'Dido und Aeneas' / 'Herzog Blaubarts Burg' - WA 2017

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    • 'Dido und Aeneas' / 'Herzog Blaubarts Burg' - WA 2017

      29.10.2017
      Königin sein ist auch nicht so einfach: kaum hat Dido sich endlich über alle Bedenken, die ihr Herkunft, Erziehung und wahrscheinlich auch Politik auferlegen, hinweggesetzt und dem – zwar adeligen, aber mittel- und machtlosen – Kriegsflüchtling Aeneas ihr Herz geschenkt, da macht der Kerl sich auch schon wieder davon... angeblich auf göttlichen Befehl, aber die Ausrede gildet ja nun gar nicht. Und als er dann zerknirscht um Verzeihung bittet und trotzdem dableiben will, sitzt die Kränkung schon zu tief: der Untreue wird des Landes verwiesen, und die traurige Königin stirbt, von allen verlassen und gänzlich einsam.
      Im Gegensatz zu den meisten Barockopern ist diese knackig kurz – die Aufführung dauert gerade mal etwas länger als eine Stunde, bietet zauberhafte Musik und in der Inszenierung von Barrie Kosky kurzweilige, überraschende und ästhetisch ansprechende Bilder. Ortswechsel (im Original immerhin Palast, Hexenhöhle, Hain, Hafen und wieder Palast) werden nicht einmal angedeutet – es gilt also, dem Text zu lauschen. Es gibt nicht nur fast kein Bühnenbild, sondern eigentlich auch keine Bühne: direkt auf Höhe der ersten Gasse steht eine die ganze Bühnenbreite einnehmende Bank, dahinter befindet sich eine in senkrechtem Zickzack gefalzte Wand, die gerade genug Platz lässt, dass man hinter der Bank entlanggehen kann – das war's. Der spärlich besetzte Orchestergraben ist soweit hochgefahren, dass die Musiker nur knapp unter Bühnenniveau sitzen, und nimmt zwischendurch auch den Chor mit auf.
      In dieser kargen Umgebung tobt (durchaus wörtlich zu verstehen) die Liebesgeschichte zwischen Dido und Aeneas – auf der Bank, hinter Bank und um die Bank herum... Die Darstellerriege wird in Bildern gruppiert, die jeder schon einmal gesehen zu haben glaubt, die Kostüme wirken historisch (im Sinne von aus der Entstehungszeit der Oper stammend), und gesungen wird hinreißend – vom Chor, der einiges zu leisten hat, wie auch von den Solisten. Angela Vallone (Belinda) und Karen Vuong ('Second Woman') als Didos Vertraute überzeugten mit ihren schönen Sopranstimmen ebenso wie die beiden Protagonisten: Sebastian Geyers geschmeidig dunkler Bariton verleiht dem Aeneas einige Noblesse, auch wenn das Libretto ihn etwas dumm dastehen lässt, während Cecelia Hall jede Phase von Didos Entwicklung stimmlich und darstellerisch anrührend gestaltet. Namentlich ihr allmähliches Erlöschen nach Aeneas Abreise ist ebenso herzergreifend wie der an- und abschließende Trauerchor.
      Eine extra Anmerkung zu der dunklen Seite der Macht: bisher wurden die Zauberin und die beiden Hexen von drei Countertenören gesungen – rein optisch also dreimal Conchita Wurst in hässlich. Das war witzig und zugleich angemessen gruselig, weil die drei Jungs herrlich outrierten. In dieser (letzten!) Serie ist auf Countertenorseite nur noch Dmitry Egorov als Zauberin dabei; die beiden Hexen werden von Elizabeth Reiter und Julia Dawson gesungen, denen man aber schmucke kleine Bärte angeklebt hat – ein hübsches Vexierspiel, aber stimmlich seltsamerweise nicht so eindrücklich wie die „3 Tenöre“.
      Nach Aeneas' Abgang verlassen auch alle anderen nach und nach die Bühne bzw. den Orchestergraben – ein Instrument nach dem anderen verstummt, und nur noch die gequälten Atemzüge der sterbenden Dido sind zu hören, bis schließlich auch die enden und für einige Augenblicke völlige Stille herrscht. Das zu erleben ist immer wieder fesselnd.

      Nach einer umbaubedingt sehr langen Pause geht es dann mit dem absoluten Kontrastprogramm in Sachen Geschlechterkampf weiter: dass es in Bartóks Werk nur vordergründig um irgendwelche abgeschlossenen Türen geht, ist ja klar – aber Barrie Koskys Umsetzung fand ich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig: eine weiße, etwas ansteigende Drehscheibe vor schwarzem Hintergrund, ein Mann und eine Frau in Schwarz... sonst nichts. Das ist je nach Tagesform der Betrachtenden ziemlich mühsam oder hochspannend – heute eher das Zweite. Claudia Mahnke und Andreas Bauer boten nämlich eine Psychostudie vom Feinsten.
      Nun ist es ja in der Literatur (und wahrscheinlich auch im richtigen Leben) nichts Neues, dass eine junge Frau Familie und Verlobten im Stich lässt, um einem deutlich älteren Mann von zweifelhaftem Ruf zu folgen. Im günstigsten Fall knackt ihre hingebungsvolle Liebe dann irgendwann die raue Schale des Mannes, und sie leben fortan glücklich bis an ihr seliges Ende. Auch in dieser Oper könnte es so sein, aber Judith, weil oder obwohl eine kluge Frau, findet sich nun einmal nicht ab mit Blaubarts Bitte (bzw. Forderung) „Liebe mich, aber frage mich niemals“. Das hat bekanntlich schon bei Elsa nicht funktioniert, und Judith in ihrem weiblichen Sendungsbewusstsein überspannt den Bogen ein wenig. Auch das könnte noch zur Katharsis und somit zum glücklichen Ende führen, aber zuletzt muss sie einsehen, dass Vergangenheit und männliche Lust am einsamen Leiden stärker sind.
      Kosky zufolge ist der Mann alles in einem: Waffen- und Folterkammer, blühender Garten (über die Symbolik weißer Lilien und Rosen sowie roter Nelken müssen wir uns ein anderes Mal unterhalten), Schatzkammer (Goldesel?) und Tränensee... Damit ist wahrscheinlich jeder Mann überfordert. Den sich nach Erlösung aus diesem Dilemma sehnenden Blaubart gibt Andreas Bauer mit machtvoller Stimme (ich sage nur: die fünfte Tür!) und sensiblem Spiel; aber auch die um seine Liebe ringende und durchaus zupackend agierende Judith (Claudia Mahnke) kann ihn nicht aus seinen Verhaltensmustern reißen – dabei versucht sie es mit zarten, eindringlichen Tönen ebenso wie mit opulent aufblühender Stimme.
      Dass Blaubart und Judith im Verlauf der Handlung durch einen oder auch mehrere Doppelgänger verstärkt (?) werden, ist zwar optisch ganz nett, aber nicht wirklich nötig – es ist auch so ein packender Abend.

      Nur ein paar Fragen bleiben offen: ist es nun bewundernswert konsequent oder völlig überzogen, dass Dido bereits durch Aeneas bloßes Vorhaben, sie zu verlassen, als unverzeihliches Verbrechen gegen ihre Majestät und ihre Liebe betrachtet? Begeht Blaubart, da seine Frauen ja offenbar allesamt noch leben, also Polygamie? Warum hat Werder eigentlich schon wieder verloren? Und ist Liebe wirklich so kompliziert?