lochblech-Techno-Look, als Zylinder erinnert das ein wenig an den Faust an der DOB. Die Drehbühne arbeitet in verschiedenen Segmenten, so daß man Sänger, die nebeneinander stehen, immer wieder auseinander fahren kann. Hier jetzt Hoch und Tief bei Kosky: er ergründet das Verhältnis der Personen sehr tief und drückt es auch körperlich aus. Das geschieht extrem, allerdings wiederholen sich die Gesten und damit ist das ganze meilenweit z.B. von der choreographisch so exakten Deutung einer Ruth Berghaus entfernt. Eine Gemeinschaft, in der jeder nur sich selbst bedauert, wird so aber hervorragend dargestellt. Während Melisande stirbt und Pelleas schon längst umgebracht wurde, tun sich Golaud und Arkel nur selbst leid.
      Direkt vor der Pause hörte ich von einem Besucher das Wort "Tatort!", das war es in der Tat: es wirkt nie langweilig (besonders die musikalische Seite), in der Inszenierung mit Einschränkungen auch nicht. Alle Darsteller legten sich darstellerisch und sängerisch wahnsinnig ins Zeug, vielleicht wird die sängerische Darstellung dann mit etwas Übung noch runder und besser.
      Nadja Mchantaf gibt eine anrührende Melisande, vielleicht wäre bei einer etwas weniger extrovertierten Darstellung (Sache von Kosky) etwas weniger mehr gewesen, dennoch: eindrucksvoll gesungen und gespielt. Günter Papendell ist Golaud: Darstellung sehr eindrucksvoll, der Gesang jedoch oft an Grenzen stoßend, zuweilen schreiend, sonst ebenfalls eine eingehende Darstellung. Larsen als Arkel etwas sehr auf Väterlichkeit und Gemütlichkeit bedacht, auch im Gesang. Dominik Köninger großartig, er gibt den verpeilten, ängstlichen Pelleas in einer Weise, die den Zuschauer mitleiden lässt. Die weiteren Rollen (Yniold, Genevieve..) sehr überzeugend.
      Ich kann nur empfehlen, hinzugehen und vielleicht dann mit der Staatsopern-Produktion zu vergleichen, die - sagen wir mal - interessant bresetzt sein wird, mit Crebassa, Volle allerdings auch Villazon.
    • Danke für diesen Bericht. Egal, wie überzeugend die Aufführung war (ich habe sie nicht gesehen), muss die Frage gestattet sein, ob Berlin wirklich eine dritte (!) Pelléas-Inszenierung braucht. Auch spricht es nicht gerade für die Koordination innerhalb der Opernstiftung, dass die Staatsoper nach Jahren ihre Inszenierung ausgerechnet in der Spielzeit wiederaufnimmt, in der die Komische Oper eine Neuinszenierung macht.
    • Ja, natürlich; zumal der Pelleas so oder so nicht zum Repertoire-Renner werden wird. Ich finde, man sollte sich die Doubletten (oder "Tripletten!") in Brerlin mal im Zusammenhang mit Stücken anschauen, die es gar nicht gibt; das sieht schon bei Mozart ziemlich katastrophal aus (3x Zauberflöte ja ja, 3x Don Giovanni, 1x Figaro, kein Idomeneo, kein Titus...) oder bei Strauß (eine Salome, die 2016 Premiere hatte, jetzt gibt es knapp zwei Jahre später eine Neue, es gibt Elektra an der DOB, keinen Rosenkavalier usw.). Große Teile der Opernliteratur kommen nicht vor, dafür andere "satt". Ich bin eigentlich konsequent gegen das Eingreifen der Politik in die Spielplanpolitik der Häuser; es ist aber zu erwarten, daß Herrn Luckes ehemalige Partei auch hier bald die Messer wetzen wird...
    • - 3. Vorstellung am 28.10.'17 -

      Eines muss man vorweg sagen: Diese Produktion ist ein echter Wurf. Hausherr Barrie Kosky gelingt eine derart überzeugende Arbeit, dass man spätestens nach 10 Minuten nicht mehr darüber nachdenkt, dass "Pelléas" eigentlich gar nicht an die Komische Oper gehört, noch dazu in der französischen Originalsprache. Was macht diese Aufführung so einzigartig? Ich habe schon viele verschiedene Produktionen dieses in Teilen rätselhaften Werkes gesehen, die sich alle in zum Teil gelungenen, zum weniger gelungenen Interpretationen dieses symbolistischen Stoffes ergingen. Das wirklich Revolutionäre an dieser Inszenierung ist jedoch, dass dem Zuschauer keine Interpretation aufgedrängt wird. In Zentrum steht statt dessen ausschließlich der singende Darsteller. Auf einer Minibühne von höchstens sechs Metern Breite (Klaus Grünberg) und einer drehbaren gewölbten Rückwand lässt Kosky die Sänger ohne Möbel und Requisiten sich drei Stunden die Seele aus dem Leib spielen und das völlig natürlich, nie gekünstelt, von derart packender Intensität, dass es dem Zuschauer schwindelig wird. Ich habe mich am Ende der wie im Fluge vergehenden drei Stunden gefragt, ob es wirklich sein kann, dass ein "Pelléas" so schnell vorbeigeht. Es kann - und wie! Unglaublich schnelle Kostümwechsel (Dinah Ehm) und ein raffiniertes Licht (ebenfalls Grünberg) tragen zu einem handwerklich perfekten Abend bei.
      Nadja Mchantafs darstellerische Darbietung allein geht von der körperlichen Verausgabung her schon über das Maß hinaus, welches man von einer guten Schauspielaufführung erwarten kann. Dass sie außerdem noch mit ihrem dunkel-sinnlich timbrierten Sopran der Partie auch sängerisch unendlich viele Facetten entlockt, ist schlicht und ergreifend sensationell. Großartig auch Günter Papendells ungewöhnlich junger, infantiler, aber deswegen umso bedrohlicherer Golaud. Dass ihm vokal die dunkle, bassbaritonale Farbe fehlt, macht er mit prägnanter französischer Artikulation wett. Sehr gut der Pelléas von Zweitbesetzung Jonathan McGovern, eine angenehm fließende, ihn der Höhe noch ausbaufähige Baritonstimme, deren Reinheit gut mit der Naivität der Rolle korrespondiert. Jens Larsen ist als Arkel gut besetzt, wenn auch die hohen Töne nur unter Druck ansprechen. Seine engagierte Darstellung lässt das aber vergessen. Nadine Weissmann stattet die Genèviève mit ihrer ebenmäßigen, pastos klingenden Altstimme aus und der Tölzer Knabe David Wittich gibt einen vokal reinen, darstellerisch berührenden und szenisch unheimlich präzisen Yniold.
      Dass es eine Produktion aus einem Guss ist, liegt zu einem großen Teil auch am blitzsauber aufspielenden Orchester der Komischen Oper unter dem neuen 1. Kapellmeister Jordan de Souza. Oft genug erlebt man bei diesem Stück Dirigenten die das Werk allein aus der symphonischen Perspektive heraus denken: Nichts davon hier - es ist ein dramatisches, mit den Bühnenhandlungen korrespondierendes, ungeheuer differenziertes Dirigat, das nie die Sänger zudeckt und durch die beinahe schon solistische Behandlung der einzelnen Stimmen im Orchester ein ungeheures Spannungsfeld zwischen Bühne und Graben erzeugt.
      Wer es noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst ändern, es ist ein ganz, ganz starker Abend!